In dem an sich schon unfassbaren Fall des Jenaer Terrortrios kommen beinahe täglich Meldungen über Pannen in den Sicherheitsbehörden hinzu. Dabei geht es nicht nur um Versäumnisse beim Verfassungsschutz , sondern auch um Fehler der Polizei. Die Neonazis Uwe M., Uwe B. und Beate Z. hätten vermutlich gestoppt werden können, wären die Behörden energisch genug eingeschritten. Warum das unterblieb, wird zu klären sein. Eine Chronik.

Gravierende Fragen stellen sich schon beim Beginn der Geschichte, dem Abtauchen des Trios Anfang 1998. Am 26. Januar klingeln im thüringischen Jena Polizeibeamte bei Uwe B. und präsentieren ihm einen Beschluss zur Durchsuchung seiner Wohnung und einer Garage, die der Mann gemeinsam mit Uwe M. und Beate Z. nutzt. Ermittelt wird gegen das Trio und weitere Neonazis, weil Attrappen von Briefbomben an Polizeidirektion und Stadtverwaltung in Jena sowie an die Redaktion der "Thüringer Landeszeitung" verschickt worden waren. In einem Pamphlet, das den Briefen beigelegt ist, stehen wüste Drohungen gegen den damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis.

Die Wohnung von B. wird durchsucht. Einige Sicherheitsexperten berichten, Polizisten hätten ebenfalls Beate Z. und Uwe M. aufgesucht und deren Räume durchsucht. Die Beamten finden offenbar in den Wohnungen nichts und rücken ab zu der etwas entfernt liegenden Garage, in der Utensilien zum Bau von Bomben vermutet werden. Trotz des gravierenden Verdachts nehmen die Polizisten keinen der Tatverdächtigen in Gewahrsam. Die Beamten brechen das Garagentor auf und finden, was sie gesucht haben. Vier Rohrbomben, die sich später als funktionsfähig herausstellen, und weiteren Sprengstoff. Insgesamt 1,4 Kilogramm TNT. Als die Polizei danach die Neonazis sucht, sind sie weg.

Der Thüringer Verfassungsschutz hat Uwe M., Uwe B. und Beate Z. schon länger beobachtet . Die drei gelten als so gefährlich, dass sie dann sogar im 1999 vorgestellten Bericht der Behörde zum Jahr 1998 namentlich genannt werden. Beobachtet wird damals vom Verfassungsschutz auch das Umfeld des Trios, vor allem die Neonazi-Kameradschaft "Thüringer Heimatschutz" (THS). Die Behörde hat reichlich Einblick – der Anführer des THS, Tino Brandt, wird von 1994 bis 2001 als V-Mann geführt. Trotzdem hat der Verfassungsschutz angeblich gleich nach der Razzia im Januar 1998 Brandts "Kameraden" Uwe M., Uwe B. und Beate Z. aus den Augen verloren. Eine Panne? Ein absichtliches Versäumnis? Am Dienstag hat Thüringens Innenminister Jörg Geibert (CDU) eine unabhängige Kommission eingesetzt, die unter Vorsitz des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer die Rolle des Verfassungsschutzes untersuchen soll.

Im Herbst 1999, wie am Mittwoch bekannt geworden ist, beginnt dann das Drama um Holger G., einen mutmaßlichen Komplizen des Trios, der erst vergangenen Sonntag festgenommen wurde. Der niedersächsische Verfassungsschutz überwacht Holger G. im Jahr 1999 auf Bitte der Thüringer Kollegen. Die vermuten, G. wolle dem untergetauchten Trio ein Quartier im Ausland verschaffen. Doch die Niedersachsen stufen den möglichen Terroristenhelfer G. nur als Mitläufer ein. Es gibt keine Telefonüberwachung, das niedersächsische Landeskriminalamt wird nicht eingeschaltet, die Überwachung läuft nach drei Tagen aus. Und Daten zu G. werden nicht gespeichert.

Der Chef des niedersächsischen Verfassungsschutzes, Hans Wargel, hat am Mittwoch den Fehler zugegeben. Man hätte Holger G. "als eigenen Verdachtsfall speichern und bearbeiten müssen", sagte Wargel in Hannover.