97,6 Prozent. Deutsche Ermittlungsbehörden brüsten sich gern mit dieser Zahl. Sie besagt, wie effektiv in Deutschland Mordfälle aufgeklärt werden. Fast jeder Täter also, der einen Menschen heimtückisch oder mit besonderer Brutalität tötet, wird ermittelt.

Warum war das im Fall von Uwe M., Uwe B. und Beate Z. jahrelang nicht so? Wie konnte dieses rechtsextreme Trio binnen sechseinhalb Jahren zehn Menschen ermorden, ohne dass die Ermittler ihm auf die Spur kamen ?

Wie kann man in einem Land, in dem fast alles beobachtet wird, einen Laden betreten, den Besitzer fotografieren, erschießen, wieder fotografieren und sogar noch den Abtransport des Sarges dokumentieren?

Was ist das für ein Verfassungsschutz, der rechtsradikale V-Leute im Umfeld der Serienmörder bezahlt und nichts erfährt? Oder vielleicht schlimmer: Informationen nicht an die Polizei weitergibt?

Wie kann es drei Menschen gelingen, in Deutschland dreizehn Jahre spurlos zu verschwinden?

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Der Fall der Jenaer Rechtsterroristen ist so unglaublich, dass einem der Atem stockt. Für Deutschlands Sicherheitsbehörden ist er ein Desaster. Der sonst alarmistische Innenminister Hans-Peter Friedrich hat es nur unzureichend beschrieben : Es sei "sehr beunruhigend, dass zwischen der Mordserie in ganz Deutschland und der rechtsextremen Szene in Thüringen kein Zusammenhang erkannt wurde", sagte er.

Nein, die Sache ist viel schlimmer. Der Fall stürzt die bundesdeutschen Ermittlungsbehörden in die schwerste Krise ihrer Geschichte. Nur ein paar Tage haben ausgereicht, ihren bislang nicht allzu schlechten Ruf zu ruinieren.

 Ein ganzer Apparat gehört auf den Prüfstand

Dabei hatte man sich daran gewöhnt, in einem Land zu leben, in dem die Fahnder eher zu viel tun als zu wenig, um Terrorismus zu verhindern. Dass Polizei und Verfassungsschutz von terroristischen Aktivitäten früh genug Wind bekamen. Dieses Vertrauen war der entscheidende Grund dafür, dass in Deutschland auch dann keine Hysterie ausbrach, wenn der Innenminister vor Terror warnte.

Dieses Vertrauen ist weg. Und es ist unwahrscheinlich, dass es bald zurückkehrt. Wie umfassend dieser Vertrauensverlust ist, zeigt sich an Thüringens Innenminister Jörg Geibert. Der CDU-Politiker zweifelt inzwischen an seinen eigenen Behörden – nackter standen Ermittler und Verfassungsschützer in Deutschland selten da.

Man könnte es sich nun einfach machen und es bei dem Schluss bewenden lassen, dass mancher Sicherheitsapparat hierzulande auf dem rechten Auge blind sei. Tatsächlich gibt es Anhaltspunkte dafür. Wenn in Berlin Autos angezündet werden, ist weder ein Verdächtiger noch ein Bekennerschreiben nötig, damit die Politik vom linken Terrorismus spricht. Das Wort Rechtsterrorismus nahm Innenminister Friedrich gestern zum ersten Mal in den Mund.

Viel entscheidender aber ist die Erkenntnis, dass in Deutschland ein ganzes System erblinden kann. Das schien bislang unmöglich. In einem föderalen Staat, so glaubte man, seien so viele Behörden mit der Aufklärung und der Abwehr von Verbrechen beschäftigt, dass jede Panne irgendwann herauskäme. Ist der eine Dienst unfähig oder ideologisch unterwandert, kommt ein anderer schon dahinter.

Seit Freitag haben wir gelernt, dass dies offenbar ein Trugschluss war. Und das ist die eigentliche Katastrophe: Wenn es einer winzigen Terrorzelle gelingen kann, Deutschlands gesamtes Fahndungssystem außer Gefecht zu setzen, dann gelingt dies anderen auch.

Noch sind die Folgen dieses unglaublichen Falles nicht absehbar. Ein ganzer Apparat gehört auf den Prüfstand, zuallererst Deutschlands Verfassungsschutzämter.