Nachruf Abschied vom Seelendeuter der Republik

Für Horst-Eberhard Richter war "alles Analyse". Er war Vorreiter der Friedensbewegung, ein kluger Zuhörer und dennoch Bestseller-Autor. Ein Nachruf

Horst-Eberhard Richter (Foto vom 13.10.1996)

Horst-Eberhard Richter (Foto vom 13.10.1996)

Sehr gebrechlich wirkte er, als er zuletzt in Berlin auftrat, um sein neues – jetzt muss man sagen: letztes – Buch vorzustellen, das den Titel trug: Moral in Zeiten der Krise. Schon der Titel verrät das Lebensprogramm von Horst-Eberhard Richter. Versammelt hat er darin noch einmal, gleichsam in Kürzestfassung, alle seine Lieblingsthemen, vom Menschen, der sich und die anderen akzeptieren lernen muss, bis hin zur Warnung, nicht Gott spielen zu wollen: Fukushima und Tsunami hätten doch erst wieder bewiesen, dass etwas anderes stärker ist.

Näher kennengelernt, soweit das zu sagen erlaubt ist, habe ich den Gießener Hochschullehrer und Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt in den frühen 1990er Jahren. Richter leitete einen Ost-West-Gesprächskreis, in dem Schriftsteller, Theologen, Journalisten und Politiker versammelt waren. Von Christa Wolf und Christoph Hein oder Friedrich Schorlemmer bis Marion Dönhoff, Richard von Weizsäcker, Antje Vollmer oder (gelegentlich) Oskar Lafontaine reichte die Bandbreite. Schwierigste Themen kamen zur Sprache, seelische Verwundungen, aber auch tiefe politische Diskrepanzen.

Vorstellen muss man sich Richter als einen Moderator im Runden Kreis, aber als exaktes Gegenbild zum heutigen Talkmaster. Alles setzte er dem Gespräch aus, alles war "Analyse", ständig. Er sprach mit leiser und sehr klarer Stimme, und wie er das machte, steckte immer ein Stück Anerkennung für denjenigen darin, der sich äußerte. Eine eigentümlich befreiende Wirkung ging davon aus und auch das Gefühl, auf diskursive Weise würden Bande geknüpft, die halten.

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Natürlich zählte Horst-Eberhard Richter für mich zuvor schon zu jenem Kreis von Intellektuellen, die man unbedingt frühzeitig kennenlernen wollte, weil sie sich am großen Selbstverständigungsexperiment, genannt "Bundesrepublik", früh hörbar und sichtbar beteiligten. Das setzte schon lange vor dem aufwühlenden Streit um die Nachrüstung ein, als Richter entschieden Partei für die Friedensbewegung ergriff und die westdeutsche Sektion der "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" mitbegründete.

Die seelischen Beschädigungen der BRD

Ihre Identität hatte die Republik im Dritten Reich verloren. Die Frage nach den seelischen Beschädigungen und der psychischen Wiedergutmachungsarbeit richtete sich an jeden Einzelnen, aber auch an die Republik insgesamt. Dies war der innere Grund, weshalb auch eine Reihe von Psychoanalytikern öffentlich mitredete. Für die psychischen Zerrissenheiten und sozialen Erosionen suchte er wie Margarete und Alexander Mitscherlich zivilisierende Antworten.

Seine Bücher hatte ich verschlungen, bevor ich ihn als Journalist besuchte, um zu begreifen, welche Maßstäbe er anlegt an meine Welt, die Politikerwelt. Was er 2011 Moral in Zeiten der Krise nannte, hieß 1962 Eltern, Kind und Neurose. So lautete sein erstes, überaus erfolgreiches Buch über "die Rolle des Kindes in der Familie". Damals freilich ging es um jene seelischen Beschädigungen, die Eltern erlitten hatten und – unbewusst – auf ihre Kinder übertrugen. Die Bücher, die er seitdem schrieb, blieben nicht nur wegen ihrer markanten Titel in Erinnerung. Er griff, wie mir scheint, als Psychoanalytiker Suchbewegungen in einer desorientierten Seelenlandschaft auf. In einen Gesprächsrahmen wollte er all das stellen. Gab er auch Halt? Das wäre zu viel gesagt oder zu einfach.

