Rechtsextreme ElternVati ist ein guter Nazi

Die Generation der Nachwende-Neonazis wird zur Elterngeneration – und erzieht ihren Nachwuchs von klein auf nach völkisch-nationalem Programm. von Christian Thiele

Eine wie ein Soldat aussehende Zielscheibe steht auf einem Spielplatz auf einem Hof in Jamel in der Nähe von Wismar.

Eine wie ein Soldat aussehende Zielscheibe steht auf einem Spielplatz auf einem Hof in Jamel in der Nähe von Wismar. In dem Dorf sollen viele rechtsextreme Familien leben.  |  © Getty Images

Der kleine Siegbert kam immer schon in merkwürdiger Kleidung in die Kindertagesstätte: immer diese gewalkte Naturwolle, immer ein wenig müffelig, immer ein wenig zu dünn, vor allem im Winter. Seine Eltern ließen ihn nicht am regulären Kitaessen teilnehmen, er musste die eigens zubereiteten Körnerflocken essen. Erkältungen dauerten bei ihm besonders lange, denn zum Arzt zu gehen oder gar Medikamente zu verabreichen, das kam für Siegberts Eltern nicht infrage: Der Junge müsse abhärten, gaben sie Doreen Krüger zu verstehen, seiner Erzieherin.

Das Lied, das er gelegentlich vor sich her sang, eine rechtsextreme Version von Der Mond ist aufgegangen , war für Doreen Krüger dann nicht mehr zu ertragen: Ein Vierjähriger, der Hetzlieder singt, dafür ist in ihrer Kindertagesstätte kein Platz. Doreen Krüger ist froh, dass der kleine Siegbert nicht mehr in ihrer Krippe ist. "Ich habe vor Erleichterung geweint, als er nicht mehr kam." Andererseits weiß sie: Damit ist auch der letzte Funken normaler, bunter Welt aus Siegberts Leben verschwunden.

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Siegbert heißt nicht Siegbert, und Doreen Krüger heißt auch nicht wirklich so. Das war ihre Bedingung dafür, dass sie überhaupt mit dem Reporter redet, denn sie fürchtet sich vor Menschen wie Siegberts Eltern. Dass Krüger in einer Kita zwischen Rostock und Schwerin arbeitet, in einer Gegend, in der sich Dutzende rechtsextreme Familien angesiedelt haben , die dort versuchen, Schulen, Kindertagesstätten und sonstige Einrichtungen mit ihrem Gedankengut zu unterwandern – das allerdings kann man sagen.

Neue deutsche Nazis

Deutschland hat ein Neonaziproblem. In den vergangenen zwanzig Jahren sind Zonen entstanden, in denen sie faktisch das Sagen haben. Und sie dringen zunehmend in soziale Milieus der Mitte ein, zu denen sie früher kaum Zugang hatten.

Dies ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Strategie. ZEIT ONLINE zeigt in der Serie "Neue deutsche Nazis", wie moderner Rechtsextremismus funktioniert und wo die Grenzen zwischen Demokratie und Rechtsextremismus aufweichen. Wir zeigen, wie jene Angst-Räume entstehen, in denen auch die Zwickauer Terroristen zu ihren brutalen Entschlüssen gelangten.

Die moderne deutsche Neonazi-Szene ist dynamisch, vernetzt, vielfältig und einflussreich. Wir sind sicher: Das Problem Rechtsextremismus wird sich nicht von selbst lösen.

Die Serie

Bisher erschienen:

Neue deutsche Nazis: Wie Rechtsextreme mit Geschick und Geduld neue Milieus und Regionen erobern.

No-Go-Area im Landtag: Wie die NPD das sächsische Parlament nutzt.

Frauensache Volksgemeinschaft: Frauen spielen in der rechtsextremen Szene eine Schlüsselrolle.

Flashmobs gegen die Demokratie: Wie Neonazis neue Medien und linke Symbole nutzen.

Wie Neonazis ihre Gegner bedrohen: Rechtsextreme schüchtern Demokratie-Aktivisten ein – professionell und präzise.

Warum es Neonazis nach Dortmund zieht: Dortmund ist ein Hot-Spot der Szene. Wie kam es dazu?

Spuren der Dortmunder Neonazis: Eine Fotostrecke aus der westdeutschen Rechtsextremismus-Hochburg

Vati ist ein guter Nazi: Die Generation der Nachwende-Neonazis wird zur Elterngeneration.

Spiel nicht mit den Ausländerkindern: Was die rechtsextreme Erziehung bei Kindern anrichtet.

Der Extreme unter den Rechtsextremen: Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern kämpft NPD-Fraktionschef Pastörs gegen die Verweichlichung seiner Partei.

