Migration Israel wird den Säkularen zu religiös

Viele Juden aus Israel wandern in die USA aus, weil die Ultrareligiösen immer größeren Einfluss gewinnen. Israel versucht mit Werbekampagnen gegenzusteuern.

Juden beten im New Yorker Prospect Park.

Juden beten im New Yorker Prospect Park.

In New Yorks Upper West Side lebt die alteingesessene, liberale, jüdische Boheme: Theatergrößen wie Stephen Sondheim und Tony Kushner, TV-Stars wie Jerry Seinfeld und Autoren wie Frank Rich. Auch Institutionen wie die von Felix Adler gegründete Society for Ethical Culture und das Leonard Nimoy’s Symphony Space sind hier, sowie die nach Stephen Wise benannte Reformsynagoge und das Jewish Cultural Center von Manhattan.

Aber in den letzten Jahren hat sich die Upper West Side verändert: Man hört in den Straßencafés immer öfter Hebräisch oder Englisch mit hebräischen Akzent. Männer mit Kippa — vor zehn Jahren praktisch nicht-existent — schlendern den Broadway hinunter; es sind keine Orthodoxen. Die sind an ihren langen schwarzen Mänteln und Schläfenlocken zu erkennen. Aber sie sind doch anders als die Säkularen der Upper West Side, deren Jüdischsein sich darin erschöpft, Bagels zum Frühstück zu essen. Immer mehr Supermärkte eröffnen koschere Sektionen. Und Zeitungskioske, die früher allenfalls die englische Ausgabe der Jerusalem Post ausgelegt haben, bieten nun alle israelische Zeitungen an — auf hebräisch. Denn in den letzten Jahren gab es eine Massenimmigration von Israel nach New York. Und viele der Auswanderer sind säkulare Juden, denen Israel zu religiös und repressiv wurde.

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Niemand weiß genau, wie viele Israelis in die USA übergesiedelt sind, schon deshalb, weil das ein Politikum ist, über das die israelische Regierung keine Statistiken veröffentlicht. "Nach dem zionistischen Ethos", sagt Nathan Guttman, Redakteur der jüdischen Zeitung Forward, "sollten Juden in Israel leben". Nach einem Bericht der New York Daily News von 2005, die sich auf das israelische Konsulat beruft, lebten damals bereits rund 800.000 Israelis in Amerika, davon die Hälfte in New York. Das sind mehr als in Tel Aviv. Dem Department of Homeland Security zufolge reisen jährlich mehr als 300.000 Israelis als Touristen ein. Knapp 18.000 sind mit einem temporären Arbeitsvisum in den USA. Die meisten davon gehen zwar wieder, aber manche bleiben auch — teilweise illegal, teilweise heiraten sie amerikanische Juden, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Für ein Land mit sieben Millionen Einwohnern ist das viel, zumal viele Israelis außer in die USA auch nach Europa, Kanada oder Australien auswandern, sagt Guttman.

Shira und Orin gehören zu denen, die mit einem Arbeitsvisum nach Amerika gekommen sind, vor fünf Jahren. Erst lebte das junge Paar in New York, dann zogen sie nach Los Angeles weiter, in einen Stadtteil namens Little Armenia, obwohl sie sich in New York wohler fühlten. Beide sind Schauspieler, und dafür sei es in L.A. besser, sagt Shira, eine zierliche Frau mit langen, dunklen Haaren. Sie sind nicht die einzigen. "Viele Israelis sind in Hollywood und hoffen, Karriere zu machen", meint Shira. Bleiben wollen die beiden nicht, denn sie vermissen ihre Familie und Freunde.

Sela hingegen ist angekommen. Er kam ebenfalls vor ein paar Jahren nach New York, allerdings mit seinen Eltern. Damals war er 17 Jahre alt. "Meine Eltern sind Linke, und denen wurde Israel einfach zu rechts", sagt er. "Die kommen aus der Kibbutz-Bewegung und die wollten nicht mehr zugucken, wie die Religiösen Ultras alles übernehmen." Er arbeitet heute bei einem Internet-Start-up im liberalen Manhattan.

