SchiffsunglückRettungsarbeiten an "Costa Concordia" erneut gestoppt


Die Rettungstaucher haben die Bergungsarbeiten am Wrack der "Costa Concordia" wieder einstellen müssen. Die Bewegungen des Schiffs machen die Suche zu gefährlich. von dpa

Taucher vor dem Wrack der "Costa Concordia"

Taucher vor dem Wrack der "Costa Concordia"  |  © Laura Lezza/Getty Images

Die Suche nach den Vermissten im Wrack des vor Italien gesunkenen Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia ist vorübergehend gestoppt worden. Die Taucher wurden nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa angewiesen, das Schiff zu verlassen, nachdem sich das Wrack erneut bewegt hatte. Wann die Suche nach den Vermissten fortgesetzt werden sollte, stand noch nicht fest. 



Nur wenige Stunden zuvor war die Suche nach weiteren Passagieren zur obersten Priorität der Bergungs- und Rettungsmannschaften erklärt worden. Dabei gebe es keine Zeitvorgabe, wann die Suche nach möglichen Überlebenden eingestellt werden könnte, sagte Krisenstabs-Chef Franco Gabrielli. Taucher hatten erst am Samstag eine zwölfte Leiche im Wrack des Schiffs entdeckt.

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Insgesamt werden noch mehr als 20 Menschen vermisst. Unter ihnen sind nach jüngsten Angaben 12 Deutsche. Die Vermissten sind nach Ansicht von Gabrielli "wahrscheinlich" noch an Bord. Daher werde die Suche fortgesetzt.



Chronologie
Die Evakuierung der Costa Concordia
13. Januar, 19 Uhr

Die Costa Concordia lichtet Anker in der Hafenstadt Civitavecchia und nimmt Kurs auf Savona. 

21.05 Uhr

Der Kapitän der Costa Concordia, Francesco Schettino, verlässt eines der Restaurants des Schiffes.

Er ist laut Augenzeugen in Begleitung von Domenica Cemortan, einer moldawischen Costa-Stewardess, deren Name weder auf der Besatzungs- noch auf der Passagierliste steht.

Nach Angaben einiger Anwesenden hat der Kapitän während des Essens Wein getrunken.

21.07 Uhr

© Hydrographic Institute Italian Navy/dpa

Die Costa Concordia weicht von dem geplanten Kurs ab.

21.08 Uhr

Die Schwester des Besatzungsmitgliedes Antonello Tievoli, die auf der Giglio Insel lebt, kündigt auf Facebook die Vorbeifahrt des Schiffes an.

Knapp eine halbe Stunde später ruft Schettino bei Mario Palombo an, einem pensionierten Costa-Kapitän, der sich auf der Insel befinden soll. Schettino berichtet von der Annährung an die Küste – im Seefahrerjargon eine "Verbeugung" vor dem alten Kapitän. Plötzlich bricht die Telefonverbindung ab.

21.35 - 21.45 Uhr

Der Kiel der Costa Concordia rammt mehrmals eine kleine Felsengruppe unweit des Hafens von Giglio Porto.

21.48 Uhr

Giovanni Iaccarino, Hauptdecks-Offizier, steigt in den Maschinenraum hinunter. Über die Bordsprechanlage meldet er, dass der ganze Maschinenraum unter Wasser stehe.

Eine Minute später ruft Ex-Kapitän Palombo das Costa-Crociere-Hauptquartier an. Er hat erfolglos versucht, Schettino wieder ans Telefon zu bekommen. Er ahnt, dass die "Verbeugung" schiefgegangen ist. Nach Angaben von Costa-Chef Pierluigi Foschi fand dieser Anruf erst um 22.25 Uhr statt.

22.05 Uhr

© Reuters

Schettino ruft in der Reederei-Zentrale an. Angeblich versucht er, die Situation herunterzuspielen.

22.05 Uhr

Die erste Durchsage: Ein Stellvertreter des Kapitäns meldet, dass es sich um einen "temporären Blackout" handelt.

22.06 Uhr

Eine junge Mitreisende ruft per Handy die Carabinieri in Prato an. Einige Passagiere haben inzwischen Schwimmwesten angelegt.

22.14 Uhr

Die Hafenkommandantur in Livorno ruft die Costa Concordia an, um sich über den Vorfall zu erkundigen. Ein Offizier sagt, dass es sich nur um einen "Blackout" handele.

Der Kommunikationsoffizier des Hafenamts, Alessandro Tosi, äußert Bedenken über die Zuverlässigkeit der Informationen vom Schiff.

Zwei Minuten später nähert sich ein Patrouillenboot der Finanzpolizei dem Schiff, das inzwischen fast zum Stillstand gekommen ist.

