Kreuzfahrt-Havarie Schettino überführt sich selbst
Der Kapitän der "Costa Concordia" hat sich bei abgehörten Telefonaten in der Untersuchungshaft offenbar selbst widerlegt. Demzufolge ist er keineswegs von Bord gefallen.

Der Kapitän der "Costa Concordia": Francesco Schettino
Der Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia, Francesco Schettino, bringt sich durch widersprüchliche Aussagen zunehmend in Bedrängnis. Während seiner Untersuchungshaft abgehörte Telefonate mit Freunden widersprechen den Aussagen des 52-Jährigen im Verhör. Mehrere italienische Zeitungen haben Ausschnitte der Gespräche veröffentlicht.
"Als ich gesehen habe, dass sich das Schiff neigte, habe ich mich heruntergestürzt", gibt die Turiner Zeitung La Stampa Teile des Gesprächs wieder. Kurz nach dem Unglück hatte Schettino noch ausgesagt, er sei zufälligerweise von dem Schiff in ein Rettungsboot gefallen. Laut La Stampa verrät sich Schettino damit selbst.
Kapitän beschuldigt Reederei der Costa Concordia
Die abgehörten Telefonate werfen auch ein neues Licht auf das mutmaßliche riskante Manöver Schettinos nah am Ufer der Insel Giglio, das wohl zu dem Unfall geführt hat. Laut der Zeitung La Repubblica sagte Schettino am Telefon, die Verbeugung genannte nähere Route habe ein "Manager" nachdrücklich von ihm verlangt. Unklar blieb allerdings, um wen es sich handelt. Schettino hatte die Reederei Costa Crociere bereits vorher beschuldigt, ein riskantes Heranfahren aus Werbezwecken gefordert zu haben.
Die Reederei ihrerseits beschuldigte hingegen Schettino: Der Kapitän habe kurz nach der Katastrophe über das Ausmaß des Unglücks getäuscht und die Lage damit verschlimmert. Während einer Anhörung im italienischen Senat sagte Costa-Chef Pier Luigi Foschi, der Kapitän habe sich erstmals telefonisch um 21.57 Uhr gemeldet – zehn Minuten nachdem das Schiff einen Felsen gerammt hatte. Schettino habe gesagt, dass es an Bord ein großes Problem gebe und in mehrere Kammern Wasser eingetreten sei. Allerdings sagte Schettino Foschis Angaben zufolge auch, "dass die Stabilität des Schiffes nicht gefährdet" und die Lage "unter Kontrolle" sei.
Während die Schuldfrage folglich längst nicht beantwortet ist, haben die Rettungskräfte kaum noch Hoffnung, Überlebende im Schiffswrack zu finden. Dennoch wurde die Suche nach Überlebenden fortgesetzt. Nach einer Unterbrechung wegen schlechten Wetters hatten sich Marine-Taucher einen noch größeren Zugang zu dem dritten Deck des havarierten Schiffes freigesprengt.
Noch immer werden mehr als 20 Menschen vermisst. 16 Tote konnten identifiziert werden, darunter zwei Deutsche. Zur genauen Herkunft der Opfer machte das Auswärtige Amt keine Angaben. Unter den beiden Toten sei auch der bereits von den italienischen Behörden gemeldete deutsche Staatsangehörige.
- Datum 25.01.2012 - 19:08 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP
- Kommentare 41
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Detaillierter und präziser dieser Bericht:
„Am 13. Januar um 21.45 Uhr riss ein Felsen den Rumpf der "Costa Concordia" auf. Erst um 22.58 Uhr wurde Alarm gegeben. Unfassbare 73 Minuten dauerte es also, bis der Kapitän eine Entscheidung traf. Zeugen sagten aus, Schettino habe sich mindestens dreimal ausführlich mit einem Vertreter der Reederei, Roberto Ferrarini, am Telefon beraten, bevor er irgendwelche Schritte zur Rettung unternahm. Jetzt wird vermutet, die Reederei habe erst die finanziellen Konsequenzen einer Evakuierung prüfen wollen, bevor an Bord das entsprechende Signal gegeben wurde. (...)
Von einer "unvorstellbaren Leichtfertigkeit" in Sachen Sicherheit an Bord spricht Generalstaatsanwalt Beniamino Deidda (...) Ein eindeutiger Hinweis an die Staatsanwälte in Grosseto, die Ermittlungen auf die Vertreter von Costa Crociere auszudehnen.
