ZEIT ONLINE : Herr Hengstschläger, Ihr Buch heißt Die Durchschnittsfalle . Was haben Sie gegen den Durchschnittsmenschen?

Markus Hengstschläger: Der Durchschnitt hat noch nie etwas Innovatives geleistet. Es gibt aber auch einfach keinen durchschnittlichen Menschen. Jeder hat spezielle, individuelle Talente. Aber wir leisten es uns zugunsten des Durchschnitts, diese Talente nicht zu fördern. Da schwärmt ein Vater: "Mein Sohn ist so problemlos, ist noch nie negativ aufgefallen." Aber auch positives Auffallen ist nicht erwünscht. Das wäre nämlich Stress: Das Kind hat dann wahrscheinlich Bedarf nach mehr. Wir sollten es aber gerade motivieren, neue Wege zu gehen, aufzufallen. Wer einen neuen Weg gehen will, muss den alten verlassen! Dafür müssen wir wieder den Mut aufbringen. Denn wir wissen nicht, welche Innovationen in der Zukunft gebraucht werden – und welche Talente wir dafür benötigen.

ZEIT ONLINE: Es gibt doch die Eltern, die ihre Kinder ganz und gar nicht für durchschnittlich halten, sondern für hochbegabt.

Hengstschläger: Meiner Ansicht nach hat der Begriff Hochbegabung keinen Sinn. Damit meinen die Eltern vielleicht besondere, schon sichtbare Erfolge. Man kann zwar vermuten, dass hinter den Erfolgen eine besondere Begabung steckt, sie können aber auch ausschließlich das Ergebnis von Drill sein. Messen kann man immer nur die Leistungen und Erfolge, nicht Talent oder Begabung.

ZEIT ONLINE: Wenn man es nicht messen kann, was ist dann Talent? Eine angeborene Gabe oder das Produkt der Umwelt?

Hengstschläger: Es gibt manchmal biologische Leistungsvoraussetzungen für ein Talent. Ich habe in meinem Buch versucht zu diskutieren, was Talent ist, was daran genetisch und was Umwelt sein könnte, und wie man es entdecken kann. Die Genetik spielt eine Rolle. Alleine ist sie aber nichts wert. Talente müssen entdeckt werden. Und dann: üben, üben, üben. Aber umgekehrt gilt eben auch: Ein Elefant kann so viel üben, wie er will – er wird nie so locker auf den Baum klettern wie der Affe. Darauf muss unser Bildungssystem reagieren und jedes Kind individuell betrachten. Gene sind nur Bleistift und Papier, die Geschichte schreiben wir selbst.

ZEIT ONLINE: Fördert die Schule nicht besondere Leistungen? Und damit die Talente dahinter?

Hengstschläger: Nein, sie arbeitet immer auf den Durchschnitt hin. Wie soll etwa eine Durchschnittsnote entscheiden, ob jemand ein guter Arzt wird? Heute läuft es doch so: Hat ein Kind vier schlechte Noten im Zeugnis und eine sehr gute – was sagen Lehrer, Eltern, Politiker? In dem Fach, in dem du sehr gut bist, tust du nichts mehr. Aber in den Fächern, in denen du schlecht bist, lernst du rund um die Uhr, bis eine durchschnittliche Note erreicht ist. Da wo das Kind so gut war, wird es auch Durchschnitt, weil es keine Zeit mehr dafür hat. Wir geben viel Geld aus, um den Kindern zu sagen, was sie nicht können, und ihnen dann zu raten, sich hauptsächlich mit den Dingen zu beschäftigen, die sie nicht gut können. Das ist nicht sinnvoll.