Neonazi-Anschlagserie : Kölns gefrustete Ermittler

Jahrelang haben sie im Nagelbombenanschlag ermittelt – und lagen immer falsch. Ohne die Bekenner-DVD wären die resignierten Fahnder immer noch ahnungslos.

Oberstaatsanwalt Rainer Wolf hatte gerade begonnen seine Kisten zu packen, als der Sturm losbrach. 31 Jahre lang ist Wolf jetzt zuständig für den sogenannten Staatsschutz, für politische Verbrechen und Terrorismus, nun geht er in Rente, der 30. November 2011 ist sein letzter Arbeitstag. "Bis dahin wollte ich eigentlich noch ein bisschen was abarbeiten, damit mein Nachfolger sich nicht mit meinen offenen Baustellen rumschlagen muss", sagt er. Doch daraus wird nun nichts. Denn vor wenigen Tagen wurde Rainer Wolf eingeholt von einem der größten Verfahren seiner Laufbahn: Dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße, bei dem 2004 22 Menschen teilweise schwer verletzt wurden.

Die Zwickauer Rechtsradikalen, die sich selbst "Nationalsozialistischer Untergrund" nannten, sind aller Wahrscheinlichkeit nach für das Attentat verantwortlich. Das Rätsel hat eine Lösung gefunden, die auch den Oberstaatsanwalt überrascht, der jahrelang die Ermittlungen leitete. "Es ist beängstigend, dass die jahrelang eine Blutspur quer durch die Republik ziehen konnten", sagt er. Seitdem das Bekennervideo der Terroristen aufgetaucht ist, das diese Blutspur genüsslich beschreibt, steht bei Rainer Wolf in Köln das Telefon nicht mehr still.

Die Bundesanwaltschaft will jetzt die alten Akten von ihm haben, alles wird noch einmal aufgerollt. Der Stadtrat meldet sich, weil sie eine aktuelle Stunde zum Thema vorbereiten. "Ich komme ja hier zu gar nichts mehr!", ruft Wolf aus, als er einmal mehr zum Hörer greifen muss. Eine Mappe mit dem Schriftzug "Resteliste" liegt auf seinem Schreibtisch, sie ist sehr dick. In der Ecke steht eine einsame, gepackte Umzugskiste, mehr hat Wolf nicht geschafft.

Bis zu 25 Ermittler der Kölner Polizei saßen von 2004 bis 2008 in der "Soko Sprengstoff" an dem Fall, rund 3.100 Hinweisen gingen sie nach, ließen sich auch vom Landeskriminalamt unterstützen. Schutzgeld, organisierte Kriminalität, Fehden zwischen Kurden und Türken: in diese Richtungen gingen die Vermutungen der Behörden vor allem. Jetzt, im Nachhinein, scheint vollkommen offensichtlich, dass der Nagelbombenanschlag die Tat Rechtsradikaler war, und umso unverständlicher, warum die Polizei jahrelang an den Tätern vorbei und in ganz andere Richtungen ermittelte. Warum habt ihr sie nicht gefasst? Wart ihr auf dem rechten Auge blind, oder zumindest kurzsichtig? Das sind die Fragen, die eine erregte Öffentlichkeit dem Kölner Staatsanwalt Wolf und seinen Kollegen im Polizeipräsidium stellt.

"Unsere Spuren sind doch keine Fantasieprodukte"

Zur Antwort wirft Rainer Wolf die Arme hoch und ruft: "Na ihr seid ja auch lustig, natürlich weiß man es nachher immer besser!" Dann erzählt er, wie optimistisch er am Anfang selbst war: "Ich dachte, nach ein paar Tagen haben wir die entscheidende Spur", sagt er, "aber es kam einfach nichts, gar nichts." Es klingt noch heute ein wenig frustriert. Dann erzählt der Oberstaatsanwalt von den Stationen der ergebnislosen Suche: Von Hinweisgebern, die verfeindete Familienangehörige als Bombenbastler anschwärzen, um sie loszuwerden; wie sie in ganz Deutschland die Käufer der Aldi-Fahrräder kontrolliert haben, von denen die Attentäter eins benutzten; davon, wie er sich am Samstag mit diesem Fahrrad und weiteren Beweisstücken auf einen Marktplatz in der Nähe des Anschlagsortes gestellt hat, um sich mögliche Hinweise quasi direkt bei der Bevölkerung abzuholen. Und Wolf berichtet von "konkreten Reibereien und Hinweisen auf Konflikte" unter den Anwohnern und Geschäftsleuten in der Keupstraße.

