Demonstration vor dem Büro der italienischen Steuerbehörde in Neapel, 11. Mai 2012 © CARLO HERMANN/AFP/GettyImages

Es sind fast ausschließlich Männer, deren Gesichter einem aus den Berichten italienischer Lokalzeitungen entgegenblicken. Der Jüngste war nicht mal dreißig Jahre alt, der Älteste über Siebzig. Männer, die Selbstmord begangen haben, zum Großteil Unternehmer, die sich im Verlauf der Wirtschaftskrise verschuldeten. Seit Anfang des Jahres haben sich in Italien laut Medienberichten fast vierzig Menschen wegen der steigenden wirtschaftlichen Unsicherheit das Leben genommen. "Der stille Massenmord", nennt es die italienische Presse.

Die geschilderten Geschichten sind sehr unterschiedlich. Es gibt den Bauunternehmer, der wegen des dramatischen Auftragsmangels die eigenen Söhne entlassen musste. Den Kleinhändler, der nicht damit klar kam, dass seine Frau als Putzfrau arbeiten ging, um die Geschäftsschulden auszugleichen. Oder den Modehändler, dem die Bank einen Kredit im Wert von 1.300 Euro verweigerte. Die meisten Fälle weisen Ähnlichkeiten auf. In den Abschiedsbriefen – sofern welche hinterlassen wurden – ist oft die Rede von Angst. Angst vor der Insolvenz, vor den Gläubigern, vor der Zukunft und vor allem die Angst, Freunde und Familie enttäuscht zu haben.

"Wir haben es sehr oft mit vollkommen irrationalen Angstgefühlen zu tun", erklärt der Unternehmens- und Kommunikationspsychologe Sergio Dalla Val. Seit ungefähr einem Monat leitet er in Bologna ein Beratungszentrum für Unternehmer in der Krise; Initiativen dieser Art wurden zuletzt in zahlreichen Regionen Italiens gestartet. "Viele Unternehmer, die zu uns kommen, sind fest davon überzeugt, dass sie wegen Insolvenz bald verhaftet würden. Das ist Unsinn, aber die Schuldgefühle, die sie wegen ihrer wirtschaftlichen Probleme entwickelt haben, treiben sie langsam in den Wahnsinn. Man darf dabei nicht vergessen, dass es nie einen einzelnen Grund für einen Selbstmord gibt. Oft treffen wirtschaftliche Probleme auf bestehende psychische Erkrankungen und andere Lebensschwierigkeiten."

Angst vor Nachahmungseffekten

Das Gefühl, dass sich die Nation in einer Notsituation befindet, wird in den Medien mit den Meldungen über die Selbstmorde kräftig geschürt. "Die Medien machen aus der Wirtschaftskrise ein Spektakel", sagt Mediensoziologe Mario Morcellini, "das Risiko, dadurch einen Nachahmungseffekt auszulösen, ist sehr hoch." Auch Massimo Mazzucchelli, ein Unternehmer aus Varese, warnt: "Viele, die sich in derselben Situation befinden, werden dadurch auf einen einfachen, aber völlig falschen Weg auf ihre Probleme aufmerksam gemacht." Schaut man sich die Schlagzeilen an, scheint die Zahl der "Wirtschaftsselbstmorde" seit Beginn der Medienkampagne im April deutlich gestiegen zu sein. Zwischen April und Mai wurden fast täglich neue Fälle gemeldet.

Mazzucchelli gehört zum Netzwerk Unternehmer für den Widerstand. Lange bevor die Medien das Problem thematisierten, schlugen er und seine Kollegen Alarm. "Seit 2009 versuchen wir die Institutionen auf die dramatische Lage, in der sich viele kleine Unternehmen befinden, aufmerksam zu machen. Jahrelang leugnete die Berlusconi-Regierung die Tatsache, dass sich das Land in einer schlimmen Krise befindet. Schon 2009 hat unsere Organisation gemeldet, dass die Selbstmordrate unter den Unternehmern rasant ansteigt. Damals hat uns keiner zugehört."

Mazzucchellis Behauptungen wurden vor Kurzem in einer Studie des Demoskopie-Institutes Eures bestätigt. Zwischen 2007 und 2009 ist die Zahl der Selbsttötungen, die von den Eures-Experten auf ökonomische Gründe zurückgeführt werden, um 67,8 Prozent gestiegen.