22.26 Uhr

Die Hafenkommandantur in Livorno spricht zum ersten Mal mit Schettino. Er gibt zu, dass es ein Leck im Kiel gibt. Bis zu diesem Zeitpunkt soll Schettino per Handy dreimal mit dem "Marine Operations Director" der Reederei Costa Crociere, Roberto Ferrarini, gesprochen haben.

Nach Angaben der Anwesenden sagt der Kapitän am Ende des letzten Telefonats den anderen Offizieren: "Meine Karriere endet hier. Sie entlassen mich."

22.28 Uhr

Trotz der kritischen Lage lehnt Schettino die Unterstützung der Hafenkommandantur ab. Die Concordia, sagt er, brauche höchstens einen Schlepper, um in den Hafen einzufahren.

Eine Mitarbeiterin der Costa Concordiafordert im Namen des Kapitäns die Passagiere auf, zurück in die Kabinen zu gehen.

Kurz darauf glaubt die Hafenkommandantur den Offizieren nicht mehr und schickt von sich aus alle verfügbaren Schiffe zur Insel.

22.34 Uhr

An Bord wird offiziell der Distress, der Notfall, ausgerufen.

22.45 Uhr

Angesichts der Unentschlossenheit Schettinos setzen sich einige Offiziere über ihren Kapitän hinweg und beginnen Vorbereitungen für die Evakuierung der Costa Concordia – rund eine Stunde nach der Havarie. Doch rettet diese "Meuterei" an Bord des Schiffes vielen Passagieren das Leben.

Drei Minuten später entschließt sich die Hafenkommandantur, alle verfügbaren Hubschrauber in den Einsatz zu schicken.

22.58 Uhr

Der Befehl "Schiff verlassen" wird endlich gegeben. Keine 15 Minuten später sind die ersten Passagiere an Land.

23.15 Uhr

© www.giglionews.it/dpa

Das Schiff beginnt sich zur Seite zu neigen. Viele Rettungsboote auf der linken Bordseite sind damit unbrauchbar.

23.30 Uhr

In einer krassen Fehleinschätzung der Lage nimmt die Reederei Costa Crociere mit Paolo Cappucciati Kontakt auf, einem technischen Direktor einer kleinen Schiffsreparaturen-Firma in Savona. Es gäbe "einige Schäden am Kiel der Concordia", teilt die Reederei mit. Cappucciati solle mit seinem Team so schnell wie möglich zur Giglio-Insel fahren.

Was genau die 12-Mann-Firma mit der sinkenden Costa Concordia hätte machen sollen, bleibt unklar.

14. Januar, 00.32 Uhr

Der Chef der Hafenkommandantur in Livorno, Gregorio De Falco, ruft bei Schettino an, um sich über die genaue Zahl der Passagiere an Bord zu erkundigen.

Schettino stottert, er behauptet, er sei an Bord, dass er aber die Zahl der Passagiere nicht einschätzen könne.

Einige Zeugen haben ihn um diese Uhrzeit allerdings schon auf einem Felsen gesehen.

Noch zwei weitere Male wird De Falco in dieser Nacht Schettino anrufen.

00.42

De Falco (Foto) ruft Schettino wieder an. Er befiehlt dem Kapitän, wieder an Bord zu gehen.

1.46 Uhr

© Guardia Costiera/Reuters

Schettino bekommt noch einen Anruf von De Falco. Der Kapitän verspricht, wieder an Bord zu gehen. Tun wird er es nicht.

04.46 Uhr

Die Evakuierung ist offiziell beendet. Eine zunächst unbekannte Zahl Personen wird noch vermisst.

Gezielte Sprengungen sollten den Tauchern neue Zugänge zu dem Deck schaffen. Mindestens zwei Explosionen waren am Morgen im Hafen von Giglio zu hören, an dessen Küste das Kreuzfahrtschiff auf Grund liegt . Zudem soll bis zum Abend geklärt werden, wie die mehr als zwei Millionen Liter Treibstoff abgepumpt werden können. Bis dahin dürfe die niederländische Spezialfirma Smit mit diesen Arbeiten nicht beginnen, sagte Gabrielli. Er wolle "den größtmöglichen Einsatz" bringen, um den Inselbewohnern eine Umwelt-Tragödie zu ersparen.
 

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Leserkommentare
  1. Das Vertäuen des Wracks würde die Vollständigkeit der Bergungs- und Entsorgungsarbeiten sichern. Wenn man so lange schon auf diese Maßnahme verzichtet, dann spekuliert man wohl darauf dass die Natur das Problemschiff versenkt und eine kostspielige Bergung überflüssig macht. Ölpest und im Schiff verbliebene Opfer sind ja nicht das Problem der Reederei.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa
  • Schlagworte Costa Concordia | Hafen | Nachrichtenagentur | Schiff | Arbeit | Italien
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