Unfall in der SchweizDer Bus, der nicht mehr zurückkam

Das belgische Lommel trauert: 22 Kinder von dort waren an Bord des in der Schweiz verunglückten Busses. An ihrer Schule steht das Leben still.

Ein kleiner Junge legt vor der Grundschule 't Stekske im belgischen Lommel Blumen ab.

Ein kleiner Junge legt vor der Grundschule 't Stekske im belgischen Lommel Blumen ab.

Über Nacht hat die Trauer Einzug gehalten im belgischen Lommel, einer Stadt an der Grenze zu den Niederlanden. Sie kam mit den Bildern aus den Nachrichten: dieser beige-braune Bus mit der Front, so zerstört, wie man sie sich nur vorstellen kann. Verunglückt ist er am Vorabend in einem Tunnel in der Nähe von Sierre in der Schweiz.

Am Zaun vor dem Seiteneingang der Grundschule häufen sich die Blumen. Jemand hat eine kleine Tafel dafür errichtet. Am Rand steht ein Viereck aus weißen Kerzen, in der Mitte brennt ein Grablicht. Vorn am Tor hängt in einem Glaskasten der Aktivitätenplan für den Monat März. "Montag, 5." steht dort – und daneben "19 Uhr, Abfahrt der Schneeklassen St. Luc, Schweiz". Ein wenig darunter der Eintrag: "Mittwoch, 14., 9.15 Uhr, sechste Klasse zurück." Das Warten endet mit diesem Bild eines zerknautschten Busses im Tunnel.

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Vor allem Kinder waren an Bord, eine Schulklasse aus Löwen, die andere, bestehend aus 22 Mädchen und Jungen, aus Lommel-Kolonie. Sie waren auf dem Rückweg von einer zehntägigen Skifreizeit. 22 von ihnen starben, dazu die beiden Fahrer und vier begleitende Erwachsene. "Ein unglaublicher Schlag", sagt der Bürgermeister von Lommel, Peter Vanvelthoven in einer frühen Stellungnahme.

Sterkte ist das Wort des Tages. "Viel Kraft" bedeutet es, und man benützt es, wenn man jemandem in einer schwierigen Situation das Beste wünschen will. Im Dörfchen Kolonie, das zu Lommel gehört, findet es sich plötzlich überall. In den Gesprächen. Und auf all den Karten, die später am Mittag vor der Schule abgelegt werden, zusammen mit Blumen und Kuscheltieren. Sterkte.

Und Mitleid, wieder und wieder versichert. Nachbarn, Bekannte, Freunde kommen vorbei, viele haben ihre Adresse auf die Karten geschrieben. Die Deutlichkeit ist einseitig, denn die Adressaten sind nicht bekannt. Eine Psychologin am Haupteingang sagt: "Das Schwierigste ist, dass wir die Identität der Toten noch nicht wissen."

"Ich habe Angst vor dem, was jetzt kommt"

Monique Bogaerts ist als eine der Ersten mit einer Blume zur Schule 't Stekske gekommen. Lommeler Dialekt ist das, es bedeutet Streichholz, sagt die Städtische Fotografin. Schulklassen zu fotografieren, gehört zu ihrem Alltag. "Ich kannte viele hier, Schüler und Lehrer", sagt sie. "Aber ich weiß noch nicht mal, wie viele tot sind." Vorläufig ist sie gefasst. "Aber ich habe Angst vor dem, was jetzt kommt."

Fußballfeld und Abenteuerspielplatz sind verwaist, ebenso der Schulhof, eingefasst von rot-braunen Backsteingebäuden. 't Stekske ist ein Standbild geworden, eine Grundschule auf Pausetaste. Man kann sich kaum vorstellen, dass einen Tag später hier der Unterricht weitergehen soll. Genau das aber sagt die Psychologin Lies Scaut den Journalisten immer und immer wieder. "Für die Kinder ist es wichtig, dass so schnell wie möglich wieder Alltag einkehrt."

Der aber scheint nun Lichtjahre entfernt. Ab und an huschen kleine Gruppen von Menschen über den Schulhof. Nicht die Eltern der Elf- und Zwölfjährigen aus der sechsten Klasse, die wurden am späten Vormittag vom Militärflughafen Melbroek bei Brüssel nach Genf geflogen. Aber Angehörige und Freunde, viele mit sorgenvoller Miene, und manch verquollenes Gesicht blickt an den zahlreichen Kameras vorbei. "Keine Presse, keine Fotos, keine Fragen", ruft eine resolute Großmutter, die aus einem Wagen vor dem Eingang steigt und ihre etwa achtjährige Enkelin hinter sich her auf den Schulhof zieht.

