Attentat Frankfurter Flughafen"Dein Sohn ist im Dschihad"

Verübte Arid U. am Frankfurter Flughafen den ersten islamistischen Anschlag in Deutschland? Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, sie will lebenslange Haft. von Andreas Kraft

Was Arid U. am 2. März 2011 getan hat, ist unstrittig: Der 21-Jährige hat am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten getötet und zwei weitere lebensgefährlich verletzt. Doch in der Bewertung des Motivs sind sich Bundesanwaltschaft und Verteidigung uneins. Vor allem diese Frage bestimmte am Montag die Plädoyers am Oberlandesgericht Frankfurt in der Verhandlung gegen U.: War es ein "einfacher" Amoklauf, wie die Verteidigung glaubt, oder der erste erfolgreiche Mordanschlag eines islamistischen Terroristen in Deutschland?

Von dschihadistischer Musik inspiriert

Das glaubt die Bundesanwaltschaft nach den neun Prozesstagen. U. habe das Staats- und Gesellschaftssystem der Bundesrepublik abgelehnt und Recht und Ordnung der Scharia gewollt, sagte Bundesanwalt Jochen Weingarten in seinem Plädoyer. Er argumentiert mit dem Geständnis des Angeklagten und zahlreichen weiteren Beweisen, die ein nahezu lückenloses Bild zu zeichnen scheinen: U. las am Vormittag der Tat, das ergab die Auswertung seines Laptops, in einem dschihadistischen Standardwerk, das auch schon Osama bin Laden inspiriert hat. Kurz darauf steckte er seine Jacke, zwei Messer und eine Pistole in seinen Rucksack, ein voll geladenes Magazin und weitere Patronen verstaute er in einer Bauchtasche. Dann fuhr er mit dem Bus zum Flughafen, wo er bei der Post arbeitete.

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Auf den Videos der Überwachungskameras im Bus wirkt er äußerlich ruhig. Doch über die Kopfhörer seines MP3-Players hörte er, wie seine Playlist später bewies, arabische Gesänge, die mit Maschinengewehrfeuer unterlegt waren. Auch ein Lied auf Deutsch war darunter. "Mutter bleibe standhaft", lautet der Refrain, "dein Sohn ist im Dschihad."

Seine Opfer wollten nach Afghanistan

Im Flughafen-Terminal entdeckte U. dann die US-Soldaten. Er folgte ihnen nach draußen, schaute zu, wie sie ihr Gepäck in einen Bus einluden. Laut seinem Geständnis sprach er einen Soldaten an und erfuhr, dass die Gruppe auf dem Weg nach Afghanistan war. Dann wartete U. noch einige Minuten, bis fast alle Soldaten in den Bus eingestiegen waren.

Schließlich sprach er den letzten Soldaten an, der noch vor dem Bus stand, drehte sich nach wenigen Worten um, lud im Rucksack seine Waffe durch und schoss seinem ersten Opfer aus wenigen Metern von hinten in den Kopf. Er stieg in den Bus und tötete den Fahrer aus wenigen Zentimetern Entfernung mit einem gezielten Kopfschuss.

Ab diesem Punkt kann sich Arid U. angeblich an nichts mehr erinnern. Doch die Aussagen mehrerer Augenzeugen sowie die Untersuchungen der Ballistiker und Gerichtsmediziner belegen, dass der Angeklagte mit vier weiteren Schüssen im Gang des Busses zwei US-Soldaten lebensgefährlich verletzte. Dann richtete er die Waffe auf den fünften Soldaten, drückte ab, doch die Patrone zündete nicht. Er drückte noch einmal ab. Wieder Ladehemmung. Erst dann drehte er sich um, verstaute die Pistole im Rucksack und rannte durch das Flughafengebäude, bis die Polizei ihn schließlich stellte.

