Mit vorweihnachtlicher Besinnlichkeit ist es in der katholischen Kirche der Niederlande vorbei. Bischöfe und hohe Funktionäre reagierten am Freitag geschockt auf die Veröffentlichung eines Reports über sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen. Wim Eijk, Erzbischof des Bistums Utrecht, sprach in einer Erklärung von "Scham und Verdruss". Schuld treffe nicht nur die Täter selbst, sondern auch kirchliche Würdenträger, die "nicht sorgfältig gehandelt" und der Opferhilfe keine Priorität eingeräumt hätten. Auch die Dachorganisation der Abteien, Orden und Klöster bot ihre "aufrechte Entschuldigung" an.

Der Report, veröffentlicht von einer unabhängigen Kommission unter Leitung des ehemaligen Bildungsministers Wim Deetman, kommt zu dem Ergebnis, dass von 1945 bis 1985 zwischen 10.000 und 20.000 Minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs wurden . Diese Fälle ereigneten sich in katholischen Internaten und Schulen, Kinder- und Waisenhäusern. Bei einigen tausend dieser Kinder soll es sich um schweren Missbrauch gehandelt haben.

Die Kirchenleitung hätte diese Problematik wissentlich verschwiegen. Interne Maßnahmen seien nicht ergriffen worden, um mögliche Skandale zu verhindern. Zudem habe es für die Betroffenen keine angemessene Hilfe gegeben. Trotz entsprechender Hinweise hatten Kirchenvertreter in den Niederlanden wiederholt beteuert, sie seien über diese Vorfälle nicht unterrichtet gewesen. Kardinal Ad Simonis, ehemaliger Erzbischof von Utrecht, erklärte letztes Jahr in einer TV- Sendung, er habe "von nichts gewusst". Später stellte sich heraus, dass er in seiner Amtszeit einen als pädophil bekannten Priester einstellen ließ.

Gerade wegen dieser Vorgeschichte war der Deetman-Bericht in den Niederlanden mit Spannung erwartet worden. Begonnen hatte die Diskussion um sexuellen Missbrauch in katholischen Einrichtungen im März 2010: Nach Berichten über Salesianer-Pater, die sich in den 1960er und 1970er Jahren in einem Internat systematisch an Jugendlichen vergriffen haben sollen, meldeten sich in wenigen Tagen 200 Betroffene bei einer kirchlichen Anlaufstelle. Die niederländische Bischofskonferenz beauftragte daraufhin Wim Deetman, selbst ehemaliger Direktor einer weiterführenden Schule, mit umfangreichen Untersuchungen.

Die von ihm geleitete Expertenkommission nahm insgesamt fast 1.800 Meldungen über Missbrauchsfälle auf. Dabei konnte sie rund 800 Täter ermitteln, die in Bistümern oder kirchlichen Orden tätig waren. 105 davon leben nach den Erkenntnissen der Kommission noch. Wie viele noch eine kirchliche Funktion erfüllen, ist nicht bekannt. Besonders belastet wird der frühere Rotterdamer Bischof Philippe Bär. In seiner Amtszeit von 1983 bis 1993 habe er gegen den Willen interner Auswahlgremien ungeeignete Kandidaten  als Priester zugelassen. Mehrere von ihnen hätten sich später des Missbrauchs schuldig gemacht.

Zufrieden mit der akribischen Arbeit der Kommission zeigte sich die Stiftung KLOKK, ein landesweites Beratungsorgan über Kindesmissbrauch in der Kirche. In einer Stellungnahme heißt es, die Ergebnisse des Reports seien "noch schockierender" als erwartet. Der niederländische Justizminister Ivo Opstelten sprach nach der Veröffentlichung von einem "sehr intensiven, schockierenden Bild". Die Empfehlungen der Kommission wolle er "besonders ernst nehmen". Im Report wird ein von zentraler staatlicher Stelle gelenkter Kampf gegen sexuellen Missbrauch und Gewalt angeregt.

Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger sei keinesfalls auf die katholische Kirche beschränkt, erklärt die Untersuchungskommission ihre Forderung. Sie bezieht sich auf eine Erklärung des niederländischen Gesundheitsrats, eines wissenschaftlichen Beratungsgremiums der Regierung. Demnach werden allein in den Niederlanden jedes Jahr über 100.000 Kinder körperlich, geistig oder sexuell misshandelt. Ambivalent indes ist der Deetman- Report über die Rolle des Zölibats. Einerseits räumt er ein, Priester und Paters würden dadurch "empfänglich für diverse Formen grenzüberschreitendes Verhalten". Als hinreichende Erklärung sexuellen Missbrauchs reiche dies jedoch nicht aus.

Nicht zu erwarten ist, dass die Debatte noch eine juristische Dimension bekommt. Im Zuge der Deetman-Veröffentlichung wurde bekannt, dass die Kommission elf anonyme Fälle an die Staatsanwaltschaft weiter geleitet hat. Diese erklärte am Freitag, die meisten davon böten zu wenig Informationen für eine Untersuchung und seien zudem verjährt. Letzteres soll auch für die übergroße Mehrheit aller für den Bericht relevanten Fälle gelten. Vom Zeitpunkt der Volljährigkeit eines Kindes verjähren Strafen nach 20 Jahren. Im Nachbarland Belgien wurde diese Frist nach einem vergleichbaren Missbrauchsskandal in katholischen Einrichtungen von zehn auf 15 Jahren angehoben.