Neonazi-AnschlagserieKölns gefrustete Ermittler

Jahrelang haben sie im Nagelbombenanschlag ermittelt – und lagen immer falsch. Ohne die Bekenner-DVD wären die resignierten Fahnder immer noch ahnungslos. von 

Oberstaatsanwalt Rainer Wolf hatte gerade begonnen seine Kisten zu packen, als der Sturm losbrach. 31 Jahre lang ist Wolf jetzt zuständig für den sogenannten Staatsschutz, für politische Verbrechen und Terrorismus, nun geht er in Rente, der 30. November 2011 ist sein letzter Arbeitstag. "Bis dahin wollte ich eigentlich noch ein bisschen was abarbeiten, damit mein Nachfolger sich nicht mit meinen offenen Baustellen rumschlagen muss", sagt er. Doch daraus wird nun nichts. Denn vor wenigen Tagen wurde Rainer Wolf eingeholt von einem der größten Verfahren seiner Laufbahn: Dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße, bei dem 2004 22 Menschen teilweise schwer verletzt wurden.

Die Zwickauer Rechtsradikalen, die sich selbst "Nationalsozialistischer Untergrund" nannten, sind aller Wahrscheinlichkeit nach für das Attentat verantwortlich. Das Rätsel hat eine Lösung gefunden, die auch den Oberstaatsanwalt überrascht, der jahrelang die Ermittlungen leitete. "Es ist beängstigend, dass die jahrelang eine Blutspur quer durch die Republik ziehen konnten", sagt er. Seitdem das Bekennervideo der Terroristen aufgetaucht ist, das diese Blutspur genüsslich beschreibt, steht bei Rainer Wolf in Köln das Telefon nicht mehr still.

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Die Bundesanwaltschaft will jetzt die alten Akten von ihm haben, alles wird noch einmal aufgerollt. Der Stadtrat meldet sich, weil sie eine aktuelle Stunde zum Thema vorbereiten. "Ich komme ja hier zu gar nichts mehr!", ruft Wolf aus, als er einmal mehr zum Hörer greifen muss. Eine Mappe mit dem Schriftzug "Resteliste" liegt auf seinem Schreibtisch, sie ist sehr dick. In der Ecke steht eine einsame, gepackte Umzugskiste, mehr hat Wolf nicht geschafft.

Bis zu 25 Ermittler der Kölner Polizei saßen von 2004 bis 2008 in der "Soko Sprengstoff" an dem Fall, rund 3.100 Hinweisen gingen sie nach, ließen sich auch vom Landeskriminalamt unterstützen. Schutzgeld, organisierte Kriminalität, Fehden zwischen Kurden und Türken: in diese Richtungen gingen die Vermutungen der Behörden vor allem. Jetzt, im Nachhinein, scheint vollkommen offensichtlich, dass der Nagelbombenanschlag die Tat Rechtsradikaler war, und umso unverständlicher, warum die Polizei jahrelang an den Tätern vorbei und in ganz andere Richtungen ermittelte. Warum habt ihr sie nicht gefasst? Wart ihr auf dem rechten Auge blind, oder zumindest kurzsichtig? Das sind die Fragen, die eine erregte Öffentlichkeit dem Kölner Staatsanwalt Wolf und seinen Kollegen im Polizeipräsidium stellt.

"Unsere Spuren sind doch keine Fantasieprodukte"

Zur Antwort wirft Rainer Wolf die Arme hoch und ruft: "Na ihr seid ja auch lustig, natürlich weiß man es nachher immer besser!" Dann erzählt er, wie optimistisch er am Anfang selbst war: "Ich dachte, nach ein paar Tagen haben wir die entscheidende Spur", sagt er, "aber es kam einfach nichts, gar nichts." Es klingt noch heute ein wenig frustriert. Dann erzählt der Oberstaatsanwalt von den Stationen der ergebnislosen Suche: Von Hinweisgebern, die verfeindete Familienangehörige als Bombenbastler anschwärzen, um sie loszuwerden; wie sie in ganz Deutschland die Käufer der Aldi-Fahrräder kontrolliert haben, von denen die Attentäter eins benutzten; davon, wie er sich am Samstag mit diesem Fahrrad und weiteren Beweisstücken auf einen Marktplatz in der Nähe des Anschlagsortes gestellt hat, um sich mögliche Hinweise quasi direkt bei der Bevölkerung abzuholen. Und Wolf berichtet von "konkreten Reibereien und Hinweisen auf Konflikte" unter den Anwohnern und Geschäftsleuten in der Keupstraße.

