Muslime in Deutschland : Die Islamkonferenz sollte ein würdiges Ende finden

Zu viel Gezanke und Misstrauen: Die Islamkonferenz hat ihren Zweck erfüllt. Die wichtigen Themen könnten andere Gremien besser diskutieren.
Die Teilnehmer der Deutschen Islamkonferenz im Umspannwerk im Berliner Bezirk Kreuzberg © Wolfgang Kumm dpa

Na, gehört der Islam nun zu Deutschland? Oder nur die Muslime, ohne ihren Islam? Unionsfraktionschef Volker Kauder musste zum Start der diesjährigen Islamkonferenz unbedingt noch mal in der Wunde kratzen, die Innenminister Hans-Peter Friedrich aufgerissen hatte. Aber ganz ehrlich: Wollen wir das wirklich schon wieder diskutieren? Allein daran erkennt man: Die Islamkonferenz hat sich erledigt. Sie ist kein Forum mehr für offene Diskussionen, sondern eines für Misstrauen und Kleinkrämerei. Übrigens auf beiden Seiten – bei den deutschen Politikern und den Vertretern der Muslime.

Sie war aber deshalb nicht sinnlos. Innenminister Wolfgang Schäuble hat sie im Jahr 2006 gegründet, um ins Gespräch zu kommen mit den deutschen Muslimen. Dieses Signal war überfällig. Das Ziel: Menschen in Deutschland sollten gut miteinander leben, einander besser verstehen, unabhängig davon, welchen Glauben sie haben. Thomas de Maizière hat versucht, den Dialog weiterzuführen. 15 Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen sowie 15 Muslime – Vertreter der Verbände ebenso wie Einzelpersonen – nahmen teil.

Streit gab es gleich auf der zweiten Konferenz, und der riss auch nicht mehr ab. Diese Rangeleien wurden oft beleidigt und kleinkrämerisch geführt, haben aber durchaus einen Zweck erfüllt. Denn endlich wurde auch der Öffentlichkeit klar, dass es die Muslime mit einer zentralen Vertretung nicht gibt. Konservative Verbände, die auf Kopftücher und getrenntem Sportunterricht für Mädchen und Jungen bestanden, saßen neben liberalen Muslimen und Islamkritikern, die die Verbände – und auch den neu gegründeten Koordinationsrat der Muslime – nicht als ihre Vertreter anerkannten.

Außerdem ist viel passiert infolge der Islamkonferenzen. Ganz Konkretes: In manchen Bundesländern wird Islamunterricht eingeführt. Und eher Hintergründiges: Durch diverse Studien wissen wir mehr über das Leben der Muslime in Deutschland.

Der falsche Ort für Terrorprävention

Aber die Islamkonferenz war immer eine Veranstaltung des Innenministeriums und deshalb auch mit einem zweiten klaren Ziel verknüpft: dem der inneren Sicherheit. Das heißt, Muslime wurden immer gleichzeitig unter dem Terrorverdacht betrachtet. Dieser Zwiespalt der Ziele, innere Sicherheit und offener Dialog, wurde durch die Persönlichkeiten von Schäuble und de Maizière gemildert, die ehrlich den Dialog suchten. Doch seit im Jahr 2010 der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich den Vorsitz übernommen hat, hat sich der Tenor geändert. Friedrichs Hauptinteresse wurde neulich wieder deutlich, als er eine Studie zu den Lebenswelten muslimischer Jugendlicher mit reißerischer Überschrift exklusiv der Bild -Zeitung übergab . Ihm geht es vor allem um die Terrorprävention. Dazu braucht er diese Konferenz nicht. Auch nicht, um die Salafisten im Blick zu behalten.

Die Themen der Islamkonferenzen aber sind nicht überflüssig geworden. Aktuell geht es darum, was Gleichberechtigung für muslimische Frauen und Mädchen bedeutet. Aber manche Fragen dazu werden viel zu eng gestellt, wenn sie nur im Rahmen des Islam diskutiert werden. Wenn es beispielsweise darum geht, in welchen Fällen und von wem muslimische Mädchen daran gehindert werden, an Schulausflügen oder am Schwimmunterricht teilzunehmen, dann ist das wahrscheinlich nur am Rande ein Problem des Glaubens.

