Sehr gebrechlich wirkte er, als er zuletzt in Berlin auftrat, um sein neues – jetzt muss man sagen: letztes – Buch vorzustellen, das den Titel trug: Moral in Zeiten der Krise . Schon der Titel verrät das Lebensprogramm von Horst-Eberhard Richter . Versammelt hat er darin noch einmal, gleichsam in Kürzestfassung, alle seine Lieblingsthemen, vom Menschen, der sich und die anderen akzeptieren lernen muss, bis hin zur Warnung, nicht Gott spielen zu wollen: Fukushima und Tsunami hätten doch erst wieder bewiesen, dass etwas anderes stärker ist.

Näher kennengelernt, soweit das zu sagen erlaubt ist, habe ich den Gießener Hochschullehrer und Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt in den frühen 1990er Jahren. Richter leitete einen Ost-West-Gesprächskreis, in dem Schriftsteller, Theologen, Journalisten und Politiker versammelt waren. Von Christa Wolf und Christoph Hein oder Friedrich Schorlemmer bis Marion Dönhoff, Richard von Weizsäcker, Antje Vollmer oder (gelegentlich) Oskar Lafontaine reichte die Bandbreite. Schwierigste Themen kamen zur Sprache, seelische Verwundungen, aber auch tiefe politische Diskrepanzen.

Vorstellen muss man sich Richter als einen Moderator im Runden Kreis, aber als exaktes Gegenbild zum heutigen Talkmaster. Alles setzte er dem Gespräch aus, alles war "Analyse", ständig. Er sprach mit leiser und sehr klarer Stimme, und wie er das machte, steckte immer ein Stück Anerkennung für denjenigen darin, der sich äußerte. Eine eigentümlich befreiende Wirkung ging davon aus und auch das Gefühl, auf diskursive Weise würden Bande geknüpft, die halten.

Natürlich zählte Horst-Eberhard Richter für mich zuvor schon zu jenem Kreis von Intellektuellen, die man unbedingt frühzeitig kennenlernen wollte, weil sie sich am großen Selbstverständigungsexperiment, genannt "Bundesrepublik", früh hörbar und sichtbar beteiligten. Das setzte schon lange vor dem aufwühlenden Streit um die Nachrüstung ein, als Richter entschieden Partei für die Friedensbewegung ergriff und die westdeutsche Sektion der "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" mitbegründete.

Die seelischen Beschädigungen der BRD

Ihre Identität hatte die Republik im Dritten Reich verloren. Die Frage nach den seelischen Beschädigungen und der psychischen Wiedergutmachungsarbeit richtete sich an jeden Einzelnen, aber auch an die Republik insgesamt. Dies war der innere Grund, weshalb auch eine Reihe von Psychoanalytikern öffentlich mitredete. Für die psychischen Zerrissenheiten und sozialen Erosionen suchte er wie Margarete und Alexander Mitscherlich zivilisierende Antworten.

Seine Bücher hatte ich verschlungen, bevor ich ihn als Journalist besuchte, um zu begreifen, welche Maßstäbe er anlegt an meine Welt, die Politikerwelt. Was er 2011 Moral in Zeiten der Krise nannte, hieß 1962 Eltern, Kind und Neurose . So lautete sein erstes, überaus erfolgreiches Buch über "die Rolle des Kindes in der Familie". Damals freilich ging es um jene seelischen Beschädigungen, die Eltern erlitten hatten und – unbewusst – auf ihre Kinder übertrugen. Die Bücher, die er seitdem schrieb, blieben nicht nur wegen ihrer markanten Titel in Erinnerung. Er griff, wie mir scheint, als Psychoanalytiker Suchbewegungen in einer desorientierten Seelenlandschaft auf. In einen Gesprächsrahmen wollte er all das stellen. Gab er auch Halt? Das wäre zu viel gesagt oder zu einfach.

Gleichwohl: Die Gruppe (1972), Flüchten oder Standhalten (1976), Der Gotteskomplex (1979), Lernziel Solidarität (1974) – von den Neurosen der Einzelnen über die Familie und Gruppe hat Richter sich immer weiter hineinbewegt in die Gesellschaft. Er selbst gehörte zu einem Artillerieregiment. Er musste, wie einmal geschrieben worden ist, die Faszination vom Herrenmenschentum, die Verachtung von Schwäche, die Bewunderung für Stärke in sich selber überwinden. Seine Eltern wurden Monate nach Kriegsende von betrunkenen russischen Soldaten ermordet.

Er spottete über den Spott

Die Bücher, denen man diesen Kampf der Überwindung anmerkte, wurden Bestseller. So selbstverständlich wie das Seelenleben der Patienten beschäftigte ihn auch jenes der Republik. Auch sie war Patient. Richter wollte Wirkung, ganz wie die Mitscherlichs. Er wusste, dass manche seiner Kollegen, vor allem aber die Akademikerzunft sich insgeheim darüber mokierte, dass die Publikationen dieses "öffentlichen Intellektuellen" sogar auf den Tischen der Bahnhofsbuchhandlungen herumlagen.

Er spottete über den Spott, milde natürlich. Richters "Popularität", scheint mir, hängt gerade damit zusammen, dass es für ihn eine Abspaltung der Sphären, Innen und Außen, nicht gab.

Die klügsten Politiker

Willy Brandt und insbesondere Michail Gorbatschow verkörperten für ihn jenen Politikertypus, der am klügsten, wirksamsten mit den Beschädigungen der eigenen Gesellschaften umgeht: Zivilisierungsarbeit nicht durch autoritäre Führung, sondern auf diskursive Weise, zuhörend, aber mit eigenen Maßstäben. Lafontaine respektierte er wegen des Mutes, sich an die Spitze jener zu setzen, die herauskommen wollten aus der Logik des Kalten Krieges. Helmut Schmidts "Nachrüstung" hielt er für falsch – und dennoch atmet selbst sein letztes Buch noch etwas von dem Respekt für den sechs Jahre älteren Sozialdemokraten aus.

Ein Moralist war Richter nicht, auch wenn das Klischee darauf hinauslief. Er hat auf den Männlichkeitswahn, auf die Selbstanmaßung der Finanzmärkte, auf die Unbescheidenheit an und für sich, im Privaten, in der Wissenschaft, in der Politik, sehr akribisch und kritisch, bis zuletzt wachsam und unnachgiebig geblickt. Am liebsten schenkte er – kleine Mitbringsel, Steine aus den Bergen. Seine ansteckende Kantianische Zuversicht konnte er nicht verhehlen, dass in den Menschen eine moralische Anlage stecke. Es sind nicht viele, denen die Selbsterziehungs-Republik so viel zu verdanken hat. Am Dienstag ist Richter im Alter von 88 Jahren in Gießen gestorben.