ItalienRetter finden im Costa-Wrack das dreizehnte Todesopfer

Nach der Havarie sind bislang acht Tote identifiziert, unter ihnen offenbar auch ein Deutscher. Der Kapitän macht die Reederei für sein riskantes Manöver verantwortlich.

Eine Rettungsmannschaft fährt zur "Costa Concordia".

Eine Rettungsmannschaft fährt zur "Costa Concordia".

Taucher haben im Wrack des havarierten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia eine weitere Leiche entdeckt. Die mit einer Schwimmweste bekleidete Tote sei im unter Wasser liegenden Teil des Schiffshecks auf dem siebten Deck des Schiffes gefunden worden, sagte eine Sprecherin der italienischen Zivilschutzbehörde am Sonntag. Damit wurden bislang 13 Todesopfer des Kreuzfahrtunglücks gefunden.

Acht Leichen wurden bislang identifiziert, darunter laut Zivilschutz auch ein Deutscher. Das Auswärtige Amt bestätigte die Identifikation des deutschen Toten zunächst allerdings nicht. Vier weitere Tote stammten den italienischen Behörden zufolge aus Frankreich, je ein Opfer kommt den Behördenangaben zufolge aus Italien, Spanien und Ungarn. Von den acht Identifizierten seien sieben Männer und eine Frau.

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Am Sonntagmorgen hatten die Bergungsmannschaften ihre Suche nach Vermissten auf der Costa Concordia wieder aufgenommen. Wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete, stiegen Spezialkräfte nach einigen Stunden Pause am Vormittag erneut in das Wrack des Kreuzfahrtschiffes vor der Insel Giglio. Aus Sicherheitsgründen beschränkte sich die Suche aber zunächst auf die Teile des Schiffes, die aus dem Wasser ragen. In der Nacht waren die Arbeiten gestoppt worden, weil sich die auf Grund gelaufene Concordia leicht bewegt hatte.

Unterdessen hat der Kapitän Francesco Schettino die Reederei Costa Crociere für sein riskantes Manöver vor der Insel Giglio verantwortlich gemacht. Laut Tageszeitung La Repubblica hat Schettino bei einer Anhörung vor Gericht diese Woche erzählt, die sogenannte Verbeugung vor Giglio vom 13. Januar "wurde noch vor dem Start in Civitavecchia von Costa geplant und verlangt". Mit Routen, die nahe an der Küste entlang führen, "machen wir Werbung für uns", zitierte der Corriere della Sera den unter Hausarrest stehenden Kapitän der Costa Concordia. 


Probleme mit der Black Box

Manöver dieser Art habe es bereits "vor Capri, Sorrento, auf der ganzen Welt" gegeben, habe Schettino vor der Untersuchungsrichterin am vergangenen Dienstag weiter gesagt. Im Anschluss an seine Aussage war er aus der Haft in den Hausarrest entlassen worden. Dagegen will die Staatsanwaltschaft Grosseto Rekurs einlegen und hofft auf die Daten und aufgezeichnete Gespräche der in den vergangenen Tagen gefundenen Blackbox.

Chronologie
Die Evakuierung der Costa Concordia
13. Januar, 19 Uhr

Die Costa Concordia lichtet Anker in der Hafenstadt Civitavecchia und nimmt Kurs auf Savona. 

21.05 Uhr

Der Kapitän der Costa Concordia, Francesco Schettino, verlässt eines der Restaurants des Schiffes.

Er ist laut Augenzeugen in Begleitung von Domenica Cemortan, einer moldawischen Costa-Stewardess, deren Name weder auf der Besatzungs- noch auf der Passagierliste steht.

Nach Angaben einiger Anwesenden hat der Kapitän während des Essens Wein getrunken.

21.07 Uhr

Die Costa Concordia weicht von dem geplanten Kurs ab.

21.08 Uhr

Die Schwester des Besatzungsmitgliedes Antonello Tievoli, die auf der Giglio Insel lebt, kündigt auf Facebook die Vorbeifahrt des Schiffes an.

Knapp eine halbe Stunde später ruft Schettino bei Mario Palombo an, einem pensionierten Costa-Kapitän, der sich auf der Insel befinden soll. Schettino berichtet von der Annährung an die Küste – im Seefahrerjargon eine "Verbeugung" vor dem alten Kapitän. Plötzlich bricht die Telefonverbindung ab.

