Proteste nach dem Selbstmord von Amina in Rabat © Youssef Boudlal/Reuters

An einem Sommertag im Jahr 2011 ging Amina Filali in der marokkanischen Kleinstadt Larache wie jeden Tag von der Schule nach Hause. Wie sie später sagte, näherte sich ihr ein Mann, zog ein Messer und zwang sie, ihm zu folgen. Ein Nachbar der Familie Filali beobachtete die Szene und benachrichtigte die Eltern.

Die Mutter fand ihre Tochter schließlich in einer Wohnung in einem Nachbarort, wie sie später der Wochenzeitung Maroc Hebdo erzählte. Amina stand unter Schock. Der Mann hatte sie entführt und vergewaltigt.

Der Vater stellte eine Strafanzeige gegen den Täter bei der Gendarmerie Royale. Der 26jährige Mann wurde gleich gefasst und die zwei Parteien trafen sich vor Gericht. Aminas Vater erzählte der marokkanischen Presse, dass er dort mit einer unerwarteten Bitte des Staatsanwalts konfrontiert wurde: Er solle nach Hause gehen und ein wenig nachdenken, "um einen Kompromiss zu finden".

Die Vergewaltigte hat ihre Ehre verloren

Auch Aminas Mutter machte sich Sorgen, was passieren würde, wenn die Geschichte öffentlich werden sollte. Aminas Ehre wäre dann verloren: Sie hätte keine Chance gehabt, jemals einen anständigen Mann zu finden. Die Lösung stand in Artikel 475 des marokkanischen Gesetzbuches von 1963: Ein Mann, der wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt ist, kann seine Tat wieder gutmachen, indem er sein Opfer heiratet.

Amina wollte ihren Peiniger nicht heiraten, wurde aber nicht nach ihrer Meinung gefragt. Der Vater einigte sich mit der Familie des Täters und das Mädchen wurde gezwungen, die Ehe einzugehen.

In der neuen Familie wurde Amina als Schande empfunden. Sie wurde erniedrigt und geschlagen. Acht Monate stand sie das durch, bis sie ihren Ehemann bat, sie zu ihrer Mutter in Larache zu begleiten. Auf dem Weg dorthin schluckte Amina Rattengift und starb wenige Stunden später im Krankenhaus. Sie war sechzehn Jahre alt.

Aminas Tod am 15. März 2012 hat die marokkanische Gesellschaft schockiert. Nur wenige Stunden danach wurden Demonstrationen und Sit-ins organisiert. In Marrakesch , Rabat und Casablanca wurde das Foto des jungen Mädchens zur Ikone der Frauenrechtsbewegung .

Die Demonstranten fordern von der Regierung die Abschaffung des umstrittenen Artikels 475 und ein umfangreiches Rahmengesetz zum Schutz der Frauen. Für die erst seit November regierende Koalition von Islamisten, Konservativen und Post-Sozialisten ist der Fall Filali zum Stresstest geworden.

Die Gesellschaft ist zwischen Tradition und Moderne gespalten

Das vergangene Jahr war ohnehin schon ereignisreich für die marokkanische Politik. Nachdem Anfang des Jahres Studenten und Arbeitslose auf die Straßen gingen und auch für die Monarchie der Alawiden  einen "Arabischen Frühling" forderten , versprach König Mohammed VI eine grundsätzliche Verfassungsreform .

Vier Monate später wurde die Reform planmäßig von einer Volksabstimmung ratifiziert: Der König trat damit einen Teil seiner Macht dem Regierungschef ab und ebnete den Weg für den ersten Verfassungsgerichtshof in Marokko . Außerdem wurde zum ersten Mal in der Verfassung die Gleichberechtigung von Männern und Frauen festgelegt.

In der folgenden Parlamentswahl im November 2011 behauptete sich die islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) von Abdel-lah Benkiran als erste politische Kraft des Landes. Die PJD schloss einen Koalitionsvertrag mit der nationalkonservativen Istiqlal und zwei kleineren postkommunistischen Gruppierungen. Nach einer Umfrage der Wochenzeitung Actuel genießt die Koalition eine beispiellose Zustimmung in der Bevölkerung von 82 Prozent.

