Dalai-Lama-Nachfolger : "Die Politik ist nicht mein Weg"

Urgyen Trinley Dorje wurde auserwählt, das religiöse Erbe des Dalai Lama anzutreten. Nun kommt er das erste Mal nach Europa. Imke Vidal hat ihn in Neu-Delhi getroffen.
Urgyen Trinley Dorje, der Karmapa Lama, in Dharamsala in Nordindien (2009) © Reuters

Raschen Schrittes, wie ein vielbeschäftigter Geschäftsmann, durchquert der Karmapa die Lobby eines Luxushotels in Neu-Delhi . Eskortiert von Sicherheitsbeamten und Mönchen, vorbei an seinen Anhängern, die sich ehrfurchtsvoll erheben. Der Karmapa – so lautet der Name seines hohen Priesteramtes – trägt ein rot-orangenes Gewand wie der Dalai Lama, dessen Nachfolger er bald werden soll . Er ist jung, 25 Jahre alt, seine Eile verbirgt Unsicherheit angesichts der ausländischen Gäste, die sich unter den Wartenden befinden.

Kaum hat er sich auf dem modernen Ledersessel in der Lobby niedergelassen, knien ein taiwanesischer Buddhist und sein indischer Freund vor ihm nieder. Sie legen sich flach auf den Bauch, berühren den Boden mit der Stirn, die Hände wie zum Gebet zusammengelegt vor sich ausgestreckt. Immerhin ist der Mann vor ihnen der dritthöchste Geistliche des tibetischen Buddhismus – ein Heiliger! Das verlangt auch dem hinduistischen Inder allen Respekt ab.

Der Dalai Lama hält viel von dem jungen Mönch. Niemandem widmet er mehr Zeit. Sein politisches Führungsamt hat er im vergangenen Jahr in die Hände des Harvard-Professors Lobsang Sangay gelegt, der nun die tibetische Exilregierung führt. Doch wenn sich der Dalai Lama, wie angekündigt, von all seinen Ämtern zurückgezogen hat, wird es die Aufgabe des Karmapa sein, der tibetischen Lehre Autorität zu verleihen.

Es gibt keine andere Wahl. Ein neuer Dalai Lama müsste erst wieder per altem Brauch, der im indischen Exil kaum durchführbar ist, als kleines Kind zu seiner Aufgabe bestimmt werden. Der zweithöchste Heilige, der Panchen Lama, wurde einst von der chinesischen Regierung durch einen parteigenehmen Platzhalter ersetzt. Hierarchisch an dritter Stelle steht der Karmapa. Er wird nun darauf vorbereitet, ein weltweit respektierter Geistlicher zu sein. Doch die Rollen sind neu verteilt: Die Politik soll der Dalai-Lama-Schüler anderen überlassen. "Bitte keine politischen Fragen an seine Heiligkeit!", sagt sein ständiger Sicherheitsbeamter.

"China kann sich nicht von mir abwenden"

Sein bürgerlicher Name ist Urgyen Trinley Dorje. Er stammt aus Osttibet, wo er seine frühe Kindheit als Sohn einfacher Nomaden verbrachte. Mit sieben Jahren wurde er als Wiedergeburt des 16. Karmapa entdeckt, in die Obhut des höchsten Klosters in Lhasa übergeben und dort nach tibetisch-buddhistischer Tradition erzogen. Doch seine Erziehung ist auch eine chinesische. Das zeigt sich noch heute: Mit seinem taiwanesischen Schüler spricht er in Delhi auf Chinesisch. Ohne Dolmetscher. Fürs Englische bemüht er dagegen einen Übersetzer.

Die chinesische Regierung stimmte damals seiner Ernennung zum Karmapa zu – eine Sensation, wurde er doch nicht von der KP Chinas , sondern von tibetischen Mönchen auserwählt. Erst danach gibt auch der Dalai Lama im Exil bekannt, Urgyen Trinles Dorje als Karmapa anzuerkennen. Ein kluger Schachzug, denn nun stellt der Karmapa eine Verbindung her zwischen der Regierung in Peking und ihrem Feind im Exil, dem Dalai Lama.

"Meine Anerkennung in China war zwar ein Durchbruch", sagt der Karmapa. Doch andererseits würde die chinesische Regierung deshalb noch lange nicht seine Funktion respektieren: "Was heißt schon Anerkennung?" fragt er und fürchtet, dass es kaum mehr als ein Lippenbekenntnis war. Doch immerhin, die Chinesen müssten zu ihrem Wort stehen: "China kann sich nicht von mir abwenden, sonst würde die Regierung ihr Gesicht verlieren."