21.35 - 21.45 Uhr

Der Kiel der Costa Concordia rammt mehrmals eine kleine Felsengruppe unweit des Hafens von Giglio Porto.

21.48 Uhr

Giovanni Iaccarino, Hauptdecks-Offizier, steigt in den Maschinenraum hinunter. Über die Bordsprechanlage meldet er, dass der ganze Maschinenraum unter Wasser stehe.

Eine Minute später ruft Ex-Kapitän Palombo das Costa-Crociere-Hauptquartier an. Er hat erfolglos versucht, Schettino wieder ans Telefon zu bekommen. Er ahnt, dass die "Verbeugung" schiefgegangen ist. Nach Angaben von Costa-Chef Pierluigi Foschi fand dieser Anruf erst um 22.25 Uhr statt.

22.05 Uhr

Schettino ruft in der Reederei-Zentrale an. Angeblich versucht er, die Situation herunterzuspielen.

22.05 Uhr

Die erste Durchsage: Ein Stellvertreter des Kapitäns meldet, dass es sich um einen "temporären Blackout" handelt.

22.06 Uhr

Eine junge Mitreisende ruft per Handy die Carabinieri in Prato an. Einige Passagiere haben inzwischen Schwimmwesten angelegt.

22.14 Uhr

Die Hafenkommandantur in Livorno ruft die Costa Concordia an, um sich über den Vorfall zu erkundigen. Ein Offizier sagt, dass es sich nur um einen "Blackout" handele.

Der Kommunikationsoffizier des Hafenamts, Alessandro Tosi, äußert Bedenken über die Zuverlässigkeit der Informationen vom Schiff.

Zwei Minuten später nähert sich ein Patrouillenboot der Finanzpolizei dem Schiff, das inzwischen fast zum Stillstand gekommen ist.

22.26 Uhr

Die Hafenkommandantur in Livorno spricht zum ersten Mal mit Schettino. Er gibt zu, dass es ein Leck im Kiel gibt. Bis zu diesem Zeitpunkt soll Schettino per Handy dreimal mit dem "Marine Operations Director" der Reederei Costa Crociere, Roberto Ferrarini, gesprochen haben.

Nach Angaben der Anwesenden sagt der Kapitän am Ende des letzten Telefonats den anderen Offizieren: "Meine Karriere endet hier. Sie entlassen mich."

22.28 Uhr

Trotz der kritischen Lage lehnt Schettino die Unterstützung der Hafenkommandantur ab. Die Concordia, sagt er, brauche höchstens einen Schlepper, um in den Hafen einzufahren.

Eine Mitarbeiterin der Costa Concordiafordert im Namen des Kapitäns die Passagiere auf, zurück in die Kabinen zu gehen.

Kurz darauf glaubt die Hafenkommandantur den Offizieren nicht mehr und schickt von sich aus alle verfügbaren Schiffe zur Insel.

22.34 Uhr

An Bord wird offiziell der Distress, der Notfall, ausgerufen.

22.45 Uhr

Angesichts der Unentschlossenheit Schettinos setzen sich einige Offiziere über ihren Kapitän hinweg und beginnen Vorbereitungen für die Evakuierung der Costa Concordia – rund eine Stunde nach der Havarie. Doch rettet diese "Meuterei" an Bord des Schiffes vielen Passagieren das Leben.

Drei Minuten später entschließt sich die Hafenkommandantur, alle verfügbaren Hubschrauber in den Einsatz zu schicken.

22.58 Uhr

Der Befehl "Schiff verlassen" wird endlich gegeben. Keine 15 Minuten später sind die ersten Passagiere an Land.

23.15 Uhr

Das Schiff beginnt sich zur Seite zu neigen. Viele Rettungsboote auf der linken Bordseite sind damit unbrauchbar.

23.30 Uhr

In einer krassen Fehleinschätzung der Lage nimmt die Reederei Costa Crociere mit Paolo Cappucciati Kontakt auf, einem technischen Direktor einer kleinen Schiffsreparaturen-Firma in Savona. Es gäbe "einige Schäden am Kiel der Concordia", teilt die Reederei mit. Cappucciati solle mit seinem Team so schnell wie möglich zur Giglio-Insel fahren.

Was genau die 12-Mann-Firma mit der sinkenden Costa Concordia hätte machen sollen, bleibt unklar.

