Gedenkfeier in BerlinElf Kerzen für die Trauer, eine für die Zuversicht

Bei einem bewegenden Staatsakt gedenkt Berlin der Opfer des Rechtsterrorismus. Angehörige und die Politik hoffen nun auf mehr Sensibiltät für das Thema. von 

"Mein Papa erzählte gern von sich und seinen Träumen", sagt Semiya Simsek: "Ich liebte es, ihm zuzuhören." Eine Kindheitserinnerung trägt die heute 25-Jährige in ihrem Herzen, es ist eine schöne Erinnerung. Die Familie aus Hessen war zu Besuch in der alten Heimat Türkei , im Sommer 1999. Gemeinsam mit dem Vater verharrte Semiya damals bis zum Morgengrauen im Garten. Sie wollten die Schafe von den Bergen ins Tal heimkehren sehen. Schließlich hörten sie das Klingen ihrer Glöckchen. "Ich spürte, wie glücklich mein Vater war", sagt Simsek. Und dann – nach einer Pause: "Ein Jahr später war er tot."

"Nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein"

Enver Simsek wurde nur 38 Jahre alt. Am 9. September 2000 trafen ihn bei seinem Blumen-Straßenstand in Nürnberg mehrere Schüsse. Er starb später im Krankenhaus und verlor sein Leben offenbar nur aus dem einen unfassbar grausamen Grund: weil er nicht deutscher Herkunft war. Für ihn und die weiteren neun mutmaßlich von der Zwickauer Terrorzelle Ermordeten ist am Donnerstag in Berlin ein Trauer-Staatsakt ausgerichtet worden . Anderthalb Stunden lang gedachten mehr als 1.000 geladene Gäste, darunter Politiker, Prominente und Angehörige der Opfer der Toten. Sie versuchten auch, Lehren für die Zukunft zu formulieren.

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Das Entsetzen ist – drei Monate nachdem die Motivation der Morde bekannt wurde – immer noch groß. Wie konnte es sein, dass die bekannten Rechtsextremen Uwe Böhnhard, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe fast dreizehn Jahre lang unbehelligt im Untergrund leben und morden konnten? Wie konnte es sein, dass die Ermittler nach neun brutalen Morden an Menschen mit Migrationshintergrund mit der immer gleichen Schusswaffe nicht auf die Idee kamen, dass ein fremdenfeindliches Motiv dahinterstecken könnte?

"Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein", sagt Tochter Simsek bei ihrer Ansprache auf der Gedenkveranstaltung. Nein, die Ermittler hätten vielmehr ihre Mutter verdächtigt, etwas mit dem Mord zu tun zu haben. "Können Sie erahnen, wie es sich für mich angefühlt hat" , fragt die junge Frau erbost und traurig in den Raum. Nein, das kann wohl niemand erahnen: den Vater verloren, die Mutter zu Unrecht unter Verdacht. Es sind Narben, die wahrscheinlich nie wieder heilen werden.

Lisa Caspari
Lisa Caspari

Lisa Caspari ist Redakteurin im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Im prunkvollen Konzerthaus am Gendarmenmarkt ist es sehr ruhig an diesem Vormittag. Die Gäste, darunter die Spitzen aller Parteien und der Sicherheitsbehörden, wirken betroffen, nachdenklich. Kanzlerin Angela Merkel und der designierte Bundespräsident Joachim Gauck sitzen in der ersten Reihe, neben sich Vertreter der Opferfamilien.

Draußen ist es ein regnerischer Vormittag. Polizisten haben den Gendarmenmarkt weitläufig abgesperrt, Scharfschützen sind auf den Dächern positioniert. Auch das gehört zu einem großen Staatsakt: Er ist ein Sicherheitsrisiko, kann daher nicht öffentlich zugänglich sein. Touristen stehen etwas ratlos vor den Absperrungen herum. Vor dem Konzerthaus wehen drei Flaggen auf Halbmast: zweimal die deutsche, in ihrer Mitte die Europafahne.

Leserkommentare
  1. Ich bitte mit Sicherheit nicht um Vergebung für etwas was ich nich tat oder befürwortete!

    Sorry ist so.