Neonazi-Terror in Deutschland
Morde, ungeklärte Anschläge und Reaktionen
1996 und 1997

© Frank Doebert/Ostthueringer Zeitung/dpa

Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe fallen 1996 zum ersten Mal auf. Sie sollen eine Puppe mit gelbem Davidstern an einer Autobahnbrücke aufgehängt haben. 1997 deponieren sie einen mit Hakenkreuz bemalten Sprengstoffkoffer in der Jenaer Innenstadt.

Januar 1998

© Heinz Hirndorf/dpa

In Jena hebt die Polizei die Bombenwerkstatt der drei mutmaßlichen Rechtsterroristen aus. Das Labor war in einer Garage versteckt. Die Fahnder stellen Rohrbomben sicher, die mit dem Sprengstoff TNT gefüllt sind. Das Trio flieht. Noch offen ist, wer ihnen bei der Flucht half.

28. September und 19. Dezember 1998

© Wolfgang Kumm/dpa

Auf das Grab des früheren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, werden zwei Anschläge verübt. Der Fall wurde nie aufgeklärt, die Ermittler untersuchen mögliche Verbindungen zu den drei Neonazis.

1999 bis 2011

© Polizeidirektion Gotha/dpa

14 Banküberfälle werden Böhnhardt und Mundlos zugeordnet: Chemnitz: 6. und 27.10.1999, 30.11.2000, 23.9.2003, 14. und 18.5.2004, 22.11.2005; Zwickau: 5.7.2001, 25.9.2002 und 5.10.2006; Stralsund: 7.11.2006 und 8.1.2007; Arnstadt: 7.9.2011; Eisenach: 4.11.2011. Sie fliehen mit dem Fahrrad. 

27. Juli 2000

© Christian Ohlig/dpa

Ungeklärt ist auch der Splitterbombenanschlag an einer Düsseldorfer S-Bahn-Station. Zehn Einwanderer aus Osteuropa werden schwer verletzt, eine Frau verliert ihr ungeborenes Kind. Der Anschlag läuft ähnlich ab wie der in Köln 2004. War auch hier das Jenaer Trio beteiligt?

9. September 2000

© dpa

In Nürnberg wird der 38-jährige türkische Blumenhändler Enver S. erschossen. Eine der verwendeten Waffen ist die bei allen folgenden Taten genutzte Pistole, eine Ceska, die später in der Zwickauer Brandruine gefunden wird. Enver S. ist das erste Opfer der Mordserie.

19. Januar 2001

© Jan Woitas/dpa

Eine Deutsch-Iranerin wird in einem Kölner Lebensmittelgeschäft durch einen in einer Keksdose versteckten Sprengsatz schwer verletzt. Hinweise darauf, dass das Trio hinter dem Anschlag steckte, finden sich auf der in der Zwickauer Brandruine (Bild) gefundenen DVD.

13. Juni 2001

© dpa

In Nürnberg stirbt der 49 Jahre alte, türkische Änderungsschneider Abdurrahim Ö. Er wurde mit zwei Kopfschüssen niedergestreckt. Ein Komplize des Täters soll draußen in einem Auto gewartet haben.

27. Juni 2001

© dpa

In Hamburg wird der 31-jährige Gemüsehändler Süleyman T. in seinem Laden ermordet. Drei Schüsse haben ihn in den Kopf getroffen. Die Polizei geht von zwei Tatwaffen aus.

29. August 2001

© dpa

In München wird der 38 Jahre alte, türkische Gemüsehändler Habil K. erschossen. Auch er wird in den Kopf getroffen, mit zwei Schüssen.

25. Februar 2004

© dpa

In Rostock wird der 25 Jahre alte Dönerladen-Aushilfsverkäufer Yunus T. ermordet. Der Türke war erst zehn Tage in Deutschland.

9. Juni 2004

© Federico Gambarini/dpa

Durch einen Nagelbombenanschlag in Köln werden 22 Menschen verletzt. Im November 2011 wird der bislang ungeklärte Fall neu aufgerollt, weil die Neonazis sich auf ihrer DVD zu dem Anschlag bekannt haben.

