LokaljournalistenLieber nicht über Neonazis schreiben

Lokaljournalisten haben mehr mit Rechtsextremisten zu tun als andere. Doch Angst, Kostendruck oder Desinteresse können gute Berichterstattung verhindern. von 

Ein Medienvertreter wird während einer NPD-Demonstration von Rechtsextremisten angegriffen (Archivbild, 1.5.2008, Hamburg)

Ein Medienvertreter wird während einer NPD-Demonstration von Rechtsextremisten angegriffen (Archivbild, 1.5.2008, Hamburg)  |  © Roland Geisheimer/attenzione

Der Redaktionsleiter meldet sich telefonisch, er will das Treffen nicht in der Redaktion, sondern auf dem Marktplatz von Anklam, direkt nebenan. Nach wenigen Minuten erscheint Jürgen Mladek, Leiter der Regionalausgabe Südvorpommern des Nordkuriers . "Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen." Mladek – Jeans, Anglerweste, Dreitagebart – beginnt, über den Rechtsextremismus in seiner Stadt zu reden. Über das Warum. Und über das Ob.

Neue deutsche Nazis

Deutschland hat ein Neonaziproblem. In den vergangenen zwanzig Jahren sind Zonen entstanden, in denen sie faktisch das Sagen haben. Und sie dringen zunehmend in soziale Milieus der Mitte ein, zu denen sie früher kaum Zugang hatten.

Dies ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Strategie. ZEIT ONLINE zeigt in der Serie "Neue deutsche Nazis", wie moderner Rechtsextremismus funktioniert und wo die Grenzen zwischen Demokratie und Rechtsextremismus aufweichen. Wir zeigen, wie jene Angst-Räume entstehen, in denen auch die Zwickauer Terroristen zu ihren brutalen Entschlüssen gelangten.

Die moderne deutsche Neonazi-Szene ist dynamisch, vernetzt, vielfältig und einflussreich. Wir sind sicher: Das Problem Rechtsextremismus wird sich nicht von selbst lösen.

Die Serie

Bisher erschienen:

Neue deutsche Nazis: Wie Rechtsextreme mit Geschick und Geduld neue Milieus und Regionen erobern.

No-Go-Area im Landtag: Wie die NPD das sächsische Parlament nutzt.

Frauensache Volksgemeinschaft: Frauen spielen in der rechtsextremen Szene eine Schlüsselrolle.

Flashmobs gegen die Demokratie: Wie Neonazis neue Medien und linke Symbole nutzen.

Wie Neonazis ihre Gegner bedrohen: Rechtsextreme schüchtern Demokratie-Aktivisten ein – professionell und präzise.

Warum es Neonazis nach Dortmund zieht: Dortmund ist ein Hot-Spot der Szene. Wie kam es dazu?

Spuren der Dortmunder Neonazis: Eine Fotostrecke aus der westdeutschen Rechtsextremismus-Hochburg

Vati ist ein guter Nazi: Die Generation der Nachwende-Neonazis wird zur Elterngeneration.

Spiel nicht mit den Ausländerkindern: Was die rechtsextreme Erziehung bei Kindern anrichtet.

Der Extreme unter den Rechtsextremen: Im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern kämpft NPD-Fraktionschef Pastörs gegen die Verweichlichung seiner Partei.

Lieber nicht über Neonazis schreiben: Warum Angst, Kostendruck oder Desinteresse lokale Berichterstattung verhindern.

Gute Mitte, böse Nazis: Warum es nicht reicht, nur auf die Rechtsextremisten zu schauen.

Kein Kampf gegen Neonazis ohne die Mitte: Eine Bilanz der Rechtsextremismus-Serie

ALS E-BOOK

Die Serie Neue deutsche Nazis gibt es auch als E-Book. Erfahren Sie wie Rechtsextremismus die Mitte der Gesellschaft erobert - in dieser für Ihren eReader hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als EPUB-Version für Ihren eReader, sowie als MOBI-Version für Ihr Kindle Lesegerät von Amazon zur Verfügung.

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Anklam, eine ostvorpommerische Kleinstadt nahe der polnischen Grenze: Marktplatz, Kirche, Rathaus, 13.000 Einwohner, letzte Station vor Usedom . Die Stadt gehört zu einem Biotop für Rechtsextreme, wie es bundesweit nur wenige gibt. Hier können Neonazis eine "nationale Bibliothek" im Stadtzentrum errichten , hier bezeichnet mehr als ein Drittel der Bürger die NPD als eine ganz normale Partei . In Anklam droht kein Neonazi-Umsturz, auch hier gibt es Initiativen und Engagierte gegen den Rechtsextremismus. Doch sie stehen einer äußerst gut organisierten Szene gegenüber.

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Er teile den Pessimismus der "hauptamtlichen Demokratievermittler"nicht, sagt Mladek. Es sei nur eine Minderheit, die den Rechtsextremen anhänge. Er schaut sich in der menschenarmen Straße um: "Haben Sie hier irgendwo Neonazis gesehen?", fragt er. Als könnte man die noch am Äußeren erkennen.  