Leserkommentare
    • bhs
    • 14.03.2012 um 20:05 Uhr

    Vor wenigen Tagen haben wir hier das unvorstellbare Eisenbahnunglück in Polen, mögliche Ursachen und Sicherheitsmassnahmen diskutiert. Und nun eine solche Katastrophe an der einzig kritischen Stelle weit und breit in einem ansonsten glatten Betonschlauch, wo dergleichen nach unserem Ermessen gar nicht passieren kann.
    Menschliche Vorstellungskraft (und damit technische Sicherheitsvorkehrungen) werden nie ausreichen, Versagen und Naturgesetze auszuschalten.
    Ich wende mich den Angehörigen und Einatzkräften zu und bete für sie. Mir fällt im Moment nichts Besseres ein als Kohelet 3:1-15: "Alles hat seine Stunde ...."

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    Komplett verhindern kann man solche Unglücke nicht - aber man kann aus ihnen Lehren ziehen, wie sich Gefahren minimieren lassen können.

    Einen ausgezeichneten Weg ist der Berliner Senat im Jahre 2003 gegangen: Eltern und Lehrer können vor der Abfahrt eines Busses diesen von der Polizei hinsichtlich seines technischen Zustandes und der Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten durch den Fahrer kontrollieren lassen. Die Ergebnisse sind eindrucksvoll: seit Beginn des Berliner Modells gingen die Zahl der Beanstandungen und Verstöße rapide zurück. Ein Erfolgsmodell, was Schule machen sollte.

    http://www.tagesspiegel.d...

    http://www.berlin.de/poli...

    Das Thema Verkehrs- und auch Arbeitssicherheit im Verkehrsgewerbe gehören stets und immer wieder nach ganz oben auf die tagespolitische Agenda!

    Komplett verhindern kann man solche Unglücke nicht - aber man kann aus ihnen Lehren ziehen, wie sich Gefahren minimieren lassen können.

    Einen ausgezeichneten Weg ist der Berliner Senat im Jahre 2003 gegangen: Eltern und Lehrer können vor der Abfahrt eines Busses diesen von der Polizei hinsichtlich seines technischen Zustandes und der Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten durch den Fahrer kontrollieren lassen. Die Ergebnisse sind eindrucksvoll: seit Beginn des Berliner Modells gingen die Zahl der Beanstandungen und Verstöße rapide zurück. Ein Erfolgsmodell, was Schule machen sollte.

    http://www.tagesspiegel.d...

    http://www.berlin.de/poli...

    Das Thema Verkehrs- und auch Arbeitssicherheit im Verkehrsgewerbe gehören stets und immer wieder nach ganz oben auf die tagespolitische Agenda!

  1. dabei 28 Menschen starben? Wenn ich mir das Wrack anschaue, hätte ich auf 2-5 getippt.
    Da der Bus nicht 7 Reihen eingequetscht ist, frag ich mich, woran die anderen Menschen starben.
    Geht man von 80km/h und 1sek "Bremsvorgang" aus, erhält man 2.3g.

    Ich hoffe diese Fragen werden nicht als Respektlosigkeit gegenüber den Toten gewertet, sie sind eher Ausdruck meines Unverständnis.

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    ...weil t = 1 s Bremsvorgang bei dieser Überschlagsrechnung etwa eine Größenordnung zu viel geschätzt ist. In einer Sekunde werden bei 80 km/h immerhin 22,2 m zurückgelegt.

    Vielleicht so: Der Bus bewegt sich genau so lang, bis die Knautschzone ausgebildet ist - danach steht er. Wenn man sich die Bilder ansieht, sind das etwa 2m Knautschzone, die idealisiert konstant mit 80 km/h zurückgelegt werden. Sie schreiben ja, dass der Bus "nicht 7 Reihen engequetscht" sei.
    -> t = s / v = 2m / 80kmh * 3,6 = 0,09s.
    -> etwa 25g

    Soweit die Physik - was so ein Unglück für die Eltern bedeutet, steht auf einem anderen Blatt...

    • Eipi
    • 15.03.2012 um 10:40 Uhr

    gegen eine Betonwand, in einem Fahrzeug, in dem sich dutzende ungesicherte Dinge, und eben auch Menschen befinden.