Dies ist bisher nicht geschehen, obwohl Schettino bei der Befragung angab, seine Firma über die Tragweite der Situation informiert zu haben. (...) Er habe den Reederei-Mann eindringlich darum gebeten, Hubschrauber für die Evakuierung zu entsenden. Jetzt wollen die Staatsanwälte Ferrarini dazu befragen."
http://www.spiegel.de/pan...
Bitte beteiligen Sie sich mit eigenen Argumenten. Danke, die Redaktion/lv
Ist ja bemerkenswert, dass die Abhörergebnisse schon nach kurzer Zeit der Presse vorliegen. Dies dürfte alle erfreuen:
Die Zeitungen steigern ihre Auflage
Der korrupte Polizist erhielt Schmiergeld von der Presse
Der Kapitän ist vorgewarnt und kann fortan manipulieren
Das Ganze wirft allerdings ein sehr schlechtes Licht auf die italienische Justiz. Auch ein Beschuldigter hat das Recht durch Akteneinsichtnahme, wenn diese die Ermittlungen nicht mehr gefährden, sich über den Stand der Dinge zu informieren. Die Ermittlungsergebnisse aus der Presse zu erfahren, zeugt von einem stillosen Umgang der italienischen Justiz mit dem Fall. Nach diesem schrecklichen Unglück bitte nicht noch ein unfaires Gerichtsverfahren!
"Weitere schwere Vorwürfe gegen den Eigentümer der "Costa Concordia" erhob Roberto Cappello aus Pisa: Dem Fotografen zufolge kam es bereits im Mai 2005 zu einer Kollision eines Costa-Schiffes mit einem Felsen. (...) Laut eigener Aussage befand er sich als offizieller Firmenfotograf an Bord. Nach einem lauten Knall sei die "Fortuna" hin- und hergeschwankt und Schlangenlinien gefahren, berichtete Cappello. Er habe später den Riss im Schiff fotografiert, außerdem sei ihm aufgefallen, dass ein Propellerflügel an der Schiffsschraube kaputt war.
Immerhin sei es gelungen, das Schiff sicher und bei verminderter Geschwindigkeit nach Palermo zu bringen. "Später erklärte man uns, wir hätten einen Wal gerammt", so Cappello. "Als ich das Schiff verlassen wollte, hat ein Vertreter von Costa Crociere mich genötigt, ihm die Bilder auf meiner Digitalkamera auszuhändigen. Ich wurde bedroht", zitiert der "Independent" den Fotografen.“
http://www.spiegel.de/pan...
In der Regel gibt es bei Unglücken dieser Größenordnung keinen alleinigen Schuldigen. Nach Angaben des Schiffsversicherers Lloyds soll es in der Vergangenheit bereits mindestens ein Mal zu gefährlichen Situationen von Giglo gekommen sein.
Machen wir uns nichts vor: die "alleinige Entscheidungsbefungnis" eines Kapitäns ist etwas aus dem Kapitel der Seefahrtsromantik - ebenso der Grundsatz "Frauen und Kinder zuerst". Ist ein Kapitän nicht gleichzeitig der Eigner des Schiffs ist er seiner Funktion nach ein Leitender Angestellter und Betriebsführer, der das auszuführen hat, was die Reederei anordnet. Macht er das nicht, findet sich sehr schnell jemand anderes, der es macht.
Wenn es auch schwerfällt, Realitäten anzuerkannen und gern über Seefahrerromantik fabuliert wird, ist es nach heutigen internationalen Seerecht Fakt, daß der Kapitän Alleinverantwortlich auf einem Schiff ist, auch wenn er Angestellter einer Reederei ist.Es ist auch zweitrangig, welche Order er von irgendwelchen Reedereimangern vor der Reise bekam.Allein sein Handeln vor während und nach der Grundberührung wird maßgeblich die Richter der italienischen Seekammer beindrucken und zu einem abschließenden Urteil über das traurige Unglück führen.Moin Moin
@4
Falls die Reederei von ihm verlangt hat, vor Giglio eine "Verbeugung" zu fahren, dann hätte er das auch tun können, ohne das Schiff und tausende von Menschen auf kriminelle Weise in Gefahr zu bringen: Anstatt mit 15 Knoten bei Dunkelheit auf die Küste zuzuheizen und erst in drei Schiffslängen Abstand zu den Felsen (und damit viel zu spät) auf Steuerbord abzudrehen, hätte er mit der halben Geschwindigkeit und einer Seemeile Abstand vorbeifahren können. Nichts wäre passiert. Sollte die Reederei von ihm eine dichtere Vorbeifahrt verlangt haben (was ich mir nicht vorstellen kann), dann wäre es als verantwortungsvoller Kapitän seine Aufgabe gewesen, das zu ignorieren, was er locker mit dem zu großen Risiko hätte begründen können.
