Anschläge in NorwegenAuch Staatsanwalt hält Breivik für unzurechnungsfähig

77 Menschen hat er umgebracht - und das im Stadium der Unzurechnungsfähigkeit? Die Staatsanwaltschaft in Norwegen folgt im Fall Breivik der Analyse zweier Psychiater. von Reuters und dpa

Der norwegische Staatsanwalt Svein Holden äußerst sich im Fall Breivik.

Der norwegische Staatsanwalt Svein Holden äußerst sich im Fall Breivik.  |  © Cornelius Poppe/AFP/Getty Images

Im Verfahren gegen den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik folgt der Staatsanwalt der Einschätzung von Gutachtern, dass der Täter nicht zurechnungsfähig sei. "Er lebt in seinem eigenen wahnhaften Universum, und seine Gedanken und Taten sind diesem Universum untergeordnet", sagte Staatsanwalt Svein Holden.

Zwei psychiatrische Gutachter hatten bei Breivik eine paranoide Schizophrenie festgestellt. Die Psychose habe er bereits zum Tatzeitpunkt gehabt und sie halte an, sagte Holden.

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Norwegische Gerichte können psychiatrische Gutachten infrage stellen oder neue Untersuchungen anordnen. Es ist allerdings ungewöhnlich, ein derartiges Expertenurteil zu übergehen.

Sollte es bei der Einschätzung der Psychiater bleiben, müsste ein Gericht in einer Anhörung entscheiden, ob und wie lange Breivik in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen würde. Dies könnte lebenslänglich sein. Würden aber Experten während des Aufenthalts in der Psychiatrie eine Heilung feststellen, könnte er auch entlassen werden.

Die Hinterbliebenen-Gruppe reagierte gemäßigt auf das Gutachten von Breivik: "Wir möchten vor allem Sicherheit, dass er wegen dieser Entscheidung der Gutachter nicht früher entlassen wird. Als direkt Betroffene wünschen wir nicht, dass er noch mehr Schaden in der Gesellschaft anrichten kann", sagte Trond Blattmann, Sprecher der Gruppe. Sein 17-jähriger Sohn Trojus war von Breivik auf der Insel Utøya getötet worden.

Breivik hatte im Sommer einen Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel verübt und danach ein Massaker in einem Jugendlager der Arbeiterpartei auf der Insel Utøya angerichtet. Dabei kamen insgesamt 77 Menschen ums Leben. Es handelt sich um die schwerste Gewalttat in Norwegen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Breivik sieht sich nach eigener Aussage als Kommandeur einer rechtsextremistischen "Widerstandsbewegung" gegen Muslime.

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Leserkommentare
    • BinJip
    • 29. November 2011 16:40 Uhr

    Meine Hochachtung vor dem nüchternen Blick der Hinterbliebenen-Gruppe. Nicht Rache, sondern der Wunsch nach Sicherheit steht im Vordergrund.

    Eine beeindruckende Einstellung!

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    Hochachtung verdient das ganze norwegische Volk, das uns ein Lehrstück in Rechtsempfinden und -pflege vorführt. Die Tat ist so unermesslich entsetzlich, dass sie eigentlich nur einem kranken oder zumindest verwirrten Hirn entspringen kann.

    Was wäre, wenn im Hirn alles in Ordnung ist und nur die politische Gesinnung eine menschenverachtende Dimension angenommen hat? Hätte dann diese Gesinnung geächtet werden müssen? Wäre es populistisches, extremes Gedankengut, das verfolgt werden müsste? Nein, sagen die Norweger ganz nüchtern: wir haben eine Demokratie, die wir leben und ein Rechtssystem, das wir pflegen. Wer tötet, kommt in das Gefängnis, wer krank ist, in die Anstalt. Das fokussiert auf das Wesentliche und nimmt die Emotionalität aus dem Öffentlichen Diskurs.

    Dass sich dieses System auch von der Schwere der Tat nicht beeindrucken lässt, ist das eigentlich Bewundernswerte. Andernorts würde eine solche Diskussion wahrscheinlich sogar hysterisch geführt. Politisch Verantwortliche würden entthront und Gesinnungsgenossen geächtet. Angst und Hass gingen um. Am Ende wird man stets feststellen, dass zwar der Mob eine Genugtuung verspürt, aber weder der Sache noch den Opfern wirklich gedient ist. Wer ein zweites Mal nachdenkt, wird erkennen, das einer extremen Gesinnung wieder einmal ein Plattform gegeben worden ist und man sich hat instrumentieren lassen.

    Das gefällt mir Norwegens Variante besser.