Parvin Sadigh

Parvin Sadigh ist Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Das Thema passt besser zum ebenfalls 2006 gegründeten Integrationsgipfel von Angela Merkel oder in die Hände der Spezialisten des Bundesamtes für Migration. Denn dort kann man jenseits der Religion fragen nach Familienstrukturen, nach Erziehungsstilen und Bildung. Auch der Integrationsgipfel wird immer wieder als überflüssig gerügt, unter anderem weil er strittige Themen wie die doppelte Staatsbürgerschaft nicht offen zur Diskussion stellt. Aber er hat zuletzt immerhin einen recht konkreten Aktionsplan veröffentlicht, an dem er gemessen werden kann. Er kann viel konkretere Ziele setzen, auch wenn am Ende die Länder den schwarzen Peter haben, mit ihrem Budget nur Teile davon umsetzen zu können.

Es wäre jedenfalls schön, wenn wir uns im kommenden Jahr nicht schon wieder mit der Frage plagen müssten, ob der Islam denn nun zu Deutschland gehört.

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Kommentare

148 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

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Es kommt das Wort "Islam" darin vor...

Aber falls nicht...

In dem Film "Das Leben des Brian" von Monty Python provoziert ein einsamer Eremit eine Steinigung, weil er uneinsichtig rumhüpfend "Jehova, Jehova!" schreit.

Steinigt mich, aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass "der Islam" zu so vielen Ländern und Staaten dieser Erde gehört, wie es das Christentum, das Judentum, der Buddhismus etc auch tut. Glaube kennt keine territorialen Grenzen, und im übrigen, ist er etwas tief persönliches, aus dem die Politik und ein Staat sich raushalten sollten.

Mutig ;)

"Glaube kennt keine territorialen Grenzen, und im übrigen, ist er etwas tief persönliches, aus dem die Politik und ein Staat sich raushalten sollten."

Genau das ist der springende Punkt. Wenn einzelne radikale Splittergruppen sich gegen die Gesellschaf wenden muss man diese überwachen und wenn sie Gesetze brechen auch verhaften.
Aber ansonsten ist es schon bitter das immer unter diesen Artikeln die meisten Kommentare stehen.

Desto gebildeter eine Gesellschaft desto weniger spielt Religion eine Rolle in der Politik. Das hat die Vergangenheit gezeigt und diese Aussage Kauders zeigt nur sein beschränktes Weltbild das er glaubt für zukünftige Wähler würde so etwas eine Rolle spielen.
Worte sind Wind. Ob er meint der Islam gehört zu Deutschland oder nicht ist doch egal. Ich habe nur die Befürchtung das viele diese Aussage so interpretieren möchten das es dann ok ist Muslime schlechter zu behandeln als Christen. Schließlich gehören sie ja nicht zu Deutschland. Das ist schäbig. Wieso hat er das nicht gesagt als die NSU Mordserie hochgekommen ist? Das wär doch mutig gewesen. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Also haben auch keine Deutschen die türkischen Einzelhändler hingerichtet sondern radikalislamische Osmanengangster.

So setzen sich nämlich solche Spalteräußerungen im gesellschaftlichen Gedächtnis fest.

Der springende Punkt

Es ist eine kleiner aber feiner Unterschied, ob man das liest, was gesagt/geschrieben wurde, oder das hört/liest, was man heraushören/-lesen oder hineininterpretieren will.
Er sagte, der Islam sei "nicht Teil unserer Tradition und Identität in Deutschland und gehört somit nicht zu Deutschland". Muslime gehörten aber sehr wohl zu Deutschland, sagte Kauder weiter: "Sie genießen selbstverständlich als Staatsbürger die vollen Rechte, ganz klar."
Wieso sollte man aus dieser Aussage die Befürchtung, jemand "schlechter zu behandeln", ableiten ? Schäbig sind radikale Aktionen, egal ob aus der N-, S-, O- oder G-Ecke.

Nicht einzusehen ist, warum die Unterwerfung zur Freiheit gehören soll. Unterwerfung ist keine Synonym für Freiheit, sondern das genaue Gegenteil. Der springende Punkt dabei ist, dass die Unterwerfung sich ja gerade nicht aus Politik und Staat heraushalten will.

„Demokratie ist das Gegenteil von Islam. Allah sagt, was erlaubt und was verboten ist.“
(Abu Imran)

Grandiose Idee

"Alle anderen sind Weichmacherstatements."

Das gleiche könnten Sie auch über die katholische Kirche behaupten. Aber vielleicht können Sie die Muslime in Deutschland ja davon überzeugen, dass sie alle ihren Glauben falsch leben und zum Salafismus übertreten sollten. Pierre Vogel würde sich freuen.

In der Bibel steht übrigens sowas wie: wer seinen Sohn liebt, der schlägt ihn. Sollen wir die Bibel auch umschreiben lassen?

Demokratie im Mittelalter ?

