Kreuzfahrt-Unglück"Der Lohn war so ekelhaft wie das Essen"

Viele Besatzungsmitglieder der "Costa Concordia" waren Billiglöhner aus aller Welt. Sie haben alles verloren und bangen um ihren Job. L. Galassi hat mit ihnen gesprochen. von Luca Galassi

Ein Journalist filmt die havarierte Costa Concordia.

Ein Journalist filmt die havarierte Costa Concordia.  |  © VINCENZO PINTO/AFP/Getty Images

Von ihnen wird nicht gesprochen – außer um sie als Egoisten zu beschimpfen, die sich vor allem selbst retten wollten: Rund 1.100 Menschen haben auf der Costa Concordia gearbeitet, die vergangene Woche vor der toskanischen Küste auf einen Felsen lief und sank. 90 Prozent der Besatzungsmitglieder kamen aus Billiglohnländern. Die meisten sprechen nur sehr schlecht Italienisch. Einige von ihnen werden immer noch vermisst. Und viele Seeleute, die das Unglück überlebt haben, haben nun Angst um ihre Jobs. Die CGIL, die größte italienische Gewerkschaft, fürchtet, dass ungefähr 1.000 Costa-Seeleute mindestens vorübergehend ihre Arbeit verlieren werden.

Joseph ist bereit zu erzählen. Er ist Inder, 30 Jahre alt, und arbeitete als Kellner auf dem Kreuzfahrtschiff. Seinen Nachnamen mag er aus Angst um seinen Job nicht nennen. "Es ist nicht wahr, dass wir die Passagiere ihrem Schicksal überlassen haben", berichtet er. "Ich war der Letzte, der das Schiff verließ. Erst als alle Gäste in Sicherheit waren."

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Joseph zieht gerade aus einem Gasthof aus, wo ihn die Reederei Costa Crociere nach dem Unglück einquartiert hatte. Zusammen mit 1.000 anderen ausländischen Besatzungsmitgliedern – Chinesen, Indonesiern, Südamerikanern – war er im Süden der Toskana für drei Tage untergebracht worden.

Alles blieb auf dem Schiff

Nach dem Kraftakt, 3.000 Menschen in zwei Stunden vom Schiff zu bringen, müssen Joseph und seine Kollegen sich jetzt gegen die Anklagen der italienischen Presse und mancher Passagiere wehren. In den Zeitungen stand, die Crew habe nicht gewusst, was sie tun sollte; sie habe nur daran gedacht, sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Joseph kann diese Vorwürfe kaum ertragen. Mit fünf anderen Kollegen wirkt er ganz verloren zwischen den Zypressen des toskanischen Hotels. Sie warten auf einen Bus, der sie nach Rom bringen soll. Von dort sollen sie in ihre Heimatländer reisen. Sie haben Handtücher um den Kopf gewickelt, um sich vor der Kälte zu schützen. Das Rote Kreuz hat ihnen Decken, Kleidung und warmes Essen gebracht. Auf dem Schiff haben sie alles zurücklassen müssen und damit wahrscheinlich für immer verloren: Ausweise, Handys, Geld.

509 Dollar verdient Joseph im Monat

Die Männer beteuern, dass sie gut dafür ausgebildet worden sind, Passagieren im Notfall zu helfen. Dinesh, der Größte und Kräftigste von ihnen, war zuständig für das Rettungsboot Nummer drei. Er ist wütend: "Schaut euch die Bilder und Videos an: Die letzten, die auf der Brücke blieben, waren meine Kollegen. Wir haben alles auf dem Schiff gelassen. Wenn wir unser Gepäck gerettet hätten, wäre die Zahl der Opfer sicher viel größer gewesen."

509 Dollar verdiente Joseph für 13 oder 14 Stunden Arbeit am Tag, sagt er. "Klar, die Pausen sind lang zwischen den Mahlzeiten."

Leserkommentare
  1. .. das sind ja deutsche Zeitarbeitsverhältnisse auf diesen Schiffen. Havanna-Schröder & sein Clemens haben es also nicht selber erfunden ...

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    • bugme
    • 18. Januar 2012 20:11 Uhr

    Lohn nur in bar, bestohlen

    Es ist intelligent, festzustellen, Schröder habe die Globalisierung erfunden. Aber vielleicht meinen Sie das gar nicht, vielleicht wollen Sie ja sagen, der Schröder habe einfach Spaß daran gehabt, dass möglichst viele möglichst wenig verdienen. Aber Kompliment - echt intellektuelle Leistung, Ihr Kommentar!

    Ansonsten würde mich mal interessieren, was eine Reise auf diesem Schiff gekostet hat. Weiß das jemand? Wenn sich das Personal gegenseitig beklaut, kann es mit diesem Kahn und dieser Reederei nicht weit her sein, oder? [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pietätlose Aussagen. Danke, die Redaktion/lv

    • Chaled
    • 18. Januar 2012 23:35 Uhr

    Alex Zatelli hat doch recht.

    Zu bugme: In Deutschland uns gibt es den Lohn auch oft in Bar und bestohlen werden die Zeitarbeiter direkt von den Arbeitgebern. Dank Schröder und Co. ist das möglich.

    Zu Quellcode: Was hat Zeitarbeit mit Globalisierung zu tun ? Oder können Sie den Chinesen aus Shanghai für einen noch niedrigeren Hungerlohn hier anstellen ?
    Und ja ! Schröder hatte wohl Spaß an der Kohle die er dafür kassiert hat dass möglichst viele wenig verdienen.
    Muss ein Kommentar eine intellektuelle Leistung sein ? Nein bestimmt nicht aber Herr Zatelli erkennt, im Gegensatz zu vielen anderen, wem er unser tolles Zeitarbeistmodell zu verdanken hat. Das ist die intellektuelle Leistung !

