MinderheitenAuch Schwarze wollen Indianer sein

Der Stamm der Cherokee streitet mit den Nachkommen seiner schwarzen Sklaven darüber, wer ein richtiger Indianer ist. Es geht um Geld – und um das amerikanische Selbstverständnis. von 

Der Häuptling eines Cherokee-Stammes während einer Zeremonie in Washington D.C.

Der Häuptling eines Cherokee-Stammes während einer Zeremonie in Washington D.C.  |  © BRENDAN SMIALOWSKI/AFP/Getty Images

Wer ist ein richtiger Indianer? Darüber streiten sich die Cherokee in Oklahoma und rund 2.800 sogenannte Freedman. Die Freedman sind Nachkommen der schwarzen Sklaven, die der Cherokee-Stamm hatte, als er noch in Tennessee und Georgia lebte. Sie berufen sich auf ein Abkommen von 1866 zwischen den Cherokee und der Regierung in Washington, das ihnen volle Stammesrechte zugesteht. Der Stamm, der 300.000 Mitglieder in Oklahoma hat, will aber nur Leute aufnehmen , die zumindest einen Cherokee-Großelternteil haben.

Es geht nicht zuletzt um Geld. Denn die Freedman wollen am sozialen Netz des Stammes teilhaben, das von subventionierten Krankenhäusern über verbilligte Wohnungen bis zu Essensmarken reicht. Und die Bundesregierung hat ihrerseits gedroht, diese Subventionen zu streichen, wenn die Freedman nicht anerkannt werden.

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Aber es geht auch um das amerikanische Selbstverständnis. Amerikaner ist jeder, der in den USA geboren oder eingebürgert wurde. Cherokee aber definieren sich letztlich ethnisch, und das um so mehr, seit sie sich in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich gegen die Zerstörung ihrer indigenen Kultur wehren.

Lange hatten die weißen Siedler die Indianer Nordamerikas bekriegt , in Reservate gesperrt und zuletzt zwangsassimiliert. Indianische Kinder wurden in Internate verschleppt, wo ihnen ihre Sprache und ihre Religion verboten wurden. Die Cherokee sind einer von fünf Stämmen, die von US-Präsident Andrew Jackson mit dem Indian Removal Act von 1830 aus dem Alten Süden vertrieben wurden. Soldaten zwangen die Indianer 1838 zu einem Todesmarsch über tausend Meilen im eisigen Winter. Während dieses so genannten Trail of Tears und der vorausgegangenen Internierung kam knapp die Hälfte des Stammes um.

Dabei hatten gerade die Cherokee versucht, sich in die weiße Kultur zu assimilieren, in der Hoffnung verschont zu werden. Sie wohnten in steinernen Häusern, trugen moderne Kleidung, gaben sich eine Verfassung angelehnt an die der USA. Sie entwickelten eine Schrift, in der sie auch die Bibel druckten, verlegten eine eigene Zeitung, den Cherokee Phoenix , und zogen zuletzt vor den Supreme Court, das oberste Gericht der USA, um ihre Vertreibung zu verhindern. Dort bekamen sie auch Recht, aber Jackson setzte sich darüber hinweg.

Zwei Prozent Sklavenhalter

Zur Anpassung an die weiße Kultur zählte auch, dass einige der Cherokee Sklaven hielten; der Stamm spricht von zwei Prozent Sklavenhaltern. Die Sklaven mussten mit auf den Todesmarsch. 1863 wurden sie freigelassen, zwei Jahre vor Ende des Bürgerkriegs – und freiwillig, wie die Cherokee betonen. 1866 verfügte Washington, dass alle Schwarzen, die auf Stammesland lebten, auch zum Stamm gehörten – es war eine von vielen Versuchen, so viele Schwarze wie möglich loszuwerden. Denn Oklahoma war damals noch kein US-Bundesstaat. Die Cherokee versuchten auch, auf dem Territorium einen eigenen Staat auszurufen, der Sequoyah heißen sollte, aber Washington legte sein Veto ein. 1907 wurde Oklahoma gegründet.

Erst in den vergangenen Jahrzehnten erkämpften sich viele Stämme das Recht auf ihre eigene Kultur zurück. Sie erhielten damit auch einen semi-autonomen Status. Es gelten für sie zwar die Gesetze des Federal Governments, nicht aber die der Bundesstaaten. Seitdem dürfen die Stämme eigene Zigaretten- und Benzinsteuern erheben und Casinos betreiben. Davon wurden viele wohlhabend, auch die Cherokee.

Leserkommentare
  1. Leser nicht bekannt war. Aber die Freedmen haben sicherlich
    recht und wenn sie nur 1 % der Stammesbevoelkerung ausmachen
    sollte es gar kein Problem sein, ihnen die gleichen Rechte
    zuzugestehen. So wird auch sicherlich das Gericht entscheiden. Man stelle sich vor in Deutschland wuerde den
    Kowalskis und Schimanskis, die vor 1900 in den Ruhrpott kamen, die Buergerrechte aberkannt!

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    "Jede unabhängige Nation hat das Recht zu bestimmen, wer ihr Bürger sei."
    Da ist Cara Cohan-Watts uneingeschränkt zuzustimmen.

