Rechtsextremismus - Wie Rechtsextreme ihre Kinder erziehen

ZEIT ONLINE: Frau Radvan, wie sieht das rechtsextreme Erziehungsideal aus?

Heike Radvan: Von einem einheitlichen Erziehungsideal kann man nicht sprechen. Vieles, was wir wissen, basiert auf Beobachtungen von Erzieherinnen, Lehrern und Pädagogen. Eine wichtige Quelle sind Aussteigerinnen mit Kindern. Sie berichten über Erziehungsmethoden, die so vielfältig sind wie die Szene. Alle verfolgen das Ziel, ihren Nachwuchs ideologisch zu prägen . Die Kinder bekommen das rassistische Weltbild von klein auf beigebracht.

ZEIT ONLINE: Gibt es rechtsextreme Erziehungsratgeber?

Radvan: Ja, das sind zumeist Bücher aus der Zeit des Nationalsozialismus. Sie empfehlen eine strenge, autoritäre Erziehung, raten dazu, Kinder nicht zu "verzärteln". Insbesondere die Jungen sollen "hart wie Kruppstahl" werden.

Die Rollenbilder für Männer und Frauen sind im Rechtsextremismus sehr traditionell. In den völkischen – das heißt natur- und kultorientierten – Familien tragen die Mädchen oft ausschließlich Kleider und Zöpfe. Jungen wie Mädchen müssen frühzeitig Mutproben in Jugendlagern bestehen, etwa ungesichert über steile Abhänge klettern. Aber diese Erziehungsmethoden sind nicht in der ganzen Szene verbreitet.

Es gibt Foren, in denen Neonazi-Eltern über Erziehung diskutieren. Einigkeit herrscht fast durchweg darüber, dass Kinder frühzeitig Gehorsam und Pflichtbewusstsein lernen sollen. Sie lernen außerdem, dass nicht alle Menschen gleich viel wert sind, dass Jungen und Mädchen verschiedene Rollen haben.

ZEIT ONLINE: Wie sieht so eine Kindheit in braun aus?

Radvan: Bis zu ihrem Verbot 2009 gab es die Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ), die Kinder von Neonazis ausbildete. In den HDJ-Lagern wurden Kinder ideologisch geschult, aber auch körperlicher Drill – Morgenappelle, Frühsport und Mutproben – gehörten dazu. Solche Lager gibt es auch heute noch.

ZEIT ONLINE: Und wie prägt die Ideologie den Alltag?

Radvan: Es gibt bestimmtes Spielzeug – antisemitische Brettspiele, rassistische Kinderbücher und Filme, viel Militärisches. Die Kinder werden "kleine Kameraden" genannt. Rechtsextreme Zeitungen bieten Kinderseiten, auf denen die Kinder lernen, dass die Grenzen der BRD nicht richtig seien, sondern die deutschen Grenzen vielmehr im heutigen Polen liegen würden.

Oft dürfen die Kinder und Jugendlichen auch keine englischen Begriffe verwenden. Das Internet heißt Weltnetz, T-Shirts werden T-Hemden genannt und statt Pizza essen diese Kinder Gemüsetorte. Fastfood ist verpönt, sie dürfen auch nur bestimmte Musik hören. Und oft werden auch Handys und MP3-Player abgelehnt.

Und natürlich dürfen diese Kinder auch nur mit sogenannten deutschen Kindern spielen. Oft machen die Kinder ja in Kita und Schule Erfahrungen, die im Widerspruch zur Ideologie der Eltern steht. Das ist ein enormer Druck und bringt die Kinder in Loyalitätskonflikte.

ZEIT ONLINE: Gehört Gewalt zur Erziehung dazu?

Radvan: Wenn man sich anschaut, was in den Lagern der HDJ geschehen ist – ja. Eine Erziehung, die darauf aus ist, Kinder abzuhärten und die ihnen einen politischen Kampf abfordert, ist gewalttätig. Auch wenn natürlich auch rechtsextreme Eltern ihre Kinder lieben.