Trayvon MartinWer sich bedroht fühlt, darf schießen

Ein unbewaffneter Teenager wurde in Florida von einem Bürgerwehrler erschossen – möglicherweise ganz legal. Das Gesetz dazu ist aus handfesten Lobbyinteressen entstanden. von 

Demonstration in Gedenken an Trayvon Martin in Los Angeles

Demonstranten in Los Angeles fordern "Gerechtigkeit für Trayvon Martin".  |  © Joe Klamar/Getty Images

Amerika kommt nach dem Tod von Trayvon Martin nicht zur Ruhe. Martin, ein unbewaffneter schwarzer Teenager in Sandford, Florida , wurde von George Zimmerman, einem weißen Bürgerwehrler, erschossen. Der Täter wurde nicht verhaftet, weil es in Florida ein weitgehendes Gesetz zur Selbstverteidigung gibt, das "Stand Your Ground"-Law.

Der Fall ist schon vier Wochen her, aber noch immer erregt er die Gemüter. Am Sonntag kamen Zehntausende zu Gedenkgottesdiensten in mehreren Städten, darunter Miami , Los Angeles und New York , und für diese Woche sind Demonstrationen geplant, unter anderem in San Francisco , Houston, Atlanta, Baltimore, Philadelphia, Detroit, Memphis , Iowa City und in Sanford selbst, wo mehr als 30.000 Leute erwartet werden. Martin könnte, so sagte David Gregory in der NBC-Sendung "Meet The Press" , der "Emmett Till unserer Zeit werden". Emmett Till war ein 15-jähriger schwarzer Junge, der in Mississippi vom Ku Klux Klan ermordet wurde, weil er einer weißen Frau hinterhergepfiffen hatte.

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Letzte Woche hat sich auch US-Präsident Barack Obama dazu geäußert . Er sagte, wenn er einen Sohn hätte, würde der aussehen wie Trayvon, deshalb würde ihn das sehr berühren. Es war eines der seltenen Male, dass der erste schwarze Präsident der USA in derartigen Fragen Stellung bezieht. Zuletzt äußerte er sich, als der schwarze Professor Henry Louis Gates grundlos verhaftet wurde.

Obama weiß, dass er Wähler verschreckt, wenn er sich auch nur entfernt als zorniger schwarzer Mann geriert. Wie im Fall Gates brachte ihm auch seine aktuelle Äußerung zu Martin Ärger ein: Mehrere republikanische Kandidaten im Rennen um die Präsidentschaft warfen Obama vor, ein Rassist zu sein, allen voran Newt Gingrich . Rasse dürfe heute keine Rolle spielen, meinte er. Und Rick Santorum, der schon mehrmals mit anti-schwarzer Rhetorik aufgefallen ist, sagte, die lokalen Behörden in Florida sollten sich darum kümmern. Es sei nicht nötig, dass sich Strafverfolger aus Washington einmischten. Derweil wurde der Polizeichef von Sanford, der sich geweigert hatte, Zimmerman zu verhaften, erst vom Dienst suspendiert und trat dann zurück.

Noch ist nicht ganz aufgeklärt, was sich an diesem Abend des 26. Februar in Sanford, Florida, zugetragen hat, aber so viel ist bekannt: Zimmerman, ein 28-jähriger Jurastudent, der schon einmal mit der Polizei aneinandergeraten ist, patrouillierte die Gated Community, in der er lebt, in seinem Geländewagen. Er sah, wie der 17-jährige Trayvon Martin vorbeilief. Er rief 911 an, die Notfallnummer der Polizei. Der Polizist sagte, er solle bleiben, wo er sei. Trotzdem entschloss sich Zimmerman, Martin zu folgen. Es kam zu einem Handgemenge. Dann erschoss Zimmerman den Teenager.

Auf dem Tonband des 911-Notrufs schreit eine Stimme um Hilfe, es ist aber unklar, ob es sich um Martin oder um Zimmerman handelt. Womöglich ist auch zu hören, dass Zimmerman Martin einen "Coon" nennt, ein rassistisches Schimpfwort, aber auch das ist nicht sehr deutlich. Zimmerman selbst behauptet, während des Kampfes sei seine Nase gebrochen worden. Ob Zimmerman auf freiem Fuß bleibt, ist unklar. Falls man ihm nachweisen kann, dass er rassistische Schimpfworte benutzt hat, wird aus Selbstverteidigung ein "Hate Crime" und das wird sogar strenger bestraft als ein gewöhnliches Verbrechen.

Leserkommentare
  1. aber in einem Rechtssystem das nichtmal den Amtsermittlungsgrundsatz kennt, wundert mich nichts....

    Wie ist denn in einem solchen Fall der Sachverhalt neutral zu bewerten, wenn keine Ermittlungsergebnisse, sondern nur Aussagen eines Beteiligten vorliegen. Der Geschädigte kann sich ja nicht mehr äußern?

    Wobei nichts gegen ein lageangepasstes Notwehrrecht spricht, aber wie soll die Behauptung überprüfbar sein es habe sich "um eine gefühlte Notwehrlage" gehandelt?

    Auch andere Nationen schaffen es, (halbwegs) überprüfbare Kriterien für Notwehr/Nothilfe oder die Zweckmäßigkeit eines Schusswaffengebrauchs festzulegen.

    MfG Karl Müller

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  2. Einfach mal jemand niederschießen, weil man sich bedroht fühlt.