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

mich wundert`s hier noch keinen Kommentar von den

vielen deutschen Dalei-Lama Anhängern zu lesen. Ich hoffe sehr, dass die vielen deutschen Tibeter genau lesen, in welchem Ambiente Interviews gegeben werden. Würde dies der Papst machen würde eine Aufschrei der Kritik runterprasseln auf die christliche Gemeinde.

Wieso ein Aufschrei?

Ich bin weder ein Dalai-Lama-Anhänger noch Katholik, vielleicht liegt's daran, daß ich das nicht verstehe. Wieso sollte das Ambiente so eines Interviews denn einen Aufschrei geben, wenn der Papst der Antwortende gewesen wäre?
Wegen der Sicherheitskräfte? Die gibt's rund um den Papst genauso.
Wegen des Exils? Naja, das gab's auch schon, daß ein Papst im Exil leben mußte, ist nur schon einen Moment länger her.
Wegen der politischen Themen? Die lassen sich gar nicht vermeiden, wenn jemand mehr als ein gewisses Maß an Einfluß auf Menschen aus mehreren Nationen hat.
Wegen der gezeigten Hochachtung? Das würde mir noch am ehersten einleuchten, das ist für Gegenwarts-Europäer nicht mehr so recht zeitgemäß.

Nichts davon scheint mir einen Aufschrei wirklich wert zu sein. Darf ich um eine Erklärung bitten?

Mit freundlichen Grüßen - Oyamat

Könnte vielleicht am Pazifismus liegen

Noch nie ist im Namen des Buddhismus oder von Seiten der Buddhisten ein Krieg vom Zaun gebrochen worden. Abgesehen von Momenten in der Geschichte, wo sich Buddhisten auch gewaltsam gegen Angriffe verteidigten, ist die Religion pazifistisch.

Daher haben Buddhisten einen Bonus, den die katholische Kirche nicht hat.

Zum Artikel:
"Die Politik ist nicht mein Weg"
Ein frommer Wunsch, der nicht in Erfüllung gehen kann, denn die Autonomie Tibets und die Bestrebungen dahin sind etwas zutiefst politisches. Das kann er, als zukünftiger Religionsführer, als höchste Autorität der Tibeter, nicht einfach an andere deligieren.
Und seine Aussage beweisen, dass er schon mitten in der Politik steckt.

MfG
AoM

"... soweit ich weiß, ist das tibetanische Volk bettelarm ..."

Sooo? Na, jetzt widersprechen Sie aber eindeutig Ihren geschätzten Parteikadern. "Den Tibetern" geht es doch angeblich wirtschaftlich so richtig gut, seit die "Volksbefreiungsarmee" Tibet "befreit" hat - das wird doch von den chinesischen Staatsmedien wie ein Mantra im wöchentlichen Zyklus verkündet. Sind das etwa nur chinesische Märchen?

Wer liegt denn nun völlig daneben - die Parteikader oder Sie?

Ein Tibetaner ist übrigens ein Teppich. Sollten Sie die Ureinwohner im tibetischen Hochland meinen - das sind Tibeter.

Upsdi-keine Gewalt bei Buddhisten

"Noch nie ist im Namen des Buddhismus oder von Seiten der Buddhisten ein Krieg vom Zaun gebrochen worden. Abgesehen von Momenten in der Geschichte, wo sich Buddhisten auch gewaltsam gegen Angriffe verteidigten, ist die Religion pazifistisch.

Daher haben Buddhisten einen Bonus, den die katholische Kirche nicht hat."

Oh je. Das stimmt aber leider gar nicht:
http://info-buddhismus.de...

Luxus-Hotels

Na ja, Sie unterstellen, dass der Karmapa oder Dalai Lama "es lieben würden" in Luxus Hotels zu sein. Was Sie dabei übersehen: 1) die Sicherheitsbestimmungen für beide, die nicht in einfachen Hotels gewährleistet werden können 2) dass devote Tibeter und Anhänger es als Ehre ansehen ihren Lehrern das beste und teuerste anzubieten (das ist allgemein bei Asiaten so in Bezug auf Buddhismus) und 3) die Lehrer sind von Ihren Gelübden verpflichtet, diese "Darbringenden" anzunehmen.