Dass sie den Täter deshalb dort vermuteten, wird ihnen heute als Vorverurteilung, gar als Rassismus gegenüber des von Türkeistämmigen dominierten Viertels vorgeworfen. Das will der scheidende Staatsanwalt nicht auf sich sitzen lassen: "Unsere Spuren sind doch keine Fantasieprodukte von bösartigen Staatsanwälten oder Kripo-Beamten!", erregt er sich. Hinzu kam, dass ein Fallanalytiker des Landeskriminalamtes vermutete, dass die Täter in direkter Nähe des Anschlagsortes wohnten. "Das alles ließ den Ansatz, dass es sich um eine rechtsextreme Tat handelte, immer weiter an den Rand rücken", erinnert sich Wolf.

Und trotzdem kamen sie noch einmal auf die Spur, die sie zu den Tätern hätte führen können: 2005 fuhren die Kölner Polizisten nach Nürnberg, weil ihnen aufgefallen war, dass ihr Phantombild dem Phantombild in der Mordserie an türkeistämmigen Kleinunternehmern ähnlich sah. "Aber da ist einfach nichts bei rausgekommen", sagt Staatsanwalt Rainer Wolf. Fragt man im Polizeipräsidium nach dem Erkalten dieser Spur, gibt es offiziell zwar keine Auskunft, aber inoffiziell dafür umso mehr Frust: "Polizisten können doch auch nicht zaubern", erregt sich einer aus Ermittlerkreisen. "Wir sind allen Spuren nachgegangen, aber wenn wir einfach nicht mehr in der Hand haben als zwei Bilder, die sich ähnlich sehen, dann können wir auch nichts machen." Resigniert legten die Ermittler den Fall 2008 zu den Akten.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Mit dem Wissen von heute wäre man sicherlich anders...

...vorgegangen. Hinterher ist man eben immer schlauer. Entlastend muss man den Ermittlern zu Gute halten, dass zum Zeitpunkt des Anschlags gerade eine geradezu hysterische Welle durch Deutschland ging, die einer anderen totalitären und nicht minder gefährlichen politischen Richtung folgte: dem radikalen Islamismus - und den fürchterlichen Anschlägen in Madrid und London. Die Attentäter von damals haben den Moslems in Europa, ja im ganzen Westen, einen Bärendienst erwiesen - sie wurden in der Folgezeit unter Generalverdacht gestellt. Der Neonazismus geriet unter diesen Voraussetzungen ausser Sichtweite von Politik und Öffentlichkeit, war doch der Kampf gegen den internationalen Terrorismus ein KRIEG.

Jetzt stehen alle belämmert da.

Sehr geehrter suennerklaas,

Sie haben schon Recht.

Was mich in diesem Zusammenhang extrem nervt ist das ganze ex-post Geschätz über "Rassismus" der üblichen Betroffenen.

Wenn ein Ermittler nur den Befund der KTU hat, und eine Menge sich üblicherweise widersprechende Zeugenaussagen, dann ist das alles!

Man kann zwar dazu Hypothesen aufstellen, aber das wars auch schon. Es geht ja nicht darum hier irgendwelche Erwartungshaltungen zu erfüllen!

Es gilt die Devise: In alle Richtungen Belastendes und Entlastendes zu ermitteln. Ergebnisorientiertes Arbeiten vernichtet jeden Ansatz von rechtsstaatlicher Ermittlung.

MfG Karl Müller

Genau das:

"...Es gilt die Devise: In alle Richtungen Belastendes und Entlastendes zu ermitteln. Ergebnisorientiertes Arbeiten vernichtet jeden Ansatz von rechtsstaatlicher Ermittlung...."