    • helgam
    • 29. November 2011 16:47 Uhr


    Entfernt. Bitte diskutieren Sie zum konkreten Thema. Danke, die Redaktion/mk

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    • BinJip
    • 29. November 2011 16:57 Uhr

    Wenn Sie die Aussicht auf eine lebenslange Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung als Einladung sehen wollen, bleibt das Ihnen überlassen.

    Paranoide Schizophrenie ist ein schwerwiegendes Krankheitsbild, dass sich nicht mal eben im vorbeigehen diagnostizieren lässt. Man könnte meinen, dass Sie den beiden Gutachtern hier Absicht unterstellen wollen.

    Übrigens hinken Ihre Vergleiche gewaltig:
    Entweder weil die Fälle von Ihrer Komplexität her ganz andere Außmaße haben (NATO und Afgahnistan), oder generell völlig anders geartet sind (Plagiat und "Hochstapelei").

    • TDU
    • 29. November 2011 17:21 Uhr

    Na gut, dann bekommt jetzt jeder Mörder umstandslos lebenslänglich und jeder Betrüger oder Dieb umstandslos 10 Jahre, weil Madoff und Co. haben ja auch Leute um ihr Vermögen gebracht.

    Warum hat man Jürgen Bartsch verteidigt, und warum gibt es überhaupt Rechte für Sraftäter? Ab dafür und gut is. Erst recht natürlich, wenn sie "rechts" sind.

    Der RAF hätte man ja auch Stalin, Polpot und Maos Kulturevolution strafverschärfend anrechnen oder mit Entzug einiger festgeschriebenener Rechte ahnden können. Oder wollen Sie sagen, wer rechts ist, kann gar nicht geisteskrank sein?. Scheint ja eine äusserst gesunde Einstellung zu sein.

    Im übrigen, das "redliche Leute" Argument galt auch im dritten Reich und es gilt immer da, wo man es für die Geltung der eigenen oder staatlichen Lebenseinstellung urteils- und strafbegrünend gebrauchen kann.

    • BinJip
    • 29. November 2011 16:57 Uhr

    Wenn Sie die Aussicht auf eine lebenslange Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung als Einladung sehen wollen, bleibt das Ihnen überlassen.

    Paranoide Schizophrenie ist ein schwerwiegendes Krankheitsbild, dass sich nicht mal eben im vorbeigehen diagnostizieren lässt. Man könnte meinen, dass Sie den beiden Gutachtern hier Absicht unterstellen wollen.

    Übrigens hinken Ihre Vergleiche gewaltig:
    Entweder weil die Fälle von Ihrer Komplexität her ganz andere Außmaße haben (NATO und Afgahnistan), oder generell völlig anders geartet sind (Plagiat und "Hochstapelei").

    • TDU
    • 29. November 2011 17:21 Uhr

    Na gut, dann bekommt jetzt jeder Mörder umstandslos lebenslänglich und jeder Betrüger oder Dieb umstandslos 10 Jahre, weil Madoff und Co. haben ja auch Leute um ihr Vermögen gebracht.

    Warum hat man Jürgen Bartsch verteidigt, und warum gibt es überhaupt Rechte für Sraftäter? Ab dafür und gut is. Erst recht natürlich, wenn sie "rechts" sind.

    Der RAF hätte man ja auch Stalin, Polpot und Maos Kulturevolution strafverschärfend anrechnen oder mit Entzug einiger festgeschriebenener Rechte ahnden können. Oder wollen Sie sagen, wer rechts ist, kann gar nicht geisteskrank sein?. Scheint ja eine äusserst gesunde Einstellung zu sein.

    Im übrigen, das "redliche Leute" Argument galt auch im dritten Reich und es gilt immer da, wo man es für die Geltung der eigenen oder staatlichen Lebenseinstellung urteils- und strafbegrünend gebrauchen kann.

  1. Bevor Breivik anscheinend, angeblich auf der Insel die Leute getötet hat, gab es eine Anti-Terror-Übung auf derselben Insel.

    Bevor Breivik das Auto in die Luft gejagt hat, gab es eine Sprengstoff Anti-Terror-Übung im Regierungsviertel. Es war das ganze Viertel vor/während des "Anschlags" abgeriegelt.

    Diese beiden Tatsachen hat sogar die Polizei bestätigt:
    http://www.aftenposten.no...

    Wiedermal so ein Zufall. Alles Zufall, wie immer...

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    • Blixten
    • 29. November 2011 20:15 Uhr

    Unten angehängt ist eine Übersetzung des Artikels via Google, es könnte helfen, die nochmal zu lesen.