Gleichwohl: Die Gruppe (1972), Flüchten oder Standhalten (1976), Der Gotteskomplex (1979), Lernziel Solidarität (1974) – von den Neurosen der Einzelnen über die Familie und Gruppe hat Richter sich immer weiter hineinbewegt in die Gesellschaft. Er selbst gehörte zu einem Artillerieregiment. Er musste, wie einmal geschrieben worden ist, die Faszination vom Herrenmenschentum, die Verachtung von Schwäche, die Bewunderung für Stärke in sich selber überwinden. Seine Eltern wurden Monate nach Kriegsende von betrunkenen russischen Soldaten ermordet.

Die Bücher, denen man diesen Kampf der Überwindung anmerkte, wurden Bestseller. So selbstverständlich wie das Seelenleben der Patienten beschäftigte ihn auch jenes der Republik. Auch sie war Patient. Richter wollte Wirkung, ganz wie die Mitscherlichs. Er wusste, dass manche seiner Kollegen, vor allem aber die Akademikerzunft sich insgeheim darüber mokierte, dass die Publikationen dieses "öffentlichen Intellektuellen" sogar auf den Tischen der Bahnhofsbuchhandlungen herumlagen.

Er spottete über den Spott, milde natürlich. Richters "Popularität", scheint mir, hängt gerade damit zusammen, dass es für ihn eine Abspaltung der Sphären, Innen und Außen, nicht gab.

Die klügsten Politiker

Willy Brandt und insbesondere Michail Gorbatschow verkörperten für ihn jenen Politikertypus, der am klügsten, wirksamsten mit den Beschädigungen der eigenen Gesellschaften umgeht: Zivilisierungsarbeit nicht durch autoritäre Führung, sondern auf diskursive Weise, zuhörend, aber mit eigenen Maßstäben. Lafontaine respektierte er wegen des Mutes, sich an die Spitze jener zu setzen, die herauskommen wollten aus der Logik des Kalten Krieges. Helmut Schmidts "Nachrüstung" hielt er für falsch – und dennoch atmet selbst sein letztes Buch noch etwas von dem Respekt für den sechs Jahre älteren Sozialdemokraten aus.

Ein Moralist war Richter nicht, auch wenn das Klischee darauf hinauslief. Er hat auf den Männlichkeitswahn, auf die Selbstanmaßung der Finanzmärkte, auf die Unbescheidenheit an und für sich, im Privaten, in der Wissenschaft, in der Politik, sehr akribisch und kritisch, bis zuletzt wachsam und unnachgiebig geblickt. Am liebsten schenkte er – kleine Mitbringsel, Steine aus den Bergen. Seine ansteckende Kantianische Zuversicht konnte er nicht verhehlen, dass in den Menschen eine moralische Anlage stecke. Es sind nicht viele, denen die Selbsterziehungs-Republik so viel zu verdanken hat. Am Dienstag ist Richter im Alter von 88 Jahren in Gießen gestorben.

 
Leser-Kommentare
  1. ...und wir brauchen einen Aufbruch hin zu einem interdisziplinären Denken, das die Gesamtheit (Cloud) der mentalen Vernetzung erkennt, um dadurch Probleme real zu lösen. Horst-Eberhard Richter hat diesen Zusammenhang zwischen kultureller Beeinflussung, systemischen Familienproblemen, psychologischen individuellen Problemen, Gruppendynamik und den wechselseitigen Austausch all dessen erkannt.

    Um einen realen (strukturellen) Frieden (und nicht nur "ein bisschen Frieden") herzustellen, benötigen wir die Erkenntnis dieser Komplexität und Verwobenheit. Die Welt in Gut und Böse aufzuteilen und das Böse mit Gewalt einzusperren zu versuchen, ist in dieser Sichtweise eine anachronistische und grob-brutale Art von absurder Comedy.

    Wir bauen gerade aufgrund dieses Erkennens ein Friedensforschungs-Experiment auf, das ein strukturell friedliches System in einer interdisziplinären Simulation konstruieren soll:
    www.realtheater.de

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    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:37 Uhr

    "Wir brauchen ein Ende des Sündenbock & Schuldigen Systems und wir brauchen einen Aufbruch hin zu einem interdisziplinären Denken, das die Gesamtheit (Cloud) der mentalen Vernetzung erkennt, um dadurch Probleme real zu lösen.....Um einen realen (strukturellen) Frieden (und nicht nur "ein bisschen Frieden") herzustellen, benötigen wir die Erkenntnis dieser Komplexität und Verwobenheit. Die Welt in Gut und Böse aufzuteilen und das Böse mit Gewalt einzusperren zu versuchen, ist in dieser Sichtweise eine anachronistische und grob-brutale Art von absurder Comedy."