... ist aber in Köln nicht geschehen. Und da halte ich die Rückschau des Herrn Wolf für etwas scheinheilig. Ich erinnere mich noch sehr gut, man hat sehr schnell und sehr früh einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund ausgeschlossen, und uns Kölner hat schon damals das Gefühl beschlichen, dass hier die Politik das Motto "es kann nicht sein, was nicht sein darf" vorgegeben hat. Da wurde in reinen Scheinermittlungen der Friseur, vor dessen Laden die Bombe detonierte, über Wochen und Monate bis auf die Unterwäsche durchleuchtet, obgleich von Anfang an klar war, dass der Anschlag ohne konkreten Personenbezug geplant wurde. Denn ursprünglich sollte das Fahrrad mit der Bombe ungefähr auf der Mitte der ca. 500 m langen Keupstraße platziert werden. Reinigungskräfte haben den Mann gebeten, das Rad woanders abzustellen, woraufhin er es deutlich weiter in Richtung Schanzenstraße schob und vor dem besagten Friseurladen parkte. Allein dieses Detail müsste doch bei jedem Kriminalisten und Staatsanwalt alle Alarmglocken schrillen lassen, was die Stichhaltigkeit der Theorie von einem rein kriminellen Hintergrund anbelangt. Dieses Detail war ein klares Indiz dafür, dass die Täter mit Blick auf die Opfer vollkommen wahllos vorgingen.

Großzügigkeit und Große Gesten sind angesagt!

Man darf auch nicht vergessen: in den vergangenen 10 Jahren gab es auch noch ganz andere handfeste Gründe, in andere Richtungen zu ermitteln - etwa in Richtung sogenannter "Ehrenmorde" oder eben in Richtung "Mafia" und den damit verbundenen Schutzgelderpressungen. Der Mord von Duisburg - hinter dem nachgewiesener Maßen eine schwerstkriminelle mafiöse Struktur stand - dürfte allen hier noch in bester Erinnerung sein.

Es wäre allerdings mehr als fatal, wenn sich bewahrheiten sollte, dass einige Landesämter für Verfassungsschutz hier nicht schon lange Erkenntnisse hatten, diese aber nicht an die zuständigen Ermittlungsbehörden weitergeleitet haben. Hier müssen in Zukunft klarste Grenzen gesetzt sein, ab wann die Einschaltung und Information von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei zwingend geboten ist. Es kann und darf in einem Rechtsstaat nicht sein, dass die Schlapphüte bei Verbrechen zuschauen und ihre Erkenntnisse, die zur Ergreifung der Täter führen, nicht auf der Stelle weiterleiten.

Was bleibt ansonsten? Immerhin hat sich der Bundestag bei den Hinterbliebenen der Opfer entschuldigt; es wäre sehr schön, wenn der Bundestagspräsident diese Entschuldigung auch noch einmal den Hinterbliebenen persönlich überbringt. Des weiteren sind die Hinterbliebenen ausreichend zu entschädigen - und mit "ausreichend" meine ich nicht, nur mit einem "Handgeld" von nur 10.000 EURO. Hier sind Großzügigkeit und Große Gesten gefragt.

Trifft nicht so ganz zu, fse69

"Und da halte ich die Rückschau des Herrn Wolf für etwas scheinheilig. Ich erinnere mich noch sehr gut, man hat sehr schnell und sehr früh einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund ausgeschlossen, und uns Kölner hat schon damals das Gefühl beschlichen, dass hier die Politik das Motto "es kann nicht sein, was nicht sein darf" vorgegeben hat. "

Tatsächlich ging man in der unmittelbaren Rezeption des Attentats der ersten Stunden und auch Tage von einem fremdenfeindlichen Zusammenhang aus.
Dies wurde nicht nur eingeräumt, sondern, wie sich in den Strassen-Interviews des Kölner Express zeigte, etwa in der Keupstrasse, auch von der Bevölkerung vorausgesetzt.

Hinterher ist man immer schlauer

und es ist wohlfeil jetzt den Ermittlungsbehörden vorzuwerfen, man sei auf dem rechten Auge blind gewesen oder, wie gestern bei Maybrit Illner durch eine Anwohnerin der Keupstr. geschehen, der Polizei vorzuwerfen, sie würde bei türkischstämmigen Opfern nicht so engagiert ermitteln.

Ich bin in übrigen etwas befremdet, dass Frau Leutheusser-Schnarrenberger den Hinterbliebenen eine Entschädigungszahlung zugesprochen hat. Nicht weil ich etwas gegen Migranten habe, sondern aus dem einfachen Grunde, weil Opfer von Gewalttaten generell in Deutschland nicht von Staats wegen enschädigt werden.
Warum wartet man nicht den Abschluss der Ermittlungen ab? Sollte sich dann ein Versagen der Staatsorgane bei der Verfolgung der Täter herausstellen, hätte man immer noch über eine Entschädigung befinden können.

Was jetzt geschieht Aktionismus um der political correctness willen.