DDR-ErziehungssystemDas Leid der Jugendlichen von Torgau

In Jugendwerkhöfen versuchte die DDR, Jugendliche auf Linie zu zwingen. Besonders brutal ging es in Torgau zu, auch Heidemarie Puls wurde hier gequält. Jetzt wird den Opfern geholfen. von Josefine Janert

Heidemarie Puls

Heidemarie Puls  |  © Josefine Janert

Der vielleicht schrecklichste Ort, an dem Jugendliche in der DDR landen konnten, befand sich in einem Keller in der sächsischen Stadt Torgau . Der sogenannte Fuchsbau ist nur wenige Quadratmeter groß und abgedunkelt. Um in die Arrestzelle zu gelangen, muss man unter einem Mauervorsprung hindurch kriechen.

Heidemarie Puls wurde hier eingesperrt, nachdem sie einem Erzieher das Gesicht zerkratzt hatte. Der Mann hatte sie und ihre Gruppe über den Hof des Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau gehetzt – immer wieder. Davor hatten sie stundenlang schwer gearbeitet, Bauteile für Kräne montiert. Als ein besonders zierliches Mädchen schließlich zusammenbrach, schlug der Erzieher auf es ein. Da rastete Heidemarie Puls aus und griff den Mann an. "Ich weiß noch, wie ich in den Keller geschleift wurde", sagt die 1957 geborene Frau aus Mecklenburg. "Wie lange ich im Fuchsbau bleiben musste, weiß ich nicht." Irgendwann wurde sie ohnmächtig, wachte im Krankenbett wieder auf.

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Gegen Ende der DDR gab es 32 Jugendwerkhöfe. Dort sollten 14- bis 18-Jährige zu "vollwertigen Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft" erzogen werden. Manche hatten kleine Straftaten begangen, andere waren durch unliebsame politische Äußerungen aufgefallen oder stammten aus Problem-Familien. Allesamt galten sie als schwer erziehbar und sollten nun mittels Arbeit, Unterricht und Drill auf Kurs gebracht werden.

Torgau war noch eine Steigerung. Wer hierher kam, hatte sich in einem der anderen Jugendwerkhöfe einem Erzieher widersetzt, hatte einen Fluchtversuch unternommen oder war auf andere Weise aufgefallen. Drei bis sechs Monate mussten die Jugendlichen in den gefängnisartigen Gebäuden an der Elbe bleiben. Sie waren von einer meterhohen Mauer und Stacheldraht umgeben. Bis Ende der siebziger Jahre gab es Wachtürme, bis 1989 bewachten Hunde das Gelände. Heute erinnert eine Gedenkstätte an die rund 4.000 Jugendlichen, die hier zwischen 1964 und 1989 gequält wurden.

"Ich versuchte zu funktionieren"

Heidemarie Puls kam 1974 nach Torgau. Der Stiefvater hatte sie missbraucht. Sie hatte sich daraufhin in Gartenkolonien versteckt, die Schule geschwänzt. Von der Mutter war keine Hilfe zu erwarten. Sie sah auch tatenlos zu, als das Mädchen in ein Kinderheim gesteckt wurde. Dort missbrauchten ältere Kinder die jüngeren, schikanierten sie. Heidemarie riss immer wieder aus – und landete schließlich in Torgau. "Vom ersten Moment an versuchte ich zu funktionieren", sagt sie. "Ich wusste, dass ich nur so überleben kann."

Sie ist eine gepflegte Frau mit weichen Gesichtszügen und leiser Stimme. Der Missbrauch, die Erlebnisse im Kinderheim und in dem Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau führten zu zahlreichen seelischen und körperlichen Beeinträchtigungen. Sie leidet unter einem Waschzwang, brauchte viele Jahre Psychotherapie, um mit ihren Panikattacken fertig zu werden und eine Beziehung mit einem Mann führen zu können. Wenn sie über die Vergangenheit spricht, fängt sie immer wieder an zu weinen. Trotzdem ringt sie sich dazu durch. Es sei schwierig, aber notwendig, meint sie: Mit dem öffentlichen Reden wolle sie sich selbst versichern, dass die schwere Zeit endgültig vorbei sei: "Ich will dafür sorgen, dass sich das, was ich erlebt habe, nie wiederholt."