9. Juni 2005

© dpa

In Nürnberg stirbt an seinem Dönerstand der 50 Jahre alte Besitzer Ismail Y. Ein Kunde findet ihn hinter der Theke. Fünf Schüsse haben ihn getroffen. Zeugen sagen, zwei Männer hätten auf ihn geschossen.

15. Juni 2005

© dpa

Der 41-jährige Theodorus B. wird in seinem Laden, einem Schlüsseldienst in München, erschossen. Er stammt als einziges Opfer aus Griechenland.

4. April 2006

© dpa

In Dortmund wird in den Mittagsstunden an einer vielbefahrenen Straße der türkischstämmige Kioskbesitzer Mehmet K. mit mehreren Kopfschüssen getötet. Der 39-Jährige hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

6. April 2006

© Uwe Zucchi/dpa

Halit Y., der 21 Jahre alte türkische Betreiber eines Internetcafés in Kassel, wird ebenfalls mit Kopfschüssen getötet. Am Tatort befand sich ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes. Er soll auf dem Dachboden seines Hauses Bücher zur Nazizeit gehortet haben.

25. April 2007

© Norbert Försterling/dpa

In Heilbronn wird Michèle Kiesewetter, eine aus Thüringen stammende, 22 Jahre alte Bereitschaftspolizistin, erschossen. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt.

4. November 2011

© Carolin Lemuth/dpa

Nach einem Banküberfall werden Bönhardt und Mundlos tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil bei Eisenach gefunden. In Zwickau geht ihre Wohnung in Flammen auf. In den Trümmern werden Waffen und eine DVD entdeckt, mit Bekenntnis zu den Morden und einigen Anschlägen.

8. November 2011

© Jan Woitas/dpa

Beate Zschäpe stellt sich der Polizei in Jena und wird wegen dringenden Verdachts der Gründung der Neonazi-Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) festgenommen. Seither sitzt die 36-Jährige in Untersuchungshaft.

13. November 2011

© Franziska Kraufmann/dpa

Holger G. wird in Niedersachsen festgenommen. Er soll Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sein und dem Trio Ausweise überlassen haben. Holger G. wurde schon 1999 observiert, doch der niedersächsische Verfassungsschutz stufte ihn nur als Mitläufer ein.

15. November 2011

Die CDU fasst auf ihrem Parteitag in Leipzig einstimmig den Beschluss, ein neues Verbotsverfahren gegen die NPD zu prüfen. Auch die SPD fordert wieder, die Partei zu verbieten. In dem Zusammenhang wird auch diskutiert, ob der Einsatz der V-Leute vom Verfassungsschutz überprüft werden muss. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich will ein Zentralregister einrichten, in dem alle Informationen über Neonazis gespeichert werden sollen.

Am gleichen Tag wird bekannt, dass das Neonazi-Trio eine Liste angefertigt hatte, auf der auch Politiker verzeichnet waren.

16. November 2011

© Polizei Sachsen/dpa

Beate Zschäpe trägt nichts zur Aufklärung der Mordserie bei. Sie schweigt. Derweil wird die Liste der Fahndungspannen immer länger. Polizei und Verfassungsschutz hatten offenbar Dutzende Chancen verpasst, die Neonazi-Gruppe zu finden.

18. November 2011

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger will als Reaktion auf die Ermittlungspannen die Zahl der Verfassungsschutzämter in Deutschland reduzieren. Die Länder sind dagegen. Vereinbart wird auf einem Krisengipfel aber, ein Abwehrzentrum Rechts und eine zentrale Neonazi-Datei einzurichten.

21. November

© Christof Stache/AFP/Getty Images

Es wird bekannt, dass Uwe Mundlos durch eine Behördenpanne an gefälschte Ausweispapiere kam. BKA-Chef Ziercke verwirrt mit der These, die Polizistin Michèle Kiesewetter sei doch gezielt getötet worden. "Unsinn", heißt es dazu aus Thüringen.

22. November
Kristina Schröder

© Sean Gallup/Getty Images

Die Mittel für Initiativen gegen Rechtsextremismus sollen, anders als von Familienministerin Kristina Schröder ursprünglich geplant, nun doch nicht gekürzt werden. Zudem will die Bundesregierung die Angehörigen der Opfer entschädigen.