"Viele säkulare Juden wollen aus Israel fort, weil die Religiösen dort immer mehr den Ton angeben", sagt Guttman. Auch Roger Cohen, Kolumnist bei der New York Times, ist zunehmend von ehemaligen Israelis umgeben. "Sie sorgen sich darum, dass Israel in ein illiberales Lager abdriftet, aber auch um den zunehmenden Nationalismus, den wachsenden Einfluss der Ultrareligiösen, diese festgefahrene Situation, die eines Tages entweder Israels Jüdischsein oder seine Demokratie bedrohen wird", schreibt er. "Sie verlassen das Land, weil sie das nicht wollen, aber nicht mehr glauben, dass sich das jemals ändert."

Daneben kommen aber auch russische Juden, die ohnehin nur nach Israel ausgewandert sind, um dort einen Pass zu beantragen, sagt Guttman. Sobald sie den haben, emigrieren sie nach Amerika, manchmal nur Wochen später. Auch diese Leute sind in der Regel säkular. "Es gibt aber auch Orthodoxe aus New York, die nach Israel gehen, um dort die Staatsbürgerschaft zu beantragen, die aber nicht auf Dauer im Land leben wollen." Reservisten wandern auch aus, weil sie nicht mehr auf ewig zum Dienst gerufen werden wollen. Und es kommen junge Männer, die schnelles Geld verdienen wollen.

Leser-Kommentare
  1. verfassungstreue Buerger in die Auswanderung treiben
    kann, ist ein Unding. Die Regierung muss die Legalitaet
    (wieder)herstellen.

    12 Leser-Empfehlungen
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    • FZ
    • 27.12.2011 um 11:44 Uhr

    Ich glaube, die Regierung ist Teil des Problems... - dass Netanyahu gerne mit rechten und orthodoxen Extremisten koaliert und seinen Juniorpartnern zum Zwecke eigenen Macterhalts permanent radikale Bonbons zuwirft, die auf Kosten von Sicherheit und des Greifbarwerdens einer Friedenslösung gehen, dürfte einer der Hauptgründe sein, zu gehen.

    Diese Regierung wird - schätze ich - nicht gegensteuern können.

    • PigDog
    • 27.12.2011 um 13:25 Uhr

    ist ganz sicher Teil (möglicherweise sogar Ursache...) dieses Problems.
    Und ich denke auch daß sie daran nichts ändern kann und nichts ändern will.

    Israel rühmt sich allerdings beständig, die einzige Demokratie dort unten zu sein. Von daher ist es ganz einfach die Aufgabe der Israelis, ganz demokratisch eine Regierung zu wählen, welche die Extremisten in die Schranken weist.

    Es sei denn, die Mehrheit der Israelis will das gar nicht.
    Dann müssen sie halt mit den Konsequenzen (zunehmende internationale Isolierung) klarkommen!

    • Suryo
    • 27.12.2011 um 17:17 Uhr

    ...daß der Staat Israel gar keine Verfassung hat.

    In diesen Grundgesetzen werden die wichgsten staatlichen Institutionen geregelt und auch was die Hauptstadt ist....

    Aber solange die Menschen hier in D-Land so gut wie gar nichts ueber das Judentum wissen und die wenigsten von ihnen je bewusst einem lebendigen Juden gegenueber gestanden sind, solange wuerde ich diesen Zeitgenossen zu etwas mehr Vorsicht bei ihren Meinungsbekundungen und ihren Ratschlaegen raten!