Kleinstädte bedeutend für Neonazis

Journalisten in Kleinstädten haben mehr mit Neonazis zu tun als die meisten anderen. Kleinstädte und Dörfer – besonders in strukturschwachen Regionen – sind die vielleicht entscheidenden Orte der rechtsextremen Bedrohung. Hier, nicht in den Großstädten, versuchen sie zuerst, sich in die gesellschaftliche Mitte einzuschleichen.

Manchmal gelingt es ihnen. In Dessau organisierten Neonazis einen Marsch gegen Gewalt, an dem auch viele Normalbürger teilnahmen . Im Stendaler Ortsteil Insel schlossen sie sich den Protesten gegen zwei ehemalige Sexualstraftäter an und wurden geduldet . Oft stehen dann die Bürgermeister in der Kritik, auch Polizei und Gerichte müssen sich häufig Gleichmut oder Ignoranz vorwerfen lassen. Selten aber fragt jemand nach der Rolle des Lokalblattes, das die Bürger jeden Tag begleitet. Das Maß und Mitte einer Stadt mitdefiniert. Oder auch nicht.

Christian Bangel
Christian Bangel

Christian Bangel ist Chef vom Dienst bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Mehrmals schon waren Lokalzeitungen an rechtsextremen Brennpunkten überfordert. Die Torgauer Zeitung etwa druckte vor Jahren eine NPD-Pressemitteilung unverändert ab . In Magdeburg wussten zunächst nur Augenzeugen von den rechtsextremen Randalen nach dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Spanien . Die Lokalausgabe der Mitteldeutschen Zeitung deutete einen Aufmarsch unter rechtsextremer Beteiligung als Demonstration friedlicher Bürger . Nicht messbar ist die Berichterstattung, die deswegen keinen Anstoß erregt, weil sie fehlt.

Anklams Kränkungen

Lokaljournalisten sprechen nicht gern über das Thema. Ein Redakteur, der sonst über Planfeststellungsbeschlüsse oder Haushaltsberatungen im Stadtrat berichtet, ist auch nicht immer Experte für die Pläne einer halbkonspirativen, bundesweit vernetzten Bewegung.

Mladek aber redet. Der westdeutsche Journalist – zuvor war er beim Boulevardblatt Berliner Kurier – spricht viel über das Befinden in der Stadt: Der Verfall seit der Wende sei eine Kränkung für die Anklamer gewesen. Auch das habe den Rechtsextremismus hier möglich gemacht. Eine neue Kränkung wäre es, den Bürgern nun pauschal Sympathie für Neonazis vorzuwerfen.

Das Problem der Provinz

Lokalredakteure haben ein Problem, das andere nicht haben. Sie leben mit den Objekten ihrer Berichterstattung Tür an Tür. Es ist einfach, Angela Merkel wegen ihrer Europapolitik zu kritisieren. Viel komplizierter ist es, den Bürgermeister einer Kleinstadt anzugreifen, weil er zu wenig gegen den Rechtsextremismus tut. Wem vorgeworfen wird, er vergraule Investoren mit Gruselgeschichten, der steht gerade in den Problemzonen des Ostens schnell im Abseits. Oft heißt es dann, er werte die Neonazis mit Berichten auf.

Mladek sagt so etwas nicht. Er sagt: Wir müssen über die rechtsextreme Minderheit berichten, ohne die Mehrheit damit zu nerven. Und: Demokratielehrer zu sein ist nicht unsere Aufgabe.

Der Nestbeschmutzer-Vorwurf gegen Journalisten tauche inzwischen seltener auf als früher, sagt Hubertus Buchstein, Rechtsextremismusexperte an der Uni Greifswald. Ostdeutsche Lokaleliten, Bürgermeister und Unternehmer wehrten sich mittlerweile gegen die NPD. "Viele Honoratioren nehmen den Ernst der Lage inzwischen wahr", sagt auch Benjamin Fischer, der das Thema als Redakteur für die Ostseezeitung begleitet. Er erwähnt auch Anklams Bürgermeister Michael Galander, dessen anfängliches Desinteresse an dem Thema im Amt in Engagement umgeschlagen sei.

Leserkommentare
  1. Ach wenn der noch Vorsitzende der Piratenpartei sagt eine Sitzblockade gegen einen NPD Nazi Marsch ist auch faschistische Gewalt halt nicht braun dann halt lila. Wenn diese Rechte Gruppe einen Antigewalt Marsch in Dessau macht, weiss die Verwaltung nicht mehr was sie tun kann. Ja dann sind wir weit gekommen.

  2. Die Partei des stellvertretenden Ministerpräsidenten Israels Jisra'el Beitenu steht in Wikipedia.de zusammen mit der NPD auf der Liste "Liste rechtsextremer Parteien und Organisationen" .

    Von den ganzen U-Booten die Deutschland geliefert hat, haben wir 2 geschenkt und insgesamt rund 1 Mrd. Eur Steuermittel dafür verwendet.