24. November

© Franziska Kraufmann/dpa

In Brandenburg wird der 32-jährige André E. festgenommen. Er soll die Bekenner-DVD der NSU produziert haben. Im Mai 2009 soll er dem Trio Bahncards überlassen haben, die auf ihn und seine Frau ausgestellt waren.
 

29. November

© Uli Deck/dpa

Der ehemalige NPD-Funktionär Ralf W. wird in Jena verhaftet. Dem 36-Jährigen wird unter anderem vorgeworfen, der Neonazi-Gruppe eine Schusswaffe und Munition besorgt zu haben. W. war bis Mai 2008 Vize-Chef der thüringischen NPD.

11. bis 13. Dezember

Der mutmaßliche Unterstützer Matthias D. wird gefasst. Der 36-Jährige, der wie André E. aus dem sächsischen Johanngeorgenstadt stammt, soll in Zwickau zwei Wohnungen für die Gruppe angemietet haben.

Derweil wächst bei Schwarz-Gelb die Skepsis gegenüber einem erneuten NPD-Verbotsverfahren. Man fürchtet angesichts der vielen V-Leute in der NPD (offenbar mehr als 130) einen erneuten Misserfolg.

In den folgenden Tagen wird bekannt, dass die Ermittler auch Spuren der Terrorzelle nach Berlin und in die Schweiz untersuchen. Möglicherweise war sie an einem Mord in Zürich beteiligt.

Januar 2012
01 Sebastian Edathy im Untersuchungsausschuss

© Sean Gallup/GettyImages

Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages geht den Ermittlungsfehlern nach. Dabei kommt heraus, dass die bayerische Polizei bei der Fahndung gar einen Dönerimbiss betrieb. Auch in Thüringen und Sachsen untersuchen die Parlamente die Vorgänge.

Februar 2012
Staatsakt

© Sean Gallup/Getty Images

In einem Staatsakt wird der NSU-Opfer gedacht. Eine Straße in Kassel soll nach einem der Opfer benannt werden. Jetzt untersucht auch eine Bund-Länder-Kommission die fehlgeschlagene Suche nach dem Trio.
 

März 2012
02 Beate Zschäpe

© BKA/dpa

Die Bundesanwaltschaft arbeitet daran, Beate Zschäpe eine direkte Beteiligung an den Morden nachweisen zu können. Zschäpe soll der Motor der Gruppe gewesen sein, Haushalt und Finanzen verwaltet haben.

2. Mai 2012
03-Untersuchung nach Mord

© Marcus Föhrer/dpa

Acht Männer türkischer Abstammung ermordeten die Rechtsextremen. Doch auch die türkischen Behörden glaubten nur an ein kriminelles Killerkommando aus dem eigenen Land, wie die ZEIT herausfindet.

15. Mai 2012

In Thüringen wurde bei der Suche nach den untergetauchten Terroristen von 1998 bis 2001 geschlampt, urteilt ein Gremium der Landesregierung unter Vorsitz von Ex-Bundesrichter Gerhard Schäfer. Bereits zu Jahresbeginn haben die Landesverfassungsschützer eingeräumt, dass über einen Mittelsmann Geld an die Neonazis fließen sollte, um an deren Tarnidentitäten zu kommen. Der Plan scheiterte. Für die Observation des Trios stellt auch die Parlamentarische Kontrollkommission des Sächsischen Landtages dem eigenen Verfassungsschutz ein verheerendes Zeugnis aus.

Ende Mai 2012

Der mutmaßliche NSU-Helfer Holger G. ist auf freiem Fuß. Er soll den drei Rechtsextremisten Waffen besorgt haben. Der Bundesgerichtshof entschied: G. wusste eventuell nicht, wofür sie eingesetzt werden. Zwei Wochen später werden auch Carsten S. und Matthias D. aus der Untersuchungshaft entlassen. Im Juni wird der Haftbefehl gegen den mutmaßlichen NSU-Helfer André E. aufgehoben. Er soll an dem Bekennervideo der NSU mitgearbeitet haben, der BGH hält ihn aber nicht für dringend tatverdächtig

2. Juli 2012
Die Terrorzelle

© BKA/dpa

Ein Referatsleiter des Bundesverfassungsschutzes hat im November 2011 Akten zu V-Leuten aus dem Umfeld der NSU vernichtet. Bis Ende Juni war das dem Geheimdienstchef angeblich nicht  bekannt.