    • FZ
    • 27.12.2011 um 11:44 Uhr

    Ich glaube, die Regierung ist Teil des Problems... - dass Netanyahu gerne mit rechten und orthodoxen Extremisten koaliert und seinen Juniorpartnern zum Zwecke eigenen Macterhalts permanent radikale Bonbons zuwirft, die auf Kosten von Sicherheit und des Greifbarwerdens einer Friedenslösung gehen, dürfte einer der Hauptgründe sein, zu gehen.

    Diese Regierung wird - schätze ich - nicht gegensteuern können.

    • PigDog
    • 27.12.2011 um 13:25 Uhr

    ist ganz sicher Teil (möglicherweise sogar Ursache...) dieses Problems.
    Und ich denke auch daß sie daran nichts ändern kann und nichts ändern will.

    Israel rühmt sich allerdings beständig, die einzige Demokratie dort unten zu sein. Von daher ist es ganz einfach die Aufgabe der Israelis, ganz demokratisch eine Regierung zu wählen, welche die Extremisten in die Schranken weist.

    Es sei denn, die Mehrheit der Israelis will das gar nicht.
    Dann müssen sie halt mit den Konsequenzen (zunehmende internationale Isolierung) klarkommen!

    • Suryo
    • 27.12.2011 um 17:17 Uhr

    ...daß der Staat Israel gar keine Verfassung hat.

    In diesen Grundgesetzen werden die wichgsten staatlichen Institutionen geregelt und auch was die Hauptstadt ist....

    Aber solange die Menschen hier in D-Land so gut wie gar nichts ueber das Judentum wissen und die wenigsten von ihnen je bewusst einem lebendigen Juden gegenueber gestanden sind, solange wuerde ich diesen Zeitgenossen zu etwas mehr Vorsicht bei ihren Meinungsbekundungen und ihren Ratschlaegen raten!

  2. Aus der Weltgeschichte wissen wir, dass religiöse Fundamentalisten zum Schlimmsten bereit sind. Atomwaffen in deren Hände zu wissen, ist mehr als ein Alptraum.

    Bitte argumentieren Sie differenziert. Danke. Die Redaktion/sc

    24 Leser-Empfehlungen
    • Hermez
    • 27.12.2011 um 11:22 Uhr

    gibt es leider überall.Durch das Verhalten der orthodoxen Juden wird das ohnehin angeschlagene Image Israels noch weiter
    zerstört und Vorurteile bestätigt.Das wird niemandem nützen, am allerwenigsten den Orthodoxen.

    15 Leser-Empfehlungen
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    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke. Die Redaktion/ag

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke. Die Redaktion/ag

    • MichaM
    • 27.12.2011 um 11:27 Uhr

    Bei der Religon finde ich den Glauben an das Gute und die 10 Gebote wichtig die Auslegung welche zum Fanatismus anstiftet sowie die Apokalypse hätte man ruhig weglassen können

    Was ist das für eine Religion die das Ende der Welt anbetet?

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    "was ist das für eine religion die das ende der welt anbetet?"

    nun jede religion hat ihre apogalypse!
    diese apogalypse kann man von den 4 heiligen büchern(das buch des davids,tora,bibel,kuran) entnehmen.nur der haken ist das die religion des moses,des jesus,des muhammeds mit den heutigen angeblichen hüter dieser religionen nichts zu tun hat.
    denn diese 3 personen moses,jesus,muhammed waren reformer und revulutionäre gegen die damaligen mächte(wie z.b. heute die wto oder nato).
    der neue erscheiner wird die heutigen mächte vernichten und danach wird alles von null anfangen, der neue kalender wird anders heissen .man wird sagen die zeit vor mahdi und die zeit nach mahdi.

    "was ist das für eine religion die das ende der welt anbetet?"

    nun jede religion hat ihre apogalypse!
    diese apogalypse kann man von den 4 heiligen büchern(das buch des davids,tora,bibel,kuran) entnehmen.nur der haken ist das die religion des moses,des jesus,des muhammeds mit den heutigen angeblichen hüter dieser religionen nichts zu tun hat.
    denn diese 3 personen moses,jesus,muhammed waren reformer und revulutionäre gegen die damaligen mächte(wie z.b. heute die wto oder nato).
    der neue erscheiner wird die heutigen mächte vernichten und danach wird alles von null anfangen, der neue kalender wird anders heissen .man wird sagen die zeit vor mahdi und die zeit nach mahdi.