  2. Mir wird nun auch etwas klarer, warum Kreuzfahrten in den vergangenen Jahren das Boom-Segment in der Tourismusbranche waren. Hinzu kommt, dass Kreuzfahrtschiffe immer noch aus Kostengründen mit dem umweltgefährlichen Schweröl angetrieben werden, obwohl es längst umweltfreundlichere, aber teurere Antriebsarten gibt.

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    ...die politisch korrekte Sichtweise lautet: der Markt verlangt es und die Kunden sind somit daran schuld ;-)

    Lieber dirk.1966, können sie mir bitte Kreuzfahrtschiffe mit langsamlaufenden Dieselmotoren zeigen? Wenn sie sich ein bisschen informieren würden, würden sie schnell wissen, dass eigentlich alle halbwegs modernen Kreuzfahrtschiffe diesel-elektrische antriebe haben. Ein paar vielleicht direktantriebe mit Getriebe, alle jedoch angetrieben von mittlschnell bzw. meist schnelllaufenden Dieselmotoren. Wie der Name sagt laufen die mit Diesel und nicht mit Schweröl. Erst informieren, dann reden/schreiben.

    In diesem Sinne, Fabian

    • bugme
    • 18. Januar 2012 20:11 Uhr

    Lohn nur in bar, bestohlen

    Antwort auf "Hey, ...."
    • vonDü
    • 18. Januar 2012 20:16 Uhr
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    ...Optimierung ist das Kernelement des Kapitalismus. Damit das nicht zum Schaden von Leuten ausfällt, gibt es Parlamente und Gesetze...

  3. Früher nannte man so etwas in der Seefahrt shanghaien,nur
    so sieht es überall in der Kreuzschiffahrt und auch bei uns
    an Land aus!Mit dem Elend anderer Menschen Geld verdienen
    oder warum sind bei deutschen Reederreien die Offziere und
    Kapitäne noch nicht mal Deutsche?Bin selber von 1976-78 zur
    See gefahren,damals verdiente man als Ing.-Assi mit Overti-
    mes noch 3500-4000DM netto im Bergungs-und Offshoregeschäft
    bei Bugsier,Hamburg!Heute macht das nur noch Smitlyord,Rot-
    terdam,sie sind über geblieben mit ihren Bergungsschleppern,
    sie waren unsere Konkurrenz!Drei Monate Bohrinseln schleppen
    ohne an Land zukommen und die Jobs,Schiffe bergen kann heute
    jeder,die Holländer haben dafür ein Spezialschiff,wo auch
    nicht viel holländische Seeleute fahren,denn wer hat nicht
    ausgeflaggt!Der Kunde,Verbraucher will billige Waren,ob nun
    die Kreuzfahrt oder Handelsschiffahrt mit Containern!Für mich heisst diese System heute,mit Menschen ausnutzen werden
    Andere Reich,denn gerade in der Seefahrt gibt es nicht viel
    Gewerkschaften.Filipinos oder Chinesen heuern durch Agentu-
    ren,den müssen sie Geld bezahlen für Anreise und Ausbildung
    z.b.in Zypern,an oder zahlen jeden Monat von der Heuer einen
    gewissen Betrag.Sowas kann nur die Politik ändern,aber sie
    tut es ja nicht mal in Deutschland im Niedriglohnsektor!

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    Tarif ist 4 Monate an Bord, danach 2 Monate Urlaub. Für die Verantwortung die man hat gibt es nicht wirklich viel Geld, da lacht einen jeder Supermarktchef aus. Und der muss nicht mit Sprachunkundigen Mitarbeitern einen mörderischen Zeitplan einhalten um ein 250Mio$ Schiff mit dem doppelten an Ladung just in time an die Pier zu kriegen.

    Fakt ist: der Durchschnittsdeutsche weiss nicht dass es Seeleute überhaupt noch gibt, und wenn doch denkt er wir würden den ganzen Tag Shantys singen und Knoten knoten. Wie die vielen bunten Produkte aus China in den Laden gekommen sind fragt keiner.

    • Voston
    • 18. Januar 2012 20:20 Uhr

    Da möchte ich noch hinzufügen das es in Costa Schiffen Pflicht ist das jeder Passaggier 6 Euro am Tag Trinkgeld bezahlt. Eine 16 Tage Fahrt betragen 96 Euro. Es wird automatisch abgezogen. Aber wie wird es verteilt? Passagiere können bevor sie das Schiff verlassen eine Umfrage abgeben. Nach einem Mitarbeiter der Crew, die einzigen Antworten die sich für die Arbeiter in eine Belohnung umsetzen lassen sind die die mit "Ausgezeichnet" geantwortet sind. Alle anderen gelten nicht zu diesem Zweck.

  4. ...die politisch korrekte Sichtweise lautet: der Markt verlangt es und die Kunden sind somit daran schuld ;-)

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    die Kunden bilden die Nachfrageseite, den Bedarf. Und für einen Bedarf findet sich immer ein marktorientiertes Unternehmen, daß ihn erfüllt. So offensichtlich auch hier.

  5. Als erste setzen sich die Kapitäne ab. In die Rettungsboote, zu Gazprom, egal.

    "Ich bin doch nicht blöd". Recht haben sie. Blöd sind die, die auf sie reinfallen. Immer wieder ...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dollar | Schiff | Vertrag | Shanghai | Europa | Jakarta
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