Juli 2012

Als Konsequenz aus der "Reißwolf-Affäre" bittet Verfassungsschutzchef Fromm um seine frühzeitige Pensionierung. Wenige Tage später verliert der Präsident des Thüringischen Geheimdienstes, Thomas Sippel, seinen Posten. Auch der Leiter der sächsischen Behörde, Reinhard Boos, tritt zurück.  Protokolle einer Telefonüberwachung des Bundesamtes von Ende 1998 waren nicht an die Untersuchungsausschüsse weitergegeben worden.

5. Juli 2012

Fromm spricht vor dem Bundestagsausschuss. Er offenbart Chaos in seiner Behörde, weiß nicht, warum sensible Akten vernichtet wurden. Die Vermutung der FDP, Zschäpe sei als Informantin angeworben worden, wird dementiert.

Juli 2012

© Michael Gottschalk/dapd

Noch nachdem die Straftaten des NSU bekannt wurden, sind zahlreiche weitere Akten zu den drei Rechtsextremisten vernichtet worden. Die Behörden erklären das mit dem Datenschutz, die Opposition vermutet Vertuschung.

Juli 2012

© Jim Lo Scalzo/EPA/dpa

Zwei Kollegen der Polizistin Michele Kiesewetter sind zeitweise Mitglieder im rassistischen Ku-Klux-Klan (KKK) gewesen. Einer von ihnen war ihr Gruppenführer, wusste also, wo sie sich aufhielt. Einen Zusammenhang mit dem Mord schließt der Innenminister Friedrich aus.

September 2012

© BKA/dapd

Der Militärgeheimdienst MAD hat 1995 eine Akte über die rechtsextreme Gesinnung des Wehrdienstleistenden Uwe Mundlos erstellt. Der Verteidigungsminister wusste dies seit März. Der Bundestagsuntersuchungsausschuss wurde nicht informiert.

14. September 2012

© Steffi Loos/dapd

Ein früherer Vertrauter des NSU hat jahrelang für das LKA Berlin gespitzelt. Thomas S. lieferte 2002 Hinweise auf den Aufenthaltsort der Truppe in Thüringen. Innensenator Frank Henkel wusste seit März von S., gab die Information aber nicht an den Ausschuss weiter.

Dass sie den Täter deshalb dort vermuteten, wird ihnen heute als Vorverurteilung, gar als Rassismus gegenüber des von Türkeistämmigen dominierten Viertels vorgeworfen. Das will der scheidende Staatsanwalt nicht auf sich sitzen lassen: "Unsere Spuren sind doch keine Fantasieprodukte von bösartigen Staatsanwälten oder Kripo-Beamten!", erregt er sich. Hinzu kam, dass ein Fallanalytiker des Landeskriminalamtes vermutete, dass die Täter in direkter Nähe des Anschlagsortes wohnten. "Das alles ließ den Ansatz, dass es sich um eine rechtsextreme Tat handelte, immer weiter an den Rand rücken", erinnert sich Wolf.

Und trotzdem kamen sie noch einmal auf die Spur, die sie zu den Tätern hätte führen können: 2005 fuhren die Kölner Polizisten nach Nürnberg, weil ihnen aufgefallen war, dass ihr Phantombild dem Phantombild in der Mordserie an türkeistämmigen Kleinunternehmern ähnlich sah. "Aber da ist einfach nichts bei rausgekommen", sagt Staatsanwalt Rainer Wolf. Fragt man im Polizeipräsidium nach dem Erkalten dieser Spur, gibt es offiziell zwar keine Auskunft, aber inoffiziell dafür umso mehr Frust: "Polizisten können doch auch nicht zaubern", erregt sich einer aus Ermittlerkreisen. "Wir sind allen Spuren nachgegangen, aber wenn wir einfach nicht mehr in der Hand haben als zwei Bilder, die sich ähnlich sehen, dann können wir auch nichts machen." Resigniert legten die Ermittler den Fall 2008 zu den Akten.

