Autodiebstahl Die Mafia in der Uckermark

Autodiebstahl in Ostdeutschland: Das Klischee vom polnischen Kleinkriminellen verstellt den Blick auf die Wirklichkeit.

In Vorpommern und in der brandenburgischen Uckermark werden seit Monaten vermehrt Autos gestohlen, und nicht nur die. Geklaut werden auch Agrargeräte, Kraftstoffe oder komplette Traktoren. Die Spur, so glauben viele Menschen in der Region, führt nach Polen.

Nun sollen es sogenannte Präventionsstammtische richten. Das klingt nach Ironie – schließlich sind Stammtische kaum für rationale Problemlösungen bekannt. Doch im Nordosten Deutschlands, in den grenznahen Gebieten zu Polen, sollen Polizei und Bürger zusammenkommen. Die Beamten sollen am Präventionsstammtisch vor allem Tipps geben, wie die Menschen sich und ihr Eigentum besser schützen können. Unternehmer und Einwohner können Fragen stellen und Wünsche äußern. Die Menschen sollen sich sicherer fühlen.

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Der 46-jährige Michael Branding ist Geschäftsführer eines Landtechnikbetriebs in der Uckermark und zu einer Art Sprecher der Opfer geworden. Er erzählt, die Verluste der vergangenen Jahre hätten sich zu einem Millionenbetrag summiert. Branding hat deshalb im vergangenen Herbst gemeinsam mit fast 100 Unterstützern eine Petition an den Landtag in Potsdam gerichtet. "Wir fordern mehr Polizeipräsenz und eine konsequente Bestrafung der ermittelten Täter", sagt Branding.

Wettrüsten mit der Sicherheitstechnik

Doch wer sind die Täter wirklich? Eingesetzt hat die Diebstahlwelle angeblich mit Polens Beitritt zum grenzkontrollfreien Schengenraum im Jahr 2007. Vielen Bewohnern der Uckermark gilt das als ausgemachte Sache. Tatsächlich stieg die Zahl der Pkw-Diebstähle seither allein in Brandenburg von knapp 2.500 auf mehr als 4.000 im Jahr 2010. Aber das ist nur die eine Seite. Katrin Rüter vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft verweist auf die langfristige Statistik. Seit 1993 sei die Zahl der gestohlenen Pkw in der Bundesrepublik von rund 105.000 auf nur noch 19.500 im Jahr 2010 gesunken – ein Rückgang von mehr als 80 Prozent.

"Es gibt auch kein Gefälle zwischen Ost und West, wie oft behauptet wird", sagt Rüter. Wegrechnen lässt sich die Trendwende seit 2007 zwar nicht. Seither steige die Zahl der Autodiebstähle tatsächlich leicht an – aber nicht nur in Sachsen, Brandenburg oder Vorpommern. Der Anstieg ist laut Rüter damit zu erklären, dass die Täter professioneller geworden sind. "Im Wettrüsten mit den Sicherheitstechnikern der Fahrzeugindustrie hat sich das Kräfteverhältnis verschoben", sagt sie.

Autoknacken mit dem Laptop

Das hat auch der Polizeigewerkschafter Bodo Pfalzgraf beobachtet. "Die Diebe kommen heute nicht mehr mit der Drahtschlinge, sondern mit dem Laptop. Wir reden von hochprofessionellen Banden, die ihre Spezialisten zum Teil einfliegen lassen", sagt er. Ähnliche Erfahrungen hat Oberst Marek Dyjasz gemacht, der Chef der Abteilung für organisierte Kriminalität der polnischen Polizeikommandantur in Warschau. "Die internationale Diebesbanden sind hochtechnisiert", erzähl Dyjasz. "Wenn sie mit gestohlenen Wagen im Konvoi auf abgelegenen Routen durch Polen Richtung Osten fahren, verwenden sie Satellitentechnik, um Funkstreifenwagen aufzuspüren."

