Dortmund Ein Stadtteil ringt mit den Neonazis

Zum Beispiel Dortmund-Dorstfeld: Wie Rechtsradikale und Anwohner, die sich gegen sie engagieren, um die Macht im öffentlichen Raum kämpfen.

Antje Huster-Sinemillioglu kämpft mit ihren Fingernägeln um ihren Stadtteil, jeden Morgen. Auf dem Weg zu ihrer Praxis in der Innenstadt von Dortmund-Dorstfeld kontrolliert die Frauenärztin die Laternenpfähle und Mülleimer. Sie knibbelt Aufkleber ab: von den "Rudolf-Hess-Gedenkwochen" oder vom "nationalen Widerstand", Sticker mit Sprüchen wie "Volkstod stoppen" oder "Dortmund ist unsere Stadt!". Die sich überlagernden Reste alter und neuer Nazi-Aufkleber sind der sichtbarste Schauplatz eines erbitterten Kampfes, den Rechtsradikale und Anwohner, die sich gegen Rechte engagieren, hier seit Jahren führen: Den Kampf darum, wer in diesem Viertel die Macht hat.

Wie das alles angefangen hat in Dortmund, und insbesondere in Dorstfeld, kann keiner mehr so genau sagen. "Die Rechten waren schon immer stark hier", sagt Stefan Mühlhofer von der städtischen "Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie". In den 1980er Jahren gab es einen, der nur "SS-Siggi" genannt wurde, und der es schaffte, Neonazis und Fußball-Hooligans zur "Borussenfront" zusammenzubringen. Später kam die "Skinheadfront Dorstfeld" dazu und noch später, vor rund zehn Jahren, die sogenannten autonomen Nationalisten. Diese Gruppierungen wohnen zu großen Teilen im Stadtteil Dorstfeld und belegen manchmal komplette Mietshäuser. Sie haben ein manchmal diffuses, manchmal ganz konkretes Klima der Bedrohung aufgebaut.

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Schlimmer noch als die Großdemo der Rechten sind die kleinen Aktionen

Ihr Jahreshighlight ist eine Großdemonstration Anfang September: der jährliche, laut NRW-Verfassungsschutz in der rechtsextremistischen Szene schon traditionelle, sogenannte Antikriegstag. Er zieht Hunderte Teilnehmer aus ganz Deutschland an. Fast noch wichtiger aber sind die alltäglichen, kleinen Aktionen: Die Rechten verteilen vermeintlich "antikapitalistische" Flugblätter auf Schulhöfen, schicken ihren Gegnern Drohbriefe oder rufen sie an, halten kleine Kundgebungen ab, bedrohen vermeintliche Linke oder Migranten in Bahnen und auf Plätzen.

"In den Tagen vor der großen Demo nerven die jeden Tag mit irgendeiner Aktion", sagt der Nazi-Gegner Mühlhofer. Erst vor wenigen Tagen hat sich einer der Rechten als Weihnachtsmann verkleidet und auf dem Weihnachtsmarkt in der Innenstadt seine Flugblätter verteilt. Schon 2009 hieß es in einer Studie über die rechte Szene: "Momentan sind die autonomen Rechtsextremisten aus Dortmund die stärkste Gruppierung im Spektrum der Freien Kräfte aus Deutschland." Die meisten Ihrer Rädelsführer wohnen in direkter Nähe des Dorstfelder Wilhelmplatzes, dies ist ihr Heimatrevier.

Rechtsradikale konnten sich als normaler Teil der Dorstfelder Gemeinschaft etablieren

Dortmund-Dorstfeld ist eigentlich ein typischer Ruhrgebietsstadtteil, eine Zeche und ein Stahlwerk ernährten die Bewohner früher, die typischen kleinen grauen Zechenhäuser künden noch davon. Heute kämpft Dorstfeld mit dem Strukturwandel, die Arbeitslosenquote liegt bei rund 14 Prozent, für das Ruhrgebiet kein ungewöhnlicher Wert, andere Stadtviertel stehen noch viel schlechter da. Warum also sind die Rechten gerade hier so stark?

In einem Nebenraum einer Gaststätte am Wilhelmplatz, direkt in der Dorstfelder Innenstadt, sitzen jene, die es wissen müssen. Die Mitglieder vom "Runden Tisch für Toleranz und Verständigung", Anwohner, Vereinsvertreter und Geschäftsleute, können Geschichten erzählen davon, wie die Rechten sich als mehr oder weniger normaler Teil der Dorstfelder Gemeinschaft etablieren konnten.