Leserkommentare
  1. ...vorgegangen. Hinterher ist man eben immer schlauer. Entlastend muss man den Ermittlern zu Gute halten, dass zum Zeitpunkt des Anschlags gerade eine geradezu hysterische Welle durch Deutschland ging, die einer anderen totalitären und nicht minder gefährlichen politischen Richtung folgte: dem radikalen Islamismus - und den fürchterlichen Anschlägen in Madrid und London. Die Attentäter von damals haben den Moslems in Europa, ja im ganzen Westen, einen Bärendienst erwiesen - sie wurden in der Folgezeit unter Generalverdacht gestellt. Der Neonazismus geriet unter diesen Voraussetzungen ausser Sichtweite von Politik und Öffentlichkeit, war doch der Kampf gegen den internationalen Terrorismus ein KRIEG.

    Jetzt stehen alle belämmert da.

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    Sie haben schon Recht.

    Was mich in diesem Zusammenhang extrem nervt ist das ganze ex-post Geschätz über "Rassismus" der üblichen Betroffenen.

    Wenn ein Ermittler nur den Befund der KTU hat, und eine Menge sich üblicherweise widersprechende Zeugenaussagen, dann ist das alles!

    Man kann zwar dazu Hypothesen aufstellen, aber das wars auch schon. Es geht ja nicht darum hier irgendwelche Erwartungshaltungen zu erfüllen!

    Es gilt die Devise: In alle Richtungen Belastendes und Entlastendes zu ermitteln. Ergebnisorientiertes Arbeiten vernichtet jeden Ansatz von rechtsstaatlicher Ermittlung.

    MfG Karl Müller

    • msc35
    • 25. November 2011 17:49 Uhr

    ...ist abstrakt betrachtet möglicherweise gar nicht abwegig, aber in diesem konkreten Fall wenig einleuchtend. Islamisten legen doch in einem nichtislamischen Land keine Bomben in einer überwiegend von Muslimen bewohnten Strasse. Zumindest ist mir ein derartiger Fall nicht bekannt.

  2. Sie haben schon Recht.

    Was mich in diesem Zusammenhang extrem nervt ist das ganze ex-post Geschätz über "Rassismus" der üblichen Betroffenen.

    Wenn ein Ermittler nur den Befund der KTU hat, und eine Menge sich üblicherweise widersprechende Zeugenaussagen, dann ist das alles!

    Man kann zwar dazu Hypothesen aufstellen, aber das wars auch schon. Es geht ja nicht darum hier irgendwelche Erwartungshaltungen zu erfüllen!

    Es gilt die Devise: In alle Richtungen Belastendes und Entlastendes zu ermitteln. Ergebnisorientiertes Arbeiten vernichtet jeden Ansatz von rechtsstaatlicher Ermittlung.

    MfG Karl Müller

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    • fse69
    • 25. November 2011 17:30 Uhr

    "...Es gilt die Devise: In alle Richtungen Belastendes und Entlastendes zu ermitteln. Ergebnisorientiertes Arbeiten vernichtet jeden Ansatz von rechtsstaatlicher Ermittlung...."

    ... ist aber in Köln nicht geschehen. Und da halte ich die Rückschau des Herrn Wolf für etwas scheinheilig. Ich erinnere mich noch sehr gut, man hat sehr schnell und sehr früh einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund ausgeschlossen, und uns Kölner hat schon damals das Gefühl beschlichen, dass hier die Politik das Motto "es kann nicht sein, was nicht sein darf" vorgegeben hat. Da wurde in reinen Scheinermittlungen der Friseur, vor dessen Laden die Bombe detonierte, über Wochen und Monate bis auf die Unterwäsche durchleuchtet, obgleich von Anfang an klar war, dass der Anschlag ohne konkreten Personenbezug geplant wurde. Denn ursprünglich sollte das Fahrrad mit der Bombe ungefähr auf der Mitte der ca. 500 m langen Keupstraße platziert werden. Reinigungskräfte haben den Mann gebeten, das Rad woanders abzustellen, woraufhin er es deutlich weiter in Richtung Schanzenstraße schob und vor dem besagten Friseurladen parkte. Allein dieses Detail müsste doch bei jedem Kriminalisten und Staatsanwalt alle Alarmglocken schrillen lassen, was die Stichhaltigkeit der Theorie von einem rein kriminellen Hintergrund anbelangt. Dieses Detail war ein klares Indiz dafür, dass die Täter mit Blick auf die Opfer vollkommen wahllos vorgingen.

