RomanMuttersein ist nicht nur kuschelig

In ihrem Roman beschreibt Helen Walsh eine junge Mutter, die eine postnatale Depression fast in den Selbstmord treibt. Im Interview erzählt sie, wie es ihr selbst erging.

Die britische Autorin Helen Walsh

Die britische Autorin Helen Walsh

Helen Walsh hat in Großbritannien eine Lawine losgetreten. Nach der Veröffentlichung ihres autobiografischen Romans "Ich will schlafen!" bekam sie Tausende E-Mails von Müttern aus der ganzen Welt, die sich bisher nicht getraut hatten, über ihre negativen Erfahrungen zu sprechen. Walshs Romanheldin Rachel ist eine alleinerziehende Mutter, die an einer postnatalen Depression und an Schlafmangel leidet. Der Sohn der Autorin litt an der sogenannten Refluxkrankheit, was jedoch erst nach Monaten diagnostiziert wurde. Bis dahin spuckte er die Milch immer wieder aus, wurde nicht richtig satt und schlief deswegen kaum. Inzwischen ist er vier Jahre alt und geheilt.

ZEIT ONLINE: Frau Walsh, Ihre Schilderungen von Rachels Leben nach der Geburt Ihres Sohnes gleichen einem Alptraum und widersprechen unsere Wunschvorstellungen vom Mutterglück. War das Ihre Absicht?

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Helen Walsh: Ich wusste, dass das Muttersein anstrengend wird. Ich war zu dem Zeitpunkt auch ganz und gar dazu bereit. Aber ich hatte nicht erwartet, dass der Schlafentzug und die Depression mich so hart treffen würden. Daher war der Roman für mich kathartisch. Ich schrieb ihn, weil dachte, dass ich das tun muss, um all den Frauen, die Ähnliches durchgemacht haben, eine Stimme zu geben.

ZEIT ONLINE: Haben Sie solche Frauen kennengelernt?

Die deutsche Version von Helen Walshs Buch "Ich will schlafen" ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

Die deutsche Version von Helen Walshs Buch "Ich will schlafen" ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen.

Walsh: Als ich damals in Geburtsnachbereitungskurse ging, fand ich es sehr eigenartig, dass keine der anderen Frauen diese Kämpfe durchmachte, Schwierigkeiten mit ihrem Baby hatte oder depressiv war. Heute weiß ich, dass Frauen diese Gefühle einfach verstecken und nicht darüber reden wollen, weil sie Angst haben, verurteilt zu werden. Doch ich hoffe sehr, dass Ich will schlafen für Frauen Schleusen öffnet, um zugeben zu können: Ja, das ist meine Geschichte, mein Erlebnis des Mutterdaseins. Es ist nicht immer kuschelig, leicht und schön. Viele von uns verlieben sich auch nicht Hals über Kopf in ihr Baby, sondern brauchen Zeit dafür. Oder die Liebe ist zwar schon da, sie wird aber überschattet vom Schlafentzug, von der Hormonumstellung, einer Depression oder anderen Faktoren.

ZEIT ONLINE: Haben die Frauen vielleicht auch Versagensängste, weil unser Mutterideal so überzogen ist?

Walsh: Ja, es ist ein komplett unrealistisches Ideal, nach dem wir streben. Von (jungen) Müttern und auch von Vätern wird erwartet, dass sie grundsätzlich glücklich und zufrieden sind. Wenn du sagst: Ich bin aber nicht glücklich, wirst du sofort stigmatisiert. Welches Recht hast du denn, nicht glücklich zu sein, wenn du ein gesundes Kind zur Welt gebracht hast? Meine Mutter, die aus Malaysia stammt, glaubt, dass ich dort nicht depressiv geworden wäre. Es gebe dort nämlich nicht diesen Druck auf Mütter, permanent Glück vorzutäuschen.

Ich denke auch, dass die Errungenschaften des Feminismus für uns ein zweischneidiges Schwert sind. Einerseits sind wir unendlich froh darüber, was unsere Mütter und Großmütter für uns durchgefochten haben. Wir sind finanziell und emotional unabhängig. Andererseits empfinden wir es als Schwäche oder gar als Niederlage, wenn wir mit der Mutterschaft nicht klar kommen. Denn wir haben ja ein so viel besseres Leben als unsere Mütter und Großmütter.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie denn mit niemandem über Ihre Situation sprechen?

Walsh: Nein, obwohl mein Partner mich sehr unterstützt hat und ich eine wunderbare Mutter habe, die mir sehr nahe steht. Aber ich konnte in der Tat mit niemandem sprechen. Ich schämte mich und fühlte mich schuldig. Ich hatte diesen hübschen Sohn und empfand in den ersten sechs oder sieben Wochen überhaupt nichts für ihn. Ich wurde depressiv und dachte schließlich auch an Selbstmord. Heute weiß ich, dass das in erster Linie am Schlafmangel, aber auch an der Hormonumstellung lag. In Großbritannien nehmen wir das allerdings nicht so ernst. Dabei wird Schlafentzug immer noch als Foltermethode bei Kriegsgefangenen eingesetzt. Die werden damit fertig gemacht. Die Weltgesundheitsorganisation bestätigt, dass es einen erwiesenen Zusammenhang zwischen Schlafentzug und Selbstmord-Impulsen gibt. Als die Selbstmordgedanken bei mir auftraten, wusste ich, dass ich mit jemandem sprechen musste, da ich auch Angst um meinen Sohn bekam. Angst, auch ihm etwas anzutun.

