Ein Medienvertreter wird während einer NPD-Demonstration von Rechtsextremisten angegriffen (Archivbild, 1.5.2008, Hamburg) © Roland Geisheimer/attenzione

Der Redaktionsleiter meldet sich telefonisch, er will das Treffen nicht in der Redaktion, sondern auf dem Marktplatz von Anklam, direkt nebenan. Nach wenigen Minuten erscheint Jürgen Mladek, Leiter der Regionalausgabe Südvorpommern des Nordkuriers . "Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen." Mladek – Jeans, Anglerweste, Dreitagebart – beginnt, über den Rechtsextremismus in seiner Stadt zu reden. Über das Warum. Und über das Ob.

Anklam, eine ostvorpommerische Kleinstadt nahe der polnischen Grenze: Marktplatz, Kirche, Rathaus, 13.000 Einwohner, letzte Station vor Usedom . Die Stadt gehört zu einem Biotop für Rechtsextreme, wie es bundesweit nur wenige gibt. Hier können Neonazis eine "nationale Bibliothek" im Stadtzentrum errichten , hier bezeichnet mehr als ein Drittel der Bürger die NPD als eine ganz normale Partei . In Anklam droht kein Neonazi-Umsturz, auch hier gibt es Initiativen und Engagierte gegen den Rechtsextremismus. Doch sie stehen einer äußerst gut organisierten Szene gegenüber.

Er teile den Pessimismus der "hauptamtlichen Demokratievermittler"nicht, sagt Mladek. Es sei nur eine Minderheit, die den Rechtsextremen anhänge. Er schaut sich in der menschenarmen Straße um: "Haben Sie hier irgendwo Neonazis gesehen?", fragt er. Als könnte man die noch am Äußeren erkennen.  

Kleinstädte bedeutend für Neonazis

Journalisten in Kleinstädten haben mehr mit Neonazis zu tun als die meisten anderen. Kleinstädte und Dörfer – besonders in strukturschwachen Regionen – sind die vielleicht entscheidenden Orte der rechtsextremen Bedrohung. Hier, nicht in den Großstädten, versuchen sie zuerst, sich in die gesellschaftliche Mitte einzuschleichen.

Manchmal gelingt es ihnen. In Dessau organisierten Neonazis einen Marsch gegen Gewalt, an dem auch viele Normalbürger teilnahmen . Im Stendaler Ortsteil Insel schlossen sie sich den Protesten gegen zwei ehemalige Sexualstraftäter an und wurden geduldet . Oft stehen dann die Bürgermeister in der Kritik, auch Polizei und Gerichte müssen sich häufig Gleichmut oder Ignoranz vorwerfen lassen. Selten aber fragt jemand nach der Rolle des Lokalblattes, das die Bürger jeden Tag begleitet. Das Maß und Mitte einer Stadt mitdefiniert. Oder auch nicht.

Mehrmals schon waren Lokalzeitungen an rechtsextremen Brennpunkten überfordert. Die Torgauer Zeitung etwa druckte vor Jahren eine NPD-Pressemitteilung unverändert ab . In Magdeburg wussten zunächst nur Augenzeugen von den rechtsextremen Randalen nach dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Spanien . Die Lokalausgabe der Mitteldeutschen Zeitung deutete einen Aufmarsch unter rechtsextremer Beteiligung als Demonstration friedlicher Bürger . Nicht messbar ist die Berichterstattung, die deswegen keinen Anstoß erregt, weil sie fehlt.

Anklams Kränkungen

Lokaljournalisten sprechen nicht gern über das Thema. Ein Redakteur, der sonst über Planfeststellungsbeschlüsse oder Haushaltsberatungen im Stadtrat berichtet, ist auch nicht immer Experte für die Pläne einer halbkonspirativen, bundesweit vernetzten Bewegung.

Mladek aber redet. Der westdeutsche Journalist – zuvor war er beim Boulevardblatt Berliner Kurier – spricht viel über das Befinden in der Stadt: Der Verfall seit der Wende sei eine Kränkung für die Anklamer gewesen. Auch das habe den Rechtsextremismus hier möglich gemacht. Eine neue Kränkung wäre es, den Bürgern nun pauschal Sympathie für Neonazis vorzuwerfen.

Das Problem der Provinz

Lokalredakteure haben ein Problem, das andere nicht haben. Sie leben mit den Objekten ihrer Berichterstattung Tür an Tür. Es ist einfach, Angela Merkel wegen ihrer Europapolitik zu kritisieren. Viel komplizierter ist es, den Bürgermeister einer Kleinstadt anzugreifen, weil er zu wenig gegen den Rechtsextremismus tut. Wem vorgeworfen wird, er vergraule Investoren mit Gruselgeschichten, der steht gerade in den Problemzonen des Ostens schnell im Abseits. Oft heißt es dann, er werte die Neonazis mit Berichten auf.

Mladek sagt so etwas nicht. Er sagt: Wir müssen über die rechtsextreme Minderheit berichten, ohne die Mehrheit damit zu nerven. Und: Demokratielehrer zu sein ist nicht unsere Aufgabe.

Der Nestbeschmutzer-Vorwurf gegen Journalisten tauche inzwischen seltener auf als früher, sagt Hubertus Buchstein, Rechtsextremismusexperte an der Uni Greifswald. Ostdeutsche Lokaleliten, Bürgermeister und Unternehmer wehrten sich mittlerweile gegen die NPD. "Viele Honoratioren nehmen den Ernst der Lage inzwischen wahr", sagt auch Benjamin Fischer, der das Thema als Redakteur für die Ostseezeitung begleitet. Er erwähnt auch Anklams Bürgermeister Michael Galander, dessen anfängliches Desinteresse an dem Thema im Amt in Engagement umgeschlagen sei.