14. Januar, 00.32 Uhr

Der Chef der Hafenkommandantur in Livorno, Gregorio De Falco, ruft bei Schettino an, um sich über die genaue Zahl der Passagiere an Bord zu erkundigen.

Schettino stottert, er behauptet, er sei an Bord, dass er aber die Zahl der Passagiere nicht einschätzen könne.

Einige Zeugen haben ihn um diese Uhrzeit allerdings schon auf einem Felsen gesehen.

Noch zwei weitere Male wird De Falco in dieser Nacht Schettino anrufen.

00.42

De Falco (Foto) ruft Schettino wieder an. Er befiehlt dem Kapitän, wieder an Bord zu gehen.

1.46 Uhr

Schettino bekommt noch einen Anruf von De Falco. Der Kapitän verspricht, wieder an Bord zu gehen. Tun wird er es nicht.

04.46 Uhr

Die Evakuierung ist offiziell beendet. Eine zunächst unbekannte Zahl Personen wird noch vermisst.

Diese Hoffnung zerstreute Schettino schon in seiner Aussage vor Gericht. "Wir hatten an Bord ein Problem, seit 15 Tagen war das Backup der Sprachaufzeichnung kaputt. Wir haben einen Techniker gebeten, das Problem zu beheben, aber das ist nicht passiert." 

Zugleich rechtfertigte der Kapitän, den Notruf an die Küstenwache mehr als eine Stunde verzögert zu haben: "Aber wir mussten auf Nummer sicher gehen, denn ich wollte weder Passagieren ins Meer schicken noch Panik verbreiten, und es hätte unnötig Tote gegeben."

 
Leserkommentare
  1. Das Ganze auf Löhne, Arbeitszeiten und Betribsklima zu schieben wäre wohl doch zu einfach.

    Wer tut das? Ich zitiere den Vorredner: Ich glaube kaum, dass der Kapitän in diesem Fall der Alleinschuldige ist.. Nicht der Alleinschuldige zu sein, bedeutet dennoch eine Mitschuld zu tragen.

    Eine Leserempfehlung
  2. 10. Und das

    gilt natürlich insbesondere für Schettino. Er war gezwungen, den Job als Kapitän anzunehmen und als er sein Manöver vor der Insel Giglio fuhr, stand jemand von der Reederei hinter ihm und hat ihn mit vorgehaltener Pistole davon abgehalten, auf die Seekarte zu gucken.

    [Irony off]

    Antwort auf "Doch !"
  3. Er hat das Schiff leichtsinnig und unverantwort zu nah (nur ca.200 m Abstand von der Küste) und zu schnell (ca.15 kn)an die Insel Giglio herangesteuert.Das hat nichts, aber auch garnichts mit verantwortungsvoller Schiffsführung zu tun.Im Gegenteil, angesichts der ihm anvertrauten ca.4200 Menschen an Bord,hat er sich mit dieser -Kamekazefahrt- wie ein Wahnsinniger verhalten. Sein anschliessendes Verhalten sagt viel über diesen überforderten und anscheinend auch unfähigen Menschen aus,anstatt nun seine Verantwortung wahrzunehmen,oder zumindestens an seinen Stellvertreter zu delegieren,macht er sich mit seinen nautischen Offizieren aus dem Staub.Ein bisher ziemlich einmaliger Vorgang bei einer Haverie dieser Art.Eine sofortige Evakuierung hätte keine menschl.Opfer fordern müssen,oder sie zumindestens drastisch minimiert.Vielleicht trägt die Reederei eine Mitschuld ,weil sie so einem Zeitgenossen -das Schiff- anvertraut hat,aber wie nahe ein Kapitän an einer Insel vorbeifahren kann,das einscheidet er als Schiffsführer ganz alleine.Übrigens wird das Finden der Blackbox für die Schuld des Kapitäns kaum relevant sein,denn seine gefahrene Route und Geschwindigkeit bis zur Haverie sind bei -AIS-Life- Marintraffic genau aufgezeichnet,die anschliessenden Handygespräche auch überliefert,das wird reichen ,um dem Kapitän und z.T.der Schiffsführung totales Versagen nachzuweisen.

  4. ein exzellentes Beispiel für eine kompetente Rechtsfindung.

    Lassen wir also einfach die Gerichte ihre Arbeit machen.