ZEIT ONLINE: Wie fanden Sie da schließlich heraus?

Walsh: Ich ging zu einem Arzt und sprach über meine Ängste. Es ist erwiesen, dass sich die Gewaltfantasien von Frauen ihren Kindern gegenüber verschlimmern, wenn sie diese zu unterdrücken versuchen. In dem Moment, in dem man diese Gefühle jedoch ausspricht, beginnen sie zu verschwinden. Als mein Sohn dann nach rund 20 Monaten und der richtigen Diagnose endlich schlief, und daraufhin auch ich Schlaf fand, lichtete sich die Depression nach und nach. Aber selbst in meiner dunkelsten Phase gab es immer wieder auch wunderbare und magische Momente mit meinem Sohn und ich ahnte, wie es laufen könnte, wenn ich es nur irgendwie schaffen würde. Wenn ich endlich die Mutter sein könnte, die ich sein wollte.

ZEIT ONLINE: Welches Verhältnis haben Sie heute zu Ihrem Sohn?

Walsh: Ich denke, dass Mütter, die nicht sofort eine natürliche Bindung zu ihrem Baby entwickeln, daran härter arbeiten. Mir hat das geholfen, eine dynamischere und intensivere Beziehung zu meinem Kind zu finden als andere. Ich habe eine sehr besondere Verbindung mit meinem kleinen Sohn. Wir sind unzertrennlich. Er ist die Liebe meines Lebens.

 
Leserkommentare
    • Zora01
    • 29.03.2012 um 21:39 Uhr

    ...dass "Wochenbettdepression" in aller Munde ist. Hebammen thematisieren dies sehr wohl, und dass in Viorbereitungskursen gehechelt wird, ist wohl eher ein Klischee.

    Mich stört viel mehr der verbreitete biologistische Erklärungsansatz, dass das "nun mal durch die Hormone" käme, der die eigentlichen Ursachen ignoriert.

    2 Leserempfehlungen
  1. Entfernt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander statt Verdächtigungen und Spekulationen anzustellen. Danke. Die Redaktion/kvk

    • malera
    • 30.03.2012 um 14:28 Uhr

    Man glaubt ja meist, an der hohen Kriminalität der Männer liese sich das 'Böse' einzig und allein als männliches Problem vom Frauenbild wegschieben.

    Dass dieser Kriminalität eine eindeutig-moralische-gesellschftliche Bewertung und Verurteilung vorausging, und(!) dass das Männerbild dieser Verurteilung und Bewertung zugänglich war, wird gerne übersehen.

    Das Männerbild 'steht seinen Mann' und verschiebt die Verantwortung nicht auf die Gesellscahft und betont einzig und allen deren VErantwortung, sondern gewährt höchtens Strafmilderung, aber es ist klar, dass der Mann für die Verantwortung gerade zu stehen hat.

    Und wie natürlich erscheint uns dies. Vor allem bei den Fällen der Kriminalität. Aber eben nicht, weil die Taten als solche so klar wären, sondern weil es vom 'Männerbild' zugelassen wurde.

    Das glaubt man ja erst nicht. Aber hier haben wir so einen Fall:
    "Ich denke auch, dass die Errungenschaften des Feminismus für uns ein zweischneidiges Schwert sind. Einerseits sind wir unendlich froh darüber, was unsere Mütter und Großmütter für uns durchgefochten haben. Wir sind finanziell und" --> " emotional unabhängig"

    "Ich habe eine sehr besondere Verbindung mit meinem kleinen Sohn." --> "Wir sind unzertrennlich."
    ==> "Er ist die Liebe meines Lebens."

    • malera
    • 30.03.2012 um 14:36 Uhr

    Während man bei Männern gesellschaftlich überhaupt kein Problem hat pädophile Neigungen und alle anderen Spielarten (Kinder) emotional überlastender und dadurch missbräuchlicher Beziehungen zu verurteilen, und auch Verantwortung der Männer per Gesetz einzufordern, ohne diese Verantwortung von vornherein durch irgendwelceh äußere Umstände und Nöte abzuweisen, fällt es hier niemanden ein, nachzufragen, was denn damit gemeint sei, mit der Unzertrennlichen, wahren Liebe.

    Und keiner frägt, was denn da dem Kind an emotionaler Überfrachtung aufgeladen wird.

    Man frägt auch nicht, ob die Depression nicht auch daher kommt, dass das Kind nicht von anfang fähig ist, diese Glücks- Liebesgefühle auszulösen.

