Zu spüren waren die Bedenken schon vergangene Woche. ZEIT ONLINE hatte gerade mit der Berichterstattung über den bevorstehenden Prozess gegen Anders Behring Breivik begonnen, als einige Leser kritisch anmerkten , man solle dem Massenmörder keine mediale Bühne bieten. Es waren vereinzelte Stimmen. Das hat sich inzwischen geändert. Seitdem am Montag in Oslo der Prozess begonnen hat, wird die Berichterstattung der Medien über den Fall, auch unsere, infrage gestellt . Wir müssen zugeben: Das Ausmaß der Kritik hat uns überrascht.

Viele Leser werfen uns vor, wir würden uns zu Erfüllungsgehilfen von Breivik machen. Indem wir (zu) ausführlich über den Prozess berichten und Bilder von ihm zeigen, würden wir seinen Plan unterstützen, seine menschenverachtende Ideologie verbreiten. Dies könne ähnlich denkende Menschen gefährlich beeinflussen.

Warum also berichten wir über Breivik und seinen Prozess? Das Gerichtsverfahren gegen den 77-fachen Mörder ist ein Nachrichtenereignis, dem sich ein Nachrichtenportal wie ZEIT ONLINE widmen muss. Nachrichtenmedien können manche Themen weglassen; auch ZEIT ONLINE tut das immer wieder, wenn eine Information nicht relevant genug ist. In diesem Fall aber ist Weglassen keine Option. Der Prozess ist eine relevante Nachricht.

Breivik ist kein einsamer Irrer

Wir halten es für notwendig, Breiviks verzerrtes Weltbild zu thematisieren. Dieser Mensch ist kein einsamer Irrer, auch wenn Boulevardmedien ihn gerne so darstellen. Breivik hat seine Taten akribisch geplant und ausgeführt – und zwar auf Basis einer Ideologie, die keineswegs er erfunden hat. Er musste nicht lange suchen, um Material für sein "Manifest" einzusammeln. In ganz Europa sind Rassisten und Rechtspopulisten aktiv, in manchen Ländern haben sie bemerkenswerte Wahlergebnisse erzielt. In Deutschland ist ihnen das noch nicht gelungen, doch aktiv sind sie auch hier. Sie zu ignorieren, wäre ebenso gefährlich wie wenn man beschlösse, nicht mehr über Neonazis, die NPD oder die Hasspropaganda der NSU-Terroristen zu schreiben. Menschenverachtende Ideologien verschwinden nicht, indem man sie totschweigt.

Anders Behring Breivik ist kein typischer Attentäter. Er tötete sich nach seiner Tat nicht selbst. Er ließ sich festnehmen, weil er noch etwas vorhatte. Alles, was seither geschieht – die Auswertung seines "Manifests" , seine Auftritte vor Gericht, seine Aussagen dort, seine obskure Zeugenliste – all das ist Teil seines Planes. Gerade deshalb ist es Aufgabe der Medien, über Breivik und seine gefährlichen Motive aufzuklären – so wie es Aufgabe des Rechtsstaates ist, einen fairen Prozess zu garantieren.