Es gibt in der Türkei eine Sitte: Wenn ein Paar sich vermählt, dann trägt die Frau um ihre Hüften ein rotes Bändchen. Das Rot symbolisiert die Farbe des Blutes, das in der Hochzeitsnacht fließen muss. Das Blut, das bei der Entjungferung der frisch verheirateten Frau dem Mann zeigen soll, dass sie noch unberührt war. Diese befremdliche Tradition wird nicht nur auf dem Land gelebt, sie wird von fast allen gläubigen Türken befolgt – auch in Deutschland.

Ob aber die Frau den Mann überhaupt heiraten wollte, oder umgekehrt er sie, spielt oft genug keine Rolle. Zwangsheirat heißt dieses durchaus gängige Ritual. Die Grenze zwischen einer arrangierten und einer Zwangsehe ist nicht immer klar. Migrationsforscher sprechen von Zwangsehen, wenn die Betroffenen unter Androhung von psychischer oder physischer Gewalt in die Ehe gedrängt werden.

Und dies geschieht, 50 Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen, immer noch allzu häufig in muslimischen Familien. Eine von der Familienministerin Kristina Schröder und der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer (beide CDU) vorgestellte Studie kommt zu dem erschreckenden Ergebnis , dass Zwangsehen in muslimischen Communities keine Seltenheit sind und auch die junge Generation betreffen.

Aber warum halten die Menschen an diesem verachtenswerten Ritual fest? Warum kommen sie – der Studie zufolge vor allem Türken – nicht in Deutschland an, offenbar nicht einmal die, die hier geboren sind?

Zwei Seiten gehören zur Integration: Im Idealfall gibt es die Mehrheit, die zur Aufnahme bereit ist, und die Minderheit, die Teil werden will. Doch viele Gastarbeiter, die kamen, wollten gar nicht Teil werden, sie wollten Geld verdienen und dann rasch zurück in die Heimat. Es kam bekanntlich anders, doch ihre innere Haltung, so scheint es, änderten viele nicht. Sie holten ihre Familien nach, richteten sich ein in Ghettos, und erschwerten dadurch auch ihren Kindern den Weg in die neue Gesellschaft.

Viele blieben fremd, und die Deutschen versäumten es lange, diese wachsende Minderheit in ihre Gesellschaft zu integrieren. Zwar wurde den Einwanderern der Anschluss an die deutsche Gesellschaft noch nie so leicht gemacht wie heute, noch nie gab es so viel Unterstützung. Aber nicht wenige Migranten fühlen sich hier noch immer als unwillkommene Gäste. Ihre Töchter (oder Söhne) wollen sie nicht irgendwelchen Fremden überlassen, weshalb man gerne einen Partner aus dem eigenen Kulturkreis auswählt.

Dies ist das eine Problem. Das andere ist, dass man sich in Deutschland viel zu wenig dafür interessiert. Sicher, die furchtbaren Fälle wie der Mord an Hatun Sürücu sorgen für Empörung. Dass aber psychische oder physische Gewalt schon viel früher beginnt, wird oft genug ignoriert. 

Dies mag daran liegen, dass Zwangsehen für die deutsche Mehrheitsgesellschaft schlicht undenkbar sind. Sie finden jenseits des Erfahrungshorizonts der Deutschen statt – und werden schon allein deshalb nicht wahrgenommen. Man sieht dazu vielleicht mal einen Tatort, oder der Regisseur Fatih Akin gewinnt mit einem ähnlichen Thema den Goldenen Bären der Berlinale. Aber die kurdische Freundin, die mit auf der Schulbank saß und akzentfrei Deutsch spricht, der afghanische Fußballfreund, der für Blondinen schwärmt – die können von diesen hinterwäldlerischen Ritualen nicht betroffen sein. Doch, genau die können es sein, wie die Studie zeigt.

Die meisten Opfer von Zwangsehen hierzulande haben einen deutschen Pass, ein Drittel der Mädchen und Frauen, die zum heiraten gezwungen werden, ist in Deutschland geboren. Auf sie müssen wir achten. Hier müssen wir nachfragen, uns einmischen. Wegschauen ist keine Lösung.