    Wo sie grade die "absurde Comedy" erwähnen. Haben sie eigentlich auch soviel Humor manchmal darüber zu lachen, was sie so allethalben kommunizieren? Ich meine, ihr erstes Posting in diesem Kommentarblock ist ja nun wirklich ein echter Schenkelklopfer und hat gute Chancen in der "Hall of foolish happyness" aufgenommen zu werden.

    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:37 Uhr

    "Wir brauchen ein Ende des Sündenbock & Schuldigen Systems und wir brauchen einen Aufbruch hin zu einem interdisziplinären Denken, das die Gesamtheit (Cloud) der mentalen Vernetzung erkennt, um dadurch Probleme real zu lösen.....Um einen realen (strukturellen) Frieden (und nicht nur "ein bisschen Frieden") herzustellen, benötigen wir die Erkenntnis dieser Komplexität und Verwobenheit. Die Welt in Gut und Böse aufzuteilen und das Böse mit Gewalt einzusperren zu versuchen, ist in dieser Sichtweise eine anachronistische und grob-brutale Art von absurder Comedy."

    Wo sie grade die "absurde Comedy" erwähnen. Haben sie eigentlich auch soviel Humor manchmal darüber zu lachen, was sie so allethalben kommunizieren? Ich meine, ihr erstes Posting in diesem Kommentarblock ist ja nun wirklich ein echter Schenkelklopfer und hat gute Chancen in der "Hall of foolish happyness" aufgenommen zu werden.

  2. ...wunderbare, integre Menschen haben keinerlei Einfluß auf die vom Kapital gelenkte Politik!

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    Eine sehr schöne Zusammenfassung vom Autor.

    Trotzdem muss ich Katscher43 noch antworten:
    Ich kann ihnen mehr wunderbare und integre Menschen nennen, die in den sogenannten Kapitalistischen Demokratien Einfluss hatten als in allen anderen Staatsformen.

    Eine sehr schöne Zusammenfassung vom Autor.

    Trotzdem muss ich Katscher43 noch antworten:
    Ich kann ihnen mehr wunderbare und integre Menschen nennen, die in den sogenannten Kapitalistischen Demokratien Einfluss hatten als in allen anderen Staatsformen.

  3. Eine sehr schöne Zusammenfassung vom Autor.

    Trotzdem muss ich Katscher43 noch antworten:
    Ich kann ihnen mehr wunderbare und integre Menschen nennen, die in den sogenannten Kapitalistischen Demokratien Einfluss hatten als in allen anderen Staatsformen.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Fazit..."
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    Da wäre ich aber echt gespannt. Nennen Sie mir 5 Menschen, die einen wirklichen Einfluss auf unsere Politik der letzten 10 Jahre hatten, hin zu mehr Menschlichkeit.

    Da wäre ich aber echt gespannt. Nennen Sie mir 5 Menschen, die einen wirklichen Einfluss auf unsere Politik der letzten 10 Jahre hatten, hin zu mehr Menschlichkeit.

  4. Stilistisch guter Artikel, viele Informationen auf kleinem Raum, mehr Nachricht als Wertung und ein informierter Autor.

    Außerdem fällt es momentan leider sehr stark aus dem Rahmen, wenn mal ein Artikel Respekt als Grundmotivation nutzt.

    Ich Wünsche mir mehr Artikel wie diesen.

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    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:14 Uhr

    "Außerdem fällt es momentan leider sehr stark aus dem Rahmen, wenn mal ein Artikel Respekt als Grundmotivation nutzt."

    Warum "stark aus dem Rahmen"? "Respekt" wird von Publikationen, wie zB. "Die Zeit" doch immer, ewig, bedingungslos und ungeteilt aufgebracht, wenn das Subjekt/Objekt des Artikels in einer wie auch immer gearteten Form "links" ist. Ist ihnen dass noch nie aufgefallen?! Na, dann lesen sie ihre Zeit-Ung wohl nicht ganz so richtig.

    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:14 Uhr

    "Außerdem fällt es momentan leider sehr stark aus dem Rahmen, wenn mal ein Artikel Respekt als Grundmotivation nutzt."