In Polen ist die Zahl der Autodiebstähle ähnlich wie in Deutschland seit den neunziger Jahren um fast 80 Prozent gesunken. Aus Expertensicht gilt das osteuropäische Boomland schon lange nicht mehr als Markt für Hehlerware sondern als Transitregion. Über die Täter weiß die Polizei wenig. Was sie weiß, gibt sie nicht preis, erklärt Polizeigewerkschafter Pfalzgraf. Nur so viel kann er sagen: "Die meisten Spuren führen nach Litauen, in die Ukraine oder Russland. Aber es gibt auch organisierte Kriminelle, die von Belgien oder den Niederlanden aus operieren. Das Gefasel von polnischen Kleinkriminellen, die Autos in Ostdeutschland klauen und damit über die Grenze kutschieren, ist Stammtischgerede", urteilt Pfalzgraf.

Dennoch kam bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern die rechtsextreme NPD, die mit polenfeindlichen Parolen Wahlkampf gemacht hatte, im grenznahen Uecke-Randow-Kreis auf fast 15 Prozent der Stimmen. Krzysztof Wojciechowski sieht dabei die Macht der Vorurteile am Werk. "Stereotype verändern sich nur langsam, oft mit einer Verzögerung von rund 20 Jahren", sagt der Soziologe, der das deutsch-polnische Collegium Polonicum in der Grenzstadt Słubice mitbegründet hat. "Das deutsche Polenbild stammt noch aus den neunziger Jahren", erläutert er. Das polnische Deutschenbild übrigens auch.

Nach dem Ende des Kalten Krieges lag Polen wirtschaftlich am Boden. Die Staatsgewalt war schwach und die Kriminalitätsrate hoch. "So sehen viele Deutsche ihr Nachbarland im Osten noch immer, obwohl die Wirklichkeit längst eine andere ist", sagt Wojciechowski. Ein Präventionsstammtisch ist vielleicht zu wenig, um einen Stimmungsumschwung herbeizuführen.

 
Leser-Kommentare
  1. Die "Mafia" hätte das Problem schon lange gelöst. Die Verfolgung dieser Taten ist von Seiten der Gesetzgeber und ihrer Vollzugsdienste sehr halbherzig. Sollen mehr Kameras
    und GPS-Ortungsgeräte eingesetzt werden, kommen laute Aufschreie nach Datenschutz. Werden Täter erwischt, wird die Sache als Bagatelle eingestuft, bis zum Prozess vergeht ein Jahr, der immense volkswirtschaftliche Schaden ignoriert.

    10 Leser-Empfehlungen
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    Im Euroraum brauchen manche Laender Geld. Man sollte ihnen Geld geben und so ist das Problem schnell gelöst!

    wenn jemand sein eigenes Auto mittels Sender schützen will.

    Aber mein Auto, wohlmöglich ungefragt und ohne mein Wissen, zu überwachen geht nicht, dann schreie ich Datenschutz.

    Sollen die doch ihre Traktoren verwanzen.

    Und Volkswirtschaftlicher Schaden wird immer ignoriert.
    Den Schaden hat's Volk, irgendwas muss das Volk ja auch noch besitzen in der Schuldenrepublik.

    Sag ich mal so, aus der Generation Ratenvertrag und Nullprozentfinanzierung kommend.

    Im Euroraum brauchen manche Laender Geld. Man sollte ihnen Geld geben und so ist das Problem schnell gelöst!

    wenn jemand sein eigenes Auto mittels Sender schützen will.

    Aber mein Auto, wohlmöglich ungefragt und ohne mein Wissen, zu überwachen geht nicht, dann schreie ich Datenschutz.

    Sollen die doch ihre Traktoren verwanzen.

    Und Volkswirtschaftlicher Schaden wird immer ignoriert.
    Den Schaden hat's Volk, irgendwas muss das Volk ja auch noch besitzen in der Schuldenrepublik.

    Sag ich mal so, aus der Generation Ratenvertrag und Nullprozentfinanzierung kommend.

  2. Bitte berichtigen: UeckeR-Randow

    mfG

    Eine Leser-Empfehlung
  3. besonders die systematischen Einbrüche in Häuser und Wohnungen nicht nur in Ostdeutschland sondern im ganzen Bundesgebiet sprechen für sich. Die Behörden waschen ihre Hände in Unschuld, wieviel Verstrickung es dort gibt hat noch niemand recherchiert, ist wohl auch besser sonst gibts Besuch zuhause, von der ganz anderen Art.

