NorwegenNeues Gutachten erklärt Breivik für zurechnungsfähig

Der norwegische Attentäter Anders Breivik ist laut einem neuen Gutachten voll zurechnungs- und damit straffähig. Die endgültige Entscheidung fällt nun das Gericht. von AFP

Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik bei einer Gerichtsanhörung im Februar

Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik bei einer Gerichtsanhörung im Februar  |  © Lise Aserud/Scanpix Norway/Reuters

Ein neues psychologisches Gutachten hält den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik doch für zurechnungsfähig. Behring Breivik sei geistig gesund, heißt es in der Untersuchung, die vor Gericht vorgelegt wurde. Im November war Breivik noch "paranoide Schizophrenie" attestiert worden . Die endgültige Entscheidung über die Zurechnungsfähigkeit trifft das zuständige Gericht.

Breivik selbst hat stets bestritten, geistesgestört zu sein, und stattdessen betont, er übernehme die Verantwortung für seine Taten. Er sieht sich als politischen Aktivisten. Allerdings hält er sich für nicht schuldig. Auch Experten hatten das erste Gutachten angezweifelt.

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Der Prozess gegen Breivik soll am 16. April beginnen. Bei einer Gerichtsentscheidung auf Zurechnungsfähigkeit droht ihm die Höchststrafe für Mord, die in Norwegen 21 Jahre beträgt. Breivik kann bei einer Verurteilung auch für immer hinter Gittern bleiben. Schon beim Urteilsspruch kann das Gericht die sogenannte Verwahrung ( forvaring ) verhängen, deren Ende ungewiss ist. Sollte Breivik für nicht zurechnungsfähig erklärt werden, kann das Gericht ihn zwangsweise in eine geschlossene Psychiatrie einweisen. Die Einweisung müsste alle drei Jahre überprüft werden.

Taten als "grausam, aber notwendig" bezeichnet

Breivik hatte am 22. Juli 2011 bei einem Bombenanschlag im Regierungsviertel von Oslo und bei einem anschließenden Massaker auf der Insel Utøya insgesamt 77 Menschen getötet. Die meisten Opfer waren Jugendliche im Alter zwischen 14 und 19 Jahren, die auf Utøya an einem Sommerlager der norwegischen Jungsozialisten teilnahmen.

Die zuvor im etwa 40 Kilometer entfernten Oslo gezündete selbstgebaute Autobombe sollte die Polizei vor den geplanten Morden auf der Ferieninsel ablenken. Hier wurden acht Menschen durch die Wucht der Detonation und Trümmer getötet. Die Explosion verwandelte Teile der Innenstadt in eine Trümmerlandschaft. Auch das Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg wurde völlig verwüstet.

Breivik hat die Taten zugegeben. In seinem Geständnis bezeichnete der 32-Jährige die Morde als "grausam, aber notwendig". Als Tatmotiv gab der rechtsradikale Attentäter Hass auf den Islam und die in Norwegen regierenden Sozialdemokraten an. Seine Tat plante er nach eigenen Angaben neun Jahre lang. Vor dem Massaker stellte er ein 1.500-seitiges Manifest ins Internet, das sich unter anderem gegen "Kulturmarxismus" und die Einwanderung von Muslimen richtet.

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Leserkommentare
  1. Wie grausam muss ein Mensch sein, der bei voller physischer und psychischer Gesundheit, derartige Taten vollbringt?

    Jetzt ist es daran, ihn die volle Härte des Gesetzes zukommen zu lassen. So ein Täter darf nie wieder in die Freiheit gelangen.

    Am besten wäre es wohl gewesen, ihn hätte eine Polizeikugel getroffen.

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    "Am besten wäre es wohl gewesen, hätte ihn eine Polizeikugel getroffen."

    Ist das so? Ich finde es eher erfreulich, dass sich Menschen wie er vor Gericht wiederfinden und von jenen verurteilt werden, die sie so sehr bekämpft haben. Was für ein Fest für Gerechtigkeit.
    Das ist das, was mir bei Gaddafi und Bin Laden gefehlt hat. Der Tod ist dafür zu einfach. Das haben Täter wie diese nicht verdient.

    was er wollte! Er scheint zurechnungsfähig, damit ja auch seine Tat und ne Meeeenge Aufmerksamkeit. Er hätte einfach still und heimlich weggeschlossen werden sollen.