    Man darf auch nicht vergessen: in den vergangenen 10 Jahren gab es auch noch ganz andere handfeste Gründe, in andere Richtungen zu ermitteln - etwa in Richtung sogenannter "Ehrenmorde" oder eben in Richtung "Mafia" und den damit verbundenen Schutzgelderpressungen. Der Mord von Duisburg - hinter dem nachgewiesener Maßen eine schwerstkriminelle mafiöse Struktur stand - dürfte allen hier noch in bester Erinnerung sein.

    Es wäre allerdings mehr als fatal, wenn sich bewahrheiten sollte, dass einige Landesämter für Verfassungsschutz hier nicht schon lange Erkenntnisse hatten, diese aber nicht an die zuständigen Ermittlungsbehörden weitergeleitet haben. Hier müssen in Zukunft klarste Grenzen gesetzt sein, ab wann die Einschaltung und Information von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei zwingend geboten ist. Es kann und darf in einem Rechtsstaat nicht sein, dass die Schlapphüte bei Verbrechen zuschauen und ihre Erkenntnisse, die zur Ergreifung der Täter führen, nicht auf der Stelle weiterleiten.

    Was bleibt ansonsten? Immerhin hat sich der Bundestag bei den Hinterbliebenen der Opfer entschuldigt; es wäre sehr schön, wenn der Bundestagspräsident diese Entschuldigung auch noch einmal den Hinterbliebenen persönlich überbringt. Des weiteren sind die Hinterbliebenen ausreichend zu entschädigen - und mit "ausreichend" meine ich nicht, nur mit einem "Handgeld" von nur 10.000 EURO. Hier sind Großzügigkeit und Große Gesten gefragt.

    • fse69
    • 25. November 2011 17:30 Uhr

    "...Es gilt die Devise: In alle Richtungen Belastendes und Entlastendes zu ermitteln. Ergebnisorientiertes Arbeiten vernichtet jeden Ansatz von rechtsstaatlicher Ermittlung...."

    ... ist aber in Köln nicht geschehen. Und da halte ich die Rückschau des Herrn Wolf für etwas scheinheilig. Ich erinnere mich noch sehr gut, man hat sehr schnell und sehr früh einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund ausgeschlossen, und uns Kölner hat schon damals das Gefühl beschlichen, dass hier die Politik das Motto "es kann nicht sein, was nicht sein darf" vorgegeben hat. Da wurde in reinen Scheinermittlungen der Friseur, vor dessen Laden die Bombe detonierte, über Wochen und Monate bis auf die Unterwäsche durchleuchtet, obgleich von Anfang an klar war, dass der Anschlag ohne konkreten Personenbezug geplant wurde. Denn ursprünglich sollte das Fahrrad mit der Bombe ungefähr auf der Mitte der ca. 500 m langen Keupstraße platziert werden. Reinigungskräfte haben den Mann gebeten, das Rad woanders abzustellen, woraufhin er es deutlich weiter in Richtung Schanzenstraße schob und vor dem besagten Friseurladen parkte. Allein dieses Detail müsste doch bei jedem Kriminalisten und Staatsanwalt alle Alarmglocken schrillen lassen, was die Stichhaltigkeit der Theorie von einem rein kriminellen Hintergrund anbelangt. Dieses Detail war ein klares Indiz dafür, dass die Täter mit Blick auf die Opfer vollkommen wahllos vorgingen.

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    "Und da halte ich die Rückschau des Herrn Wolf für etwas scheinheilig. Ich erinnere mich noch sehr gut, man hat sehr schnell und sehr früh einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund ausgeschlossen, und uns Kölner hat schon damals das Gefühl beschlichen, dass hier die Politik das Motto "es kann nicht sein, was nicht sein darf" vorgegeben hat. "

    Tatsächlich ging man in der unmittelbaren Rezeption des Attentats der ersten Stunden und auch Tage von einem fremdenfeindlichen Zusammenhang aus.
    Dies wurde nicht nur eingeräumt, sondern, wie sich in den Strassen-Interviews des Kölner Express zeigte, etwa in der Keupstrasse, auch von der Bevölkerung vorausgesetzt.

  3. Man darf auch nicht vergessen: in den vergangenen 10 Jahren gab es auch noch ganz andere handfeste Gründe, in andere Richtungen zu ermitteln - etwa in Richtung sogenannter "Ehrenmorde" oder eben in Richtung "Mafia" und den damit verbundenen Schutzgelderpressungen. Der Mord von Duisburg - hinter dem nachgewiesener Maßen eine schwerstkriminelle mafiöse Struktur stand - dürfte allen hier noch in bester Erinnerung sein.

