Neue deutsche Nazis : Flashmobs gegen die Demokratie

Sie ziehen mit Fackeln durch Kleinstädte, machen davon professionelle Videos und stoßen auf großen Zuspruch. Wie Neonazis neue Medien und linke Symbole nutzen.
Unsterblichen-Aufmarsch in Bautzen

Es war eine merkwürdige Prozession, die Bautzen in der Nacht zum 1. Mai im vergangenen Jahr erlebt hat. Auf Augenzeugen muss das Ganze etwas lächerlich gewirkt haben, auf andere vielleicht auch etwas gruselig: Aufgemacht wie eine Mischung aus Ku Klux Klan und Anonymous, zogen etwa 200 Neonazis mit brennenden Fackeln und weißen Masken durch die Stadt.

Vorne trugen sie ein Transparent: "Damit die Nachwelt nicht vergisst, dass Du Deutscher bist". Der ganze Spuk dauerte nicht länger als zwanzig Minuten. Noch bevor die Polizei-Verstärkung eingetroffen war, waren die Rechtsextremen schon wieder verschwunden.

Einige Tage später tauchte die Erklärung im Netz auf: Aus dem traurigen Aufzug war in einem zweiminütigen Clip, unterlegt von der Filmmusik des Actionthrillers Matrix, ein gespenstischer, hochprofessionell produzierter Auftritt geworden – eine PR-Aktion für die bundesweite "Werde unsterblich"-Kampagne. 

"Nationalsozialismus im schicken Style" Neonazis versuchen über ein gewollt unpolitisches Auftreten im Internet Akzeptanz zu schaffen. Der Experte Andreas Speit über die neuen Inszenierungsformen von Neonazis.


Die Unsterblichen sind der jüngste Versuch von Neonazis, moderne, jugendaffine Aktionsformen zu testen – und sie werden sicher nicht der letzte sein.

Der freundliche NameSpreelichter täuscht

Entwickelt hat das Konzept 2009 eine Brandenburger Gruppierung namens Spreelichter. Der freundliche Name täuscht: Sie besteht aus jungen Rechtsextremisten, die zum Teil in der NPD-Jugendorganisation JN aktiv waren. "Demokraten bringen uns den Volkstod", lautet ihre Parole.

Bis zu 200 Neonazis kann die Gruppe allein in Brandenburg für Aktionen mobilisieren, heißt es beim Verfassungsschutz. Es ist kein Zufall, dass die Bilder an die Fackelmärsche der SA erinnern, dass der Begriff "Volkstod" aus dem Vokabular der Nationalsozialisten stammt. In einem Positionspapier schreiben die Unsterblichen: "Es geht um Propaganda – um Propaganda, die unmissverständlich das System als Grund dafür erkennt und benennt, dass unser Volk seinem Tod entgegengeht." Die düsteren Videos der nächtlichen Fackelmärsche sollen den Mythos einer gesichtslosen braunen Widerstandsbewegung erzeugen, die von der Polizei nicht gestoppt werden kann.

Der Zuspruch ist enorm. Mehr als 20.000 Mal wurde der Bautzen-Clip innerhalb weniger Tage geklickt. Neonazi-Gruppen aus ganz Deutschland posteten das Video auf ihren Webseiten und verbreiteten es über Twitter und Facebook . Auf der ungewohnt professionell gestalteten Homepage werden Interessierte aufgefordert, in ihrer Region ähnliche Aktionen durchzuführen.

Schon bald fanden sich Nachahmer. Bislang haben lokale Neonazi-Gruppen in sieben Bundesländern Unsterblichen-Aktionen mit 10 bis 150 Teilnehmern durchgeführt – und das nicht nur auf dem Land. Die Unsterblichen tauchten auch in Hannover , Karlsruhe , Düsseldorf und Konstanz auf. Insgesamt zählte die Polizei bisher bundesweit 25 Aktionen der Unsterblichen.

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Kommentare

125 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Was ist daran eine Unterstellung?

Die Polemik sehe ich ja ein.