    ... hat dazu geführt, dass über den Ausschluss eines Schöffen vom Gericht beraten werden musste. Und er ist ausgeschlossen worden.
    Wie wollen Sie die kriminelle Energie kontrollieren, die frei wird, wenn er stirbt? Sie wird wieder in das Leben eintreten. Es gibt nur einen Weg, dieses Böse zu besiegen, und das ist, einen Gesinnungswandel herbeizuführen. Egal, wie lange es dauern mag. Jetzt glaubt er, richtig zu handeln. Aber schauen wir mal, was in 30 Jahren ist.
    Und: Ein Mensch, der glaubt, er handle richtig, wenn er 77 Menschen getötet hat, der ist eo ipso verrückt. Nur: Schonung verdient er deshalb nicht.

  2. Man fragt sich, bei wie vielen weniger prominenten Kriminellen ein zweites psychologisches Gutachten das erste nicht bestätigen würde.

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  3. Ansonsten wäre der Weg für die Relativierer wieder frei gewesen alle Neo-Nazis als geisteskrank abzustempeln und somit die Diskussionen, woher der Rechtsextremismus stammt und wie er entsteht, als unnütz abzustempeln.

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    Natürlich sind nicht alle Neo Nazis geisteskrank. Aber selbstverständlich ein Teil. Wäre schon komisch wenn bei der Menge keiner Schizophren, etc. wäre. Da muss man eben differenzieren. Es gibt also Menschen (ich würde sie nicht als Nazis bezeichnen) die in ihrer Naziwahnwelt leben. Dann gibt es welche die sind Nazis und dazu auch geisteskrank und dann gibt es welche die sind einfach nur Nazis.

    Als Glück würde ich das Gutachten nicht unbedingt bezeichnen - höchstens für Herrn Breikopf (wie Hullahup68 und schwarze Drachenrose ja schon angemerkt haben).
    Wer in der Diskussion über Neonazis diese von vornherein als Geisteskrank bezeichnet, wünscht meiner Meinung nach ohnehin keine echte Diskussion.

    • Afa81
    • 10. April 2012 14:38 Uhr

    Ach kommen Sie, die Diskussion woher Rechtsextremismus stammt führt doch
    eh niemand.
    Linksextremismus kommt von schlechten Lebensumständen - und Rechtsextremismus
    kommt von Blödheit. So ist doch die weitverbreitete öffentliche Meinung. Ich habe
    leider noch nie gelesen, dass man die Bildung und Lebensumstände in Gebieten, in
    denen eine hohe Dichte von Rechtsextremismus zu finden ist, verbessern muss. Klar,
    wenn ein 17 jähriger ein Auto anzündet, ist das Verständnis sehr groß bis hin zu
    Verteidigung des armen, desillusionierten Menschen. Meines Erachtens kommt auch der
    meiste Rechtsextremismus von Perspektivlosigkeit. Leute, die sich von der Gesellschaft
    abgehängt führen. Wenn dann so jemand auf einen trifft, der einem die Hand auf die
    Schulter legt und sagt: "Du bist ja garnicht schuld an Deiner eigenen Missere" oder
    "Wir respektieren Dich trotzdem, entgegen all Deiner Schulfreunde, die jetzt Studieren,
    eine blühende Zukunft vor sich haben und für Leute wie uns kein Verständnis mehr haben".

    Die Parteien, welche sich eigentlich für die Schwachen einsetzen sind durch ihre
    "Nichtmal zuhören - Nazis sind alle automatisch böse" Taktik für solche Menschen
    auch nicht wählbar.

    Ja, wie wir in den Wald schreien, so hallt es und entgegen. Ich prophezeihe Ihnen allen,
    dass dieses Nazis überall blockieren nichts bringen wird - nur noch mehr Wut.

  4. Da freut sich der Breivik. Endlich das gewünschte Ergebnis.

    Wenn ich mich richtig erinnere, kommt er dann auch nach spätestens X Jahren wieder auf freien Fuß.
    Als Geisteskranker hätte er längere Zeit (für immer?) in der Geschlossenen verbringen müssen.

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    Der Täter kann auch so bis an sein Lebensende im Gefängnis bleiben, denn in Norwegen kann die Strafe nach 21 Jahren unbegrenzt um jeweils 5 Jahre verlängert werden.

    Wer wöllte es auch verantworten, dass ein derartiger Täter nach 21 Jahren in Freiheit käme, ohne seiner "Mission" zu folgen.

    Dieser Mensch sollte bis ans Lebensende Tag für Tag im Gefängnis mit seinen Taten konfrontiert werden.

    "Wenn ich mich richtig erinnere, kommt er dann auch nach spätestens X Jahren wieder auf freien Fuß.
    Als Geisteskranker hätte er längere Zeit (für immer?) in der Geschlossenen verbringen müssen."

    -----

    Ich kenne die diesbezügliche Gesetzgebung Norwegens nicht. Es würde mich aber nicht wundern, wenn es in unseren westlichen Demokratien schon Fälle in der oben befürchteten Art gegeben hat.

    Einer möglichst menschliche Gesellschaft zu schaffen, hat oft unvermutete Tücken.

  5. Breivik im Glück.

    Das schlimmste, was man ihn hätte antun können, wäre es gewesen, ihn für immer in der Klappse verschwinden zu lassen - er selbst hat es als die "ultimative Demütigung" bezeichnet.

    Jetzt aber bekommt er wonach er sich so sehr sehnt: Einen Prozess, wo er eine Bühne für seine kruden Ideen bekommt, wo er sich zum Märtyrer gerieren kann und sicher neue spinnerte Anhänger finden wird.
    Er wird die Höchststrafe bekommen und dann in 25 Jahren als Held aus dem Knast marschieren.

    Ob das wirklich so gut ist?

    Da wäre Lebenslang in der psychiatrische Einrichtung vielleicht doch besser gewesen..

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  6. Unser Justizsystem ist veraltet, weil die Überzeugung, es gäbe einen „freien Willen“, absurd ist. Letztlich kann jeder Mensch nur auf der Basis seiner psychischen, kognitiven und informellen Verfasstheit entscheiden. Es gibt ja kein zweites Gehirn, mit dem man die eigene Entscheidungen nochmal überprüfen könnte.
    Bezüglich der Unfreiheit im Handeln gibt es aus neurobiologischer Sicht keinen Unterschied zwischen jemandem, der tötet, weil er Stimmen hört, oder jemandem, der seine Handlungen aus seiner Weltsicht heraus begründet.

    Die moralische Kategorisierung, die die Justiz vornimmt, ist eine vormoderne. Sie ist ohne praktischen Nutzen, weil das Festhalten an der tradierten Schuld- und Sühne-Theologie die Gesellschaft nicht besser oder sicherer machen kann. Es gibt bessere Wege, Menschen zu sozialisieren. Eine wichtige Voraussetzung ist die Befähigung zum eigenständigen Denken - wozu aber auch das Erkennen der eigenen Grenzen gehört! Es gibt das Paradoxon, das jener, der sich selbst als unfrei versteht, letztlich freier ist als jemand, der an „Eigenverantwortung“ glaubt, weil das bessere Verstehen der Realität den Menschen dazu befähigt, sich besser an seine Umwelt anzupassen. Fluggeräte entwickelt man besser, wenn man die Gesetze der Thermodynamik kennt, anstatt an Luftgeister zu glauben. Und so ist es auch mit dem Interagieren zwischen den Menschen: Nur wenn wir uns selbst, mit all unseren Stärken und Schwächen, kennen, können wir unsere soziale Kompetenz optimieren.

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    Ich stimme ihnen weitgehnd zu. Eng verknüpft mit der Frage des "Freien Willens" ist auch die Frage nach dem "ich". Was ist das für ein "ich", welches nun keinen freien Willen hat. Meiner Ansicht nach handelt es sich bei diesem "ich" weniger um ein "Individuum" sondern um einen Teil einer "verteilten Intelligenz", die im wesentlichen alle Menschen umfasst. Sogesehen handelt es sich bei der Tat von Breivik nicht um eine "Einzeltat" sondernum eine kollektive Tat. Nun ist nicht jedesandere "individuum" so nahe dran an Breivik, sondern es gibt unterschiedliche "Abstände". Entsprechend jener "Abstände" gewichtet sich auch die Verantwortung des jeweiligen Individuums.
    Ein Beispiel: Jemand der fremdenfeindliche Thesen vertritt, steht Breivik sehr viel näher, als jemand der für Toleranz eintritt. Er trägt deshalb auch eine größere verantwortung für die Taten Breiviks.

    Letztlich ist es deshalb auch fast uninteressant, ob er nun psychisch krank ist, oder zurechnungsfähig. Er ist auf jeden Fall Teil einer weitreichenden Gesellschaft,die jeweils einen Teil der Verantwortung für die Taten trägt.

    Man kann deshalb auch nur jedem raten, nicht mit dem Finger nur auf Breivik zu zeigen, sondern sehr wohlauch den Blick nach innen zu richten, und zu schauen, welche Ideen und menschenverachtende Gedanken dort lauern.

    Breivik muss natürlich dennoch aus dem Verkehr gezogen werden, aber man muss ihn human behandeln.

    Mir scheint bei Ihrem Kommentar einiges durcheinandergeraten zu sein.

    Nur weil das ICH des Menschen gewohnt ist, sich irrtümlich für die Zentrale Steuereinheit zu halten, bedeutet das noch lange nicht, dass der Mensch deswegen unzurechnungsfähig und für seine Handlungen nicht verantwortlich ist.

    Zugegebenermaßen ist das Ich NICHT die Regierung, sondern eher der Regierungssprecher des "Systems Mensch".
    Der wird in der Regel erst informiert, wenn Entscheidungen bereits gefallen sind.
    Und da unser Ich die wahren Gründe der Entscheidungen gelegentlich noch nicht einmal erahnen kann, ist es gezwungen, irgendwelche, möglichst plausibel klingenden Gründe zu erfinden und zu vertreten.

    Den Menschen insgesamt aber aus seiner Verantwortung zu entlassen nur weil das aufgeblasene Ich nicht Herr der Lage ist, halte ich für ausgesprochen töricht.

    Und auch wenn der Wille nicht undeterminiert ist, haben wir in der Regel durchaus mehrere Handlungsmöglichkeiten, zwischen denen wir auszuwählen haben.
    Das System Mensch wählt aus und ist somit verantwortlich.

    Ich kann und will nicht beurteilen, ob Breivik den Kranken oder den Gesunden zuzurechnen ist. Aber im zweiten Falle ist er verantwortlich und muss dann auch zur Verantwortung gezogen werden.

  7. Der Täter kann auch so bis an sein Lebensende im Gefängnis bleiben, denn in Norwegen kann die Strafe nach 21 Jahren unbegrenzt um jeweils 5 Jahre verlängert werden.

    Wer wöllte es auch verantworten, dass ein derartiger Täter nach 21 Jahren in Freiheit käme, ohne seiner "Mission" zu folgen.

    Dieser Mensch sollte bis ans Lebensende Tag für Tag im Gefängnis mit seinen Taten konfrontiert werden.

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    Antwort auf "Sieg für Breivik?"
  8. 8. Krank

    Natürlich sind nicht alle Neo Nazis geisteskrank. Aber selbstverständlich ein Teil. Wäre schon komisch wenn bei der Menge keiner Schizophren, etc. wäre. Da muss man eben differenzieren. Es gibt also Menschen (ich würde sie nicht als Nazis bezeichnen) die in ihrer Naziwahnwelt leben. Dann gibt es welche die sind Nazis und dazu auch geisteskrank und dann gibt es welche die sind einfach nur Nazis.

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    Antwort auf "Zum Glück"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP
  • Schlagworte Gericht | Jens Stoltenberg | Mord | Tatmotiv | Alter | Einwanderung
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