Lieber nicht über Neonazis schreiben: Warum Angst, Kostendruck oder Desinteresse lokale Berichterstattung verhindern.

Gute Mitte, böse Nazis: Warum es nicht reicht, nur auf die Rechtsextremisten zu schauen.

Kein Kampf gegen Neonazis ohne die Mitte: Eine Bilanz der Rechtsextremismus-Serie

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Ein niedliches Backsteinkirchlein, ein verwunschener Dorfteich, hin und wieder ein Fischreiher in der Luft: So sieht es aus in der Mecklenburgischen Schweiz , Fontaneland. Allein hier, in diesem Idyll, schätzen Experten der evangelischen Kirche, wachsen Kinder in rund 60 Familien so auf wie Siegbert. Sie heißen Arwin, Thore, Hildegund oder Freya, sie reden nicht von Pizza, sondern von Gemüsetorte, und sie feiern nicht Weihnachten, sondern das Julfest. Und häufig wissen die Buben schon als Vierjährige, wie man jemandem den Arm umdreht, und dass Arier besser sind als die Menschen aus "minderwertigen Völkern".

Engagierte Eltern mit menschenverachtender Ideologie

Ihre Eltern sehen sich als Artamanen, eine völkisch-nationale Aussteiger-Sekte, die es schon in Weimarer Zeiten gab und später in der Hitlerjugend aufging. Einige von ihnen sind in enger Verbindung mit der NPD oder anderen rechtsextremen Organisationen, einige stammen aus der neonazistischen Wiking-Jugend, der Schlesischen Jugend oder der inzwischen verbotenen Heimattreuen Jugend (HDJ) . Jetzt wollen sie in der Idylle der Mecklenburgischen Schweiz, wo es außer guter Luft und günstigem Grund nicht viel gibt, ihre Kinder in ihrem Geist aufziehen.

"Der 'Wald- und Wiesen-Nazi' mit Glatze stirbt aus – die Braunen werden immer klüger, die kommen in Schlips und Nadelstreifen oder in Öko-Klamotten daher", sagt eine Verantwortliche für mehrere Kitas in der Gegend, die auch nicht namentlich genannt werden will.

Der Vater, der sich in den Elternbeirat wählen lassen will; die Mutter, die die Kinder mit Selbstgebackenem am Wandertag begleitet; die Eltern, die vorschlagen, man könne doch gemeinsam mal die Kindergartenwände neu streichen: Es sind häufig die besonders engagierten, die aktiven Eltern, die aus dem extrem rechten Umfeld kommen, sagt die Kita-Frau. Die auch nicht gleich von der Holocaust-Lüge schwadronieren oder gegen Ausländer hetzen, sondern erst Vertrauen aufbauen zum Kita-Personal, zu den anderen Eltern.

Leserkommentare
    • essilu
    • 11. April 2012 23:41 Uhr

    ...ist die Wurzel...dem stimme ich zu.
    Ich möchte noch zwei Bücher empfehlen:
    1.) Erich Fromm: "Anatomie der menschlichen Destruktivität"
    2.) Bruno Bettelheim: "Aufstand gegen die Masse"

    Sicher ist auch der Film "Das weisse Band" bekannt...

    Eine Leserempfehlung
    • essilu
    • 11. April 2012 23:56 Uhr

    ...den Rechtsextremismus, sondern jede Form von Extremismus zeichnet ein Merkmal ganz klar aus: Mangel an echtem Humor!
    Das erklärt sich aus der Unfreiheit und der Starre, die jedem Extremismus innewohnt.

    2 Leserempfehlungen
  1. Fassen wir einmal zusammen:

    Das Kind trägt „komische“ Klamotten, also nichts von Jako-O, C&A oder KiK, da können wir ja gar nicht einschätzen wie reich die Eltern sind. Dann ist der immer „zu dünn“ angezogen, spielt viel draußen und müffelt ein bisschen. Des Weiteren verschmäht er unseren guten Fertig-Fraß aus der Großküche und mag lieber Gemüsekuchen, als Fertigpizza. Ja das geht ja überhaupt nicht.

    Und die Eltern erst. Ein Engagement für den Kindergarten und für die Gruppe. Dann noch etwas Selbstgebackenes mitbringen. Ja so etwas kann ja nur der Versuch einer Unterwanderung des kompletten Kindergartens sein.

    Aber die Erzieherin weiß Rat aus der „guten? alten Zeit“: "Wenigstens haben wir die geheime Wahl abgeschafft." Jetzt ist es so, wie damals in der DDR. Dann wissen wir ganz genau wer in unserem Kindergarten für solche Leute stimmt. Deren Kindern machen wir dann das Leben zur Hölle, damit wir wieder unsere Ruhe haben.