    So ein U-Boot in Geschenkpapier einzuwickeln ist ganz schön aufwendig. (Quelle Wikipedia.de "Dolphin-Klasse")

  3. Die Lösung ist einfach: Die Neo-Nazis gründen einen Ortsverein der Piratenpartei.

  4. 68. Richtig

    Seit einigen Jahren ist es die Strategie der Rechtsradikalen, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Man hängt sich an aktuelle Aufreger-Themen, mit dem Ziel, chauvinistischen Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus salonfähig zu machen. Und wer es wagt, Nazis auszugrenzen, dem wird halt "Meinungsterror" unterstellt.

    Eine leicht durchschaubare Strategie, die es gilt, immer wieder offen zu legen.

    Antwort auf "Diskussionsbedarf"
  5. Alb ob Angst keine Realität wäre - in diesem Falle sehr berechtigt.

    Antwort auf "[...]"
  6. >>Doch Angst, Kostendruck oder Desinteresse können gute Berichterstattung verhindern.<<
    -----------------------
    Nicht nur Angst, Kostendruck oder Desinteresse, auch der Zwang die politische Meinung des Arbeitgebers durch einseitige Berichterstattung zu beeinflussend einzusetzen ist unübersehbar. Der Journalist ist hier mit Nichten nur Opfer, was die Berichterstattung angeht. Leider fällt dem Leser häufig nicht auf, wenn etwas "fehlt". Schon Lenin hatte gut erkannt, dass man auch lügen kann, indem man die Wahrheit sagt... nur eben nicht die ganze.

    • Naya
    • 25. April 2012 18:39 Uhr
    71. [...]

    Entfernt. Bitte wenden Sie sich mit solchen Hinweisen an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jz

  7. "Und wenn ich es tausendmal posten muß:"

    Genau das tun sie doch.

    "182 Tote seit 1990."

    Erstens veröffentlicht die Bundesregierung dazu andere, wesentlich geringere Zahlen. Da spricht man mittlerweile von 58 Toten. Man kann jetzt freilich auch die Bundesregierung der Sympathie mit dem Rechtsextremismus zeihen, wenn man will. Die Frage ist nur, wie glaubhaft das ist:

    http://www.tagesspiegel.d...

    "Daß es immer schlimmer geht, ist überhaupt kein Argument, das wissen Sie auch. Schließlich halten Sie die Tatsache, daß es ca 1000 gewaltbereite Islamisten gibt, ja laut eigener Aussage auch für sehr bedrohlich, obwohl es 5600 gewaltbereite Rechtsextremisten gibt."

    Ich würde sagen, die Zahl der gewaltbereiten Islamisten wird in D auf über 36.000 geschätzt.

    http://www.welt.de/politi...

    Mal ein kleiner Vergleich des Risikos, in D Opfer eines fremdenfeindlichen, rechtsextremistischen Anschlages zu werden, im Vergleich zur Wahrscheinlichkeit, als Einheimischer Opfer eines Anschlages durch Leute mit MiHiGru zu werden, hier diesen interessanten Artikel, der sich auf die veröffentlichten Kriminalstatistiken stützt:

    http://eulenfurz.wordpres...

    Da erkennen Sie, daß die Wahrscheinlichkeit, je nach verwendeter Zahl, zwischen 1 : 40 und 1 : 100 steht. Dies zum Thema Gefahrenszenario.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Suryo
    • 25. April 2012 18:46 Uhr

    "Ich würde sagen, die Zahl der gewaltbereiten Islamisten wird in D auf über 36.000 geschätzt."

    58, ach so, naja, dann...das ist ja wirklich nicht so dramatisch, das kann ja jedem politischen milieu mal passieren.

    36.000? Falsch, das soll die Zahl der radikalen Muslime sein, wobei "radikal" ausdrücklich NICHT "gewaltbereit" heißt. Meine Zahlen sind vom Verfassungsschutz. Mal abgesehen davon, wären Sie als Ostdeutscher ja super geschützt, mangels Muslimen kann Ihnen kaum etwas passieren. Ist also eigentlich gar nicht Ihr Thema und sie können sich auch nicht kompetent dazu äußern - so argumentieren Sie schließlich auch. Gleich Ihr erster beitrag sollte den Autor ja als arroganten Wessi ohne Ahnung vom osten implizieren.

    "Anschlag" von leuten mit "MiGriHu"? So ein Blödsinn. Als ob jede Gewalttat gleich ein Anschlag wäre. Wenn Sie so rechnen, dann müßte auch nach Ihrer Methode die größte Gefahr von Deutschen ausgehen.

    Im übrigen schweifen sie ja nur ab. Also, was ist denn nun ein "Todesurteil" im Briefkasten für Sie?

    Sie vergleichen die Zahlen von Opfern politisch motivierter Gewalt mit den Zahlen von Gewaltakten, die durch Mitbürger mit Migrantenhintergrund verursacht wurden. Genauso gut hätten sie auch die Mitbürger als Vergleich heranziehen können, die Vegetarier, BMW-Fahrer oder Männer sind.

    Sie vergleichen also Äpfel mit Birnen und verraten damit Ihre Absicht.

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