Man kann sich immer über andere Völker wundern oder aufregen, wenn man sie aus eurozentristischer Sicht betrachtet und westliche Papst- / Katholiken-Schablonen anlegt ;-)

Man darf gespannt sein

"Der Tibet-Konflikt muss zwischen China und Tibet gelöst werden. Das geht nur, wenn das Misstrauen und die gegenseitigen Vorwürfe aufhören."

Sollte dies tatsächlich gelingen, dann wäre das mehr als nur eine Hoffnung und ein Beispiel für die ganze Welt. Das wäre sogar mehr nur ein Meilenstein in der Entwicklung der Menschheit. Das wäre dann wohl der Bewusstseinssprung, von dem die Esoteriker so gerne reden.

Auf jeden Fall könnte man sich daran dann ein Beispiel nehmen, im Großen wie im Kleinen, im öffentlichen wie im privaten Leben.

Überschrift.

Vielleicht sollte man Tibet etwas weniger glorifizieren und stattdessen etwas realistischer sehen. Wikipedia meint:

"Während des 19. Jahrhunderts lebten die Menschen in einem feudalen System unter den Lamas. Die großen Klöster besaßen den Hauptanteil des Landes, monopolisierten das Bildungssystem sowie die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten und zogen Abgaben ein."

Das ist sehr neutral und freundlich ausgedrückt.

richtig und da hat sich bis heute nichts geändert -

es herrscht sicherlich keine demokratische Struktur rund um den Dalai Lama - er herrscht absolutistisch und ist gottgleich - da erscheint mir die katholische Kirche schon revolutionär offen im Mitspracherecht - und ich bleibe dabei: je mehr fremdartiges Brimborium desto mehr fallen sogenannte aufgeklärte Westler auf diesen Schmarrn rein. Vor allem Menschen, die anders sein wollen als andere. Es ist richtig schick so als Buddhist mit Heiligenschein zu fungieren. Sorry, ich halte von dem ganzen Pseudo-Heckmeck so gar nichts, ich finds nur mehr lächerlich.

Schmarrn?

Ich bin zwar keineswegs besonders bewandert, was den tibetischen Buddhismus angeht, und die feudale struktur kann man auch kritisieren, aber ich würde vorsichtig sein, die alten Rituale als "fremdartiges Brimborium" oder "Heckmeck" zu bezeichnen - besonders der Begriff "Schmarrn" stört. Der Buddhismus ist doch keine Religion, die sich experimentierfreudigen "Westlern" anbiedert, die traditionen sind nun mal wie sie sind.

@amikaro - Bitte mißverstehen Sie mich nicht -

ich achte den Glauben der Tibeter - natürlich - es ist ihre Religion. Ich halte jedoch nichts von den tibetanisch angehauchten westlichen Bewunderern, die mit Räucherkerzchen verzückt den Ausführungen des Lamas in Stadien lauschen um dann erleuchtet ins urdeutsche Umfeld zurückzukehren. Ich gestehe diesen so verzückten Menschen einfach nicht zu, den Sinn dieser fremden Religion wirklich zu erfassen und wirklich tief und inbrünstig diese Religion zu leben. Und ich beziehe mich hier auf Erfahrungen aus meinem persönlichen Umfeld -

Colin Goldner und die Trimondi-Mischpoke ...

... sind hier im Forum schon längst verbrannt. Es ist schon erstaunlich, dass die meisten Schergen-Apologeten seit vielen Jahren ein und die gleiche Trivialliteratur wie eine Monstranz vor sich her tragen. Vermutlich haben Sie jetzt noch ein letztes "Ass im Ärmel", nämlich den Hinweis auf Shudgen ;-)

Lesen Sie doch zur Abwechslung einmal ein seriöses Buch über den Tibetkonflikt. Ich serviere es Ihnen sogar auf dem Silbertablett:

The snow lion and the dragon, Melvyn C. Goldstein
http://publishing.cdlib.o...

Und heute ist Tibet das Paradies auf Erden?

Der Diskussionsseite des Wikipedia-Artikels ist zu entnehmen, dass es stets chinesische User sind, welche ständig die Artikel über Tibet auf ihr "Geschichtsverständnis" trimmen wollen. Das ist übrigens ganz und gar nicht neu. Die Geschichte Tibets wurde von bezahlten Schreibern und Kolonialisten überliefert, die Tibet größtenteils nur während eines geführten Kurztrips erlebten.