    • FZ
    • 27.12.2011 um 11:44 Uhr

    Ich glaube, die Regierung ist Teil des Problems... - dass Netanyahu gerne mit rechten und orthodoxen Extremisten koaliert und seinen Juniorpartnern zum Zwecke eigenen Macterhalts permanent radikale Bonbons zuwirft, die auf Kosten von Sicherheit und des Greifbarwerdens einer Friedenslösung gehen, dürfte einer der Hauptgründe sein, zu gehen.

    Diese Regierung wird - schätze ich - nicht gegensteuern können.

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    sondern vielmehr des Wollens. Läge es am "Können", müsste die Regierung zurücktreten.

    sondern vielmehr des Wollens. Läge es am "Können", müsste die Regierung zurücktreten.

  3. sondern vielmehr des Wollens. Läge es am "Können", müsste die Regierung zurücktreten.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Regierung"
    • _bla_
    • 27.12.2011 um 11:58 Uhr

    Offenbar geht der Trend doch sogar noch weiter als der Titel vermittelt und Israel wird selbst viel religiösen zu orthodox. Denn offenbar wandern selbst Juden aus, die auf Religion und die Einhaltung entsprechender Speiseregeln wert legen, also gerade keine säkularen Juden.

    • Hickey
    • 27.12.2011 um 11:59 Uhr

    Die leben immer noch in der Vergangenheit, statt endlich aufzuwachen und nach vorne zu blicken.

    Ich kann die jungen Juden verstehen und finde ihr Verhalten sehr gut, denn sie zeigen ihrem eigenen Staat auf, das Religion heute überbewertet wird.

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    Durch die Abwanderung nehmen jedoch jene den freien Platzt ein die bleiben: eben die Orthodoxen.

    Ähnlich wie bei Ländern, die durch wirtschaflich und politisch bedingten Abwanderungswellen betroffen sind, ist eine solche Abwertsspirale nur schwer zu stoppen.

    • Hickey
    • 02.01.2012 um 12:14 Uhr

    ...denn wenn qualifizierte Israelis das Land verlassen, schadet es diesem ebenfalls.

    Aus diesem Grund wird man versuchen müssen sich irgendwo in der Mitte zu treffen.

    Ich meine eine studierte Israelin, die meinetwegen auch hier als Physikerin arbeiten könnte, wird ihr Land verlassen wollen, wenn sie nicht so religiös ist das sie sich den Forderungen der Ultraorthodoxen anpassen will.

    Alleine aus diesem Grund...muss man die Fanatiker bremsen, denn Fanatiker sind selten gute Wissenschaftler :)

    Durch die Abwanderung nehmen jedoch jene den freien Platzt ein die bleiben: eben die Orthodoxen.

    Ähnlich wie bei Ländern, die durch wirtschaflich und politisch bedingten Abwanderungswellen betroffen sind, ist eine solche Abwertsspirale nur schwer zu stoppen.

    • Hickey
    • 02.01.2012 um 12:14 Uhr

    ...denn wenn qualifizierte Israelis das Land verlassen, schadet es diesem ebenfalls.

    Aus diesem Grund wird man versuchen müssen sich irgendwo in der Mitte zu treffen.

    Ich meine eine studierte Israelin, die meinetwegen auch hier als Physikerin arbeiten könnte, wird ihr Land verlassen wollen, wenn sie nicht so religiös ist das sie sich den Forderungen der Ultraorthodoxen anpassen will.

    Alleine aus diesem Grund...muss man die Fanatiker bremsen, denn Fanatiker sind selten gute Wissenschaftler :)

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