Im öffentlichen Leben Italiens genießen katholische Würdenträger immer noch hohes Ansehen. Entsprechend schwer tut sich die Kirche mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Doch so langsam tut sich was: In den Gemeinden würden Missbrauchsfälle immer weniger verschwiegen, sagte neulich auch Charles J. Scicluna , Chefankläger der vatikanischen Glaubenskongregation, der italienischen Presseagentur AGI.

Als vor wenigen Jahren in ganz  Europa Opfer von sexuellem Missbrauch ihre Stimme erhoben und ihre Peiniger in den Reihen der Kirche anzeigten, reagierte der Vatikan zunächst mit Empörung. Er vermutete eine Medienkampagne. Erst später folgte ehrliche Selbstkritik. Neue Richtlinien werden gerade erarbeitet. Sie sollen Bischöfen und Priestern helfen, künftig bewusster mit möglichen Missbrauchsfällen in ihren Gemeinden umzugehen. Angehende Priester sollen eine bessere Ausbildung zum Thema Sexualität erhalten. Die Diözesen werden außerdem aufgefordert, entsprechende Übergriffe stärker zu bestrafen.

Der Vatikan wünscht Aufklärung, die italienischen Bischöfe sind zögerlich

Gerade findet an der päpstlichen Akademie Gregoriana in Rom erstmals eine Tagung der Glaubenskongregation zum Thema sexueller Missbrauch durch Priester statt. "Auf dem Weg zur Heilung und Erneuerung" lautet der Veranstaltungstitel. Dabei soll die Wirksamkeit solcher Maßnahmen diskutiert werden. Über zweihundert Geistliche und Laien sind eingeladen, öffentlich über Missbrauch durch Würdenträger zu reden – ein Thema, zu dem bis vor zehn Jahren, vor allem in Rom, nur geflüstert wurde.

Dieser Tabubruch ist vor allem durch die öffentlichen Auseinandersetzungen bedingt, die es zum Beispiel in Deutschland und Irland zum Thema sexueller Missbrauch gab. In beiden Ländern suchte die katholische Kirche Kontakt zum Staat, ein neutraler Runder Tisch mit Opfervertretern wurde eingerichtet. "In erster Linie geht es darum, den Opfern zuzuhören", sagt auch Hans Zollner, Psychologieprofessor an der Gregoriana: "So, wie es zum Beispiel in den letzten Monaten in Irland passiert ist."

Doch in Italien ist kein neutraler runder Tisch in Sicht. Zwischen den italienischen Behörden und der Kirche gibt es enorme Kommunikationsprobleme. Ein Grund ist die italienische Bischofskonferenz CEI, die bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen eher zurückhaltend agiert. Und das obwohl der ihr übergeordnete Vatikan sich dem Thema langsam öffnet.

Eine unabhängige Untersuchungskommission wird es nicht geben

So mag es ein Zufall sein, aber bei der aktuellen Konferenz nehmen nur Vertreter zweier relativ kleiner Diözesen teil: Citta di Castello und Pitigliano-Sovana. Zwar hat die CEI schon angekündigt, dass sie im Mai die vom Vatikan vorgeschlagenen Richtlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch implementieren wird. Doch eines ist sicher: In Italien wird es keine unabhängige Untersuchungskommission wie in Irland geben.

"Ich würde mir wünschen, dass die CEI doch eine Untersuchungskommission einberuft", sagt Don Fortunato Di Noto. Seit zwanzig Jahren leitet er die Kinderhilfsorganisation Meter. An der Gregoriana-Tagung nimmt er deshalb in doppelter Funktion teil: als Priester und als Bekämpfer der Pädophilie. "Im Symposium wurde mehrmals angedeutet, dass viele Bischöfe die Missbrauchsfälle in ihrer Diözese nicht rechtzeitig gemeldet haben. Da sieht man, wie wichtig eine bessere Kommunikation zwischen der Kirche und den Strafverfolgungsbehörden ist. Vor allem in Italien, wo Kindermissbrauch nach zehn Jahren verjährt", sagt Di Noto.