MarokkoDer Selbstmord von Amina Filali erschüttert Marokko

Die 16-jährige Amina wurde mit ihrem Vergewaltiger verheiratet. Nun ist sie zum Symbol einer Protestbewegung geworden. Die islamische Regierung gerät unter Druck.

Proteste nach dem Selbstmord von Amina in Rabat

Proteste nach dem Selbstmord von Amina in Rabat

An einem Sommertag im Jahr 2011 ging Amina Filali in der marokkanischen Kleinstadt Larache wie jeden Tag von der Schule nach Hause. Wie sie später sagte, näherte sich ihr ein Mann, zog ein Messer und zwang sie, ihm zu folgen. Ein Nachbar der Familie Filali beobachtete die Szene und benachrichtigte die Eltern.

Die Mutter fand ihre Tochter schließlich in einer Wohnung in einem Nachbarort, wie sie später der Wochenzeitung Maroc Hebdo erzählte. Amina stand unter Schock. Der Mann hatte sie entführt und vergewaltigt.

Anzeige

Der Vater stellte eine Strafanzeige gegen den Täter bei der Gendarmerie Royale. Der 26jährige Mann wurde gleich gefasst und die zwei Parteien trafen sich vor Gericht. Aminas Vater erzählte der marokkanischen Presse, dass er dort mit einer unerwarteten Bitte des Staatsanwalts konfrontiert wurde: Er solle nach Hause gehen und ein wenig nachdenken, "um einen Kompromiss zu finden".

Die Vergewaltigte hat ihre Ehre verloren

Auch Aminas Mutter machte sich Sorgen, was passieren würde, wenn die Geschichte öffentlich werden sollte. Aminas Ehre wäre dann verloren: Sie hätte keine Chance gehabt, jemals einen anständigen Mann zu finden. Die Lösung stand in Artikel 475 des marokkanischen Gesetzbuches von 1963: Ein Mann, der wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt ist, kann seine Tat wieder gutmachen, indem er sein Opfer heiratet.

Amina wollte ihren Peiniger nicht heiraten, wurde aber nicht nach ihrer Meinung gefragt. Der Vater einigte sich mit der Familie des Täters und das Mädchen wurde gezwungen, die Ehe einzugehen.

In der neuen Familie wurde Amina als Schande empfunden. Sie wurde erniedrigt und geschlagen. Acht Monate stand sie das durch, bis sie ihren Ehemann bat, sie zu ihrer Mutter in Larache zu begleiten. Auf dem Weg dorthin schluckte Amina Rattengift und starb wenige Stunden später im Krankenhaus. Sie war sechzehn Jahre alt.

Aminas Tod am 15. März 2012 hat die marokkanische Gesellschaft schockiert. Nur wenige Stunden danach wurden Demonstrationen und Sit-ins organisiert. In Marrakesch, Rabat und Casablanca wurde das Foto des jungen Mädchens zur Ikone der Frauenrechtsbewegung.

Die Demonstranten fordern von der Regierung die Abschaffung des umstrittenen Artikels 475 und ein umfangreiches Rahmengesetz zum Schutz der Frauen. Für die erst seit November regierende Koalition von Islamisten, Konservativen und Post-Sozialisten ist der Fall Filali zum Stresstest geworden.

Leser-Kommentare
  1. "... hätte keine Chance gehabt, jemals einen anständigen Mann zu finden ..."

    Der Begriff "anständig" ist in diesem Kontext dann aber extem diskussionsbedürftig.

    32 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... und weil sie keinen "anständigen Mann" mehr finden wird, verheiratet MANN sie dann mit ihrem Schänder.
    Oh, was für eine Welt???
    Was geht in diesen Köpfen vor, die solche Gesetze erlassen?
    Gute Nacht.

    ... und weil sie keinen "anständigen Mann" mehr finden wird, verheiratet MANN sie dann mit ihrem Schänder.
    Oh, was für eine Welt???
    Was geht in diesen Köpfen vor, die solche Gesetze erlassen?
    Gute Nacht.

