Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bei den Angehörigen der von Neonazis ermordeten Menschen für falsche Verdächtigungen entschuldigt. Es sei besonders beklemmend, dass sie zu Unrecht unter Verdacht gestanden hätten. "Dafür bitte ich Sie um Verzeihung", sagte Merkel bei der zentralen Gedenkveranstaltung für die neun ermordeten Kleinunternehmer türkischer und griechischer Herkunft sowie für eine deutsche Polizeibeamtin.

Die über mehr als zehn Jahre von den Behörden unentdeckten Verbrechen seien "beispiellos für unser Land", sagte die Kanzlerin. Merkel verlas die Namen der Getöteten. Sie bat zu Beginn ihrer Rede um schweigendes Gedenken. "Mit diesem Schweigen ehren wir die Opfer der Mordserie", sagte die Kanzlerin.

Semiya Simsek, die Tochter des ermordeten Blumenhändlers Enver Simsek, hielt selbst eine Ansprache. "Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein", sagte sie. Lange habe sich die Familie mit der Ungewissheit gequält , womöglich selbst für die Tat belangt zu werden. Nun aber sei klar, dass "mein Vater von Neonazis ermordet wurde". Simsek hatte zuvor im Sender Antenne Bayern berichtet, dass zeitweise ihre Mutter als Tatverdächtige gegolten hatte.

"In diesem Land geboren, aufgewachsen und fest verwurzelt habe ich mir nie Gedanken über Integration gemacht", sagte Simsek. Es könne jetzt keine Lösung für sie sein, Deutschland zu verlassen.

"Unser Wunsch ist, dass die Mörder gefasst werden"

"In meinem Land muss sich jeder frei entfalten können", unabhängig von Nationalität, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht. Man könne nicht die Augen verschließen und so tun, als sei dieses Ziel schon erreicht , mahnte sie.

Der Vater von Halit Yozgat, dem getöteten Betreiber eines Internetcafés in Kassel , sprach ebenfalls bei der Gedenkfeier. Er lehnt eine "materielle Entschädigung" für seine Familie ab, sagte Ismail Yozgat. "Unser größter Wunsch ist, dass die Mörder gefasst werden."

Die Kanzlerin sagte, in Zukunft müsse unbedingt verhindert werden, dass sich solche Taten wiederholten. Junge Menschen müssten davon abgehalten werden , "menschenverachtende" Überzeugungen anzunehmen, sagte Merkel. "Wir müssen uns eingestehen, dass wir dabei oft scheitern." Der Staat sei deshalb noch stärker gefragt, aber auch die Zivilgesellschaft. Dies lasse sich "nicht verordnen. Es beruht darauf, dass jeder seinen persönlichen Beitrag leistet", erklärte Merkel.

Bundesweite Schweigeminute für die Getöteten

Merkel versprach ein entschlossenes Eintreten des Staates gegen Rechtsextremismus und Gewalt. Als Kanzlerin versichere sie den Angehörigen: "Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen", sagte Merkel. Erste Weichen für eine bessere Zusammenarbeit der Behörden würden bereits gestellt.

Die Zwickauer Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sollen zwischen 2000 und 2007 zehn Morde begangen haben. Die Verdächtigen konnten jahrelang von den Sicherheitsbehörden unentdeckt agieren.

Um 12.00 Uhr wurden die Getöteten bundesweit mit einer Schweigeminute geehrt. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Migrantenverbände hatten dazu aufgerufen. Beteiligt haben sich neben Betrieben und Verwaltungen zahlreiche Schulen. In Berlin und Hamburg ruhte der öffentliche Nahverkehr für eine Minute. Einige Rundfunkanstalten unterbrachen ihr Programm kurz. Vielerorts gab es Trauerbeflaggung.