    Wieviele Fahrgäste würden in einem PKW überleben, der mit 80 Km/h gegen eine Betonwand kracht? Ohne Airbag, unangeschnallt, und womöglich mit ungesichertem Gepäck in einem zur Fahrgastzelle offenen Kofferraum.

    ...weil t = 1 s Bremsvorgang bei dieser Überschlagsrechnung etwa eine Größenordnung zu viel geschätzt ist. In einer Sekunde werden bei 80 km/h immerhin 22,2 m zurückgelegt.

    Vielleicht so: Der Bus bewegt sich genau so lang, bis die Knautschzone ausgebildet ist - danach steht er. Wenn man sich die Bilder ansieht, sind das etwa 2m Knautschzone, die idealisiert konstant mit 80 km/h zurückgelegt werden. Sie schreiben ja, dass der Bus "nicht 7 Reihen engequetscht" sei.
    -> t = s / v = 2m / 80kmh * 3,6 = 0,09s.
    -> etwa 25g

    Soweit die Physik - was so ein Unglück für die Eltern bedeutet, steht auf einem anderen Blatt...

    • Eipi
    • 15.03.2012 um 10:40 Uhr

    gegen eine Betonwand, in einem Fahrzeug, in dem sich dutzende ungesicherte Dinge, und eben auch Menschen befinden.

    Wieviele Fahrgäste würden in einem PKW überleben, der mit 80 Km/h gegen eine Betonwand kracht? Ohne Airbag, unangeschnallt, und womöglich mit ungesichertem Gepäck in einem zur Fahrgastzelle offenen Kofferraum.

  2. Ich hab mich schon lange gefragt, warum die Nothaltebuchten so eckig gestaltet werden und nicht mehr Geld für einen möglichst spitzwinkligen Auslauf investiert wird. Das hätte sicher ein paar Leben gerettet.

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    • Aexl21
    • 14.03.2012 um 20:49 Uhr
    5. Alltag

    "Genau das aber sagt die Psychologin Lies Scaut den Journalisten immer und immer wieder. "Für die Kinder ist es wichtig, dass so schnell wie möglich wieder Alltag einkehrt." "

    Sollten die Kinder (und alle weiteren Angehörigen) nicht eher die Chance bekommen, zu trauern und dabei das Geschehene zu verarbeiten? Wie soll sonst wieder Alltag einkehren oder besser gesagt, wie soll dieser denn dann aussehen?

    2 Leserempfehlungen
  3. ...ob der Pannenstreifen in Tunneln nicht zur Pflicht werden sollte. Im Wesertunnel zwischen Rodenkirchen (Oldb.) und Dedesdorf fehlt ein Pannenstreifen. Die Folge sind regelmäßige, langandauernde Sperrungen - und Wartezeiten, bis das Fährschiff "Lemwerder" als zweites Fährschiff nach Sandstedt verlegt wurde.

    Antwort auf
  4. Ich hatte ja hier schon gefragt, wie in einem Tunnel eckige Wände vorhanden sein können. Jetzt habe ich gelesen, dass diese Art von Abschluß einer Notfallbucht, eine rechtwinklige Mauer (!), nur den Bestimmungen für Tunnel aus den Neunziger Jahren genügt. Seit 2006 sind solche Abschlüsse nicht mehr zulässig, die Notfallbuchten müssen "geschwungen" beendet werden. Aber alle Tunnel umzurüsten ist halt extrem teuer.

    Ebenso fragt man sich, was Bordsteine auf einer Autobahn zu suchen haben. Zu lesen ist dann, dass es seit den großen Brandkatastrophen eingerichtet wurde, wegen den Notfallwegen usw.

    Eine Verkettung von unglücklichen Zufällen, leider gerade an dieser einen Stelle im Tunnel. Es ist grausam.

    2 Leserempfehlungen
  5. ...weil t = 1 s Bremsvorgang bei dieser Überschlagsrechnung etwa eine Größenordnung zu viel geschätzt ist. In einer Sekunde werden bei 80 km/h immerhin 22,2 m zurückgelegt.

    Vielleicht so: Der Bus bewegt sich genau so lang, bis die Knautschzone ausgebildet ist - danach steht er. Wenn man sich die Bilder ansieht, sind das etwa 2m Knautschzone, die idealisiert konstant mit 80 km/h zurückgelegt werden. Sie schreiben ja, dass der Bus "nicht 7 Reihen engequetscht" sei.
    -> t = s / v = 2m / 80kmh * 3,6 = 0,09s.
    -> etwa 25g

    Soweit die Physik - was so ein Unglück für die Eltern bedeutet, steht auf einem anderen Blatt...

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