  2. "...wollte die einzige Frau (die Familienministerin!!)... nicht nachgeben..." denn: "Nicht immer ist eine Ehe nach einer Vergewaltigung schlecht." Und ein weiteres Regierungsmitglied behauptet, das Mädchen habe dem Sex "freiwillig" zugestimmt.
    Was ist da noch zu sagen? Kann denn nicht einmal der Selbstmord dieses jungen Mädchens diese Herzen umstimmen?
    Allein der Ausspruch,nicht immer sei eine Ehe nach einer Vergewaltigung schlecht, zeigt doch, dass für die Urheberin dieses Satzes - die mit dieser Meinung sicherlich nicht allein dasteht - Vergewaltigung nur eine Art "Kavaliersdelikt" ist. Frauen, stellen Sie sich das einmal vor: Als Eheanbahnung lauert Ihnen Ihr späterer Mann auf dem Heimweg auf, bedroht Sie mit dem Messer, verschleppt und vergewaltigt Sie. Und Ihr Umfeld sagt Ihnen, Sie seien schuld und könnten die Schande nur reinwaschen, indem Sie Ihren Peiniger heiraten. Und dann heißt es auch noch: Nicht alle Ehen seien schlecht, die mit einer Vergewaltigung begönnen... Was ist eigentlich, nach diesem Verständnis, eine "gute" Ehe? Was verstehen diese Leute unter einer "guten" Ehe? Wie wird sich ein solcher Mann wohl als Ehemann und als Familienvater verhalten???

    31 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Anscheinend reden wir ja hier auch nicht von Einzelfällen. Und das ist das erschreckendste.

    Und wie oft kommt es in umserem ach so aufgeklärtem Land vor das vergewaltigten Frauen/Mädchen unterstellt wird, sie wollten es ja so?
    Weil sie kurze Röcke tragen, ausgeschnittene Kleider/Blusen, High Heels und geschminkt sind.
    Das Frauen häufig (oder grundsätzlich?) unterstellt wied sie wollten es so, oder sie hätten sich ja nicht gewehrt.
    Nur wenn das Vergewaltigungsopfer umgebracht wurde- dann, ja dann reden alle von Verbrechen und Schweinen die man erschlagen, an die Wand stellen muß etc.

    Ganz kurzes Gedächnis? -Gerade passiert : dem 17järigen Jungen der angeblich das kleine Mädchen ermordet hat.

    Also wie schrieb ein Teilnehmer sinngemäß?
    Nicht so überheblich und auch an die eigene Nase fassen.
    Wir haben auch Jahrhunderte gebraucht um soweit zu kommen wie wir jetzt sind. Und es ist immer noch nicht gut.

    P.S. Natürlich habe ich bei solchen Berichten auch einen gaaaaanz dicken Hals und null Verständnis.

    • oh.stv
    • 05.04.2012 um 16:52 Uhr

    ... genau das hab ich mich auch gefragt. Irgendwann findet man einfach keine Entschuldigungen mehr für solches verhalten.

    Anscheinend reden wir ja hier auch nicht von Einzelfällen. Und das ist das erschreckendste.

    Und wie oft kommt es in umserem ach so aufgeklärtem Land vor das vergewaltigten Frauen/Mädchen unterstellt wird, sie wollten es ja so?
    Weil sie kurze Röcke tragen, ausgeschnittene Kleider/Blusen, High Heels und geschminkt sind.
    Das Frauen häufig (oder grundsätzlich?) unterstellt wied sie wollten es so, oder sie hätten sich ja nicht gewehrt.
    Nur wenn das Vergewaltigungsopfer umgebracht wurde- dann, ja dann reden alle von Verbrechen und Schweinen die man erschlagen, an die Wand stellen muß etc.

    Ganz kurzes Gedächnis? -Gerade passiert : dem 17järigen Jungen der angeblich das kleine Mädchen ermordet hat.

    Also wie schrieb ein Teilnehmer sinngemäß?
    Nicht so überheblich und auch an die eigene Nase fassen.
    Wir haben auch Jahrhunderte gebraucht um soweit zu kommen wie wir jetzt sind. Und es ist immer noch nicht gut.

    P.S. Natürlich habe ich bei solchen Berichten auch einen gaaaaanz dicken Hals und null Verständnis.

    • oh.stv
    • 05.04.2012 um 16:52 Uhr

    ... genau das hab ich mich auch gefragt. Irgendwann findet man einfach keine Entschuldigungen mehr für solches verhalten.

  3. Wenn man dies liest vergisst man leicht, dass auch in Marokko das Jahr 2012 heisst. Aber der islamische Kalender 1433 sagt vielleicht doch im Vergleich etwas aus.