    Als ich den Artikel gelesen habe, hat bei mir schon ein sehr starkes Fremdschämen eingesetzt. Solch eine Denke passt in ein totalitäres System und nicht in eine Demokratie. Wenn Eltern oder deren Kinder rechtsextremes Gedankengut äußern oder andere Diskriminieren ist ein engagiertes Kontern angebracht. Für gröbere Verstöße haben wir BGB und StGB. Wer mehr will, der kann ja gleich wieder Blockwart und Stasi einführen.

    Nebenbei: Der Einfluss dieses Elternbeirats ist verschwindend gering und hat keinen Einfluss auf die pädagogische Arbeit.

    4 Leserempfehlungen
  2. Naja, dieser Harte Kern der braunen "Zurück-zur-Natur" Franktion sollte einem nicht sonderlich viel Angst machen, dennoch sollten Ämter das Wohl des/der Kindes/er im Auge behalten.
    Was bedenklich ist, sind die Nazis die man nicht mehr erkennt, damals war es verhältnis leicht festzumachen: Springerstiefel, Glatze, Bomberjacke, allerdings flaute dieser "Fashion-Trend" Mitte-Ende der 90er ab, nun sind sie auch in Jeans und Nike's gekleidet.

    Zum eigentlichen Problem, Nazis sind im ländlichen Hinterland von M.-V. und Brandenburg, aber auch Sachsen und Thüringen nicht nur gern gesehen sondern auch Willkommen.
    Warum? Die Antwort liegt auf der Hand, CDU, FDP, SPD und Linke interessieren diese Regionen nicht im geringsten.
    Was bleibt sind Menschen die auf sich gestellt sind, darum besinnen sie sich auf Nationalismus, stärkt er doch Gemeinschaft und eine Art "Volksbewusstsein".
    Dazu kommen Faktoren wie Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit.
    Wer kümmert sich denn noch um den älteren Nachbar, um den Elternbeirat oder Ehrenämter, kaum einer.
    Da springen jene eben in die Bresche, tja, SPD oder CDU Mitglieder hätten das ja auch machen können, zu spät, nun beklagt man lieber selbstgeschaffene Probleme.
    Nun will man Rechts bekämpfen, jene die sich als einzige um die Leute dort kümmern, da wächst natürlich Widerstand.

    3 Leserempfehlungen
  3. und die welt hat vor allen dingen das selbe problem mit evangelikalen, die ihre kinder übrigens auf ganz ähnliche art und weise indoktrinieren. scheibt doch bitte mal darüber einen artikel. dass es ein nazi-problem gibt ist klar (und der artikel völlig legitim) aber was ist mit all den anderen faschistoiden dogmatikern, die sich auf perfide weise ebenso ausbreiten wie es früher die nazis taten - indem nämlich keiner über sie schreib..

  4. 158. @ 7

    Mein Lebensgefährte ist Schweizer und sagte einst: Wann begreift ihr Deutschen denn das endlich, ihr seit nun eine vereinigte Nation.

    In 2-3 Generationen?

    P.S. Wir können hier tatsächlich auch lesen und schreiben - und es gibt sogar Theater und Museen wo die Menschen hingehen.

    Grüße aus dem "Pott", wo es gar nicht mehr schwarz ist.

  5. ...und sitzt in den Dorfkneipen rum und krakeelt: "Der Ausländer nimmt uns die Arbeit weg!" obwohl sie Arbeit und Ausländer bestenfalls vom Hörensagen kennen

    Ok, es gibt auch Ausnahmen rund um Berlin, Magdeburg, Leipzig/Halle und Dresden. Aber sonst ist dort ja alles zu Tode saniert worden und Arbeit gibt es schon lange nicht mehr.

    Wer nach Arbeit sucht und gebildet ist, wird früher oder später im Westen landen. Übrig bleiben die, die für solches Gedankengut empfänglich sind...

    2 Leserempfehlungen
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    und sitzt in Dorfkneipen rum und krakeelt Ausländer raus..."

    Es tut mir echt leid für Dich. An Dir ist so einiges vorbeigegangen. Bleibe im Schatten Deines Waldes und schreib' keinen Stuss mehr.

  6. 160. @ 47

    Erzieher gibt es so gut wie nicht, Grundschullehrer übrigens auch nicht.

    Und das ist ein Problem für alle Eltern die ihre Kinder in Kindergärten oder Kitas schicken. Und Kinder ab 6J. sind schulpflichtig- wieder "Frauenbetrieb".

    Es gibt einfach kein männliches "Vorbild" - mit allen negativen Folgen gerade für Jungen.

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