Leserkommentare
  1. Ich bin ja nun wirklich kein Freund der herrschenden Verhältnisse.Und ich bin absolut dafür,dass System auf den Prüfstand zu stellen.
    Es war damals nicht alles Gold was glänzte und heutzutage ist es nicht anders.Ja,die Medien versuchen uns zu manipulieren während die Politik weiter unsere hart erarbeiteten Steuergelder den Banken in den Allerwerttesten schiebt etc.pp.
    Aber die DDR romantisch zu verklären und ihre Opfer zu verhöhnen,käme mir niemals in den Sinn.
    [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Die Redaktion/vn

  2. sollten viele darüber sein - und nicht vorgeben sich in die Lage der Opfer hineinversetzen zu können...

    Bei aller Empathie, die man als mitfühlender Mensch aufzubringen in der Lage ist - dies ist nicht möglich...

    Und ich geben Ihnen Recht - Menschen, die solches Unrecht bagatellisieren, sind davon nicht nur Welten entfernt - sie haben wenig bis nichts verstanden und sollten sich überlegen dann mal besser zu schweigen...

    Es kann einen davor bewahren, dass man als "armerTor" entlarvt wird...

    Ihnen sende ich liebe Grüße; allen Anderen einen schönen Tag

    Antwort auf "Bärendienst!"
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    bis auf einen Punkt.

    Es ist zwar erschreckend, wie und wieviele auch dieses Unrecht bagatellisieren,
    aber es ist gut, dass diese Mitmenschen nicht schweigen.
    Sonst wuesste man erst, wenn ueberhaupt, viel spaeter (zu spaet),
    dass es solche Meinungen/Menschen gibt.

  3. bis auf einen Punkt.

    Es ist zwar erschreckend, wie und wieviele auch dieses Unrecht bagatellisieren,
    aber es ist gut, dass diese Mitmenschen nicht schweigen.
    Sonst wuesste man erst, wenn ueberhaupt, viel spaeter (zu spaet),
    dass es solche Meinungen/Menschen gibt.

    Antwort auf "Betroffen..."
  4. ...denn:
    „In der Bundesrepublik Deutschland bestand bis längstens 1973 ein Züchtigungsrecht für Lehrkräfte an Schulen gegenüber den ihnen zur Erziehung anvertrauten Schülern; ...“

    „In der DDR wurden Körperstrafen an den Schulen 1949 abgeschafft. „

    http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6rperstrafe#Z.C3.BCchtigungsrecht_an_...

    Eine Leserempfehlung
  5. 37. [...]

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  6. 38. [...]

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    Antwort auf "[...]"
  7. hat in ihren Heimen Jugendliche drangsaliert, auch in der BRD herrschten keinenfalls rosige Verhältnisse.

    Eine Leserempfehlung
    • ohopp
    • 02. April 2012 15:45 Uhr

    allerdings komme ich aus einem Dorf in dem es gleich neben der Kirche im ehemaligen Schloss einen Jugendwerkhof gab. Der hatte einen großen Hof und Gartenanlagen und war tagsüber geöffnet für alle Bürger. Allerdings gab es kaum Kontakte. Dies war sicherlich eine Folge der enorm hohen Zahl von Einbrüchen in die Bungalows der Kleingartenanlagen.
    Kurz gesagt halte ich den Ton des Artkels für unredlich da er aus Einzelschicksalen versucht eine Systematik herzustellen, die es aus eigener Erfahrung basierend, so nicht gab. In meiner Schulzeit und auch danach babe ich nie erfahren, dass jemand in den Jugendwerkhof kam.

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    Kurz gesagt halte ich den Ton des Kommentars für unredlich da er aus der persönliche Perspektive versucht eine Systematik herzustellen, die es so nicht gab.

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  • Schlagworte Bundesregierung | DDR | Dialekt | Fonds | Gedenkstätte | Jugendliche
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