Die Zustände in Tibet 1950 unterschieden sich kaum von jenen in den umliegenden Ländern, wie z.B. Mustang oder Bhutan. Die Frage, welches Land die grausamsten Methoden im Strafvollzug hatte, dürfte China fraglos für sich entscheiden. China ist ja heute noch ein feudaler Staat.

Jede Grausamkeit - ob phantasiert oder real - die sich in mehreren Jahrhunderten in der tibetischen Historie auffinden ließ, wurde von den Parteikadern zu einem "so war Tibet vor 1950" hochstilisiert.

Rechtfertigt Ihr Einwand etwa die Kulturrevolution, die völkerrechtswidrige Besetzung Tibets oder gar den mittelalterlichen Strafvollzug im Land des Schneeleoparden?

http://tibetfocus.com/201...

Scheinbar können die chin. Parteikader das Mittelalter in den eigenen Köpfen nicht überwinden.

Schon Mao war verblüfft

"es herrscht sicherlich keine demokratische Struktur rund um den Dalai Lama"

Es ist ja überliefert, dass schon Mao verblüfft war wegen der Affinität des jungen Dalai Lama zur Demokratie. Ganz offensichtlich waren das nicht nur Worthülsen.

Die tibetische Gemeinde in Dharamsala hat schon seit 1963 eine Verfassung mit demokratischen Strukturen. Es war der Dalai Lama selbst, der den Passus, er selbst müsse jede Entscheidung des Kashag letztendlich genehmigen, abschaffen wollte und das auch gegen Widerstand in einer demokratischen Abstimmung durchsetzen konnte. Seitdem könnte die tibetische Verfassung durchaus ein Vorlage für einige europäische Länder sein.

Diese Verfassung wird schon seit Jahrzehnten tagtäglich gelebt. Viele Chinesen können davon nur träumen.

Feudalismus der anderen Art

Wer das tibetische System mit mittelalterlichem Feudalismus parallel setzt, übersieht, dass es sich beim europäischen Feudalismus um die Herrschaft des Adels handelt, Macht also vererbt und innerhalb derselben Familie weitergegeben wird. In Tibet kann jede einfache Nomadenfamilie einen Dalai Lama, Panchen Karma oder Karmapa hervorbringen.

Kommt hinzu, dass es im Wesentlichen darum geht, mit welchen Gefühlen die Menschen in einem System bei der Sache sind. Es heißt, dass Tibeter (vor der Einverleibung durch China) und Menschen, die in einem ähnlichen System leben wie in Bhutan, sehr viel fröhlicher und zufriedener sind als wir hier im Westen. Außerdem soll es kaum Kriminalität geben.

Ist es angebracht, sich aufs hohe Ross zu setzen und so negativ von diesem anderen System zu reden?

Oh,je..

Leider ist der Artikel mit Fehlern gespickt, die daraufhinweisen, dass der Autor nicht wirklich Ahnung hat vom tbetischen Buddhismus.
"...dessen Nachfolger er bald werden soll." Der Karmapa kann als spirituelles Oberhaupt der Karma Kagyu Tradition nicht der Nachfolger des Dalai Lama werden.
Diesen Job kann nur die Wiedergeburt des Dalai Lama selbst übernehmen.

"sein bürgerlicher Name ist Orgyen Trinle Dorje.". Ich hab mich fast kaputt gelacht.
Das ist sein Dharmaname, der ihm bei seinen ersten Gelübten gegeben wurde.
Zum Karmapa wird man auch nicht ernannt. Der Dalai Lama hat nur bestätigt, das die Hohen Lamas der Karma Kagyu Tradition die wahre Wiedergeburt des Vorgängers gefunden haben.
Der Karmapa wurde auch nicht in Lhasa erzogen, sondern in Tsurphu dem Stammkloster der Karmapas.( teilweise wiederaufgebaut).
Ich empfehle der Zeit dringend für Interviews mit solchen Menschen Leute zu schicken, die wirklich wissen wem sie da eigentlich gegenüber sitzen.

Ist doch egal ...

... ob ein Bericht oder mehrere. Das fatale ist ja, dass sich die meisten Deutschen so BILDen. Da unterscheide ich auch nicht zwischen BILD, ZEIT und Spiegel. Man glaubt was man liest, dabei ist der Journalist oft genauso ahnungslos wie der Leser, hat sich sein Wissen auch nur mehr schlecht als recht angelesen. So kann man sich kein objektives BILD machen und dann damit in öffentlichen Foren über andere urteilen ...