Attentat Frankfurter Flughafen : "Dein Sohn ist im Dschihad"

Verübte Arid U. am Frankfurter Flughafen den ersten islamistischen Anschlag in Deutschland? Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, sie will lebenslange Haft.

Was Arid U. am 2. März 2011 getan hat, ist unstrittig: Der 21-Jährige hat am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten getötet und zwei weitere lebensgefährlich verletzt. Doch in der Bewertung des Motivs sind sich Bundesanwaltschaft und Verteidigung uneins. Vor allem diese Frage bestimmte am Montag die Plädoyers am Oberlandesgericht Frankfurt in der Verhandlung gegen U.: War es ein "einfacher" Amoklauf, wie die Verteidigung glaubt, oder der erste erfolgreiche Mordanschlag eines islamistischen Terroristen in Deutschland?

Von dschihadistischer Musik inspiriert

Das glaubt die Bundesanwaltschaft nach den neun Prozesstagen. U. habe das Staats- und Gesellschaftssystem der Bundesrepublik abgelehnt und Recht und Ordnung der Scharia gewollt, sagte Bundesanwalt Jochen Weingarten in seinem Plädoyer. Er argumentiert mit dem Geständnis des Angeklagten und zahlreichen weiteren Beweisen, die ein nahezu lückenloses Bild zu zeichnen scheinen: U. las am Vormittag der Tat, das ergab die Auswertung seines Laptops, in einem dschihadistischen Standardwerk, das auch schon Osama bin Laden inspiriert hat. Kurz darauf steckte er seine Jacke, zwei Messer und eine Pistole in seinen Rucksack, ein voll geladenes Magazin und weitere Patronen verstaute er in einer Bauchtasche. Dann fuhr er mit dem Bus zum Flughafen, wo er bei der Post arbeitete.

Auf den Videos der Überwachungskameras im Bus wirkt er äußerlich ruhig. Doch über die Kopfhörer seines MP3-Players hörte er, wie seine Playlist später bewies, arabische Gesänge, die mit Maschinengewehrfeuer unterlegt waren. Auch ein Lied auf Deutsch war darunter. "Mutter bleibe standhaft", lautet der Refrain, "dein Sohn ist im Dschihad."

Seine Opfer wollten nach Afghanistan

Im Flughafen-Terminal entdeckte U. dann die US-Soldaten. Er folgte ihnen nach draußen, schaute zu, wie sie ihr Gepäck in einen Bus einluden. Laut seinem Geständnis sprach er einen Soldaten an und erfuhr, dass die Gruppe auf dem Weg nach Afghanistan war. Dann wartete U. noch einige Minuten, bis fast alle Soldaten in den Bus eingestiegen waren.

Schließlich sprach er den letzten Soldaten an, der noch vor dem Bus stand, drehte sich nach wenigen Worten um, lud im Rucksack seine Waffe durch und schoss seinem ersten Opfer aus wenigen Metern von hinten in den Kopf. Er stieg in den Bus und tötete den Fahrer aus wenigen Zentimetern Entfernung mit einem gezielten Kopfschuss.

Ab diesem Punkt kann sich Arid U. angeblich an nichts mehr erinnern. Doch die Aussagen mehrerer Augenzeugen sowie die Untersuchungen der Ballistiker und Gerichtsmediziner belegen, dass der Angeklagte mit vier weiteren Schüssen im Gang des Busses zwei US-Soldaten lebensgefährlich verletzte. Dann richtete er die Waffe auf den fünften Soldaten, drückte ab, doch die Patrone zündete nicht. Er drückte noch einmal ab. Wieder Ladehemmung. Erst dann drehte er sich um, verstaute die Pistole im Rucksack und rannte durch das Flughafengebäude, bis die Polizei ihn schließlich stellte.

Der einzig strittige Punkt an dem Geschehen ist, ob Arid U. vor den sechs Schüssen jeweils "Allahu akbar" (Arabisch für "Gott ist groß") rief. Zwei Augenzeugen sind sich sicher, dass es so gewesen ist. Arid U. kann sich angeblich nicht erinnern.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

61 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

dschihad

Es muss unseren Terroristen klargemacht werden , dass in der BRD kein Platz zum Austoben iher Wahnvorstellungen ist und sie erbarmungslos den Rest ihres Lebens im Zuchthaus verbringen.
Schliesslich ist auch das Leben der ´´nur´´ angeschossenen nicht mehr so wie vorher, sowohl von der Berufsauswahl als auch von der zu erwartenden Dauer sind da Unterschiede.

Zum Glück...

