Wie wäre es, wir würden einen Gedenktag für die BRD einführen? Die Wendefeiertage eignen sich nicht dafür. Sie würdigen vor allem den Untergang des Ostens. Nie aber wird der alte Westen, das Land des naiven Kapitalismus, besungen. Es ist Zeit, die BRD in Würde zu beerdigen.

Viele Westdeutsche haben nichts gegen den Osten, aber sie vermissen den alten Westen. Meist äußert sich das ganz harmlos: In der Retro-Ästhetik der Kulturformate junger (auch ostdeutscher) Stadtbürger. Bars heißen Weltempfänger oder Tanzcafé, der gute alte Tatort ist entstaubt worden, er wird jetzt kollektiv in Szenecafés geschaut. Das Traumschiff segelt in seine dreißigste Saison, Harald Schmidt und Otto Sander salutieren. Die fortwährende Existenz von Wetten, dass...? hat die Kollegin Carolin Ströbele treffend als traurige Reminiszenz an sich selbst bezeichnet .

So weit, so unwichtig. Hier aber wird es handfest: Zwei Drittel der Westdeutschen sagten noch vor zwei Jahren, Deutschlands beste Zeit im 20. Jahrhundert sei die vor 1990 gewesen. Weniger als die Hälfte der Westdeutschen mag die Wiedervereinigung als einen Glücksfall für Deutschland betrachten – im Osten sind es zwei Drittel. Mehr West- als Ostdeutsche wollen die Mauer wieder haben.

Das Land des gerechten Kapitalismus

Man kann das fast verstehen. Die BRD war ein zivilisiertes, modernes Land, das sich vierzig Jahre lang – sicher geführt von den westlichen Alliierten – mit Schuld und Vergangenheit befassen durfte. Ein Land ohne Zentrale. Ein Land, in dem die Staubsauger funktionierten, der Fußball gut war und die Regierung verklagt werden konnte. Ein Land, das jeden Tag den Traum von einem Kapitalismus mit weißer Weste lebte. Den Ostdeutschen erschien dieser Ort so wünschenswert, dass sie die DDR gern für das Versprechen hergaben, es könne bei ihnen genauso werden.

Ostdeutsche wissen, dass es ihr Geburtsland nicht mehr gibt. Es existiert nicht nur juristisch nicht mehr. Jeder Versuch, an noch so apolitische Werte und Gegebenheiten der DDR anzuknüpfen, kann ihnen den Vorwurf der Diktatur-Verharmlosung einbringen. Wie kann man sich, fragt der Westdeutsche, an eine glückliche Kindheit im Osten erinnern, ohne an die Stasi zu denken? Ostalgie ist niemals unpolitisch. Sie gilt als Ausdruck stiller Dissidenz gegenüber dem Westen.  

Der Verlust alter Normen und Einstellungen – wie kleinbürgerlich und brutal auch immer – muss verarbeitet werden. Was war gut, was war schlecht? Was wollen wir nie wieder, was wollen wir retten? Die Ostdeutschen haben das noch nicht hinter sich gebracht. Aber sie sind dabei.