Auf den Fall Filali reagierte die Regierung jedoch alles andere als einstimmig. Während sich der Kommunikationsminister Mustapha el-Khalfi schnell für eine Debatte über eine grundlegende Reform des Familienrechts einsetzte, wollte die einzige Frau in Benkirans Kabinett, die Familienministerin Bassima Hakkaoui, der Wut der Demonstranten nicht nachgeben. "Der Gesetzesartikel 475 wird nicht von heute auf morgen unter dem Druck einer Protestbewegung abgeschafft", sagte sie in einem Interview. "Denn nicht immer ist eine Ehe, die aus einer Vergewaltigung stammt, schlecht." Der Justizminister Mustafa Ramid ging noch weiter. Er leugnete die Vergewaltigung und unterstellte Amina eine freiwillige sexuelle Beziehung mit dem Täter.

  ZehnProzent aller Ehen sind Zwangsehen

"Aminas Fall hat die marokkanische Gesellschaft auf ein verdrängtes Problem aufmerksam gemacht", sagt Fouzia Assouli, Koordinatorin des Demokratischen Bundes für die Rechte der Frauen. "Seit fast 20 Jahren fordern wir von der Regierung ein Rahmengesetz für den Schutz der Frauen. 2004 setzte sich der König für ein neues Familiengesetz ein. Aber von den Reformen spüren die Menschen noch nichts. Die Zahl der Zwangsehen von Minderjährigen hat sogar zugenommen: 2009 waren zehn Prozent aller Ehen Zwangsehen."

Das Land scheint sich nicht im Gleichschritt zu modernisieren. Während die Regierung von einem Land träumt, das auf Augenhöhe mit den europäischen Partnern über Investitionen und Wachstumspläne verhandeln kann, ist die Gesellschaft noch zwischen Tradition und Modernität  gespalten.

Auch Benkirans Ankündigung, die zwei Hauptfeinde der sozialen Entwicklung – Korruption und Arbeitslosigkeit – anzupacken, blieb vorerst nur ein Versprechen auf Papier. Während um die Großstädte herum, die grünen Wohnviertel der neuen marokkanischen Bourgeoisie anwachsen, versinken die Dörfer des Umlandes im Staub und werden vergessen.

Königshaus und Regierung prallen aufeinander

"Wir haben zur Zeit in Marokko eine liberale Demokratie, die sich auf die religiösen Werte des Islam stützt", erklärt der Politologe Youssef Belal, Autor des Buches Der Scheich und der Kalif: Soziologie des politischen Islam in Marokko . "Seit dem Ende der so genannten bleiernen Jahre unter König Hassan II versucht das Königshaus ein demokratisches System im Einklang mit dem Islam aufzubauen." Belal ist der Überzeugung, die marokkanische Demokratie beziehe ihre Stärke aus der Beziehung zwischen der Da'wah, der religiösen Doktrin und dem starken Wunsch nach Reformen.

"Das Problem", sagt Belal, "ist jedoch, dass zum ersten Mal in unserer Geschichte das Königshaus und die Regierung aufeinanderprallen. Es ist ein kalter Krieg." Die PJD wünscht sich nämlich eine Monarchie nach englischem Muster, was für Mohammed VI unvorstellbar ist.

Der König tritt also für Reformen ein, um die Protestbewegung nicht zu stark werden zu lassen und gleichzeitig die eigene Macht zu untermauern. Die PJD hingegen strebt einen Reformprozess an, der eine starke Basis in der islamischen und national-marokkanischen Tradition  hat. "Deshalb", erklärt Belal, "will sie ihre Entscheidungen nicht überstürzen. Die Reform des Familiengesetzes – inklusive der Abschaffung des Artikels 475 – braucht Zeit und einen passenden politischen Kontext. Weder die Protestbewegung noch die internationale Gemeinschaft können diesen Prozess beschleunigen."