Es hätte jedoch eines Großgönners bedurft, um Kontext aus der Kostenfalle zu hauen. Wie Götz Werner von der Karlsruher Drogeriekette dm zum Beispiel. Aber der wollte nicht, wie viele andere Wirtschaftsbosse, beispielsweise der Verlegererbe Jakob Augstein, auch nicht. Schließlich hatte Mappus die Wahl verloren und die Volksabstimmung im vergangenen November ergab ausgerechnet in Stuttgart selbst ein klares Votum zum Weiterbau des Tiefbahnhofs. "Gegen Mappus los zu ziehen wäre sicher einfacher gewesen. Bei Kretschmann ist's schwieriger. Der lobt uns sogar. Aber glücklicherweise gibt's noch den Hardcore-S-21-Gegner , der uns bereits dem schwarzen Kartell zurechnet", sagt Josef-Otto Freudenreich ironisch. Dass die beiden arrivierten Stuttgarter Tageszeitungen aus ihren Fehlern gelernt hatten und die Protestszene inzwischen unbefangener beschreiben konnten, schwächte Kontext weiter. 

1.000 Solidaritätsabos braucht Kontext nun, so die Redaktion, damit das Büro in der Hauptstätter Straße nicht Ende dieses Monats geschlossen wird. Knapp 500 hat sie eingesammelt, nach Wochen des Trommelns und nachdem die Homepage schon in warnendem Schwarz dekoriert wurde. Zwei von ursprünglich sieben Redaktionsmitarbeitern sind schon seit Jahresbeginn gegangen.

Außerdem haben mit Einundzwanzig   mehrere Prominente um den Schauspieler Walter Sittler, den Kabarettisten Peter Grohmann, den TV-Koch Vincent Klink und den Schriftsteller Wolfgang Schorlau ein zweites Internet-Zeitungsprojekt geschaffen. Die Gründer waren der Meinung, Kontext sei zu unentschlossen. Annäherungsversuche der Einundzwanziger mit dem Ziel einer redaktionellen Fusion hat Freudenreich vor ein paar Tagen abgelehnt, was ihm den Vorwurf eintrug, arrogant zu sein. Inzwischen geht es giftig zu, wie an so vielen Stellen der einstmals einigen Protestbewegung. Sie läuft Gefahr "im Immergleichen zu verrosten", wie es in einem Kontext -Artikel steht.

Freudenreich sagt, die Zeitungsverlage würden immer weiter sparen und spielten damit ihren Kritikern in die Hände, die den Mangel an Tiefgang und den Einfluss von Lobbyistengruppen beklagen: "Wer den Journalismus kaputtspart, muss sich nicht wundern, wenn er schmalbrüstig daherkommt. Ich wundere mich immer wieder über diese Verleger, die den Ast, auf dem sie hocken, absägen – und über die Duldsamkeit der Journalisten." Das klingt schon ein bisschen wie der zornige Nachruf auf sein Projekt. Dabei stirbt sich's als Märtyrer auch nicht leichter.