    • Lutz2
    • 31.01.2012 um 20:01 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und achten Sie auf einen neutralen, respektvollen Tonfall. Die Redaktion/vn

  4. "Seit 1993 sei die Zahl der gestohlenen Pkw in der Bundesrepublik von rund 105.000 auf nur noch 19.500 im Jahr 2010 gesunken – ein Rückgang von mehr als 80 Prozent."

    Soll heißen: Die Ückermärker bilden sich bloß ein, dass die Dachrinne von der Kirche fehlt, die Baumaschine ohne Diesel dasteht oder der Pkw weg ist.

    Schließlich ist die Geburtsrate ja auch gesunken, seitdem die Störche weniger wurden.

    18 Leser-Empfehlungen
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    Ich weiß noch gut, als die Grenzen zum Osten aufgingen, nahm die Zahl der Autodiebstähle enorm zu. Bei der Polizei machte der Spruch "Kaum gestohlen, schon in Polen" die Runde. Inzwischen landen die meisten gestohlenen Autos östlich von Polen und in den baltischen Staaten. Übrigens: Ähnliche Probleme haben auch skandinavische Länder

    Ich weiß noch gut, als die Grenzen zum Osten aufgingen, nahm die Zahl der Autodiebstähle enorm zu. Bei der Polizei machte der Spruch "Kaum gestohlen, schon in Polen" die Runde. Inzwischen landen die meisten gestohlenen Autos östlich von Polen und in den baltischen Staaten. Übrigens: Ähnliche Probleme haben auch skandinavische Länder

  5. Früher waren's immer die Italiener. Egal wo das Auto gestohlen wurde - immer die Italiener!
    Heute sind's die Polen.
    Wenn dir heute am Gardasee das Auto geklaut wird, dann heißt's:"Nicht mal mehr in Italien ist man vor den Polen sicher!"

    (Sinngemäß aus der Erinnerung zitiert aus einem Kabarett-Programm von - ich glaube Bruno Jonas aus - ich glaube den 90er Jahren.)

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    ...wer da jetzt dahinter steckt, ist den Leuten ziemlich wurscht. Tatsache ist, dass sie das scheinbar den allzu offenen und unkontrollierten Grenzen verdanken.

    Aber es kann natürlich nicht sein, was nicht sein darf. Offene Grenzen sind bedingungslos gut und wünschenswert.

    ...wer da jetzt dahinter steckt, ist den Leuten ziemlich wurscht. Tatsache ist, dass sie das scheinbar den allzu offenen und unkontrollierten Grenzen verdanken.

    Aber es kann natürlich nicht sein, was nicht sein darf. Offene Grenzen sind bedingungslos gut und wünschenswert.

    • jwtk
    • 31.01.2012 um 20:29 Uhr

    Die Unterzeile lautet "Autodiebstahl in Ostdeutschland: Das Klischee vom polnischen Kleinkriminellen verstellt den Blick auf die Wirklichkeit." - das möchte ich nur zu gerne glauben, doch eine Erklärung bleibt der Autor schuldig!
    Vorurteile aus den 90ern, Zahl der Diebstähle insgesamt in 20 Jahren gesunken, professionelle Banden, eigentlich gehen die Autos in die Ukraine... Das mag ja alles stimmen, aber so recht entkräften lassen sich die Vorwürfe, die unter anderem die NPD-Hetzer ausschlachten, nicht.
    Es wäre sicherlich eine differenzierte Auseinandersetzung mit Vorurteil und Wahrheit möglich gewesen, die die Realität besser abbildet - schade.

  6. ...stehlen, meinte vor kurzem der polnische Botschafter Marek Prawda. Prawda verwies anschließend auf die Erfolge seines Landes,in dem 1999 fast 72.000 Autos gestohlen wurden, 2010 waren es nur noch 16.500.
    Die deutschen Ermittlungsbehörden, sollten sich von ihren polnischen Kollegen doch einfach mal ein paar Tipps geben lassen, wie so eine Bilanz zu erreichen ist.

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    den Artikel gelesen, wüssten sie das unsere Statstik im Vergleichszeitraum die selbe Richtung genommen hat...

    aber Vorsicht Lesen bildet.

    den Artikel gelesen, wüssten sie das unsere Statstik im Vergleichszeitraum die selbe Richtung genommen hat...

    aber Vorsicht Lesen bildet.

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