    26 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Zack34
    • 05.04.2012 um 18:22 Uhr

    Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man sich zum richtigen Anlass mit schlichter Argumentation (Differenz bei der Zeitrechnung) ein paar Löcher in die eigenen Füße schießen kann.

    Nur mal so nebenbei: ohne die Mauren sowie die arabischen Philosophen, Mathematiker und Astronomen... wäre die Entwicklung Europas auch "etwas" anders verlaufen.

    Wenn man dies liest vergisst man leicht, dass auch in Marokko das Jahr 2012 heisst. Aber der islamische Kalender 1433 sagt vielleicht doch im Vergleich etwas aus.

    ...dass eine Religion 2000 Jahre brauchen muss, ehe sie liberaldemokratischen und humanistischen Ansprüchen genügt? Der Mainstream-Islam war mal weiter, als er es heute ist.

    • Zack34
    • 05.04.2012 um 18:22 Uhr

    Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man sich zum richtigen Anlass mit schlichter Argumentation (Differenz bei der Zeitrechnung) ein paar Löcher in die eigenen Füße schießen kann.

    Nur mal so nebenbei: ohne die Mauren sowie die arabischen Philosophen, Mathematiker und Astronomen... wäre die Entwicklung Europas auch "etwas" anders verlaufen.

    Wenn man dies liest vergisst man leicht, dass auch in Marokko das Jahr 2012 heisst. Aber der islamische Kalender 1433 sagt vielleicht doch im Vergleich etwas aus.

    ...dass eine Religion 2000 Jahre brauchen muss, ehe sie liberaldemokratischen und humanistischen Ansprüchen genügt? Der Mainstream-Islam war mal weiter, als er es heute ist.

  4. In einer Zeit, in der Informationen frei fließen, auch Marokko an des Internet angeschlossen ist und Satellitenfernsehen zur Verfügung hat, die Führungsschicht auf europäischen und amerikansicehn Hochschulen ausgebildet wurde, kann die Ausrede eine Entwicklungsrückstandes nicht gelten. Es handelt sich hier nicht um unverschuldete Rückständigkeit, sondern um bösen Willen.

    Marokko hat die UN-Menschenrechtkonvention unterzeichnet. Der im Artikel gennannte abgrundtief perverse Artikel 475 des marokkanischen Gesetzes kann mit solchen Argumenten nicht entschuldigt werden.

    20 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Steinzeit"
  5. Nach dem Verstreichen von noch mehr 'Zeit', bei eventuell auftretendem 'passendem politischem Kontext', nach Ende aller Revolution werden dann, wenn's gerade mal paßt und den Jungs langweilig ist, auch die marokkanischen Frauen befreit?

    Man faßt sich wirklich an den Kopf! Es wird ein Mädchen vergewaltigt, ihre Abscheu vor ihrem Peiniger ignoriert, sie wird von ihren Eltern gesetzes-konform und unter Verschiebung von Schuld und Schande vom Täter zum Opfer mit ihrem Peiniger verheiratet. Der sie also staatlich-familiär legitimiert weiter vergewaltigen darf und dessen Familie sie unter Verschiebung von Schuld und Schande verachtet und quält, bis ihr der Freitod mit 16 Jahren als besserer Ausweg erscheint als ihr Leben.

    Amina Filali hatte nicht nur ein über alle Maßen trauriges Schicksal, sondern es macht mich auch genau so zornig.

    Das ist ein vom marokkanischen Staat ausgestelltes Freifahrtbillet für A*schl*cher. In diesem Kontext von 'braucht Zeit' und 'passendem politischem Kontext' zu salbadern, ist nicht zu fassen. Es wird ohnehin viel Zeit vergehen, bis eine dem 21. Jhdt entsprechende Gesetzgebung im Bewußtsein angekommen, in die Praxis umgesetzt und die Ehre nicht mehr zwischen die Beine der Frauen delegierbar sein wird.

    Ich hoffe wirklich inständig, daß die marokkanischen Frauen sich nicht von der vorgetragenen Ignoranz, Arroganz und Bigotterie beeindrucken und von ihren berechtigten Forderungen abbringen lassen. Godspeed, Ladies!

    19 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Schwärmen Sie von so etwas wie "überpositives Recht"?

    Dazu fragen Sie mal Juristen...

    Es gibt das nicht. Und wenn man wirklich daran glauben will, dann wird sogar das in anderen Rechts- und Kulturkreisen anders betrachtet werden als in unserem.

