Die NPD im Jahr 2012 ist eigentlich ein ziemlich desillusionierter Trupp: Die Kassen sind leer, der Partei droht nach der Aufdeckung der NSU ein neues Verbotsverfahren. Der Vorsitzende Holger Apfel trimmt die Partei auf bürgerlich – wohl um die Angriffsfläche vor dem Bundesverfassungsgericht zu verkleinern. Für die deutschen Neonazis heißt es zurzeit stillhalten und auf bessere Zeiten warten.

Das aber ist nicht die NPD von Udo Pastörs . Im kleinen Schweriner Landtagsbüro des mecklenburgischen Fraktionschefs gibt es unbeirrt radikale Ansagen. Gleich an der Tür grüßt den Besucher die schwarz-weiß-rote Fahne des Kaiserreichs, auf dem ansonsten penibel aufgeräumten Schreibtisch liegt das Buch Culture of Critics von Kevin MacDonald, einem Kultautor in antisemitischen Kreisen. Pastörs selbst trägt wieder mal Trachtenanzug.

Er schätze MacDonalds "Thesen über Minderheiten", sagt Pastörs mit belesener Miene. In dem halbstündigen Gespräch, das nun folgt, versucht er – unbeirrt, aber nicht immer trittsicher – Philosophen und Staatsmänner wie "Carl oder Carlo Schmitt" zu Zeugen seiner Argumentation zu machen.

Sie ist offen rassistisch. Wo andere in seiner Partei nur noch kriminelle Ausländer aus dem Land werfen wollen, spricht er pauschal von "Negern" und anderen Ausländern, deren Verhaltensmuster Deutschland schadeten. In einer Rede 2009 nannte er türkische Männer einmal "Samenkanonen". Es folgte eine Verurteilung wegen Volksverhetzung .

Pastörs war früher Bundeswehroffizier, bis vor Kurzem handelte er mit Schmuck und Uhren. Beide Seiten – Verkäufer und Befehlshaber – treten im Gespräch mit ihm an die Oberfläche. Die meiste Zeit monologisiert er jovial im rheinischen Singsang. Unterbricht man ihn aber, wird er ungehalten. Dann schimpft er über "Suggestivfragen der Systempresse".

Das System – es ist die wichtigste Zielscheibe seiner Tiraden. "Volksverarsche", nennt er die parlamentarische Demokratie. Die veröffentlichte Meinung: "Gesinnungsterror". Was er denn am System ändern würde, wenn er könnte? Pastörs hält kurz inne und murmelt dann "Föderalismus abschaffen". Zentralistisch und stark müsse der Staat sein. Als mögliche Vorbilder fallen ihm Singapur und – mit Abstrichen – einige lateinamerikanische Militärdiktaturen ein.

Ein anderes historisches Vorbild indes deutet er nur an, das dafür permanent. Ohne die geistigen Urväter explizit zu erwähnen, greifen Pastörs und seine Parteifreunde gern die Sprache des Nationalsozialismus auf, mit Vorliebe im Landtag: Deutsche Gelder sollen aus Brüssel "heimgeholt" werden, die Bundesrepublik bezeichnen sie als "Konstrukt der Siegermächte". Wie einst die NSDAP entwickelte auch die mecklenburgische NPD ein Wahlprogramm mit 25 Kapiteln. Politiker anderer Parteien und Journalisten diffamiert man NS-konform als "Systemlinge".

Pastörs‘ Landtagsfraktion tritt ungeschminkt radikal und provokant auf. Im Plenum bildet die NPD einen uniformen Block, der sich schon optisch klar von den anderen Fraktionen abgrenzt. In der Stuhlreihe rechtsaußen sitzen hintereinander fünf Männer in dunklen Jacken. Fast alle tragen das Haar kurz oder streng gescheitelt. Ein Referent mit Hitler-Bärtchen versorgt sie mit Dokumenten.

202 Ordnungsrufe, 34 Wortentzüge

Inhaltlich fallen die Abgeordneten vornehmlich durch Pöbeleien und Zwischenrufe auf. In der ersten Legislaturperiode, die im Herbst 2011 endete, sammelte allein Pastörs 202 Ordnungsrufe, 34 Mal wurde ihm das Rederecht entzogen. Auch in den Ausschüssen beteiligt sich die NPD nicht mit Sacharbeit, sondern allenfalls destruktiv. "Da schaut ja keiner zu", kommentiert Peter Ritter von der Linkspartei. 

Der Unterschied zur NPD-Fraktion im sächsischen Parlament, die sich dort um einen halbwegs seriösen Auftritt bemüht, ist kein Zufall. Pastörs kritisiert den "Anpassungskurs" des Bundesparteichefs Holger Apfel in Dresden. Er wolle seiner Klientel treu bleiben. Mit dem Ansatz der Dresdener Fraktion, die mit Zeitschriften und einem Bildungszentrum auch um Studenten, Intellektuelle und Rechtskonservative wirbt, kann er nichts anfangen. Publikationen gebe seine Partei nur für den internen Gebrauch heraus. Sogenannte Systempresse und Öffentlichkeit will er gar nicht erst erreichen.