ZEIT ONLINE: Herr Till, die Selbsttötung des Torwarts Robert Enke hat eine Lawine von Berichten in den deutschen Medien ausgelöst. Jetzt hat ein Schiedsrichter einen Suizid-Versuch unternommen. Wie sollten die Medien reagieren, damit es keine Nachahmer gibt?

Benedikt Till: Im Fall Robert Enke war die Berichterstattung furchtbar. Es wurde ziemlich alles ignoriert, was wir empfehlen. Es wurde genau beschrieben, wie er sich getötet hat und die Sprache war sehr emotional. Es wurde sogar gezeigt, was auf dem Grabstein steht. Auch im Fall von Barak Rafati wurde von einer Wanne voller Blut gesprochen und von aufgeschnittenen Pulsadern.

ZEIT ONLINE: Kann man denn wirklich nachweisen, dass es den sogenannten Werther-Effekt bei Suiziden gibt? Dass sich also Menschen selbst töten, nachdem sie in den Medien von einem prominenten Selbstmordfall gehört haben, so wie sich nach Erscheinen von Goethes "Werther" junge Männer umbrachten?

Till: Ja, der Effekt ist schon seit 1974 sehr gut dokumentiert. Unsere Medienrichtlinien haben wir aus der Forschung abgeleitet. Jedes Mal, wenn auf spektakuläre Weise über eine Selbsttötung berichtet wurde, stieg auch die Zahl der Suizide an. Es handelt sich auch nicht nur um Menschen, die sich im Laufe des Jahres sowieso getötet hätten, sondern um zusätzliche Suizide.

ZEIT ONLINE: Seit 1987 gibt es in Österreich diese Medienrichtlinien für den Umgang mit Selbsttötungen. Was empfehlen Sie den Journalisten in dem Leitfaden?

Till: Die Sprache des Berichts sollte möglichst sachlich und unspektakulär sein. Wenn überhaupt berichtet wird, dann kurz und nicht auf der Titelseite. Es sollten keine Bilder des Orts gezeigt werden, wo sich der Betroffene getötet hat und auch nicht beschrieben werden, wie derjenige gestorben ist. Am besten sollten auch Name, Foto, Lebensumstände und Abschiedsbriefe nicht veröffentlicht werden. Die Person darf nicht heroisiert und die Tat nicht romantisiert werden. Das geschieht leicht, wenn man Formulierungen im Sinne von "Er wählte einen besonderen Tod" oder "Sie ist nun ewig vereint mit..." wählt. Auch sollten die Angehörigen in der Schockphase nicht interviewt werden.

ZEIT ONLINE: Im Fall des Schiedsrichters wird nun wieder viel über den hohen Druck geschrieben, dem Fußballer, Trainer und Schiedsrichter ausgesetzt sind. Ist es nicht sinnvoll, dass so eine Debatte angeregt wird?

Till: Das kommt darauf an. Was in solchen Fällen immer wieder passiert, ist, dass über die Motive des Suizids spekuliert wird und sie sehr vereinfacht dargestellt werden. Wenn nur hoher Arbeitsdruck als Grund angenommen wird, ist das aus psychologischer Sicht sowieso zu simplifizierend. Erfahrungsgemäß kommen eine Vielzahl von Gründen zusammen. Studien haben außerdem festgestellt, dass das Identifikationspotenzial viel höher ist, wenn in der Headline "Suizid wegen Scheidung" steht. Viel mehr Leute fühlen sich dadurch persönlich angesprochen als wenn man schreibt, dass viele verschiedene Faktoren zum Suizid geführt haben.

ZEIT ONLINE: Diese Regeln einzuhalten ist schwierig, denn sie widersprechen vielem, was Journalisten tun sollten: anschaulich schreiben, die Details liefern...

Till: Ja, vor allem zum Boulevardjournalismus passen diese Regeln nicht. Wenn es Prominente betrifft wie Robert Enke halten sich auch in Österreich die Medien nicht zurück. Grundsätzlich funktioniert es aber sehr gut. Die Zahl der Berichte über Suizide hat sich stark verringert und die Berichterstattung selbst hat sich verbessert. Wir geben den Journalisten Informationen darüber, was passieren kann. Natürlich will keiner, dass Menschen sterben wegen eines reißerischen Artikels. Auch die Kollegen in Deutschland sagen, dass es eine positive Veränderung gibt.

Reportagen können Menschen auch vom Suizid abhalten

ZEIT ONLINE: Funktioniert es eigentlich auch umgekehrt? Wenn weniger berichtet wird, sinkt die Selbstmordrate?

Till: Ja. In Wien wurde in den 1980er Jahren die erste U-Bahn-Linie gebaut. Daraufhin sind bis 1987 die Suizide auf den Gleisen dramatisch angestiegen. Das war der Anlass, weshalb hier am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien die oben beschriebenen Richtlinien erstellt und alle Journalisten zu einer großen Pressekonferenz eingeladen wurden. Bald gingen die Suizide insgesamt in Wien drastisch zurück, nicht nur die U-Bahn-Suizide. Wenn uns jetzt ein unglücklicher Bericht auffällt, erinnern wir die Journalisten daran. Das funktioniert sehr gut.

ZEIT ONLINE: Noch mal zurück: Können die Medien auch Gutes mit ihren Berichten über einen Suizid bewirken? War es nicht zum Beispiel sinnvoll, dass das Thema Depression nach dem Tod Enkes enttabuisiert wurde?

Till: Prinzipiell geht es nicht nur darum, ob berichtet wird, sondern vor allem auch darum, wie berichtet wird. Oft dienen Hintergrundinformationen nur als Deckmantel, um Spekulationen zu verbreiten und die Auflage zu steigern. Aber einen nachweislich positiven Effekt haben Berichte von Menschen, die in einer schweren Krise waren, diese aber überwunden haben und sich nicht getötet haben. Wir nennen das den "Papageno-Effekt" . Sehr gut sind konkrete Hilfsangebote: Hotlines, wo die Leute Hilfe finden, eine Liste von Warnzeichen für Kollegen und Verwandte, damit sie helfen können.

ZEIT ONLINE: Sollte man Ihre Richtlinien verpflichtend machen?

Till: Nein, auf keinen Fall. Die Pressefreiheit sollte nicht beschnitten werden. In Neuseeland hat man das versucht und ist sehr schlecht damit gefahren. Die Regeln wurden gar nicht angenommen. Man hatte den Eindruck: Nun wurde erst recht darüber berichtet.