Bei Gemeindefesten zum Beispiel drängen sich die Besucher erst einmal den Weg durch eine Gruppe von "30 Rechten mit Landser-T-Shirt", um zum Stand mit den Getränkemarken zu kommen. Dort bekommen sie zu hören: "Ach, das sind doch nur die harmlosen Jungs aus der Nachbarschaft." Ab 22 Uhr, so erzählt eine Frau, die im Stadtteil aufwuchs, sei sie meist schnell nach Hause gegangen, "denn dann kamen die Idioten und haben die Feiern gesprengt".

Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Eine Leser-Empfehlung
    • Cutty
    • 12.12.2011 um 16:09 Uhr

    Ja, ich als Dortmunder habe die Nazis satt!
    Wie als ob sie unsichtbar wären, sind rechte mit sehr (!) eindeutigen Erkennungszeichen immer noch Alltagsbild in der Innenstadt und Dorstfeld.
    Grad heute bin ich noch direkt am erwähnten Wilhelmsplatz einkaufen gewesen und siehe da! Wer war wohl noch vor Ort? Die Herren "Herrenmenschen". Natürlich nicht ohne auf die Kampfstiefel zu verzichten. Igitt!
    Leider ist es bezeichnend für den westfälischen Menschenschlag hier, erstmal solange alles auszusitzen, bis der point-of-no-return erreicht ist. Das Ergebnis kann man in Do-Dorstfeld selbst ohne große Forschungen zu betreiben direkt ablesen.
    Ich habe genug und werde in meiner unmittelbaren Umgebung keine Übergriffe rechter "Volksschützer" mehr dulden. Denn eines sollte klar sein: Diese Menschen geben nur vor für irgendein "Volk" oder eine "Nation" zu kämpfen. In Wahrheit brauchen sie nur einen billigen Vorwand dafür, ihre kleinen verletzten und enttäuschten Egos hinter einer kollektiven Illusion zu schützen und sich im willkürlich zusammengefrickelten Kollektiv selbst zu erhöhen. Lächerlich und krank!

    15 Leser-Empfehlungen
  2. "Die müssen nicht mehr alle aussehen wie aus der Hitler-Jugend"

    No shit, Sherlock! Wer hätte es geglaubt.

    Da fragt man sich doch glatt, ob der überwiegende Teil der Neonazis je ausgesehen hat wie "aus der Hitlerjugend". Ich jedenfalls kann mich nicht dran erinnern, und ich habe als Einwanderer meinen fair share mit diesen Einzellern gehabt.

    Wenn nicht immer wieder daran erinnert wird, warum Neonazis bekämpft werden müssen, sondern immer nur ungläubig festgestellt wird, wie modern sie sich heutzutage geben, passiert rein gar nichts. Dass Nazis den Nachwuchs mit Hüpfburgen statt Heil-Rufen ködern, ist ein uralter Hut. Um mal beim Bild zu bleiben: Luft ablassen!

  3. Dortmund-Dorstfeld hatte bis zur Kristallnacht 08.11.1938 eine aktive jüdische Gemeinde. Die Synagoge brannte in dieser Nacht ab und ein Grossteil der Gemeinde wurde spaeter deportiert und ermordet. Der alte jüdische Friedhof an der Twerskule zeigt, soweit ich weiss, weiterhin Grabsteine.

    Ich bin in Dorstfeld aufgewachsen, zur Schule gegangen und in den 80ziger Jahren weggezogen; ich habe weiterhin Familie in Dorstfeld. Ich erinnere mich an regelmaessige Verschandelungen des alten Friedhofs.

    Im Gegensatz zu anderen Dortmunder Stadtteilen dient Dorstfeld oder zumindest der Friedhof den Neonazis zur Kultivierung des "Feindbilds". Meiner Ansicht nach kann die Praesenz der Neonazis nicht unabhaengig von Dorstfelds unrühmlicher Geschichte diskutiert werden. Regelmaessige Gedenkgaenge und Gedenkstunden in Dorstfeld dokumentieren, dass sich viele Dorstfelder dieses Zusammenhangs bewusst sind. Es ist daher erstaunlich, dass die Autoren dieses Artikels das Thema nicht ansprechen.

    • th
    • 12.12.2011 um 19:07 Uhr

    zwischen "rechts" und "rechtsextrem" in diesem Artikel ist sehr bedauerlich. Wie würde von der ZEIT-Redaktion ein Artikel aufgenommen werden, in welchem kaum noch ein Unterschied zwischen "links" und "linksextrem" gemacht würde?

    Man mus Gewalt, Drohung, Einschüchterung, Erpressung, Rassistische und verfassungsfeindliche Propaganda usw. bekämpfen. Ansonsten hat bei uns jeder Bürger das Recht frei seine eigene Meinung zu äußern - egal ob es dem Nachbarn gefällt.