Der einzig strittige Punkt an dem Geschehen ist, ob Arid U. vor den sechs Schüssen jeweils "Allahu akbar" (Arabisch für "Gott ist groß") rief. Zwei Augenzeugen sind sich sicher, dass es so gewesen ist. Arid U. kann sich angeblich nicht erinnern.

Leserkommentare
  1. Es muss unseren Terroristen klargemacht werden , dass in der BRD kein Platz zum Austoben iher Wahnvorstellungen ist und sie erbarmungslos den Rest ihres Lebens im Zuchthaus verbringen.
    Schliesslich ist auch das Leben der ´´nur´´ angeschossenen nicht mehr so wie vorher, sowohl von der Berufsauswahl als auch von der zu erwartenden Dauer sind da Unterschiede.

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    • Cando
    • 10. Januar 2012 1:51 Uhr

    ... haben wir das Zuchthaus mittlerweile in Deutschland abgeschafft. Wir werden Arid U. auch nicht, wie früher, auf offener Straße hängen sehen.

    Gleichwohl sind die Argumente der Verteidigung - zumindest diese, die der Artikel hier aufführt - sehr schwach. Eine Staatsschutzkammer lässt sich von derartigem wohl kaum beeindrucken. Und auch er wäre im Übrigen nicht der erste "Terrorist", der von seinen Taten im Nachhinein abschwört. Es ist eben nicht jeder gleich so verblendet, dass er auch noch vor Gericht seinem Hass freie Bahn gewährt. Letztlich ist dieser Mann doch nichts weiter als ein Mörder: Selbst wenn er nicht die typische Parole vor jedem Schuss rief sollte wohl klar sein, dass dieser Mensch aus niederem Beweggrund - nämlich dem Hass auf die USA handelte und die Soldaten als deren ficitio personae erschoss.

    Ich schätze der Schuldspruch auf Mord ist hier unausweichlich.

    • grrzt
    • 10. Januar 2012 16:48 Uhr

    1. Zuchthaus ("Wasser und Brot") gibt es nicht
    2. "Lebenlänglich" - also wirklich lebenslänglich gibt's auch nicht nicht in D. Die vergleichsweise hohe Anzahl von Leserempfehlungen (innert ca. 30 Min.!) zu dieser Äusserung zeigt wie wichtig ein rechtlich einwandfreies Verfahren ist. Die Grenze zwischen Stammtisch und Lynchjustiz ist schmal, sehr schmal.

    • Buh
    • 13. Januar 2012 1:57 Uhr

    ich wünschte man wäre ähnlich radikal mit Oberst Klein umgesprungen, der Feige, weil in absoluter Sicherheit mit einer nicht unerheblich kleinen Einheit von Soldaten und beste bewaffnet und mit viel Zeit im Rücken auf Kinder und erwachsene Zivilisten Bomben ließ.
    Ich wünsche man würde sich darüber empören. Der Staat hat zugegeben, dass es nicht ganz ok war, daher bekamen auch alle ein Paar Euro. Und zwar genau so viel für ein Totes Kind wie für einen zerbombten Wagen.
    Aber Konsequenzen hatte das für einen Soldaten oder Oberst nicht. Null. Nada. Da wurde kaum berichtete, wie es auf Afghanischer Seite aussah. Wer da seine Kinder nicht mehr begraben konnte oder höchstens Überreste, sofern man sie identifizieren konnte.

    Ich weiß, man darf das nicht gegeneinander aufrechnen. Das will ich auch garnicht. Ich finde diesen Amoklauf auch schrecklich. Mich irritiert, nein, mich macht aber einfach wütend, dass bei Menschen, die wir "Terroristen" oder sogar nur "Moslem" nennen, alles sofort total klar seint (nämlich so, dass die anderen die Bösen sind) und bei "eigenen" Leuten, die ähnlich handeln, passiert nichts. Kaum jemand empörte sich. Kaum jemand forderte Knast für Klein. Nur wenige seine Entlassung.

