Prozess Aum-Sekte: Ein japanischer Todes-Guru und viele ungelöste Fragen
Sektenführer Asahara befahl 1995 einen Massenmord in der Tokyoter U-Bahn. Auch nach Ende des Prozesses ist offen, warum ihn die Polizei nicht früher fasste.
©TORU YAMANAKA/AFP/Getty Images

Ein Aum-Anhänger meditiert vor einem Bild von Shoko Asahara
Am frühen Morgen des 20. März 1995 stieg Ikuo Hayashi in einen Zug der Tokyoter Chiyoda-Linie. Neben ihm stand eine Frau in einem weißen Mantel. Während der ganzen Fahrt hoffte der 38-jährige Arzt, dass die Frau aussteigen würde. Sie tat es nicht. Kurz bevor der Zug die Station Shin Ochanomizu erreichte, ließ Hayashi ein Päckchen fallen. Die Türen gingen auf. Hayashi stach mit der Spitze seines Regenschirms dreimal in das Päckchen und stieg aus. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, fing die Dame im weißen Mantel an zu husten.
Es war genau 8 Uhr, als vier andere Männer im selben Moment in anderen Zügen dasselbe taten wie Hayashi. Niemand ahnte, dass in diesem Moment in Tokyo ein Albtraum beginnen sollte, der erst 16 Jahre später seinen Abschluss fand. Mehrere Tausend Menschen waren seinerzeit in den U-Bahnen plötzlich zusammengebrochen. Ihre Symptome deuteten auf eine schwere Gasvergiftung. Am Ende des Tages zählte man dreizehn Tote, fünfzig Schwerverletzte und mindestens eintausend Menschen mit ernsten Sehstörungen.
Ein Arzt, der die Auswirkungen von Nervengasen im Iran-Irak-Krieg untersucht hatte, konnte das Rätsel schnell lösen: Eine derartige Vergiftung konnte nur vom Nervengas Sarin herrühren, einer biochemischen Waffe. Das passte zu einer Spur, auf die japanische Fahnder gerade in der Region Yamanashi gestoßen waren: In einem kleinen Dorf am Fuß des Berges Fuji sollte eine Gruppe angeblich mit Nervengas experimentieren.
Zwei Tage später stürmte die Polizei die Anlagen der "Sekte der absoluten Wahrheit Aum" im Dorf Kamikuishiki. In deren Hauptgebäude fanden die Polizisten ein Labor, in dem genug Sarin lagerte, um einige Hunderttausend Menschen zu töten. Die meisten Japaner hatten bis zu dem Zeitpunkt noch nie etwas über die obskure Aum-Sekte gehört.
Gerüchte über Folter und Drogen
Entstanden aus einer Yoga-Schule war sie die Schöpfung eines beruflich gescheiterten Akupunkteurs namens Sazuo Matsumoto, der sich Shoko Asahara nannte. Er entstammte einer ärmlichen Familie in der Provinz Kumamoto und litt seit seiner Geburt unter einer schweren Sehbehinderung. Das hinderte ihn nicht daran, nach Indien und Tibet zu reisen, um den Ursprüngen des Buddhismus nachzugehen. Zurück in Japan begann der selbsternannte Guru, talentierte Jugendliche um sich zu scharen. Er suchte gezielt Naturwissenschaftler und Mediziner aus, denen er versprach, ihr inneres Gleichgewicht zu finden, wenn sie in seiner Schule spezielle körperliche und geistige Übungen praktizierten.
Auch der Arzt Ikuo Hayashi suchte nach einem inneren Gleichgewicht, lange bevor er an jenem frühen Märzmorgen in den Zug nach Shin Ochanomizu stieg. "Ich war von einer starken Unruhe besessen. Ich konnte nicht glauben, dass das Menschenglück im ununterbrochenen Anhäufen vom Reichtum besteht. Ich suchte nach etwas, woran ich glauben konnte", schreibt er in seinen Memoiren. Seine Sinnsuche brachte ihn 1987 zu Asahara.
Zwei Jahre später hatte die Aum-Sekte bereits zehntausend Anhänger und gründete das Zentrum am Fuji in Gestalt einer Dorfgemeinschaft. Erste Gerüchte kamen auf über die gewaltsame Manipulation von Anhängern durch Folter und Drogen. Die Familie eines Mitglieds verklagte die Sekte wegen Entführung. Kurz darauf verschwand der Anwalt, der den Fall behandelte, gemeinsam mit seiner Frau und seinem einjährigen Sohn. Erst sechs Jahre später fand die Polizei ihre verstümmelten Leichen, verteilt in drei verschiedenen Provinzen.
1990 kandidierten Asahara und 25 andere Aum-Anhänger erfolglos bei den japanischen Parlamentswahlen. In dieser Zeit, berichtet Hayashi, traten seine paranoiden Züge deutlich zutage, seine Kontrolle über die Sektenmitglieder wurde zunehmend strenger. Asahara bezeichnete sich gleichzeitig als "Jesus" und als "Mahakala", den tibetischen Gott des Zornes. In einem Video ließ er sich als "Meister Japans, Meister der ganzen Welt" feiern.
Hayashi, der inzwischen mit seiner Familie ins Aum-Dorf gezogen war, stieg zügig in der internen Hierarchie auf. Innerhalb der staatsartigen Organisation der Sekte wurde er bald zum Amt des "Gesundheitsministers" ernannt. "Asahara war für uns alles," schreibt er. "Aum war die Welt und die Welt war Aum. All jene, die jenseits der Dorfgrenze lebten, waren unsere Feinde."





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Polizei, unterschlägt in seinem Artikel aber wichtige Hintergründe, die dieses Verhalten zumindest zum Teil erklären.
Der Dalai Lama empfing Asahare mehrfach, lobte seine spirituellen Fähigkeiten, und stattete ihn mit offiziellen Empfehlungsschreiben aus. Diese nähe zum Dalai Lama nutzte Asahare nicht nur zur Mitgliedergewinnung. Sie sicherte ihm auch die Anerkennung seiner Sekte als gemeinnützig. Damit sparte er Steuern, die er u. a. in die Produktion von Sarin stecken konnte. Und konnte die japanische Polizei von einem Freund des Dalai Lamas ein solches Verbrechen erwarten? Aber wer erwähnte nach dem fürchterlichen Giftgasanschlag schon die Verbindung zwischen Asahara und dem Dalai Lama. Dieser Hintergrund fiel der political correctness zum Opfer.
Eine der wenigen Ausnahmen: http://www.focus.de/polit...
Ähnliches spielte sich in Russland ab. Der Erfolg der Aum-Sekte gründete sich vor allem aus deren guten Verbindungen zu Kreisen um Jelzin, welche eine schützende Hand über sie hielten. Aber auch der Name Jelzin darf wohl in diesem Zusammenhang nicht genannt werden.
Wer solche Hintergründe nicht sieht oder nicht sehen will wird immer Probleme haben, den Aufstieg von Sekten zu begreifen.
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