  5. Das Ganze ist schon so traurig genug

    • bugme
    • 22.01.2012 um 21:27 Uhr

    ...natürlich sind es alles Europäer, natürlich sind es alles Menschen.
    Gedankenexperiment: wenn es in in ihrem Ort einen Unfall gibt, interessiert es sie, ob da jemand aus ihrem Freundeskreis oder gar ihrer Familie betroffen war? Warum? Sind die Familienangehörigen etwas besonderes? Ja - nämlich für sie!

    Da es unter den Zeit-Lesern durchaus welche geben könnte, die im Bekanntenkreis Kreuzfahrttouristen haben. Da kann man dann durchaus Interesse an solch einer Nachricht haben.

    Antwort auf "Es gibt..."
  6. Lieber glaubender Suennerclaas,Glaube ist manchmal hilfreich,auf einem Schiff in Seenot sind jedoch Taten in Form von klaren Evakuierungsbefehlen des Kapitäns und der Offizierscrew gefragt.Nach Zeugenberichten hat Schettino aber abwiegeln lassen,hat von einem Blackout berichten lassen,den die Techniker im Griff haben.Derweil brach Panik und Chaos an Bord aus und der Mann hat sich mit weiteren Offizieren mit einem Rettungsboot an Land abgesetzt.Kann mir nicht vorstellen,daß er damit nach den Regeln des internationalen Seerechtes gehandelt hat.Auch wenn es üblich war, mit den schicken Kreuzfahrtdampfern des Nachtens voll illuminiert und mit brüllenden Typhon etwas italienische Show für Passagiere und Inselvolk abzuziehen,kann man das locker im Sicherheits-Abstand von 1 sm von der Küstenlinie veranstalten, ohne 4000 Menschen der Gefahr eines Schiffbruches auszusetzten.Aber Macho Francisco wollte wohl seiner 25-jährigen Stoßdame imponieren und hat den Kahn deshalb auf Klamotten gesetzt.Er handelte verantwortungslos leichtsinnig und jetzt handelt er wie gehabt nach dem EGOmanen-Motto "Rette sich wer kann". Wer nicht konnte, hat Pech gehabt und ist ersoffen. Kleine Kollateralschäden, für die der Versager vermutlich hinter Gitter wandert.Ahoi vom Klabautermann mit der Geige des Bordorchesters,das bis zuletzt auf der Titanic spielte, bevor die im kalten Nordatlantik absoff.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Ich glaube kaum..."
  7. Kann eine einzelne Person die alleinige schuld an einem solchen Desaster tragen?
    Ein Kapitän steht doch nicht alleine in der Kommandobrücke. Es gibt doch noch viele andere Besatzungsmitglieder, die es hätten besser wissen müssen. Es gibt die Reederei, die im Vorfeld eine Route festlegt und eine Hafenaufsicht, die eine Route genehmigen muss.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn der Kapitän auf der Brücke steht, hat er und nur er allein das Kommando, egal welche Besatzungsmitglieder sich noch auf der Brücke bewegen.Wenn nun der Maitre de Plaisier in der Backbordnock seine zu nahe Heimatinsel bestaunt hat und das dumme Bauchgefühl diesen beschlich, daß es gleich krachen werde, hat er möglicherweise dies seinem Alten mitgeteilt, so daß der das Ruder hart steuerbord legen ließ, um von der kleinen Felsengruppe freizukommen.Wenn er mit diesem Manöver möglicherweise sich erst richtig in Schieflage gebracht hat, ist dafür nicht der Maitre verantwortlich, sondern nur der verantwortungslose Capitano und nicht der Rugergänger oder sonst eine Schöne aus Moldawien oder Venezien.Moin Moin

    Wenn der Kapitän auf der Brücke steht, hat er und nur er allein das Kommando, egal welche Besatzungsmitglieder sich noch auf der Brücke bewegen.Wenn nun der Maitre de Plaisier in der Backbordnock seine zu nahe Heimatinsel bestaunt hat und das dumme Bauchgefühl diesen beschlich, daß es gleich krachen werde, hat er möglicherweise dies seinem Alten mitgeteilt, so daß der das Ruder hart steuerbord legen ließ, um von der kleinen Felsengruppe freizukommen.Wenn er mit diesem Manöver möglicherweise sich erst richtig in Schieflage gebracht hat, ist dafür nicht der Maitre verantwortlich, sondern nur der verantwortungslose Capitano und nicht der Rugergänger oder sonst eine Schöne aus Moldawien oder Venezien.Moin Moin

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