    Leider hat man in den letzten Jahren diese Unterscheidung konsequent verwischt. Hätte man sich darauf konzentriert, konsequent und energisch rechtsextremistische Gewalttäter und ihre Unterstützer dingfest zu machen, anstatt ein allgemeines Geschrei "gegen rechts" anzustimmen - vielleicht hätte man die Neo-Nazi-Mörderbande eher geschnappt, und wäre auch mit dem NPD-Verbot schon weiter.

    Indem man aber bei jeder rechtsorientierte Abweichung vom angesagten Mainstream sofort von "Rechtspopulismus" und Verfassungsgefährdung schreit, verwischt man die Unterschiede, macht die extreme Rechte für einen gewissen Personenkreis der gewalttätige "Action" sucht, erst interessant, und lenkt ab von der eigentlichen Gefahr, die von einem eher begrenzten Täterkreis ausgeht.

    Der Staat muss dafür sorgen, dass alle seine Bürger sich ohne Angst frei bewegen, frei ausdrücken können - diese Aufgabe kann er nicht auf die "Zivilgesellschaft "abwälzen.

    Der Staat ist nicht dafür da, die Ansichten seiner Bürger zu kontrollieren.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • LB
    • 12.12.2011 um 22:25 Uhr

    Obwohl ich Ihnen nur allzu gern zustimme, dass der Staat nicht dafür da ist, zu kontrollieren, was seine Bürger denken, muss ich Ihren Ausführungen zu mangelnder Unterscheidung von "rechts" und "rechtsextrem" doch widersprechen:

    Zu allererst auf einer begrifflichen Basis. Der Begriff "Extremismus" muss sich nicht zwangsläufig auf eine schlichte weitere Verschiebung nach links bzw. nach rechts im politische Spektrum beziehen (in so einem Fall wäre es angemessener von linksaußen bzw. rechtsaußen o.ä. zu sprechen), sondern kann sich auch einfach auf die Wahl von "extremen" Methoden, z.B. Gewaltanwendung, Terror etc., beziehen zur Durchsetzung der jeweils linken oder rechten Agenda. In der Alltagsverwendung wird Extremismus in Vermischung mit Radikalismus jedoch oft einfach als Beschreibung einer Position näher am Rand des Spektrums benutzt. Ein Linker ist also nicht unbedingt immer ein Linksextremist, aber jeder Linksextremist ist ein Linker.

    Als zweites möchte ich darauf verweisen, dass Sie hier üblicher rechter Selbstviktimisierung und Verfolgungswahn aufsitzen, begleitet von typischem Gefühl von media bias, aufsitzen. Zwar bin ich selbst bekennender Fan von der Trennung von Rechten und Rechtsextremisten in der Alltagsverwendung (auch wenn ich es wie oben beschrieben für unproblematisch halte) ...

    • LB
    • 12.12.2011 um 22:25 Uhr

    Obwohl ich Ihnen nur allzu gern zustimme, dass der Staat nicht dafür da ist, zu kontrollieren, was seine Bürger denken, muss ich Ihren Ausführungen zu mangelnder Unterscheidung von "rechts" und "rechtsextrem" doch widersprechen:

    Zu allererst auf einer begrifflichen Basis. Der Begriff "Extremismus" muss sich nicht zwangsläufig auf eine schlichte weitere Verschiebung nach links bzw. nach rechts im politische Spektrum beziehen (in so einem Fall wäre es angemessener von linksaußen bzw. rechtsaußen o.ä. zu sprechen), sondern kann sich auch einfach auf die Wahl von "extremen" Methoden, z.B. Gewaltanwendung, Terror etc., beziehen zur Durchsetzung der jeweils linken oder rechten Agenda. In der Alltagsverwendung wird Extremismus in Vermischung mit Radikalismus jedoch oft einfach als Beschreibung einer Position näher am Rand des Spektrums benutzt. Ein Linker ist also nicht unbedingt immer ein Linksextremist, aber jeder Linksextremist ist ein Linker.

    Als zweites möchte ich darauf verweisen, dass Sie hier üblicher rechter Selbstviktimisierung und Verfolgungswahn aufsitzen, begleitet von typischem Gefühl von media bias, aufsitzen. Zwar bin ich selbst bekennender Fan von der Trennung von Rechten und Rechtsextremisten in der Alltagsverwendung (auch wenn ich es wie oben beschrieben für unproblematisch halte) ...

  4. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und Beleidigungen. Danke, die Redaktion/se

  5. ...als Touristenmagnet könnte man mit den Glatzen Geld verdienen. Wäre doch die Idee! Wie in den Safari Parks kommen die Touristen aus allen Herrenländer und schauen den Nazis vom Auto aus zu.

    Die Öffnungszeit wäre um 5.45 Uhr im Glatzenpark

  6. soll ich Pfefferspray mit Klappmesser oder gleich die .45 mitnehmen, zwecks der eigenen Sicherheit?

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