Die Armut in Deutschland geht auch in Zeiten guter Konjunktur nicht zurück. Etwa zwölf Millionen Menschen sind hierzulande armutsgefährdet. Das sind 14,5 Prozent der Bevölkerung, das entspricht etwa jedem siebten Bürger. Das teilte der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem Armutsberichts 2011 mit.

Im Osten ist die Gefahr, arm zu werden, nach wie vor größer als im Westen: In Westdeutschland lag die Armutsquote vergangenes Jahr bei 13,3 Prozent, in Ostdeutschland bei 19 Prozent.

Von Armutsnähe oder Armutsgefährdung wird gesprochen, wenn jemand weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens hat. 2010 lag die Armutsgefährdungsschwelle für einen Single-Haushalt bei 826 Euro, für eine vierköpfige Familie lag sie bei 1.735 Euro.

In NRW und Berlin wächst die Armut

Besonders die Bundesländer Berlin und Nordrhein-Westfalen zeigen der Studie zufolge einen deutlichen Negativtrend. In der Hauptstadt stieg die Armutsgefährdungsquote von 17,0 Prozent im Jahr 2006 auf 19,2 Prozent im vergangenen Jahr an, in NRW von 13,9 auf 15,4 Prozent. Im Ruhrgebiet, dem größten Ballungsraum Deutschlands, gebe es "sehr hohe Armutsquoten mit seit Jahren steigender Tendenz", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Ulrich Schneider. "Wenn dieser Kessel mit fünf Millionen Menschen einmal zu kochen anfängt, dürfte es schwer fallen, ihn wieder abzukühlen."

In beiden Bundesländer stiegt die Armutsquote, obwohl der Anteil der Hartz-IV-Empfänger an der Bevölkerung fast gleichblieb. Das zeige, dass auch Menschen oberhalb des Hartz-IV-Bezugs zunehmend von Armut betroffen seien. In Berlin war die Hartz-IV-Quote 2011 bundesweit mit 21,1 Prozent am höchsten, lag aber etwas unter dem Niveau der Vorjahre. In Nordrhein-Westfalen war sie mit 11,3 Prozent ebenfalls niedriger als zuvor.

Bayern und Baden-Württemberg haben mit 10,8 beziehungsweise 11,0 Prozent im bundesweiten Vergleich die niedrigste Armutsquote. Aber auch dort seien die Zahlen kaum gesunken, stellte der Wohlfahrtsverband fest. Im Freistaat sank die Armutsquote innerhalb von fünf Jahren lediglich um 0,6 Prozent, Baden-Württemberg verzeichnete einen Anstieg um 0,4 Prozent.

Alarmierend sei, dass auch in Zeiten starken Wachstums wie 2006, 2007 oder 2010 die Armut nicht zurückging. "Es handelt sich um eine Verhärtung der Armut auf sehr hohem Niveau", sagte Schneider.

Er fordert die Bundesregierung zu einer Kehrtwende auf: "Wo die Wirtschaft nicht für sozialen Ausgleich sorgt, ist die Politik gefordert." Wer Armut glaubhaft bekämpfen wolle, müsse die Hartz-IV-Sätze erhöhen, öffentliche Beschäftigung ausbauen, die Bildungschancen benachteiligter Kinder sichern und der drohenden Altersarmut vorbeugen. Zur Finanzierung forderte der Verband eine deutlich stärkere Besteuerung von großen Erbschaften, Vermögen sowie hohen Einkommen.