Der "Gasthof zur Bergbahn" in Oberweißbach-Lichtenhain © Sean Gallup/Getty Images

Mehr Zusammenarbeit zwischen Bundes- und Landesbehörden – das hatte Innenminister Hans-Peter Friedrich nach den spektakulären Enthüllungen um die drei Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. versprochen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Das Bundeskriminalamt (BKA) und die Ermittler in den Ländern arbeiten derzeit offenbar gegeneinander.

Denn Hans-Peter Friedrich und BKA-Chef Jörg Ziercke haben mit ihren neuen Thesen zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter nicht nur die Familie der Beamtin erzürnt und für Empörung in ihrem Heimatort, dem thüringischen Oberweißbach, gesorgt. Auch die Ermittler in Thüringen und Heilbronn sind seit Montag schwer frustriert, wie aus deren Kreisen verlautet.

An jenem Tag hatte der BKA-Präsident in einer Sondersitzung des Innenausschusses des Bundestags und vor der Presse bekanntgegeben, dass es Verbindungen der Familie der getöteten Polizistin zu den drei Neonazis aus Thüringen gegeben haben könnte.

Ziercke sprach gleichfalls vom Konflikt um einen Gasthof, um den sich die Familie Kiesewetter beworben hatte. Dort hätten Treffen von Rechtsextremen stattgefunden. Auch habe Michèle Kiesewetter zwischen 2001 und 2003 gegenüber dieser Gaststätte gewohnt. Plötzlich war davon die Rede, dass Opfer und Täter einander gekannt haben könnten, dass es sich um eine "Beziehungstat" gehandelt haben könnte.

Damit war den Spekulationen das Feld bereitet. Und über die Familie Kiesewetter und ihren Heimatort brach ein mediales Unwetter los. Denn Ziercke hatte auch verkündet, dass Kiesewetters Stiefvater in einem anderen Lokal einen Koch mit demselben Nachnamen wie Beate Z. angestellt habe. Die Familie Kiesewetter bezeichnete dies als "Unsinn".

Spekulationen darüber, dass Michèle Kiesewetter oder ihre Familie die späteren Mörder gekannt haben könnten, gab es schon länger. In den vergangenen Wochen waren Heilbronner und Thüringer Ermittler mehrfach in Thüringen unterwegs gewesen, um mögliche Verbindungen zu prüfen – auch in Oberweißbach. Nach Angaben aus Erfurter LKA-Kreisen hatte man jedoch "die Geschichte nicht hart machen können".

Trotzdem ging Ziercke am Montag damit hausieren. Der parteilose Bürgermeister Jens Ungelenk kritisierte dies am Dienstag scharf: Es sei "unverantwortlich", derartige "Halbwahrheiten" zu verbreiten, weil "unbescholtene Bürger" ins Kreuzfeuer gerieten.

Tatsächlich hatte die Gemeinde den "Gasthof an der Bergbahn" in Lichtenhain, einem Ortsteil von Oberweißbach, mehrfach ausgeschrieben. Es gibt in dem 300-Seelen-Dorf viele Gaststätten und Hotels, Touristen nutzen die Bergbahn für Ausflüge auf den Rennsteig. Die Kiesewetters hatten sich nach Angaben des Ordnungsamts um den Gasthof bemüht – allerdings schon Mitte der 1990er-Jahre. Weil sie die Bedingung einer Investition von 50.000 Euro aber nicht erfüllen konnten, wurde daraus nichts. Danach stand der Gasthof immer wieder leer. Erst zehn Jahre später trat David F. auf, der den Gasthof im Dezember 2005 wiedereröffnete. 

Neonazi-Treffen im Gasthof

Im März 2006 – drei Jahre nachdem Michèle Kiesewetter zur Polizeiausbildung nach Baden-Württemberg gezogen war – trafen sich in dem Gasthof laut Thüringer Verfassungsschutz rund 150 Rechtsextreme. Unter anderem soll bei der von NPD und Neonazis organisierten "Anti-Globalisierungs"-Veranstaltung, die von der Polizei aufgelöst wurde, der Liedermacher Frank Rennicke aufgetreten sein. Laut dem damaligen Bürgermeister Ingo Lödel drohte die Gemeinde danach damit, den Pachtvertrag zu kündigen. Der Pächter habe den Gasthof dann aber 2006 von selbst aufgegeben.

Dennoch gibt es Verbindungen zur Mordserie: F. ist der Schwager des ehemaligen Thüringer NPD-Vizes Ralf W., der als einer der Unterstützer der drei Neonazis gilt. Er soll der Neonazi-Gruppe bei ihrer Flucht geholfen haben.

Ansonsten aber scheint nicht viel Substantielles an dem, was Ziercke am Montag verkündete. Ja, es scheint nicht einmal nicht zu stimmen, dass Michèle Kiesewetter im Alter von 16 bis 18 Jahren in der Nähe der Gaststätte wohnte. Jedenfalls war sie dort nie gemeldet und auch Einwohner berichten, nach ihrer Erinnerung habe die junge Frau nie im Ortsteil Lichtenhain gewohnt, sondern immer direkt in Oberweißbach. Ähnlich äußerte sich der Stiefvater der getöteten Polizistin