    Es wäre allerdings mehr als fatal, wenn sich bewahrheiten sollte, dass einige Landesämter für Verfassungsschutz hier nicht schon lange Erkenntnisse hatten, diese aber nicht an die zuständigen Ermittlungsbehörden weitergeleitet haben. Hier müssen in Zukunft klarste Grenzen gesetzt sein, ab wann die Einschaltung und Information von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei zwingend geboten ist. Es kann und darf in einem Rechtsstaat nicht sein, dass die Schlapphüte bei Verbrechen zuschauen und ihre Erkenntnisse, die zur Ergreifung der Täter führen, nicht auf der Stelle weiterleiten.

    Was bleibt ansonsten? Immerhin hat sich der Bundestag bei den Hinterbliebenen der Opfer entschuldigt; es wäre sehr schön, wenn der Bundestagspräsident diese Entschuldigung auch noch einmal den Hinterbliebenen persönlich überbringt. Des weiteren sind die Hinterbliebenen ausreichend zu entschädigen - und mit "ausreichend" meine ich nicht, nur mit einem "Handgeld" von nur 10.000 EURO. Hier sind Großzügigkeit und Große Gesten gefragt.

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    • bayert
    • 26. November 2011 8:59 Uhr

    wer entschädigt Menschen, deren Angehörige von Straftäter ermordet wurden, die man wegen mangelhafter Gutachten vorzeitig entlassen hat.

    • msc35
    • 25. November 2011 17:49 Uhr

    ...ist abstrakt betrachtet möglicherweise gar nicht abwegig, aber in diesem konkreten Fall wenig einleuchtend. Islamisten legen doch in einem nichtislamischen Land keine Bomben in einer überwiegend von Muslimen bewohnten Strasse. Zumindest ist mir ein derartiger Fall nicht bekannt.

    2 Leserempfehlungen
  4. und es ist wohlfeil jetzt den Ermittlungsbehörden vorzuwerfen, man sei auf dem rechten Auge blind gewesen oder, wie gestern bei Maybrit Illner durch eine Anwohnerin der Keupstr. geschehen, der Polizei vorzuwerfen, sie würde bei türkischstämmigen Opfern nicht so engagiert ermitteln.

    Ich bin in übrigen etwas befremdet, dass Frau Leutheusser-Schnarrenberger den Hinterbliebenen eine Entschädigungszahlung zugesprochen hat. Nicht weil ich etwas gegen Migranten habe, sondern aus dem einfachen Grunde, weil Opfer von Gewalttaten generell in Deutschland nicht von Staats wegen enschädigt werden.
    Warum wartet man nicht den Abschluss der Ermittlungen ab? Sollte sich dann ein Versagen der Staatsorgane bei der Verfolgung der Täter herausstellen, hätte man immer noch über eine Entschädigung befinden können.

    Was jetzt geschieht Aktionismus um der political correctness willen.

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    • Kelhim
    • 26. November 2011 1:12 Uhr

    Wer so kurz nach dem Anschlag verkündet, es handele sich nicht um eine Tat mit rechtsextremistischem Hintergrund, aber behauptet, es werde in alle Richtungen ermittelt, widerspricht sich selber - und heute auch in der Retrospektive.

  5. Es wäre wohl besser, gegen die Ermittler zu ermitteln, warum sie nichts rausbekommen haben.

    Bei so schweren Straftaten liegt die Aufklärungsquote bei 100 %, weil die ganz schweren Geschütze aufgefahren werden. Aber wenn man nicht ermitteln will....., einen Wink bekommen hat....

    Eine Leserempfehlung
    • keibe
    • 25. November 2011 20:37 Uhr

    über dem das Wesentliche verschütt zu gehen droht:

    "nun geht er in Rente, der 30. November 2011 ist sein letzter Arbeitstag."

    Das sind abzüglich dieses Wochenendes noch 3 Arbeitstage. Ich wünsche Ihnen, Herr Wolf, ab nächsten Donnerstag einen erholsamen Altersruhestand.

    2 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Sigmar Gabriel | Otto Schily | Anschlag | Bundesanwaltschaft | DVD | Fritz Behrens
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