Aber offensichtlich hilft so ein Artikel der Verbreitung weitaus stärker, als es die Gruppe mit ihren Ressourcen alleine könnte.

Und wenn 30 Minuten nach Veröffentlichung des Artikels sich die Aufrufe auf Youtube verdreifacht haben, dann sollte dies zum Nachdenken / Diskutieren anregen und keinesfalls zum Zensieren.

Lange diskutiert

Hallo Etwas Genauer Bitte,

wir haben lange in der Redaktion darüber diskutiert, was der richtige Umgang mit diesem Video ist.

Wenn man es gar nicht zeigt, kann man vielen LeserInnen nicht die Wirkung vermitteln, die es erzeugt. Wenn man es zeigt, trägt man zur Bekanntheit bei – genau das ist ja die Intention dahinter. Das zeigt ja die perfide Wirkung: Der Auftrag von uns JournalistInnen wird hier vor eine Herausforderung gestellt. Wie klärt man auf, ohne sich gemein machen zu lassen?

Wir haben uns schließlich dafür entschieden, gemeinsam mit Herrn Speit das Video anzusehen und es durch ihn als Experten einzuordnen zu lassen – wohl wissend, dass wir uns kritische Fragen gefallen lassen. Wie wären Sie damit umgegangen?

beste Grüße,

Tina Groll

Missverständnis

Hallo Herr Radke,

das haben Sie ein wenig fehlinterpretiert, was wohl meiner schlechten Ausdrucksweise geschuldet ist.

Es besteht keinen Zweifel das dieses Thema in dem von Ihnen erwähnten Zusammenhang relevant ist. Meine Gedanke geht dahin das dieses Video im Netzt nicht von Relevanz ist wenn man sich die Statistik anschaut (20000 Klicks in 10 Monaten). Die Zeit hat halt nichts anderes gemacht als ein netzspezifisch nicht relevantes Video zu pushen.

Zu den Klicks

Lieber User Etwas genauer bitte,

Da haben sie etwas missverstanden. Im Artikel steht lediglich, dass der erste Videoupload (also im vergangenen Sommer wenige Tage nach dem Aufmarsch) schnell 20.000 Klicks bekommen hat. Dann wurde das Video gelöscht und inzwischen dutzendfach auf verschiedenen Portalen immer wieder hochgeladen. Inzwischen kann man gar nciht mehr klären wie oft das Video auf verschiedenen Seiten steht. Die Klickzahlen dürften inzwischen bei weit über 200.000 liegen.

Ich hoffe das hat Ihre Frage geklärt.
Viele Grüße
Johannes Radke

Oldschool - Der journalistische Auftrag

Hallo Frau Groll,

einen Königsweg kenne ich natürlich auch nicht.
Aber ein Gedanke dazu, vor 20 Jähren hätte es dieses Problem in der Form nicht gegeben.
Wäre der Artikel etwas abstrakter geschrieben, also ohne googlebare Schlagworte wie Bautzen und Ähnliches, welches das Auffinden des Clips ungemein erleichtert, dann ist der Effekt abgemildert.

Das Video würde nur noch von Leuten gefunden, bei denen eh Hopfen und Malz verloren ist.

Ich traue Ihnen auch zu im Rahmen solcher Einschränkungen weiterhin dem Leser die Wirkweise verständlich zu machen.
Vielleicht gäbe es sogar einen besseren Artikel, aufgrund des höheren Abstraktionslevels.

Auf Herrn Speits Videobeitrag müsste dann sinniger Weise auch verzichtet werden, was sehr schade ist, da er einige wesentliche und wichtige Dinge nennt.

Auch da sollten Redaktionen vielleicht mal lange und intensiv ihre Linie diskutieren.

Beispielsweise die Darstellung der rechten Szene als Glatzköpfige Deppen.
Das Bild, welches in der Bevölkerung da vorherrscht lässt sich ja den Kommentaren klar entnehmen.

Und - vielleicht klingelt es bei meinem Nick - die Anwendung der Nazikeule in anderen Bereichen, hier ist das Feld auf dem der Preis für diese Anwendung gezahlt wird.

viele Grüße,

Etwas Genauer Bitte