... haben wir das Zuchthaus mittlerweile in Deutschland abgeschafft. Wir werden Arid U. auch nicht, wie früher, auf offener Straße hängen sehen.

Gleichwohl sind die Argumente der Verteidigung - zumindest diese, die der Artikel hier aufführt - sehr schwach. Eine Staatsschutzkammer lässt sich von derartigem wohl kaum beeindrucken. Und auch er wäre im Übrigen nicht der erste "Terrorist", der von seinen Taten im Nachhinein abschwört. Es ist eben nicht jeder gleich so verblendet, dass er auch noch vor Gericht seinem Hass freie Bahn gewährt. Letztlich ist dieser Mann doch nichts weiter als ein Mörder: Selbst wenn er nicht die typische Parole vor jedem Schuss rief sollte wohl klar sein, dass dieser Mensch aus niederem Beweggrund - nämlich dem Hass auf die USA handelte und die Soldaten als deren ficitio personae erschoss.

Ich schätze der Schuldspruch auf Mord ist hier unausweichlich.

Oberst

ich wünschte man wäre ähnlich radikal mit Oberst Klein umgesprungen, der Feige, weil in absoluter Sicherheit mit einer nicht unerheblich kleinen Einheit von Soldaten und beste bewaffnet und mit viel Zeit im Rücken auf Kinder und erwachsene Zivilisten Bomben ließ.
Ich wünsche man würde sich darüber empören. Der Staat hat zugegeben, dass es nicht ganz ok war, daher bekamen auch alle ein Paar Euro. Und zwar genau so viel für ein Totes Kind wie für einen zerbombten Wagen.
Aber Konsequenzen hatte das für einen Soldaten oder Oberst nicht. Null. Nada. Da wurde kaum berichtete, wie es auf Afghanischer Seite aussah. Wer da seine Kinder nicht mehr begraben konnte oder höchstens Überreste, sofern man sie identifizieren konnte.

Ich weiß, man darf das nicht gegeneinander aufrechnen. Das will ich auch garnicht. Ich finde diesen Amoklauf auch schrecklich. Mich irritiert, nein, mich macht aber einfach wütend, dass bei Menschen, die wir "Terroristen" oder sogar nur "Moslem" nennen, alles sofort total klar seint (nämlich so, dass die anderen die Bösen sind) und bei "eigenen" Leuten, die ähnlich handeln, passiert nichts. Kaum jemand empörte sich. Kaum jemand forderte Knast für Klein. Nur wenige seine Entlassung.

sehr geehrte Buh,

Ihre ex post - Betrachtungen sind mehr als flüssig, es sit schlicht überflüsiges Moralisieren aus der bequemen Haltung nie entsprechende Entscheidungen treffen zu müssen.

Ex ante ist die Vernichtung des POL-Transports durchaus nachvollziehbar. In wie weit dieses Handeln den dienstlichen Vorgaben entsprach, oder ob gar wissentlich mit Falschmeldungen gearbeitet worden ist, dass ist eine andere Frage.

Was den Angeklagen A.S. angeht, halt ein gewöhnlicher Krimineller. Der eben als Begründung für seine Taten einen religiös verbrämten ideologischen Überbau gewählt hat.

Ein "Amoklauf" i.e.S. ist hier schon nach der Definition offenkundig nicht gegeben!

Und doppelt Pech für den Täter, sich irgendeinen "Musel-Unsinn" ausgesucht zu haben, schließlich fänden sich auch in beliebigen anderen Religionsstrukturen "Gründe" für tödliche Gewalt gegen Feind oder Abweichler, und sei es das jemand von "Kreuzrittern" faselt.

MfG Karl Müller

Starke Argumente der Verteidigung

"...habe das daran erinnert, wie er selbst als sechsjähriger Junge von einem Fremden sexuell missbraucht worden sei. Die Erinnerungen, die er lange verdrängt habe, hätten letztlich den Amoklauf ausgelöst."

-der Arme! Dann aber schnell für Gerechtigkeit sorgen.

Unterm Strich ein sehr feiger Anschlag. Islamistisch motiviert? Auch, aber der Täter als Gesamtkunstwerk eher ein zu allem bereiter Verlierer.

Coole Antwort

Mag ja sein, dass die Frage dämlich erscheint, aber ein Leichnam kann überstellt werden, auch in die USA, insbesondere eine Aschenkapsel nimmt nicht viel Platz weg, und es wäre auch nicht das erste Mal, dass ich einen Sarg in einem Flugzeugbauch verschwinden sehen würde.

Ich hätte mich gefreut, hätten Sie bei Ihrer Antwort weniger auf Coolness, dafür auf Information gesetzt, zumal Sie ja offenbar davon ausgehen, klüger zu sein als ich.

12, turtleshell - Also dass die US- Regierung

mit ihren Gefallenen anders umgeht als der Hl. Djihad dürfte
doch wohl ohne weiteres und von vorneherein eindeutig klar sein.
Die Gefallenen haben eine offizielle Mission ausgeführt und sind dabei ermordet worden.
Die US- Regierung bietet den Gefallenen und den Hinterbliebenen eine angemessene Totenfeier und Beerdigung.

Wenn ein Familienmitglied aus menschlichem Schmerz -sollte den meisten von uns bekannt sein- die Kraft des Verstehens der Unabänderlichkeit des Abschieds nicht aufbringen kann und den Gang zum Grab des geliebten Angehörigen nicht aufbringen kann
dann setzte ich es als nachvollziehbar voraus.

Vielleicht habe ich das zu selbstverständlich vorausgesetzt, dann entschuldige ich mich für die harsche Antwort.

Nachfolgeschäden dieser allzu menschlichen Art werden aber selbst von unseren Gerichten nicht in die Bewertung der Tat einbezogen
eine Strafe soll ja keine Strafe sein und den Täter unangemessen belasten
villeicht muss man es dann doch noch explizit beschreiben.

Es ist für viele vielleicht dann nachvollziehbar wenn ich zum Beispiel erkläre: Stell Dir vor dein geliebter Hamster wurde abgeschlachtet.
Das würde dann in vielen Fällen besser verstanden und würde den Ruf nach einer harten Strafe für den Hamstermörder aufkommen lassen.

Vielen Dank mahatmamueller, aber ...

... von den fünf Absätzen Ihrer Antwort ziehen vier am Thema vorbei. Mein Frage war, warum die Schwester der Ermordeten nicht das Grab des Bruders besuchen kann.
Es ging nicht um den Djihad, nicht um harte Strafen, auch nicht um abgeschlachtete Hamster.

Ihr zweiter Absatz scheint eine gute Erklärung zu sein, insofern vielen Dank. Ich schloss aus dem Artikel zunächst, dass die Schwester das Grab besuchen möchte aber nicht kann, weil es vielleicht in Deutschland ist oder der Leichnam noch nicht zur Bestattung freigegeben ist. Und das wäre bei mir auf Unverständnis gestoßen.

Was nun Ihren Ruf nach harten Strafen und harten Haftbedingungen betrifft,stimme ich Ihnen nur teilweise zu. Vielleich lesen Sie dieses Buch einer Massenmörderin. Die hat in Bahrein und Südkorea vor 25 Jahren bessere Haftbedingungen gehabt als sie heute in den USA offenbar üblich sind. Auch die Frau war indoktriniert, auch sie kam zur Besinnung. Ignorieren Sie einfach den pathetischen Titel:
http://www.amazon.de/Die-Tränen-meiner-Seele-Hee/dp/3765536253/

17, turtleshell - Sorry, vergaß augenscheinlich

die Gebrauchsanweisung.
Zum besseren Verständnis des zweiten Absatzes habe ich den ersten davor gesetzt.
Ihre Ausgangslage, so verstand ich ihre erste Schilderung Ihrer vorangegangenen sinnleeren Frage, war doch, dass Sie sich nicht vorstellen konnten, dass es ein ordentliches Begräbnis im Beisein der Familie gab. Da habe ich Ihnen im ersten Absatz eine Erklärung zukommen lassen wollen.

Nach der Schilderung der möglichen psychischen Begründung, der möglichen traumatischen Belastung der Schwester durch die Tat und ihr Unvermögen, den unabänderlichen Abschied von ihrem geliebten Bruder am Ort des Begräbnisses zu vollziehen

versuchte ich mich in Ihre Lage zu versetzen, Herr/Frau turtleshell, warum Sie solch eine selbstverständliche menschliche Begründung nicht von selbst nachvollziehen konnten.
Wobei Sie dann aber nicht alleine wären, da selbst Gerichte diese Mit-taten der Täter an den Familienangehörigen oft außer Acht lassen.
Damit solche Mitmenschen, die diese möglichen einfachsten psychischen Auswirkungen einer Tat nicht ohne weiteres einbeziehen können in ihre Überlegungen habe ich ein Vergleichsbeispiel nachgeschoben, das diese dann vielleicht voreinander bekommen um zu ermessen, was in der Schwester vorgeht.
Tiefer innerer Schmerz und das dabei in der menschlichen Tiefe (der Psyche, der Seele) begründete Unvermögen, das geschehene Unabänderliche selber zu verarbeiten.