    Man frägt nicht miehr, ob die Sicht der Mutter, die wahr ist, oder ob da etwas nicht stimmen kann.

    Und tatsächlich stimmt da auch etwas nicht:
    Wie will man sich emotional unabhängig dem Mann gegenüber präsentieren und sich unabhängig wähnen, weil man alles andere als Schwäche im Weltbild ideologischen Feminismus deuten muss, und gleichzeitig die "Liebe des Lebens" (eine eindeutiger Sprachgebrauch, und zwar nicht aus der mütterlich-füsorglichen Welt, sondern der 'reifen'-romantischen Liebe unter Erwachsenen), nein, auch noch die unzertrennliche Liebe des Lebens beschwören? - bei einem Kind???

    Man stelle fest: Kein Aufschrei von Müttern, Frauen, Gesellschaft, obwohl Sprachgebrauch, Ambivalenz etc. deutlich auf emotionalen Missbrauch hindeuten.

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    • malera
    • 30.03.2012 um 14:54 Uhr

    Man könnte hier einen Roman darüber schreiben, was solche überfrachtenden Gefühle bewirken können.

    Emotionaler Missbrauch!

    Aber 'Emotion' ist so sehr naiv-schön-gut assoziiert, dass das gar nicht schlecht, oder so schlimm wirken kann! Da stört auch nicht, dass dies in vielen Therapien bearbetiet werden muss, weil oft andere Missbräuche nur Randerscheinungen der emotionalen Missbrauches sind.

    Das kann man dann mit Slogans wie, 'ausreichend gute Mutter' etc., wegwischen und jeglichen Versuch verantwortliches Handeln einzufordern zunichte machen.

    Ein interessantes Phänomen.

    Lieber wird der Druck auf die Mütter nicht in den eigenen Hoffnungen und Bedürfnissen, die man als Mutter selbst mit dem Kind verknüpft, verortet, sondern - immerhin steht man dann edler und reiner da - als Druck, den dei Gesellscahft an die Mütter stellt.

    Dabei halte ich das für eine Selbstlüge.

    Ich denke, der Druck, ist vielmehr eine Erwartungshaltung, die Mütter selbst an ihre 'Frucht' stellen, und nicht die Gesellschaft an die Mütter.
    Und ich glaube auch nicht, dass die Mütter so sehr 'gute' Mütter sein wollen (wer will das erst mal nicht?), sondern dass darüberhinaus vielmehr der Druck gemeint ist, dass das Kind etwas bewirken soll, hier nämlich die Liebe des Lebens erwecken zu können.

    In Wirklichkeit stand die Depression der erwarteteten Wirkung entgegen, darum der Hass/Aggression auf das Kind, und nach der Depression das wirklich gewollte: Nicht die 'gute' Mutter, sondern die Liebe des Lebens.

    Eine Leserempfehlung
  2. 14. .....

    "… weil sie Angst haben, verurteilt zu werden."
    "… wirst du sofort stigmatisiert."

    schon beachtlich, wie sehr sich frauen vor der meinung anderer fürchten. das muss einen doch manipulierbar machen, wenn man ich immer nur danach richtet, was die leute sagen (könnten).

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  3. Nach 3 Kindern und erheblichem Schlafentzug aber stets von der Liebe meines Lebens (nämlich meinem Mann) begleitet warne ich junge Mütter:
    Es ist normal, daß man nach der Geburt und in den ersten (20?) Jahren der Kinderaufzucht dem Wahnsinn nahe ist.
    Tage/Wochen/Monate lang nicht in Ruhe Duschen, aufs WC, immer im Bereitschaftsdienst...
    Und dabei soll man glücklich, schlank, frisch geschminkt aussehen - absolut unmöglich.
    Ich konnte ja nicht mal mehr in Ruhe meine geliebte Zeit lesen.
    Und ich empfehle jeder Mutter und jedem Vater mindestens eine Notfallnummer zu haben. Damit man sich Hilfe rufen kann bevor man seine Kinder zum Fenster rauswirft.
    Hat meine Süßen ein paarmal geretten (ja ich gebe diesen Impuls zu, aber ich brauchte es nie zu tun, denn die Sicherungsleinen funktionierten).
    Ja und ich bin eine schreckliche Rabenmutter.
    Aber die Kritik halte ich aus. Habe ja die Liebe meines Lebens an meiner Seite (keine Ironie).
    Sich selbst eine Schwäche zugestehen kann die Quelle von Stärke sein.
    In diesem Sinne...

    6 Leserempfehlungen
  4. Meine Schwester hatte als Säugling das gleiche Problem wie der Sohn der Autorin. Nachdem der Hausarzt nichts wußte als den Trost "Speikinder sind Gedeihkinder" und meine Schwester ab- statt zunahm, fuhr meine Mutter mit ihr ins winzige Provinz-Kreiskrankenhaus und der dortige Arzt stellte SOFORT die richtige Diagnose und die Probleme waren beseitigt.

    Das war vor mehr als einem halben Jahrhundert!

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