    Warum "stark aus dem Rahmen"? "Respekt" wird von Publikationen, wie zB. "Die Zeit" doch immer, ewig, bedingungslos und ungeteilt aufgebracht, wenn das Subjekt/Objekt des Artikels in einer wie auch immer gearteten Form "links" ist. Ist ihnen dass noch nie aufgefallen?! Na, dann lesen sie ihre Zeit-Ung wohl nicht ganz so richtig.

    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:02 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als pietätslos verstanden werden. Bitte setzen Sie sich auf respektvolle Art und Weise mit dem Artikelthema auseinander. Danke, die Redaktion/jz

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    was Sie nicht alles wissen.
    Und warum sollte Ihnen das leid tun, sowas zu sagen?

    Diese Äußerungen gehören ebenfalls zu den Phänomenen, deren Analyse sich Horst-Eberhard Richter verschrieben hat. Wie man merkt: er fehlt uns jetzt schon.
    RIP

    • Medley
    • 21.12.2011 um 9:45 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/ls

    was Sie nicht alles wissen.
    Und warum sollte Ihnen das leid tun, sowas zu sagen?

    Diese Äußerungen gehören ebenfalls zu den Phänomenen, deren Analyse sich Horst-Eberhard Richter verschrieben hat. Wie man merkt: er fehlt uns jetzt schon.
    RIP

    • Medley
    • 21.12.2011 um 9:45 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/ls

    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:04 Uhr

    Der Herr Richter und der Freitag, dass passt. Gleich und gleich gesellt sich halt gern.

    Antwort auf
  5. was Sie nicht alles wissen.
    Und warum sollte Ihnen das leid tun, sowas zu sagen?

    Diese Äußerungen gehören ebenfalls zu den Phänomenen, deren Analyse sich Horst-Eberhard Richter verschrieben hat. Wie man merkt: er fehlt uns jetzt schon.
    RIP

    Antwort auf "[...]"
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    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:22 Uhr

    "Und warum sollte Ihnen das leid tun, sowas zu sagen?"

    Doch, es tut mir leid dass zu sagen, weil wenn man Gläubigen erklärt, dass ihr Glauben ein Trugschluss ist, dass ist quasi so, als wie wenn man Kinder beichtet, dass es den Weihnachtsmann, den Osterhasen oder auch die Zahnfee nicht gibt. Das verletzt und das desillusioniert. Und das zu tun tut mir halt leid. Glauben sie's mir.

    "Diese Äußerungen gehören ebenfalls zu den Phänomenen, deren Analyse sich Horst-Eberhard Richter verschrieben hat. "

    Soso? Was für ein Phänomen decke ich denn ab? Nur zu, nur zu. Bin auf ihre fachkompetente Amnese schon sehr gespannt.

    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:22 Uhr

    "Und warum sollte Ihnen das leid tun, sowas zu sagen?"

    Doch, es tut mir leid dass zu sagen, weil wenn man Gläubigen erklärt, dass ihr Glauben ein Trugschluss ist, dass ist quasi so, als wie wenn man Kinder beichtet, dass es den Weihnachtsmann, den Osterhasen oder auch die Zahnfee nicht gibt. Das verletzt und das desillusioniert. Und das zu tun tut mir halt leid. Glauben sie's mir.

    "Diese Äußerungen gehören ebenfalls zu den Phänomenen, deren Analyse sich Horst-Eberhard Richter verschrieben hat. "

    Soso? Was für ein Phänomen decke ich denn ab? Nur zu, nur zu. Bin auf ihre fachkompetente Amnese schon sehr gespannt.

    • Medley
    • 21.12.2011 um 8:14 Uhr

    "Außerdem fällt es momentan leider sehr stark aus dem Rahmen, wenn mal ein Artikel Respekt als Grundmotivation nutzt."

    Warum "stark aus dem Rahmen"? "Respekt" wird von Publikationen, wie zB. "Die Zeit" doch immer, ewig, bedingungslos und ungeteilt aufgebracht, wenn das Subjekt/Objekt des Artikels in einer wie auch immer gearteten Form "links" ist. Ist ihnen dass noch nie aufgefallen?! Na, dann lesen sie ihre Zeit-Ung wohl nicht ganz so richtig.

    Antwort auf "Einwandfrei"

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