Luther hat seine Weisheiten 1525 von sich gegeben, Abu Imran 2012. Ist Ihnen bekannt, dass es seit Luthers Zitat in 1525 zwischenzeitlich geglückt ist, das Gottesgnadentum abzuschaffen und stattdessen die Demokratie einzuführen ?

Können Sie sich nun vorstellen, dass die deutschen Bürger nicht im Mindesten gewillt sind, ihre außerordentlich große Zuneigung zu unserer Werteordnung, zu unserem freundlichen Gebot des Nicht-Tötens und zu unseren wesentlichen Rechtsstaatsprinzipien mit der Gewährleistung von Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtssicherheit und der Gewährung von Grund- und Menschenrechten, der Selbstbestimmung und dem gerichtlichen Schutz des Bürgers aufzugeben ?

Und können sie sich vorstellen, dass eine regelrechte Aversion besteht, dieser mühsam erkämpften Rechte durch übergroße Toleranz oder mangelnde Aufmerksamkeit wieder beraubt zu werden, wie vor 80 Jahren schon einmal geschehen, und diese durch Verbote, Maßregelung, erzwungenem Gehorsam und Unterdrückung ersetzt zu bekommen ?

Zum Islam ... du solltest dich besser informieren ...

Ich zitiere:

>> Es kommt das Wort "Islam" darin vor...

Aber falls nicht...
...
Steinigt mich, aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass "der Islam" zu so vielen Ländern und Staaten dieser Erde gehört, wie es das Christentum, das Judentum, der Buddhismus etc auch tut. Glaube kennt keine territorialen Grenzen, und im übrigen, ist er etwas tief persönliches, aus dem die Politik und ein Staat sich raushalten sollten.<<

Du weißt schon, wie der Islam funktioniert oder??? Wenn nicht, mach dich mal schlau, denn die Scharia, das Gesetz des Islam, hat den Glauben, die Legislative und die Exekutive IN EINER HAND !!! Also, wenn du meinst, die Politik und der Staat sollten sich raus halten, dann bist DU gegen den Islam ... informier dich mal, bevor du was los lässt und offensichtlich keine Ahnung hast, wovon du redest ...

Einverstanden aber nicht explizit ausschließen

Man braucht nicht provozierend zu formulieren "Der Islam gehört nicht zu Deutschland".

Eine sinnvolle säkulare Formulierung wäre aus meiner Sicht:
"Der Islam gehört zu Deutschland genauso wie Kaninchenzucht, Christentum, Heavy Metall, Bratkartoffeln und Segelfliegen. Das sind Dinge, mit denen sich manche Leute in diesem Land beschäftigen und in diesem Sinne gehört das zu unserem Land.".

Es ist doch völlig egal wie man es formuliert

Letzendlich werden die knapp 5 Millionen Muslime nicht aus Deutschland verschwinden.
Jede Religion hat die selbe Toleranz in einer freiheitlichen Demokratie verdient. Auch wenn sie diskriminiernd gegenüber Frauen ist siehe Katholizismus.
Die gesellschaftliche Entwicklung das sich Menschen immer mehr von der Religion abwenden ist sowieso nicht auf zu halten. Die Islamdebatte wird doch nur so hoch gehalten um eine Rechristianisierung der Bevölkerung und des öffentlichen Diskurses zu erreichen.
Religion stirbt aus. Desto weiter entwickelt ein Land desto weniger Religiöse Menschen gibt es.

Das macht den Heerschenden Angst, schließlich wählen 50% der Wähler nur die Union wegen dem großen C nicht wegen Inhalten. Deshalb wird ein radikalislamischer Popanz aufgebaut da mit die Menschen denken , hach wie toll ist doch das Christentum . In einer Multikulturellen Gesellschaft die wir hier bald in vollem Umfang haben werden sobald die EU auch eine Regierung stellt darf Religion keine zentrale Rolle spielen. Sie muss frei praktizierbar sein, aber im öffentlichen und politischen Diskurs hat sie nichts zu suchen.

@El_Diplomatico

Gut formuliert. Das Christentum ist scheinheilig zu einer Anti-Bewegung verkommen mit dem Islam als Projektionsfläche, ohne Inhalte oder sonstige Werte. Auch das Wort "jüdisch-christlich" wird gerne populistisch genutzt, um dem Islam etwas entgegenzuhalten - entgegen historischer Erfahrungen.

Wie viele darauf reinfallen sehen wir an den noch viel zu hohen Umfragewerten für die CDU.