  2. "...habe das daran erinnert, wie er selbst als sechsjähriger Junge von einem Fremden sexuell missbraucht worden sei. Die Erinnerungen, die er lange verdrängt habe, hätten letztlich den Amoklauf ausgelöst."

    -der Arme! Dann aber schnell für Gerechtigkeit sorgen.

    Unterm Strich ein sehr feiger Anschlag. Islamistisch motiviert? Auch, aber der Täter als Gesamtkunstwerk eher ein zu allem bereiter Verlierer.

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    um was für Gestalten es sich dabei mehrheitlich handelt:

    http://www.nrw.de/landesr...
    sungsschutzes-11484/

    MfG Karl Müller

  3. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die als diskriminierend verstanden werden können. Danke, die Redaktion/mk

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    Bremen - Hamburg - BoraBora - Tonga und ähnliche bereits von Vorgängern geprüfte und für gut befundene Exilorte.

  4. um was für Gestalten es sich dabei mehrheitlich handelt:

    http://www.nrw.de/landesr...
    sungsschutzes-11484/

    MfG Karl Müller

  5. Warum kann die Schwester des Ermordeten nicht das Grab besuchen?

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    cool heisst doch abgrunddämlich, oder?

    Mag ja sein, dass die Frage dämlich erscheint, aber ein Leichnam kann überstellt werden, auch in die USA, insbesondere eine Aschenkapsel nimmt nicht viel Platz weg, und es wäre auch nicht das erste Mal, dass ich einen Sarg in einem Flugzeugbauch verschwinden sehen würde.

    Ich hätte mich gefreut, hätten Sie bei Ihrer Antwort weniger auf Coolness, dafür auf Information gesetzt, zumal Sie ja offenbar davon ausgehen, klüger zu sein als ich.

    • FE-92
    • 09. Januar 2012 18:47 Uhr

    aus welchem Grund er diese Tat beging.
    Ob er das gemacht hat, weil er sich von ein paar Leuten ins Paradies nach dem Tod predigen ließ oder weil er nicht mit unserer strengen deutschen Assimilations-Kultur klar kam [Achtung: Letzteres ist Ironie!] oder aus irgendwelchen anderen Gründen.
    Fakt ist, dass er diese Tat begangen hat und er keine gezielte Gewaltbereitschaft* gezeigt hat. Dadurch kann er auch nach einer abgesessenen Haftstrafe nicht einfach wieder in die Gesellschaft entlassen werden, da er eine Bedrohung für fast jeden darstellt.
    Wichtig ist der Zusammenhang mit dem Dschihad nur, wenn er Teil einer islamistischen Organisation hier in Deutschland ist.

    *Er wollte scheinbar nicht die verhasste Schwiegermutter töten und sein Ziel ist damit erreicht, sondern er wollte offenbar ungezielt einfach nur irgendjemanden umbringen, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

  6. Wenn ich mir dann den Bericht über den feigen und hinterrücks mordenden US- Soldaten und dessen Verurteilung/ dessen Strafbedingungen ansehe
    http://www.zeit.de/2012/0...

    dann wünschte ich mir gleiche Strafbedingungen für diesen Mörder.
    Beim GI haben diese Bedingungen bewirkt, dass er sich mit seiner Tat und dessen Folgen mittlerweile auseinandersetzt-
    was meine grundsätzliche Überzeugung ist: Strafe muss fühlbar sein, dann erst beginnt der Prozeß der inneren Auseinandersetzung mit der Tat und den Opfern.

    Das steht aus Sicht des Djihad- Mörders bei unseren Strafbedingungen für ihn nicht nicht zu befürchten.
    Und das Aussprechen der besonderen Schwere der Schuld - na, erst einmal abwarten.
    Unter den gegebenen besonderen Bedingungen (der Religion des Mörders) mag ich das noch nicht glauben. Da werden hierzulande zu große Befindlichkeiten freigesetzt.

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