Katastrophenhilfe : In den Trümmern von Haiti

Über 222.000 Menschen kamen bei dem schweren Erdbeben in Haiti ums Leben. Leser Ozan Keskinkilic war als freiwilliger Helfer dort.
Auch zwei Jahre nach dem Erdbeben sind viele Trümmer noch nicht beseitigt. © Ozan Keskinkilic

Als ich eine Woche nach dem Beben in Haiti als freiwilliger Helfer in Port-au-Prince ankam, sah ich das ganze Ausmaß der Katastrophe: Inmitten von eingestürzten Häusern und den Leichen auf den Trümmerbergen versuchten die Bewohner, ihren Alltag zu organisieren.

Ich arbeitete mit Caritas in der Stadt Léogâne, etwa zwei Stunden von Port-au-Prince entfernt. Aufgrund der Nähe zum Epizentrum war diese Gegend besonders stark vom Beben betroffen. Gemeinsam mit Kollegen führte ich eine statistische Erhebung der Situation nach der Katastrophe durch und sammelte Informationen über den Zustand der Unterkünfte, dem Zugang zu Wasser und Lebensmitteln und über die unmittelbaren Bedürfnissen der Menschen.

Wir bewegten uns mit GPS-Geräten, versuchten in diesem Durcheinander einen Überblick zu bekommen und kamen mit den Menschen ins Gespräch. Während dieser Katastrophe wuchs ihre Hoffnung, das eigene Schicksal in die Hand nehmen zu können. Gemeinsam wollten sie ihr Land wieder aufbauen. Stolz erzählten mir viele von der Geschichte ihres Landes.

Haiti hieß einst Saint-Domingue und war eine reiche französische Kolonie, die sich von Sklaverei und Unterdrückung befreite. Der haitianische Sklavenaufstand von 1791 ging in die Geschichte ein. Nach den USA wurde Haiti im Jahr 1804 das zweite unabhängige Land Amerikas.

Heute stehen die Menschen vor großen Herausforderungen. "Die Situation hat sich nicht viel verbessert, vor allem nicht für die Kinder und für jene, die auf der Straße schlafen", berichtete mir vor Kurzem eine haitianische Kollegin aus Port-au-Prince. Korruption, Gewalt und Armut würden die Situation noch schwieriger machen.

Auch der neue Präsident Michel Martelly, der unter dem Namen "Sweet-Micky" als Sänger berühmt wurde, könne an der Situation nichts ändern – trotz seines Versprechens, eine "neue Ära" einzuleiten. Die Regierung würde nicht für das Wohl ihres Volkes arbeiten. Sie scheint recht zu haben: Martelly will eine haitianische Armee für rund 73 Millionen Euro aufbauen.

Der Wiederaufbau wird wohl noch lange andauern.

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Kommentare

8 Kommentare Kommentieren

Keine Spende mehr

Heute las ich in einer Hamburger Zeitung, dass trotz Milliarden von Spendengeldern die Menschen dort größtenteils unterernährt sind und immer noch in Zelten leben. Es wurde dort auch gesagt, dass ein reines Warten auf Spenden, die gesamte Entwiklung diesen Ländern untergräbt. Wo sind die Spendengelder geblieben?

Wo sind die Spenden?

Nehmen wir an, eine Stadt wie Stuttgart fiele in Schutt und Asche. Was würde es kosten, diese Stadt annähernd wieder aufzubauen. Wie lange würde das dauern?
Alleine der Bahnhof, der Neue wird mit mehreren Mrd Euro veranschlagt. Geplant wird der seit mehr als 20 Jahren. Für ganz Haiti, das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, sind Hilfsgelder im dreistelligen Mio-Bereich zugesagt, von denen mehr als die Hälfte bis heute nicht geflossen sind. Das Erdbeben liegt 10 Jahre zurück.

... Zahlen

Lieber Autor

Waere interessant zu erfahren, wie lange Sie in Haiti waren
und wie sich in dieser Zeit die Lage verbessert hat. Auf
die Geschichte kann Haiti nicht besonders stolz sein: Im
Zug der Unabhaengigkeit hat man die Weissen massakriert und
seitdem ging es 200 Jahre lang immer abwaerts. Wer ist schuld, die boesen USA oder die Europaer. Auf der gleichen
Insel funktioniert die Dom Rep, der es sehr viel besser geht. Warum?