Da stimme ich Ihnen nur bedingt zu:

"...Die Islamdebatte wird doch nur so hoch gehalten um eine Rechristianisierung der Bevölkerung und des öffentlichen Diskurses zu erreichen. Religion stirbt aus. Desto weiter entwickelt ein Land desto weniger Religiöse Menschen gibt es...."

Die Islamdebatte wird heute auch von areligiösen Kreisen geführt, die im Namen von Humanismus und Aufklärung - oder was sie dafür halten - eine neue Form eines totalitär angehauchten Gesinnungskonformismus einfordern. Wenn ein Günther Wallraff sein Verdikt über die Integrationsfähigkeit einer muslimischen Gemeinde von der Frage abhängig macht, ob diese bereit sei, eine Lesung von Rushdies "Satanischen Versen" in ihrer Moschee zu tolerieren, hat das herzlich wenig mit einem Wunsch nach Rechristianisierung zu tun. Ebenso wenig hat eine Alice Schwarzer die Rechristianisierung im Kopf, wenn sie was von Kopftüchern als "Hakenkreuzflaggen" fabuliert.

@El_Diplomatico

Da stimme ich Ihnen vollkommen zu - ich darf jede Religion haben, die ich haben möchte. Nur leider ist es ein wenig naiv, zu glauben, dass sich bei einigen Kulturen - dort ist der wesentliche Unterschied - Religion und Politik,Bildung etc. so einfach trennen ließen. Das ist bei uns so, aber bei vielen Menschen durchzieht die Religion das ganze Leben. Also: Denken Sie wirklich, dass in diesem Sinne jede Religion die gleiche Toleranz verdient, auch wenn Diskriminierung z.B. das GESAMTE Leben prägt? Ich denke, dann würden wir uns soziokulturell rückwärts bewegen...

Da haben sie natürlich

auch gleich 2 besondere Fälle aufgegriffen.
Diese beiden Menschen wurde durch ihr LEben und ihren beruflichen Werdegang geprägt. Aber was beide nicht verstehen, ist das sie Gesellschaft nicht verändert weil irgendwer laut schreit und Leute auffordert dies oder das zu tun oder zu lassen.

1Beispiel. In der Arabischen WElt kommt es in Familien immer häufiger zu Konflikten weil das Familienoberhaupt der Vater nicht lesen kann die Kinder aber schon. Die Zahl der Zwangsehe und innerfamiliären Ehen geht seit Jahrzehnten drastisch zurück während die Geburtenraten sinken und die Alphbetisierungraten steigen. Daher auch der arabische Frühling. In Tunesien wo alles begann waren die genannte Bereiche am nächsten dran an Europa.

Sobald Bildung hoch ist nimmt der Einfluss der Religion auf die Politik ab. Darauf gilt es hin zu arbeiten. Journalisten und Autoren überschätzen oft ihre Rolle in aktuellen Diskursen , wenn es doch demografische und gesellschaftliche Faktoren gibt die für die Entwicklung viel entscheidender sind.

Wenn man Ausnahmen

vornehmen würde müsste man aber Konsequent sein. Was ist mit Frauen in der Katholischen Kirche?

Wie man sieht gibt es auch fortschrittlicher islamische Länder wie die Türkei oder Ähnliche. Genau so wie mit Rassismus wird man Islamisten nicht durch verbote bekehren sondern ihre Kinder durch Bildung oder Sozialisation.
Kita Pflicht und Ganztagsschulen sind die Anwort gegen rückwärtsgerichtete Menschen. Man sollte dazu erzogen werden sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Es gibt Millionen gemäßigter Muslime die wenn selber noch so praktizieren wie die meisten Christen. Feiertage, 1X die Woche in die Moschee oder zu hause beten.
Salafisten gibt es in D nur 3-5 Tausend, davon viele Konvertiten(z.B. Pierre Vogel). Solche Menschen erreicht man nicht durch Ausgrenzung sondern Dialog und wenn man nicht sie erreicht dann eben ihre Kinder wenn man sie eben nicht ausgrenzt auf Grund der Religion ihrer Väter.

Toleranz für Nazis ?

Die Anhänger dieser Ideologie ermorden weltweit Abweichler in den eigenen Reihen. In Madrid, Bombay, Djerba, Bali, London, New York, Toulouse, ... schlachten sie massenhaft Ungläubige ab. In bestem Deutsch bejublen sie die Toten der Loveparade und sind beleidigt, wenn in Berichten über Steinigungen das Alter des verurteilten Vergewaltigungsopfers im Spiegel falsch berichtet wird.

Diese Ideologie gehört nicht nach Deutschland - nicht noch einmal. Nationalsozialismus nein, Deutsche ja, Islam nein, friedliche und tolerante Zuwanderer ja.