Besonders eifrig sind die sogenannten Autonomen Nationalisten (AN) – junge und gewaltbereite Neonazis, die äußerlich eher an Mitglieder der linken schwarzen Blocks erinnern. In Dortmund etwa brachte es eine rechtsextreme Aktivistin zur Telefonistin bei einem Mobilfunkanbieter. Aus den Kundendaten besorgte sie den Rechtsextremen die Privatadressen von alternativen Jugendlichen. Bei manchen von ihnen wurden bald darauf Scheiben eingeworfen. Andere wurden auf dem Schulweg zusammengeschlagen.

In Berlin nahm ein führendes Mitglied der verbotenen Kameradschaft Tor einen Job bei einem privaten Briefzustelldienst an. Postsendungen an vermeintliche Linke nahm sie mit nach Hause und wertete die erbeuteten Informationen aus. Ein anderes Tor-Mitglied nutzte seine Anstellung bei einem Finanzamt, um insgesamt 184 Adressen von politischen Gegnern und einem Polizisten vom Staatsschutz aus der Datenbank zu ziehen. Über rechtsextreme Anwälte besorgen sich die Neonazis zudem immer häufiger Privatadressen von Zeugen und Opfern aus Prozessakten. Wer vor Gericht gegen Neonazi-Schläger aussagt, dem kann es passieren, mit Mord bedroht zu werden.

Ein blutiges Schweineherz

Auch Linke sammeln Daten über Nazis und stellen sie ins Netz. Doch die Dimension der Bedrohung geht bei den Nazis viel weiter. Während es den Linken vorrangig um die Demaskierung und öffentliche Bloßstellung von Rechtsextremen geht, veröffentlichen die Nazis Steckbriefe. Sie listen potenziell zu bedrohende Opfer auf.

Bianca Klose ist Leiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin . Sie beobachtet die Einschüchterungsstrategie der Neonazis schon länger. "Mit relativ wenig Aufwand" gelinge es ihnen, spektakulär in Erscheinung zu treten: durch Aktionismus, einen konfrontativ geführten Kampf um die Straße und direkte Angriffe auf Wohnhäuser und Einrichtungen. Diese zielgerichtete Gewalt stelle für Engagierte eine neue, unmittelbare Bedrohung dar. Klose weiß, wovon sie spricht. Fotos von ihr, garniert mit Gewaltaufrufen, kursieren im Netz.

Auch in Aachen haben die Neonazis auf offene Einschüchterung umgeschaltet. Am ersten Weihnachtsfeiertag 2011 erhielt ein junger Mann eine besonders unappetitliche Drohung. Wochen zuvor hatte er an einer Demonstration gegen einen Naziaufmarsch teilgenommen. Die Rechtsextremisten identifizierten ihn auf Fotos und fanden seine Privatadresse heraus. Nun fand er ein blutiges Schweineherz in seinem Briefkasten. Daneben ein Zettel mit der zynischen Botschaft: "Ein Herz für Antifas. Frohe Weihnachten, deine Kameradschaft Aachener Land."

Eine Drohung, die man in Aachen durchaus ernst nehmen muss. Im Mai 2010 hatten zwei Mitglieder der Kameradschaft Aachener Land (KAL) versucht, selbstgebaute und mit Glasscherben umwickelte Sprengsätze zu einem Naziaufmarsch nach Berlin zu bringen. Fünf Monate später war ein früheres KAL-Mitglied an dem Mord des 19-jährigen Irakers Kamal Kilade in Leipzig beteiligt.

Auch in Berlin hätte es durch die "Anti-Antifa"-Arbeit der militanten Szene beinahe Tote gegeben. Am 26. Juni 2011 verübten Neonazis in einer Nacht gleich fünf Brandanschläge auf linke Hausprojekte und ein Jugendzentrum des sozialistischen Jugendverbandes Falken. Nur durch Zufall wurden die Feuer rechtzeitig entdeckt. Alle betroffenen Projekte wurden zuvor auf der Internetseite des "Nationalen Widerstands Berlin" mit Foto und Adresse als "gute Anschlagsziele" genannt. Seitdem wurden viele weitere der genannten Häuser beschmiert, Scheiben wurden zerstört.

Die Spur zur NPD

Ihre virtuelle Feindesliste betreiben die führenden Köpfe der Berliner Szene mit viel Aufwand. Regelmäßig veröffentlichen sie Steckbriefe von missliebigen Personen. Auch Bundestagsabgeordnete wie Wolfgang Thierse (SPD) oder Wolfgang Wieland (Grüne) sind unter den rund 200 Namen zu finden. Ein "Strick um den Hals oder [eine] Kugel in den Bauch". So wird allen gedroht, die sich den Rechtsextremisten in den Weg stellen.

Der mutmaßliche Betreiber der Seite ist dem Staatsschutz wohl bekannt. Sebastian Schmidtke (27) gilt als Führungskader der Autonomen Nationalisten und ließ sich gerade erst zum neuen Chef der Berliner NPD wählen. Sein Naziladen im Bezirk Schöneweide wurde vergangene Woche durchsucht, Computer und Speichermedien beschlagnahmt. Die Polizei ermittelt jetzt gegen ihn und zwei weitere Rechtsextremisten unter anderem wegen Volksverhetzung und Aufforderung zu Straftaten. Schmidtke nahm die Beschlagnahmung seiner Datenträger gelassen. "Keine Sorge", versicherte er seiner Anhängerschaft auf Facebook, "alles Wichtige ist verschlüsselt".

Sind auch Sie von Neonazis bedroht worden? Eine bundesweite Liste von Beratungsstellen für Betroffene rechtsextremer Drohungen und Gewaltfinden Sie hier.