Alarm, Alarm: Ein Viertel der jungen ausländischen Muslime will sich hier nicht integrieren, findet Gewalt gut und lehnt unser westliches Leben ab. Immer radikaler werden die jungen Muslime. So kommt es rüber, wenn das Bundesinnenministerium eine von ihm in Auftrag gegebene Studie über die Lebenswelten von jungen Muslimen ausschließlich der Bild -Zeitung vorab zur Veröffentlichung überlässt. Die Richtung ist vorgegeben inklusive Drohung von Innenminister Hans-Peter Friedrich: "Wer Freiheit und Demokratie bekämpft, wird hier keine Zukunft haben."

Der letzte Integrationsbericht präsentierte auch keine rosarote Einwandergesellschaft, aber die Tendenz war eine ganz andere: Es gibt weniger Einwandererkinder ohne Schulabschluss, weniger Arbeitslose, mehr kleine Kinder mit Migrationshintergrund, die in Kindergärten gehen, also Deutsch lernen und mit dem deutschen Lebensstil vertraut sind. Trotzdem zeigte der Bericht zum Beispiel auch, dass Einwanderer noch immer häufiger arbeitslos sind als die alteingesessenen Deutschen und sie doppelt so häufig kriminell werden. Gewalt spielt dabei eine große Rolle.

Manche Einwanderer haben also Probleme in Deutschland und manche machen auch welche. Es ist deshalb ganz richtig, eine Studie in Auftrag zu geben, die analysiert, welche Gruppen es besonders betrifft und was man dagegen tun kann. Nur wozu dieser anklagende Alarmismus, der die wesentlichen Ergebnisse der Studie missachtet?

Die Studie selbst ist viel differenzierter

Denn tatsächlich macht die Untersuchung weit weniger Krach als Bild und Friedrich. Die pickten sich nur die negativen Ergebnisse heraus. Dabei bestätigt die Studie eben auch: Die meisten Muslime sind weder radikal noch extremistisch. Selbst die radikalisierten Menschen, das zeigt die Forschungsarbeit auch, wollen keinen Terror, nur Veränderung. Man muss ihre Ansichten nicht teilen, aber sollte sie auch nicht kriminalisieren.

Die Lebenswelten der Muslime sind extrem unterschiedlich und die psychologischen Hintergründe, die Integration oder eine potentielle Radikalisierung begünstigen, sind sehr komplex – aber nachzuvollziehen. Hier leistet die Studie einen großen Dienst: Ihre Verfasser haben nicht nur empirische Daten herbeigeschafft, sondern auch Interviews mit Menschen geführt, die zeigen, dass Muslime auf der Suche nach ihrer sozialen und kulturellen Identität oft in Konflikte geraten.

Dabei lassen sich ein paar Umstände benennen, die sie radikalisieren können. Dazu gehört zum Beispiel auch, welche Fernsehsender sie sehen, wie autoritär ihr Umfeld und ihre Einstellungen sind und wie stark sie diskriminiert werden. Nicht aber unbedingt der Islam selbst. Die Religion wird von Muslimen im nichtmuslimischen Deutschland oft als Teil der Identität begriffen. Sie ist nicht Ursache von radikalen Einstellungen, sondern sie wird oft benutzt, um sich eine Identität zu schaffen, die man verloren geglaubt hatte.

Auch die Verfasser sind entsetzt

Die Autoren der Studie empfehlen deshalb "Akkulturation" statt einseitiger Integration. Beide gehen aufeinander zu: Migranten sind genauso gefordert wie die Mehrheitsgesellschaft. Es lohnt sich, die sehr konkreten Empfehlungen umzusetzen. Ausdrücklich steht dort übrigens: "Populistische Verkürzungen vermeiden!" Hans-Peter Friedrich hat diesen Rat in sein Gegenteil verkehrt – und damit quasi im Handstreich eine ambitionierte Studie entwertet. Auch ihre Verfasser sind, wie man hört, entsetzt, was der Innenminister und Bild aus ihrem Werk gemacht haben.

Gerade hat ganz Deutschland noch eine Minute geschwiegen , um sich zu besinnen angesichts der Mordopfer von Rechtsradikalen. Diese Besonnenheit sollte nicht so rasch wieder verloren gehen –  sie nutzt den Menschen in diesem Land mehr als ein populistischer Minister. Die Studie übrigens endet mit einem Zitat von Goethe: "Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Okzident! / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände."