PsychogrammWarum Breivik weinte

Der Attentäter Breivik zeigt während des Prozesses in Norwegen kein Mitgefühl mit den Opfern. Ihn rührt nur die eigene Propaganda. von Johan Falnes

Anders Behring Breivik im Gerichtssaal

Anders Behring Breivik im Gerichtssaal  |  © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Was bewegt diesen Mann? Diese Frage beschäftigt in dieser Woche alle Anwesenden im Osloer Amtsgericht. Fünf Tage lang darf der Terrorangeklagte Anders Behring Breivik seine Motive für die Angriffe in Oslo und auf Utøya am 22. Juli vorigen Jahres erklären. Angriffe, die für die meisten Zuhörer völlig unbegreiflich sind, von denen Breivik selbst aber sagt, sie seien "notwendig" gewesen.

Breivik erklärt sich deutlich: "Ich habe die raffiniertesten, spektakulärsten und brutalsten Attentate verübt, die seit dem Zweiten Weltkrieg von einem militanten Nationalisten begangen wurden", sagte er am Dienstag vor Gericht. Danach las er eine 13-seitige Erklärung seiner Motive vor. Der Terror habe die norwegische und europäische Kulturelite erschreckt, stellt er fest. "Ich und meine revolutionären, nationalistischen Brüder und Schwestern stellen ihren schlimmsten Albtraum dar."

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Breivik bereut nichts. Er würde wieder so handeln und fordert andere auf, es ihm gleich zu tun. Doch steckt tatsächlich eine politische Überzeugung hinter den Angriffen?

Zum Prozessauftakt am Montag bekommen die Zuhörer einen ersten Eindruck von Breiviks Wesensart. Der Angeklagte wird in den Gerichtssaal geführt, ihm werden die Handschellen abgenommen, er ballt die Faust zu einem rechtsextremistischen Gruß. Bei der ersten Gelegenheit fordert er die Richter heraus: "Ich erkenne das norwegische Gericht nicht an", sagt der 33-Jährige. "Weil es sein Mandat von den politischen Parteien bezieht, die den Multikulturalismus fördern."

Tiefer Ernst im Gerichtssaal

Trotzdem muss Breivik Platz nehmen. Während Staatsanwältin Inga Bejer Engh die Anklage gegen ihn verliest, legt sich ein tiefer Ernst über die Anwesenden. Einen nach dem anderen zählt Engh die 77 Morde von Oslo und Utøya auf, beschreibt jeden in klinischen Details. Im Saal kann man den Schmerz der Angehörigen deutlich spüren, als die Namen ihrer Lieben aufgerufen werden.

Dieselbe Ohnmacht überkommt die Zuhörer, als die Staatsanwaltschaft später die Tonbandaufnahme eines Polizeinotrufs abspielt. Darauf ist die 22-jährige Renate Tårnes aus Bjugn zu hören, die verzweifelt aus ihrem Versteck die Polizei anruft, nachdem sie mit ansehen musste, wie ihr eigener Freund erschossen wurde. Während des Anrufs stürmt Breivik plötzlich das Gebäude, in dem sich Tårnes verbirgt. Auf dem Band ist zu hören, wie er dort in kürzester Zeit insgesamt 13 Jugendliche erschießt und 7 weitere verletzt. 

Die Details sind grauenvoll anzuhören. Breivik jedoch zeigt keinerlei Anzeichen von Mitgefühl. Erst als seine Propaganda Thema der Verhandlung wird, verändert sich sein steinernes Gesicht.

Breiviks eigener Film über seine Terrormotive bewegt den Attentäter schließlich zu Tränen. Das zwölf Minuten lange Video, das kurz vor den Angriffen unter anderem bei YouTube veröffentlicht wurde, besteht aus Bildern, Zeichnungen und Texteinspielungen, überspielt mit der dramatischen Musik aus dem Videospiel Conan – Zeitalter der Kriege .

Als er am Dienstag auf seinen Gefühlsausbruch angesprochen wird, erklärt Breivik, der Film habe ihn berührt. "Warum hat er Sie berührt?", fragt Staatsanwältin Engh. "Weil ich daran denken musste, dass unser Land dabei ist zu sterben. Und dass meine eigene ethnische Gruppe dabei ist zu sterben", antwortet Breivik. "Es ist die Sorge darüber, zusehen zu müssen, wie das eigene Land und das eigene Volk dekonstruiert werden." Außerdem sei er stolz auf das Video, fügt er hinzu. "Dies ist mein erstes YouTube-Video, und ich bin damit zufrieden."

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf relativierende Aussagen. Die Redaktion/lv

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    Entfernt, da der Originalkommentar inzwischen entfernt wurde. Danke, die Redaktion/lv

  2. 2. Loser

    Abi abgebrochen, nicht geschafft.
    Kein beruflicher Erfolg, kein ordentlicher Lebenslauf, paranoid, keine Chance bei Frauen, Tempel- und Kreuzritter, vielleicht auch noch Jediritter?

    Er ist genauso ein loser wie diese Leute von der NSU. Alles gescheiterte Existenzen, die vor Selbsthass auf die eigene Unfähigkeit anfangen zu morden und sich einer Ideologie bedienen, um ihre Taten zu rechtfertigen, um vom eigenen Unvermögen abzulenken.

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    es gibt dort bei weitem nicht nur loser, man sieht nastürlich immer nur das tumbe kahlköpfige geschmeis. aber dahinter stehen intelligente menschen, die gezielt manipulieren und instrumentalisieren. die haben politische absichten.
    sie alle nur zu losern zu erklären würde heissen, die wahre gefahr nicht wahr haben zu wollen. tumbe loser und schläger kann man wegsperren, wenn sie gegen gesetze verstossen. bei den masterminds ist das nicht so leicht. sie zu übersehen wäre verantwortungslos.

    Was du da beschreibst, trifft auch ziemlich genau auf einen gewissen Helge Schneider und seine Anfangsjahre zu.
    Ist das für dich auch ein Nazi oder gar Loser?

    Getreu dem Motto: Ich steh auf, sehe dass es regnet und stoße mir den Fuß. Warum passierte das? Na weil es regnet!

    .. ist denn heutzutage ein ordentlicher Lebenslauf?

    Etliche Leute mit "ordentlichem Lebenslauf" sind Mitglieder der NPD.

    Die Nazis legten ja gerade gesteigerten Wert auf Zucht und Ordnung!

    Kleinbürgerlicher Ordnungssinn ist eben auch Abgrenzungshabitus.

    Zum Überlegenheitsgefühl ist es kein großer Schritt.

    Die Gesellschaft, die von den Leuten einen "ordentlichen Lebenslauf" verlangt und Leute ohne ebendiesen an den Rand drängt, produziert an den fernen Rändern nun einmal auch Extremisten jeder Art.

  3. Ich denke auch das, hätte er ein gutes Leben gehabt, eine Freundin und beruflichen Erfolg hätte er das niemals getan. Das ist ganz sicher.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Aussagen, die Gewalttaten relativieren. Die Redaktion/lv

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    gute Nacht!

    • Effbeh
    • 18. April 2012 21:27 Uhr

    Relativeren ist verboten....... Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen. Sowas steht auf ZO. Gilt selbstverständlich nicht für alle Gewalttäter gell ?

    Auch Gewaltverbrechen sind zu relativieren.
    Eben dieser Prozess, der in beachtenswerter Weise die Rechtsstaatlichkeit der norwegischen Gerichtsbarkeit zeigt, untersucht die subjektive Schuld und relativiert das Verbrechen.
    Schuldfähigkeit des Täters, seine Motive, seine Persönlichkeit und deren Entwicklung werden beachtet, um seine Schuld zu beurteilen.
    Der vorliegende Artikel beschäftigt sich fast nur mit der Relativierung des Gewaltverbrechens.
    Aussagen des Täters, Gutachten, sogar die Hintergründe, warum der Täter weint, ist hier die Artikelüberschrift wert gewesen.

    • stoic
    • 18. April 2012 18:33 Uhr

    Dazu kann man nichts sagen ohne wütend zu werden und gegen Forums Richtlinen zu verstoßen.

    Taten aus dem Affekt , Mord der Emotionale Ursprünge hat , Vergewaltigung ....alles Dinge die Grausam sind , bei denen das Rechtssystem das ja nicht auf Rache ausgelegt ist noch irgendwo anwendbar ist,wenn die Strafe für Opfer und Dritte auch oft viel zu mild scheinen /(sind?)....aber was macht man mit jemandem der so kalt und arrogant auf das Leben anderer herabblickt?

    Ich weiß nicht wie die Angehörigen das ertragen können...nur Hass kann man für so jemanden übrig haben.

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    nicht, aber ich empfinde eher Mitleid bei so einer Gestalt. Und Verachtung. Aber Hass ist so ein Mensch nicht wert, denk ich.

  4. gepaart mit Selbstüberschätzung und völliger Empathiefreiheit, die diesen Mann dazu brachte, 77 ihm unbekannte unschuldige Menschen zu ermorden, sprengt jede Vorstellungskraft.

    Es ist kaum zu glauben, daß Breivik psychisch gesund sein soll.

    k.

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    sagt doch gar keiner. Entweder psychotisch oder eine/zwei Persönlichhkeitsstörungen. Beides harter Tobak.

  5. 6. [...]

    Entfernt, da der Originalkommentar inzwischen entfernt wurde. Danke, die Redaktion/lv

    Antwort auf "[...]"
  6. 7. [...]

    Entfernt, da themenfremd. Die Redaktion/mak

  7. Wie kann man sagen, dass Breiviks "gefühlsmäßige Kapazität" ausschließlich auf die eigene Person beschränkt sei, wenn er sein Weinen doch wörtlich dahingehend erklärt, dass es ihn schmerze zu sehen, wie sein Land und seine "eigene ethnische Gruppe" dabei sei "zu sterben"?

    Auch wenn der Tod der 77 dadurch nicht gerechtfertigt ist, so scheint hierbei doch ein logischer Widerspruch zu bestehen..

    Eine Leserempfehlung
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    • grrzt
    • 18. April 2012 19:12 Uhr

    Eine Kurze Geschichte des Nationalismus: Ein Bundespräsident (Heinemann?) wurde einmal von einem Reporter gefragt, ob er sein Land liebe, und er soll geantwortet haben: "Ich liebe meine Frau". Kein Widerspruch Das was den Angeklagten zu Tränen rührt, ist das "billigste aller Gefühle".

    • 15thMD
    • 18. April 2012 19:16 Uhr

    Ich entschuldige mich schonmal für diesen VErgleich, aber er erscheint mir schlüssig.

    Wenn Greenpeace mit Motorbooten einen Walfänger jagen, dann VErschmutzen sie zwar in dem Moment die Umwelt, tun dies aber zu einem höheren Ziel.

    Breivik macht das nach der gleichen Logik: Er tötet Menschen seiner "ethnischen Gruppe", die aber Norwegen "zum Sterben" bringen. (Ich gebe zu, ich kapiere nicht ganz, was er damit meint^^)

    Beide schaden ihrem eigentlichen Ziel geringfügig, kommen damit ihm aber auch ein Stück näher.
    Der Unterschied ist nur, dass Greenpeace meiner Meinung nach unterstützenswert ist und ein Mörder lebenslang eingesperrt werden sollte.

    • dacapo
    • 18. April 2012 21:00 Uhr

    Wieso setzen Sie denn voraus, dass er an seiner ethnischen Gruppe dachte, die auszusterben droht, und nicht nur an sich? Jetzt muss man Sie fragen, worin besteht die Gefahr der ethnischen Gruppe dieses kranken Menschen? Wenn Sie dann nachsetzen und sagen, damit wäre der Tod der 77 Menschen nicht gerechtfertigt, ist ein Hohn. Sie versuchen der Tat einen Sinn zu geben! Unfug und schamlos.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Attentat | Gericht | Norwegen | Videospiel | Oslo
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