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    • CM
    • 23. Februar 2012 15:13 Uhr

    Versuchen Sie es mal mit Fremdschämen für das Versagen der Polizei, des Verfassungsschutzes und der Politik.

    Versuchen Sie es mal mit Fremdschämen über Brandstifter wie Herrn Sarrazin, die "Politically Incorrect"-Autoren und Ministerin Schröder.

    Und verstehen, Sie, daß der Irrsinn der NSU-Mörder keine entschuldbare geistige Störung ist, sondern Verbrechen hervorgebracht hat, für die es weder eine Begründung noch eine Entschuldigung geben, und vor allem keine Relativierung.

    Die drei Täter wurden über Jahre unterstützt, von "Kameraden" aus der Szene aktiv, von anderen, wahrscheinlich hunderttausenden Xenophoben, passiv.

    Was gibt es da zu leugnen? War kein Zufall von ein paar durchgeknallten

    • bugme
    • 23. Februar 2012 16:09 Uhr

    Wer verlangt denn, dass Sie persönlich um Vergebung bitten?

    Merkel ist es die um Vergebung bittet, und zwar nicht als Privatperson, sondern als Vertreterin eines Staates, der zu doof (desinteresiert? links-fokusiert?) war, die Taten zu verhindern und sogar noch die Angehörigen der Opfer verdächtigt hat. Da Merkel die Vertreterin dieses Staates ist, ist genau das ihr Job.

    Aber gut, bei Ihrem Accountnamen kann man sich schon denken, woher der Wind weht...

    sondern von denjenigen politikern die den nötigen nährboden für diese taten geschaffen haben: z.B. durch

    - schüren von vorurteilen gegenüber ausländern

    - duldung/finanzierung/relativierung einer npd (die mit steuergeldern und spitzelhonoraren terror finanziert)

    - ...

    • CM
    • 23. Februar 2012 15:13 Uhr

    Versuchen Sie es mal mit Fremdschämen für das Versagen der Polizei, des Verfassungsschutzes und der Politik.

    Versuchen Sie es mal mit Fremdschämen über Brandstifter wie Herrn Sarrazin, die "Politically Incorrect"-Autoren und Ministerin Schröder.

    Und verstehen, Sie, daß der Irrsinn der NSU-Mörder keine entschuldbare geistige Störung ist, sondern Verbrechen hervorgebracht hat, für die es weder eine Begründung noch eine Entschuldigung geben, und vor allem keine Relativierung.

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    Bitte lenken Sie nicht vom Artikelthema ab. Danke, die Redaktion/fk.

    denn gebrandstiftet? Diese leichtfertigen Beschuldigungen sind auch gefährlich, da polemisch und pauschalisierend.

    • Shrek
    • 23. Februar 2012 15:20 Uhr

    Bitte lenken Sie nicht vom Artikelthema ab. Danke, die Redaktion/fk.

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    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Die Redaktion/fk.

    • YMB
    • 23. Februar 2012 15:20 Uhr

    Ich hoffe - im Sinne des Respekts vor den Opfern - das dieser Kommentarbereich frei von ausländerfeindlichen und anderen hetzerischen Parolen bleibt. Ich hoffe, dass wir hier in der Trauer um die 10 Ermordeten und der Scham, dass soetwas in unserem Land noch passieren kann, vereint sind.

  2. Bitte lenken Sie nicht vom Artikelthema ab. Danke, die Redaktion/fk.

    Antwort auf "Fremdschämen"
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    Entfernt, nicht zum Artikelthema. Die Redaktion/fk.

  3. Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun."

    So schaut es, wir erleben es täglich in ganz Europa. Frech nur, daß eine moralisch völlig verkommene Kaste dererlei in den Mund nimmt.

    Es wäre schön gewesen, wenn man diesen Anlaß genommen hätte, allen Opfer von Gewalt zu Gedenken.

  4. Die drei Täter wurden über Jahre unterstützt, von "Kameraden" aus der Szene aktiv, von anderen, wahrscheinlich hunderttausenden Xenophoben, passiv.

    Was gibt es da zu leugnen? War kein Zufall von ein paar durchgeknallten

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    Entfernt. Die Redaktion/sh

  5. Entfernt. Die Redaktion/sh

    Antwort auf "Widerlich"
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    Der Kommentar auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

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