    Mit Notwehr hat das doch nichts zu tun (außer vielleicht man ist Republikaner). Wenn man einen "Verdächtigen" ohne Grund/Not verfolgt (obwohl die Polizei sagt man soll zurückbleiben) und sich dann mit ihm prügelt und ihn anschließend erschießt, um dann sagen zu können, das wäre Notwehr, dann muss man wohl von einem anderen Stern sein.

    Wenn man dagegen mal einen "Neger" (Zitat aus dem Artikel: "Coon") unbedingt erschießen will, dann ergibt die Handlung Sinn.

    Dass das Gesetz nicht mal die Pflicht vorsieht, einen defensiven Ausweg (um Hilfe schreien, weglaufen, Warnschuss abfeuern) aus der gefühlten Gefahrensituation zu nehmen, zeigt doch, dass es nur dazu da ist unliebsame Bevölkerungsgruppen umbringen zu können.
    Wäre die Sache andersherum verlaufen, säße der Afro-Amerikaner schon längst im Knast.

    2 Leserempfehlungen
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    http://www.wagist.com/201...

    Vielleicht würden sie es anders empfinden, aber wenn ein tätowierter Dealer mit Goldgebiss anfängt mich zu verprügeln würde ich mich sehr gerne wehren dürfen.

    "Es war eines der seltenen Male, dass der erste schwarze Präsident der USA in derartigen Fragen Stellung bezieht. Zuletzt äußerte er sich, als der schwarze Professor Henry Louis Gates grundlos verhaftet wurde."

    Was nicht dazu gesagt wird ist, dass Obama am Ende der Geschichte den Polizisten ins weiße Haus eingeladen hat um sich bei ihm für sein vorschnelles Urteil zu entschuldigen.

    "Und Rick Santorum, der schon mehrmals mit anti-schwarzer Rhetorik aufgefallen ist, sagte, die lokalen Behörden in Florida sollten sich darum kümmern."

    Auch wenn er sachlich nichts Falsches gesagt hat muss man trotzdem nochmal Rassismus unterstellen?

    Ist es wirklich wieder so weit, dass das eigentliche Geschehnis unwichtiger ist als die Hautfarbe der Handelnden?

  3. Ist aus der Ferne und ohne Kenntnis der genauen Sachlage natürlich schwer zu beurteilen - aber ich wage die dreiste Behauptung, wäre der Tote Weiß und derjenige, der Geschossen hat Schwarz, so würde diesem jetzt die Todesstrafe drohen.

    Merkwürdiges Land.

    Eine Leserempfehlung
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    Soweit ich weiß war der Schütze nicht weiß, sondern "mixed ethnicity" und ich wette, nachdem das auch der Letzte kapiert hat werden sich die Rassismus Vorwürfe ebenso in Luft auflösen, wie der Vorwurf er hätte gelogen. Mir scheint die einzige Rassistin in diesem Fall die "Zeugin" gewesen zu sein, die wider besseren Wissens(sie hat nur die Schreie gehört) behauptet hat Trayvon hätte um Hilfe geschriehen, denn der böse weiße Mann kann ja nur der Aggressor sein.

    Ich würde noch "Merkwürdiges Land" durch "Rassistisches Land" ersetzen.

  4. Das zentrale Problem bei dem "stand your ground act" ist eben das "subjektive Gefühl der Bedrohung". Damit ist eine objektive Bewertung des Sachverhalts nicht mehr möglich, genausowenig die Überprüfbarkeit der Bedrohung. Man stellt also mit diesem Gesetz Personen, deren Ängste und Stereotype ins Extrem fallen, einen Freischein zum Totschlag aus.

    Wie lange es wohl dauert, bis sich jemand von den Schusswafenfanatikern und Bürgerweheren (vielleicht zurecht) bedroht fühlt?

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    ...das Problem ist durchaus mehrdimensional. Nicht nur die massive Verbreitung von Schusswaffen (die gibts in anderen Ländern auch), sondern die paranoide und ängstliche Grundhaltung in der Bevölkerung. Letztere dürfte sich nicht nur aus den teilweise hetzerischen Medien speisen, sondern vor allem auch an der Erfahrung von Gewalt im täglichen Leben, bedingt durch eine verlogene und ans zynische grenzende "american dream" Ideologie, bei der immer wieder Menschen hinten runterfallen.

    So sind ausgerechnet in den USA die Auftiegschancen geringer als in den meisten europäischen Ländern:
    http://www.heise.de/tp/ar...

    Tellerwäscher bleibt Tellerwäscher, Ausnahmen bestätigen die Regel.

  5. Mich wundert nur, dass so viele Menschen in einem Land wie den USA leben möchten, wo jeder einen Revolver haben darf, aber mangels Krankenversicherungspflicht manch einer im Wartezimmer eines Krankenhauses umkippt und stirbt.

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    Sie alter Schisser. No Risk no fun. Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zurecht ein Sklave.

    (Ich hoffe, die Ironie ist erkennbar)

    mfg henry

  6. Willkür, die in weiten Teilen der USA herrscht, ist es, die mich daran hindert freiwillig auch nur einen Fuß in dieses Land zu setzen.

    Wie kann man jemandem erlauben, nach eigenem Ermessen Menschen über den Haufen zu schießen!?!

    Preiset unser Rechtssystem...auf das dieser Wahnsinn niemals Einzug in den Rest der Welt hält.

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    <

  7. Sie alter Schisser. No Risk no fun. Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zurecht ein Sklave.

    (Ich hoffe, die Ironie ist erkennbar)

    mfg henry

    • kael
    • 27. März 2012 13:49 Uhr

    Stimmt, solange es sich um Macht, Geld und Waffen handelt. Bei uns wird Rassismus bestraft, dort wird er wohlwollend geduldet.

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