    Die Polizei hat am 22. Juli (und an den Tagen davor) tatsächlich eine Antiterrorübung gehabt (das haben die ständig), aber nicht auf Utøya und auch nicht im Regierungsviertel (wie stellen sie sich das denn vor, im Regierungsviertel war das ein ganz normaler Arbeitstag und auf Utøya fand das Jugendlager statt).

    Ansonnsten möchte ich mich BinJip anschliessen:
    Eine beeindruckende Einstellung der Hinterbliebenengruppe.

    Ap via Google: http://translate.google.c...

  2. der sagte.., das alle Menschen irgendwie nichts für Ihr Verhalten können...und insofern "schuldunfähig" sind.
    Jeder ist auf seine weise ein Produkt.. ( Schule ,Elternhaus, sog. Freunde, also das Umfeld). Muß Deutschland jetzt überdacht werden?

    Das Urteil stellt eine ganz neue Sichtweise auf Straftaten.
    Ist das jetzt ein Freifahrtsschein ...??

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    • TDU
    • 29. November 2011 19:38 Uhr

    Ganz und gar nicht. Die Stragesetze gelten weiterhin. Ausserdem sollte man sich niemals fahrlässig für unzurechnugsfähig erklären lassen. Denn das wieder umzudrehen ist fürchterlich schwer. Also für mich lieber 5 Jahre Knast als einmal unzurechnungsfähig.

    Zur Theorie des Kriminellen als Gesellschaftsresultat gab es zur Zeit der Wiederentdeckung der Resozialisierung als Kriminalitätsvorbeugung , diese Idee gabs schon im 19ten Jahrhundert, durchaus kritische Stimmen.

    Manche sahen in der Strafe und deren Annahme durch den Täter auch eine Möglichkeit, dessen Souvereänität zu erhalten und die Stafe aktiv und mit Einsicht anzunehmen. Natürlich sollte die Strafe im human ergo also durchaus zu den heutigen Bedingungen verhängt werden.

    Das galt natürlich als umgehend reaktionär und wurde nicht weiter diskutiert. Zynisch könnte man sagen, die Sozialarbeit konnte sich dadurch zur Sozialindustrie entwickeln. Ich sags aber so nicht.

    Nur was man hier und woanders liest, zeigt, adss man scheinbar versäumt, das auch allen klar zu machen. Denn manche Argument kommen wie ich den 1960iger Jahrene erlebt im Grunde dem "Rübe ab" und psycholgische Untersuchung als Unschuldsvermutung ziemlich nahe.

    Ich will das aber weiter, denn auch wenn Rechte "pofitieren". Weil es auch den linken und den "Normalbürger" treffen könnte wenn diese Grundsätze abgeschafft würden.

  3. Es ist schlichtweg oberflächlich und undifferenziert, Breivik als klassischen Terroristen darzustellen und seine Taten bzw. seine mögliche Bestrafung mit jedwedem historischen Fall, ob nun Rechts- oder Linksterror, zu vergleichen.
    Auch, dass hier Verschwörungen oder andere "merkwürdige zufälle" thematisiert werden, ist wohl eher albern und pietätlos.
    Breivik ist ein in seinen Folgen und in seiner Ausprägung fast beispielloser Fall der paranoiden Schizophrenie, gleichzeitig aber ein erwiesenermaßen hochgradig intelligenter Mensch, der über Jahre seine Ideen niederschrieb und vernichtende Pläne schmiedete. "Nicht zurechnungsfähig" bedeutet m.E. in diesem Fall nur, dass seine Geisteskrankheit der Grund für die Ideen sind, die zu seinen Verbrechen geführt haben.. aber in all den Jahren der Planung und auch bei der Durchführung muss er wohl gewusst haben, was er tut. Es ist schwer vorstellbar, dass sich hinter ganz normalen Gesichtern solche Katastrophen verbergen können. Bleibt zu hoffen, dass er nicht nach irgendeiner der 3-jährlichen Überprüfungen in der Anstalt als rehabilitiert eingestuft wird, weil er es schafft, Psychologen wie Ermittlern so etwas wie mentale Gesundheit vorzugaukeln.

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    Hoffentlich wird wenigstens in Norwegen mehr über die Opfer als über den Täter geredet und dann entsprechend gehandelt.Unterschätzen darf man diesen Breivik auf gar keinen Fall. Aber AH war ja am Ende auch "verrückt."

    • tkx
    • 29. November 2011 17:42 Uhr

    Wenn gleich zwei Psychater das meinen,
    dann wird es wohl so sein.
    Vielleicht beauftragt man noch einen dritten.

    t k x

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Reuters, dpa
  • Schlagworte Schizophrenie | Gericht | Heilung | Norwegen | Psychiatrie | Sommer
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