Bundespräsident Christian Wulff hat die Angehörigen der Opfer der rechtsextremistischen Mordserie zum Gespräch ins Schloss Bellevue eingeladen. Es sei zu fragen, ob wir uns "von Vorurteilen haben fehlleiten lassen". Auch wenn Wulff diese Frage bisher nur aufwirft und nicht beantwortet, ist seine Einladung an die Hinterbliebenen schon jetzt das Eingeständnis von Versäumnissen, vielleicht von Schuld. Dafür gebührt ihm Anerkennung. Ein demokratischer Staat muss gegenüber Menschen, deren Angehörige rund 60 Jahre nach der NS-Diktatur von Rechtsextremen umgebracht worden sind, eine klare Haltung einnehmen.

Angehörige der Mordopfer berichteten in den vergangenen Tagen, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen oftmals unterstellte, die Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder seien in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen und deshalb getötet worden. Äußerten die Hinterbliebenen einen anderen Verdacht – nämlich den, der sich nun bestätigt hat – sei ihnen nicht geglaubt worden. Mit diesen Verdächtigungen und Diffamierungen mussten sie jahrelang leben. Hier gilt es, Wiedergutmachung zu leisten.

Eine große Trauerfeier soll nach Angaben der Bundesregierung zunächst nicht stattfinden, zumindest nicht bevor die Verbrechen vollständig aufgeklärt sind. Ein Staatsakt wäre zweifelsohne eine große Geste. Er würde das Leid der Hinterbliebenen auf eindrucksvolle Weise anerkennen und ihnen damit möglicherweise bei der Trauerarbeit helfen.

Doch bei großen Gesten und Symbolpolitik darf es nicht bleiben. Die Gewalttaten sind dringender Anlass, die Frage zu stellen, wie rassistisch unsere Gesellschaft ist – im alltäglichen Leben. Denn es ist Alltag in Deutschland, dass Job-Bewerber mit nicht-deutschen Namen aussortiert werden. Es ist Alltag, dass Vermieter ihre Wohnungen gerne mit einer "rein deutschen Nachbarschaft" anpreisen und gar offen sagen, dass sie keine "Ausländer" haben wollen. Diese Liste ließe sich noch lange fortführen.

Erst vor kurzem feierte Deutschland mit viel Tamtam das 50-jährige Jubiläum des Anwerbeabkommens mit der Türkei . Nachdem wenig später das Jenaer Rechtsextremisten-Trio entdeckt wurde, machte schnell wieder der völlig unangemessene Begriff der "Döner-Morde" die Runde. Er ist längst Teil der Alltagssprache, wurde von etlichen Medien kritiklos übernommen, auch von ZEIT ONLINE. Dabei hätte vielleicht schon ein kurzes Nachdenken zu der Erkenntnis geführt, dass durch die Attentate keine fleischgefüllten Teigtaschen zu Tode gekommen sind, sondern niemand anderes als Bürger dieses Landes. Es gilt, sie endlich als solche anzuerkennen, uneingeschränkt.