Der Kapitän des verunglückten Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia musste neuesten Erkenntnissen zufolge während der Rettungsaktion intensiv auf seine Aufgabe hingewiesen werden. Telefongespräche, die die Black Box des Schiffes mitschnitt, belasten den obersten Schiffsführer erheblich.

Zu hören ist, wie ein im Hafen der Insel Giglio diensthabender Offizier mit dem Kapitän Francesco Schettino telefoniert. "Jetzt begeben Sie sich zum Bug, Sie klettern die Rettungsleiter hoch und leiten die Evakuierung", forderte er von Schettino, den er 1.46 Uhr auf dem Handy erreichte. Da waren noch Hunderte Menschen an Bord des sich langsam zur Seite neigenden Schiffes.

Der Offizier wurde im Verlauf des Telefonats immer ungehaltener. "Was machen Sie? Geben Sie die Rettung auf?", fragte der Offizier. "Nein, nein, ich bin da, ich koordiniere die Rettung", antwortete Schettino, der von den Zeugen allerdings schon vor Mitternacht am Ufer gesehen wurde.

"Sie müssen uns sagen, wie viele Leute da noch sind, Kinder, Frauen, Passagiere, die genauen Zahlen in jeder Kategorie!", verlangte der Offizier. Er sagte, es gebe "bereits Leichen". "Wie viele?", fragte Schettino zurück. Der Offizier darauf: "Das müssen doch Sie mir sagen! Was machen Sie? – Jetzt kehren Sie nach da oben zurück und sagen Sie uns, was wir machen können!"

Kapitän als letzter von Bord?

Schon 1.42 Uhr hatte der Kapitän in einem anderen Telefonat mit der Hafenmeisterei gesagt, man könne nicht mehr an Bord des Schiffes gehen, weil es zur Heckseite kippe. Der Offizier fragte völlig überrascht: "Kommandant, haben Sie das Schiff verlassen?" Der Kapitän darauf: "Nein, nein, natürlich nicht!" Wann der Kapitän wo war, lässt sich derzeit nicht lückenlos belegen. Augenzeugen sagten, sie hätten ihn um 0.30 Uhr auf einem Felsen auf der rechten Seite des Schiffes gesehen . Die Evakuierung des Schiffes war laut Polizei aber erst um 4.46 Uhr beendet. 

Die Regel, dass der Kapitän als seekundigster Mann erst als letzter von Bord gehen darf, ist im deutschen Seerecht festgeschrieben. Die Costa Concordia unterlag aber am Unglücksort nicht einmal dem internationalen See-Regularium, sondern wegen der großen Nähe zur Küste dem nationalen italienischen.

Die Zahl der Vermissten korrigierten die italienischen Einsatzkräfte in der Nacht nach oben, auf mittlerweile 29. Fünf davon sind Besatzungsmitglieder, Die Angaben zur Zahl der vermissten Deutschen liegen zwischen 10 und 14.

Route eigenmächtig geändert

Bisher sind alle über Wasser liegenden Teile des Schiffes durchsucht. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit stark, weitere Überlebende zu finden. Am heutigen Dienstag wollen sich die Rettungstrupps auch mithilfe von Sprengstoff einen Weg durch das Wrack bahnen.

Das Schiff der Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere war am Freitagabend mit 4.200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern auf einen Felsen gelaufen. Das Gestein schrammte einen 70 Meter langen Riss hinein. Das einströmende Wasser ließ den Ozeanriesen zur Seite kippen und teilweise versinken.

Der Kapitän hatte nach Angaben der Kreuzfahrtgesellschaft die Route eigenmächtig näher an die Insel Giglio gelegt . Er hatte behauptet, die Felsen seien nicht auf der Seekarte eingezeichnet gewesen. Die Staatsanwaltschaft widersprach dem später.