    Die Abscheu allseitig teile ich lebhaft, außerdem finde auch ich es als begeisterlich, dass sich immerhin Protest regt. Aber Sie drücken denen trotzdem nicht Ihr Rechts- und Moralverständnis aufs Auge, Sie nicht, ich nicht und wir alle nicht.

    Sondern das ist eine Veränderung, die braucht eben Zeit, und es kann noch viel Zeit sein, die es braucht.

    Schauen Sie China, ich komm gerade nicht drauf, welcher Würdenträger das offiziell als Würdenträger in einem Interview abgesondert hatte, sinngemäß: "Ein Volk dieser Größe zu regieren ist ganz ohne Menschenrechtsverletzungen nicht machbar".

    Da können wir jetzt alle mal eine Runde vor Wut schäumen. Und?

    Nein, es gibt kein überpositives Recht. Das bietet nicht einmal, oder vielleicht eben gerade nicht, eine Religion.

    Schwärmen Sie von so etwas wie "überpositives Recht"?

    Dazu fragen Sie mal Juristen...

    Es gibt das nicht. Und wenn man wirklich daran glauben will, dann wird sogar das in anderen Rechts- und Kulturkreisen anders betrachtet werden als in unserem.

    Die Abscheu allseitig teile ich lebhaft, außerdem finde auch ich es als begeisterlich, dass sich immerhin Protest regt. Aber Sie drücken denen trotzdem nicht Ihr Rechts- und Moralverständnis aufs Auge, Sie nicht, ich nicht und wir alle nicht.

    Sondern das ist eine Veränderung, die braucht eben Zeit, und es kann noch viel Zeit sein, die es braucht.

    Schauen Sie China, ich komm gerade nicht drauf, welcher Würdenträger das offiziell als Würdenträger in einem Interview abgesondert hatte, sinngemäß: "Ein Volk dieser Größe zu regieren ist ganz ohne Menschenrechtsverletzungen nicht machbar".

    Da können wir jetzt alle mal eine Runde vor Wut schäumen. Und?

    Nein, es gibt kein überpositives Recht. Das bietet nicht einmal, oder vielleicht eben gerade nicht, eine Religion.

  6. "Ein Mann, der wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt ist, kann seine Tat wieder gutmachen, indem er sein Opfer heiratet."

    Soweit das Strafgesetzbuch Marokkos.

    Wenn es nun schon so ist, dass die marokkanische Gesellschaft es einer mißbrauchten Frau schwer oder gar unmöglich macht, ein nomales Leben zu führen oder gar einen "anständigen" Ehemann zu finden, dann könnte der Täter seine Tat auch dadurch wiedergutmachen, indem er dauerhaft den Lebensunterhalt seines Opfers finanziert (ohne es zu heiraten, versteht sich, da bekommt er ja den "Nießbrauch" zusätzlich geschenkt).

    Übrigens, anständiger Ehemann: wie "anständig" kann ein Vergewaltiger eigentlich sein, ganz egal, in was für einer Gesellschaft er lebt?

    Wer sollte so jemanden heiraten wollen?

    Wie anständig ist eine Familie, die das Opfer eines ihrer eigenen Mitglieder als "Schande" empfindet?

    Wer macht hier eigentlich wem Schande: der, der ein Verbrechen verübt hat oder der, an dem es verübt wurde?

    ...

    Oder hat man schon einmal gehört, dass ein Bestohlener dem Dieb noch den Rest seines Eigentums aushändigen muss und dieser sich über die "Schande" beklagt, es annehmen zu müssen?

    Hört sich absurd an?

    Ist es auch ...

    17 Leser-Empfehlungen
  7. [...]

    Der ganze "arabische Frühling", der ja hierzulande wie eine riesengroße Befreiung gefeiert wurde, hat leider lediglich dazu geführt, dass nahezu überall religiöse Fanatiker an die Macht gekommen sind.

    Gekürzt. Verzichten Sie auf polemische und diffamierende Äußerungen. Die Redaktion/mak

    14 Leser-Empfehlungen
  8. "Die Gesellschaft ist zwischen Tradition und Moderne gespalten"

    Dass Sie die Unterdrückung und Erniedrigung, die hier vorgeht, mit dem Begriff "Tradition" verniedlichen, ist m.E. völlig unerträglich.

    14 Leser-Empfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service