Man kann es drehen und wenden wie man will. Ein solches Manöver zu fahren schafft man nur unter Drogen, besoffen oder kriminell leichtsinnig. Falls das Schiff voll funktionsfähig war und keinen unerkannten Schaden z.B. an der Ruderanlage hatte, dann hat Schettino m.E. die alleinige Schuld an diesem Unglück.
Wenn es auch schwerfällt, Realitäten anzuerkannen und gern über Seefahrerromantik fabuliert wird, ist es nach heutigen internationalen Seerecht Fakt, daß der Kapitän Alleinverantwortlich auf einem Schiff ist, auch wenn er Angestellter einer Reederei ist.Es ist auch zweitrangig, welche Order er von irgendwelchen Reedereimangern vor der Reise bekam.Allein sein Handeln vor während und nach der Grundberührung wird maßgeblich die Richter der italienischen Seekammer beindrucken und zu einem abschließenden Urteil über das traurige Unglück führen.Moin Moin
@4
Falls die Reederei von ihm verlangt hat, vor Giglio eine "Verbeugung" zu fahren, dann hätte er das auch tun können, ohne das Schiff und tausende von Menschen auf kriminelle Weise in Gefahr zu bringen: Anstatt mit 15 Knoten bei Dunkelheit auf die Küste zuzuheizen und erst in drei Schiffslängen Abstand zu den Felsen (und damit viel zu spät) auf Steuerbord abzudrehen, hätte er mit der halben Geschwindigkeit und einer Seemeile Abstand vorbeifahren können. Nichts wäre passiert. Sollte die Reederei von ihm eine dichtere Vorbeifahrt verlangt haben (was ich mir nicht vorstellen kann), dann wäre es als verantwortungsvoller Kapitän seine Aufgabe gewesen, das zu ignorieren, was er locker mit dem zu großen Risiko hätte begründen können.
Man kann es drehen und wenden wie man will. Ein solches Manöver zu fahren schafft man nur unter Drogen, besoffen oder kriminell leichtsinnig. Falls das Schiff voll funktionsfähig war und keinen unerkannten Schaden z.B. an der Ruderanlage hatte, dann hat Schettino m.E. die alleinige Schuld an diesem Unglück.
...von Passagieren und Besatzung hat offenbar bei diesem Kreuzfahrtveranstalter nicht die oberste Priorität und wird wirtschaftlichen Zielen untergeordnet, das ist zumindest der Gesamteindruck, der sich angesichts der gegenwärtigen Informationslage bietet.
Im Kapitalismus wird ALLES wirtschaftlichen Zielen untergeordnet - wer das vermeidet, ist pleite - oder gemeinnützig, oder Griechenland.
Ein guter Ruf dient natürlich auch wirtschaftlichen Interessen - und der dürfte nun verspielt sein. Dumm gelaufen.
Im Kapitalismus wird ALLES wirtschaftlichen Zielen untergeordnet - wer das vermeidet, ist pleite - oder gemeinnützig, oder Griechenland.
Ein guter Ruf dient natürlich auch wirtschaftlichen Interessen - und der dürfte nun verspielt sein. Dumm gelaufen.
Ja, das tun alle Lügner (ausnahmslos übrigens), man muss sie nur lange genug reden (oder schreiben) lassen.
Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema anhand sachlicher Argumente. Danke, die Redaktion/lv
...die ein schlechtes Gewissen haben. Die gerissenen Taktiker a la Guttenberg sind nur mit einer Überlast an Fakten überführbar. Mit Reden ist da nix.
Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema anhand sachlicher Argumente. Danke, die Redaktion/lv
...die ein schlechtes Gewissen haben. Die gerissenen Taktiker a la Guttenberg sind nur mit einer Überlast an Fakten überführbar. Mit Reden ist da nix.
Entfernt. Bitte diskutieren Sie das konkrete Artikelthema anhand sachlicher Argumente. Danke, die Redaktion/lv
Im Abhörprotokoll steht: "ho preso e sono sceso" d.h. "ich habe genommen[auf was sich das bezieht weiß ich nicht] und bin runtergegangen"
Allerdings steht da nicht, ob er vom Schiff runter ist oder einfach ein paar Stockwerke tiefer im Schiff.
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