    "Man stelle sich vor, in Deutschland würden den Kowalskis und Schimanskis, die vor 1900 in den Ruhrpott kamen, die Bürgerrechte aberkannt!"
    Warum sollte auch den Nachfahren jener deutschen Staatsbürger, die zu Beginn der vorletzten Jahrhundertwende ihren Arbeitsplatz innerhalb des Deutschen Reiches gewechselt haben, etwa von Gleiwitz oder Beuthen ins Ruhrgebiet, die Staatsbürgerschaft entzogen werden?
    Wie kommen Sie überhaupt auf so etwas?
    Ich verstehe gar nicht, was Sie meinen.

    Hier geht es nicht um die Aberkennung der Staatsangehörigkeit der im Ruhrpott lebenden Kowalskis oder Schimanskis:Sie sind Deutsche.Würden Kowalskis im nördlichen Teil Deutschlands,dort wo es noch Samen gibt,leben,wären sie auch Deutsche und gehörten nicht der Volksgruppe der Samen an.
    Wären meine Vohrfahren vor 100 Jahren in Alaska eingewandert,wäre ich bis heute kein Inuit.
    Würde ich die rumänische oder bulgarische Staatsangehörigkeit besitzen,wäre ich Rumäne oder Bulgare.Ich wäre jedoch keinesfalls vom Stamm der Sinti oder Roma.
    So kann die Geschichte noch vielfältige Facetten haben:Stammesangehöriger bin ich dann,wenn ich in den Stamm hineingeboren wurde,weil ein Teil meiner Ahnen Teil von diesem Stamm war.Ansonsten kann ich ein guter und verlässlicher Freund sein.
    Rassismus ist bei der Geschichte der Cherokee aussen vor.

    • Azenion
    • 04. November 2011 18:50 Uhr

    Zwar können in der Tat Staaten festlegen, wer ihr Bürger ist. Allerdings Bürgern die Staatsangehörigkeit gegen ihren Willen zu entziehen, das geht im zivilisierten Teil der Welt gar nicht.

  2. "Jede unabhängige Nation hat das Recht zu bestimmen, wer ihr Bürger sei."
    Da ist Cara Cohan-Watts uneingeschränkt zuzustimmen.

    "Man stelle sich vor, in Deutschland würden den Kowalskis und Schimanskis, die vor 1900 in den Ruhrpott kamen, die Bürgerrechte aberkannt!"
    Warum sollte auch den Nachfahren jener deutschen Staatsbürger, die zu Beginn der vorletzten Jahrhundertwende ihren Arbeitsplatz innerhalb des Deutschen Reiches gewechselt haben, etwa von Gleiwitz oder Beuthen ins Ruhrgebiet, die Staatsbürgerschaft entzogen werden?
    Wie kommen Sie überhaupt auf so etwas?
    Ich verstehe gar nicht, was Sie meinen.

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    die damals in den Ruhrpott uebersiedelten. In jedem Fall
    ist es ein Unding, Menschen, die seit mehr als 100 Jahren
    an einem Ort leben und arbeiten, ausschliessen zu wollen.
    Und die "unabhaengige Nation der Cherokee" kann diese
    Menschen genausowenig ausschliessen wie die Amerikaner es
    generell nicht tun koennen.

  3. die damals in den Ruhrpott uebersiedelten. In jedem Fall
    ist es ein Unding, Menschen, die seit mehr als 100 Jahren
    an einem Ort leben und arbeiten, ausschliessen zu wollen.
    Und die "unabhaengige Nation der Cherokee" kann diese
    Menschen genausowenig ausschliessen wie die Amerikaner es
    generell nicht tun koennen.

  4. Jede unabhängige Nation habe das Recht, zu bestimmen, wer ihr Bürger sei.

  5. Bitte verzichten Sie auf die Befürwortung nazistischer Ideen. Danke, die Redaktion/fk.

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    Alle Menschen definieren sich ethnisch.

  6. Alle Menschen definieren sich ethnisch.

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    Ich definiere mich über vieles, aber nicht über meine Ethnie, vulgo Rasse. Sie ist eine faktische Gegebenheit. Auf diese stolz zu sein oder damit zu hadern ist schlichtweg albern. Sich über Dinge zu definieren oder besser definieren lassen, die man nicht beeinflussen kann, ist nichts als ein Zeichen von Unmündigkeit.

  7. geht es ja andersherum als:

    "Wann wird Deutschland die sittliche Reife für die Einführung der Blut-und-Boden-Ideologie erreichen?"

    Mein Blut ist genauso gut/schlecht wie das von Franzosen, Polen, Indianern oder sonst wem und der Boden auf dem ich lebe ist zufällig dieser weil ich hier geboren wurde, eine Ideologie die sich auf solche Willkürlichen Begriffe stützt gehört in die letzten Jahrhunderte.

    "Alle Menschen definieren sich ethnisch."

    Wenn ich mich überhaupt "definiere", dann als Mensch, sie sollten also von ihrer Ansicht nicht auf die Ansichten schlapper 7 Milliarden anderer Menschen schließen.

    Den Menschen kann man als konkrete Synthese sehen und achten, nicht als Zugehöriger einer natürlichen und kulturellen Spezies, einer bestimmten Ethnie, Religion, Nation, Moral oder politischen Gesinnungsgemeinschaft.
    Entscheidend ist, was der Mensch aus ihnen macht bzw. was er aus dem macht, wozu man ihn gemacht hat.
    Diese Wahl und Tat liegt in unserer Verantwortung und macht unsere Würde aus. Aber bestimmt nicht alleine das Kriterium der Ethnie.

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